“Wir sind alle schwul” ?
20. Juli 2008Wie der heterosexuelle Umgang mit der Homosexualität die “ehemalige” Diskriminierung durch sprachliche Gestaltung weiterführt.Es wäre interessant, durch die Jahrzehnte hindurch “Thema-Nummern” der verschiedensten Magazine, über Homosexualität, sprachlich zu vergleichen. Es gab sie ja immer wieder - die Tabubrüche in den Medien. (Unser Literaturlehrer hat sich noch schwer aufgeregt über Walter Mathias Diggelmann, der mit seinen Büchern “Tabus knackte”. Das kratzte schwer an der Qualität von dessen Literatur.) Und trotz aller Tabuknackerei schaffen es die Mainstream-Medien nicht, sprachlich und thematisch durchgängig “am Thema” zu bleiben. So erhalten wir periodisch eben eine Tabu- , ähm Thema-Nummer überreicht. Nichts eignet sich dazu besser als ein Sommerloch…
Doch beginnen wir “das Thema von hinten” einfach mal von vorne - bei der Titelseite!
Die Formulierung “wir sind alle schwul” hat bemerkenswerterweise kein Ausrufezeichen. Sie steht einfach da - soll provozieren. Auch kein “ernsthaftes” Fragezeichen, welches auf eine Diskussion schliessen lassen könnte.
Der Untertitel ist süffig: “Die unaufhaltsame Homosexualisierung unserer Gesellschaft”. Provoziert auch, aber verortet schon die vermuteten Täter an den richtigen Ort: Wer könnte denn die Heteros “homosexualisieren”? Natürlich die Homos. Die Front, die oben sprachlich eingeebnet wurde, wird mit dem Untertitel gleich wieder eröffnet. Wenn aber “wir alle schwul” wären, würde die Gesellschaft nicht “homosexualisiert”, sondern “entheterosexualisiert”, was einer Ent-Tabuisierung eher entsprechen würde und was viel mehr Raum eröffnen würde.
Durch die verwendete Formulierung wird aber “die Gefahr einer Homosexualisierung” heraufbeschworen, und alle Heteros tragen dafür keine Verantwortung. Sie werden quasi “missbraucht”.
Würde durch die “Ent-Heterosexualisierung” die Gesellschaft vom “Heterror” befreit, müssten die Verantwortlichen benannt und die Konsequenzen gezogen werden. Diese Homosexualisierung ist aber nur ein Austauschwort für den früher verwendeten Begriff des “Propagierens von Homosexualität”, wie er bis in die 70er Jahre allgemein verwendet wurde. Nachdem die Wissenschaften aber geklärt haben, dass Menschen nicht “zur Homosexualität” verführt werden können, weil es sich um eine “Lebensperspektive” oder eben um eine “sexuelle Orientierung” handelt, musste diese “Propagierung” aufgegeben werden.
Diese “Homosexualisierung” aber ist noch viel militanter als die ehemals verwendete Bezeichnung. Einer Propaganda konnte mann/frau noch Gesetze und Gegenpropaganda entgegenstellen. Was aber stellen die Heteros einer “Homosexualisierung” entgegen? Die “Unaufhaltsamkeit” unterstreicht noch zusätzlich eine Zwangslage.*
Würde mit dem Begriff der “Ent-Heterosexualisierung” argumentiert, könnten wir annehmen, unter dieser komme dann die verschüttete Homosexualität hervor, zu der wir theoretisch alle fähig sind. Und die praktisch die Mehrheit der Heteros in ihrem Leben auch irgendwann geniesst. Statt des Feindes von aussen, würde der “schwule Freund” von innen sichtbar! Dazu passt, dass ich nach 30 Jahren coming out in der Telearena nach und nach erfahren habe, dass zwei Schwestern meiner Mutter Töchter haben, die nach “guter Ehe” nun mit Frauen zusammenleben. Auch hat die Tochter eines Bruders meines Vaters einen homosexuellen Sohn, der mit 30 endlich sein coming out wagte. Und genau dieser Onkel (mit den Härchen auf den Fingern seiner Hände) hat mich schon als Junge der “Unmännlichkeit” bezichtigt…
Sie waren alle nie in unserer Familie “homosexualisiert” worden, sondern “heterosexualisiert”. Die “Ent-Heterosexualisierung” mussten wir aber alle selber schaffen.
Nach wie vor glauben die meisten Heteros noch immer nicht, dass sie es selber sind, die “Homosexualität erschaffen”. Entweder indem sie homosexuelle Nachkommen zeugen und zur Welt bringen, oder indem sie neben ihrer heterosexuellen Fassade auch die Freuden der Homosexualität geniessen - auf vielfältige Art und in jedem Lebensalter…
“Wir lieben hetero und leben schwul” fasst “Magazin-Autor” Georg Diez seine Eindrücke von der Schwulen-Insel Mykonos zusammen. (aus dem Editorial) Das passt zu den vielen Aeusserungen von Heteros, die “sich küssende Männer nicht ausstehen können”. Küsse sind der Liebe vorbehalten und gehören damit in den heterosexuellen Bereich mit den Frauen. (Und den heterophantasierten Lesben!)
Sex zwischen Männern gehört in einen davon abgetrennten Bereich, wie der Besuch einer Prostituierten. Bürgerlich halt. So bleibt die bewährte Heterror-Ordnung bestehen. Und somit ist die “Homosexualisierung” eigentlich nur eine Unterminierung der Heterosexualität - aber niemals eine “Ent-Heterosexualisierung” der Kultur des Abendlandes, oder der monotheistischen Religionen. Peter Thommen, Schwulenaktivist, Basel
Nachtrag
*) “Homosexualisierung” gibt ein falsches Signal, dass die homosexuellen Exponenten in Mode und Styling die Gesellschaft zugunsten von “uns” beeinflussen könnten. Das Konsum-Verhalten schon, aber nicht die grundsätzliche Einstellung von Heterosexuellen “uns” gegenüber. Die historische Parallele bei den jüdischen Exponenten drängt sich hier auf! Solange gesellschaftliche Institutionen nicht von sich aus gegen Schwulenhass vorgehen, kann von “Homosexualisierung” eh keine Rede sein! (siehe Reggae-Sänger)