Zivilstand und queere Biologie

Im Oktober 2016 hat der damalige „L.J. (30)“ erklärt, die Öffnung der Ehe würde kein coming out mehr erfordern, man sei einfach „verheiratet“ Punkt. Nach Einführung der eing. Partnerschaft beschwerten sich Frauen über den neuen Zivilstand auf der Steuererklärung. Dies sei ein „Zwangsouting“…

Heute höre ich im Tagesgespräch SRF wieder von einer Frau, dass die „Ehe für alle“ ein Grund sei, um dem „outing“ des sexuellen Begehrens in der eP zu entgehen. Als ‚alter schwuler Hase‘ ist mir nicht entgangen, dass vor allem frauenliebende Frauen immer von der Liebe reden, die „nur zählen“ würde…

Von der queer-community hören wir fast täglich, dass die ganze „Binarität unwesentlich“ sei – und gleichzeitig wird neuestens vorgegeben, Biologie in Wortergänzungen wie „cis“ wieder angeben zu sollen.

Es wird aber übersehen, dass alle Heterosexuellen seit Jahrhunderten mit dem Zivilstand „verheiratet“ ein coming out für ihr gesetzeskonformes Sexualleben machen. Das werden nun einfach „alle“ haben. Vielleicht redet dann keineR mehr von Zwang?!

Ich habe viele – vor allem Frauen – im Verdacht, sich hinter einer hetera Fassade verstecken zu wollen. Formulare und Verträge müssen mit Vor- und Nachnahmen ihrer PartnerInnen ausgefüllt werden. Ein „Zwangsouting“?

Im gesellschaftlichen Leben wird es zwangläufig zum coming out kommen. An Partys und Anlässen wird doch der andere Teil der Beziehung mitgenommen und gegebenenfalls vorgestellt? Die weibliche Front gegen das „outing“ empfinde ich als politisch untauglich und als Kniefall vor eigenen Wunschvorstellungen!

Die Politik der Schwulenbewegung war anders: Mann erwarb sich die Fähigkeit, zu seinem homosexuellen Verlangen zu stehen und es notfalls auch zu verteidigen. Gut, es gab und gibt immer Solche, die sich hinter Fassaden versteck(t)en. „Mutter Fröhlich“ forderte in Bern an Demos jeweils „Zuschauer am Rande und auf dem Troittoir“ auf, mitzukommen, denn „sie gehörten ja auch dazu“.

Frauenliebende Frauen bevölkerten nicht den öffentlichen Raum, wie Schwule die auf Männer aus sind. Sie wurden nicht von der Polizei kontrolliert und in „Homo-Registern“ erfasst. Sie werden auch – aber anders diskriminiert.

Der Park und die Toiletten sind nicht die Szene von frauenliebenden Frauen. Sie bleiben privat und durchstreifen nicht den öffentlichen Raum. Das mag bei queeren Partys und vor deren Lokalen anders geworden sein. Aber ich kann mich auch an eine Szene in einem Roman von Sarah Schulman (*1958) erinnern, worin sie Sex auf einer Frauentoilette schildert – in den USA.*

Die Ehe ist für TraditionalistINNen die Methode, Ordnung in die Gesellschaft zu bringen. Alle unter die Haube/das Kopftuch (den Schleier der Hochzeit) – und Ruhe ist! Nicht die Liebe zählte! Diese ist erst eine „Errungenschaft der Neuzeit.“

Die ursprüngliche Bezeichnung GLBTI ist nach und nach bis heute durch Buchstaben in einer anderen Reihenfolge ersetzt worden, schliesslich wurden alle in den Ausdruck „queer“ gepackt. Nun erscheint seit kurzem das Geschlecht wieder: „queer-feministisch“. Sorry Frauen, aber ich bin nun mal queer-schwulistisch! 😉

Peter Thommen_71, Schwulenaktivist, Basel

* übrigens: Rita Mae Brown schildert 1975 ihre Eindrücke, die sie undercover in einer US-Gaysauna hatte. (Schwule sich emanzipieren lernen, VrWinkel 1976, S. 69: Frauen und Schwule, siehe PDF auf arcados.ch > schwule Bücher vergriffen > Titel!)

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Einspruch: Plastikwörter* in der Queer-Kultur

Ich verstehe als „Plastikwort“ in diesem Zusammenhang eine dehnbare Form, in die hinein alles gelegt werden kann, was ‚von Wichtigkeit‘ ist. Darüberhinaus können nun auch weitere ‚Ergänzungen‘ angehängt werden.

Es ist bemerkenswert, dass nach der ‚Buchstabengemeinschaft‘, die in queer mehr und mehr enthalten war, plötzlich der Queer-Feminismus auftaucht! Die Buchstaben (in der Klammer von Queer) erfordern offenbar weitere, «wieder sichtbare» Ergänzungen!? 😉

Ich verstehe auch „outing“ und „homophob“ als quasi-Plastikwörter.

Mir ist aufgefallen, dass sie nicht nur „praktischer“/lieber verwendet werden. Sie lassen auch erkennen, dass die Sichtweise aufs coming out und auf Schwulenfeindlichkeit / Antihomosexualität langsam mit dem kürzeren Wort auf die „hetero/a Seite“ gewechselt hat.

Das coming out ist eine erst innerpsychische Leistung, die dann noch nach aussen, in die Gesellschaft mitgeteilt werden kann. Für die ist das dann – platsch – ein outing! Die bisher darin ausgedrückte zeit- und mühevolle Biografie wird aufgegeben und der kurzzeitigen Sicht auf der Seite der Gesellschaft Platz gegeben.

Homophobie ist ein Zustand/eine Situation, die nur in den wenigsten Fällen einer Konfrontation – für Heterosexuelle auftritt. Das Wort ist aber zum Verwenden in Diskursen praktisch. Alles sei letztlich ‚homophob‘. Auch hier passt sich die Kommunikation auf eine ‚Angst vor Homosexualität‘ an, die historisch immer vor Gericht als Ausrede für gewalttätiges antischwules Handeln vorgebracht wurde.

Bei der Gelegenheit muss ich anmerken, dass das griechische Wort Phobos auch „erschauern“ heissen kann, wie ich bei einer Recherche gesehen habe. 😉

Peter Thommen_71, Schwulenaktivist Basel

Siehe auch: Martin Dannecker: Der „gewöhnliche Homosexuelle“ an der Schwelle zum neuen Jahrtausend.  In: Bibliothek rosa Winkel Band 25: Die Geschichte der Homosexualitäten… Zum 175. Geburtstag von K.H. Ulrichs, VrW 2000, S. 176-195

* Der Begriff geht auf Uwe Pörksen: Plastikwörter. Die Sprache einer internationalen Diktatur. Stuttgart 1988 zurück. Bei ihm begann es mit Wörtern, die dem technisch-wissenschaftlichen Bereich entnommen werden. Freud verwendet auch solche Ausdrücke, wie „verlöten“.

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Schwul – neu definiert?

Warum soll ich mich als „queer, binär, weiss und cis“ bezeichnen? – Aber ich bin doch schwul und will das immer bleiben!*

Ich soll auch vor einer Diskussion mein „Pronomen“ angeben. Bevor ich meinen Mund auftue soll ich mich gegen alle Seiten „definieren“ und erklären: Als „antifaschistisch, antirassistisch und queerfeministisch“…

Ich gestehe jeder Person zu, sich selber zu „definieren“ und ihr „Pronomen zu wählen“. Also fordere ich alle Anderen auf, auch meine langjährige Schmalspurbezeichnung „schwul“ zu akzeptieren. Mit dem Wort queer habe ich mich auseinandergesetzt, es wird aufgefüllt mit Begriffen und Diversitäten wie früher die Wörter „Sodomie oder Ketzerei“. Gemäss W. Müller in der Siegessäule vom Oktober 2020 ist das Wort SCHWUL 1847 erstmals dokumentiert. Es bedeutete „Gauner mit einer Vorliebe für gewisse Unsittlichkeiten“. Passt doch!

Ein „Queerfeminismus“ grenzt sich neustens ab und geht eigene gedankliche Wege. Da bin ich nicht mehr enthalten. Soll ich nun einen „Queerschwulismus“ entwickeln? Es gibt bis heute noch unerforschte Gründe, warum die Frauenbewegung nie mit der Schwulenbewegung diskutiert hat.(1)

Ich lehne Faschismus begründet ab und konnte mit den „alten Griechen“, auf die jeweils Bezug genommen wurde, nie etwas anfangen. Die älteste Geschichte der Männerliebe verliert sich in heterosexuellen (binären) hierarchischen Zusammenhängen. Aber es gibt auch Männer und Schwule, die ihre Sexualität und ihre Emotionen im hierarchischen Muster leben und das sogar fetischisieren. Ob das k/einen Einfluss auf deren politische Einstellung hat, ist auch noch unerforscht.

Rassismus beginnt dort, wo Haut- und Haarfarben und „anderes Fremdes“ problematisiert und mit diesem Wort bezeichnet werden. Dies findet auch ausserhalb von „Weiss-Sein“ und innerhalb von Intersektionalität (2) statt. Sogar innerhalb von Gruppen und dazwischen gegenseitig! Sexualneid/Sexismus ist da oft zu finden – wie gegenüber Schwulen! Es sind keine Einbahnstrassen.

Wir sollten vorsichtig mit neuen Bezeichnungen und Begriffen sein (3) und wir sollten den alten historisch gedenken und sie nicht tot schweigen! („Eine Person zu einem Neger machen“, was bis heute überall vor kommt.) Schwule sollten auch dafür sorgen, dass ihre Selbstbezeichnung nicht die Bedeutung ändert. („sowas ist ja voll schwul“!)

LGBTIQ* Diese Anhäufung von Buchstaben erinnert mich an die Zeiten vor über hundert Jahren, als fremde Leute „vermessen“ (4) wurden und ihre Schädel und ihre Körper mit Zahlen beschrieben. KeineR hatte sie gefragt, wie sie sich fühlten. So, wie Sexisten auch nicht fragen, sondern einfach „mal zugreifen“…

Nicht nur Sexualität, Liebe und Arbeit verändern sich ständig und schneller. Auch Orientierungen, Identitäten, Fetische und Geschlechtsteile werden unterschiedlich benützt und eingesetzt. Nach dem Motto, ich betätige heute das, was ich gerade brauche – und morgen ist alles wieder anders… (Thommen, 2014)

Peter Thommen_70, Schwulenaktivist Basel

* Titel eines Buches von Michael Bochow über schwule Männer im dritten Lebensalter, Ed. Waldschlösschen, MSK-Verlag 2005, 370 S.

1) Beate Schappach beschreibt in einem Text, dass sich die neue Bewegung der gleichgeschlechtlich Liebenden bald in frauenliebende und männerliebende Gruppen und Diskussionen geteilt hat. („An Hand einzelner Gruppierungen wie der Homosexuellen Aktion Westberlin, die als Schwulen- und Lesbenorganisation gegründet worden war, sich jedoch schnell in die HAW und das LAZ (LesbenAktionsZentrum) aufsplittete, der Frauen-organisation Brot und Rosen und der Roten Zelle Schwul (ROTZSCHWUL) soll der Aushandlungsprozess innerhalb der Gruppierungen sowie das Verhandeln von Gruppenidentität und -inszenierung nach innen und außen nachgezeichnet werden.)

2) Bei „Wokeness“ geht es um Achtsamkeit gegenüber sozialer Ungerechtigkeit, dabei gilt: ‚je mehr Privilegien, desto weniger Recht mitzureden; je weniger Privilegien, desto mehr Recht.‘ Die Wokeness für Fortgeschrittene, die Intersektionalitäts-Theorie, ist noch etwas weniger lang diskursprägend. Sie handelt von Mehrfachdiskriminierung, transsexuelle Frauen aus dem Sudan und so. Ihretwegen wird es nun auch für weisse, heterosexuelle Frauen enger: Denn nur wer genug Opferpunkte sammelt, bleibt im Spiel. Dass man da nehmen muss, was man kann, braucht man einem weissen heterosexuellen Mann nicht zu sagen. (Christoph Zürcher im NZZaS-Magazin Nr. 42 /Okt.20)

3) „Statt um soziale Ungleichheit, Armutslöhne und niedrige Renten drehen sich linke Dabatten heute oft um Sprachsensibilitäten, Gendersternchen und Lifestyle-Fragen.“ (Sarah Wagenknecht im Interview mit der SoZ vom 25.10.2020, S. 14)

4) Das Wort hat auch noch eine andere Bedeutung (wie z.B. Schwindel): sich zu sehr auf die eigenen Kräfte oder auf das Glück verlassend“

Siehe auch meinen Beitrag über Edmund White’s Roman „A Boys own Story“ von 2017

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heiraten bitte nicht obligatorisch! ;)

In früheren Zeiten 😉 pflegten bürgerlich-tolerante Persönlichkeiten auf Anfrage nach ihrer Toleranz gegenüber Homosexuellen zu antworten: „Ich habe nichts dagegen, solange es nicht für obligatorisch erklärt wird.“

In derselben Lage fühle ich mich aktuell mit der „Ehe für alle“. Ich habe nichts dagegen, dass alle heiraten dürfen. Ich für mich will aber nicht müssen dürfen. Die Diskussion über – und unter vieleN – „Buchstabenmenschen“ läuft zurzeit über die angeordnete „politische Korrektheit“, dass nämlich keineR mehr etwas dagegen haben sollte.

Für mich hat die „Genderdiskussion“ seit einiger Zeit religiöse Dimensionen erreicht. Der Glaube an und für die Ehe ist als das höchste Ziel erklärt worden. Es tönt so, als ob nach dem Einverständnis der beiden Räte am folgenden Tag die Standesämter gestürmt werden könnten. Sehr wahrscheinlich wird eine Volksabstimmung angesetzt werden. Die Schweiz ist das einzige Land, in welchem die Eingetragen Partnerschaft per Volksabstimmung eingeführt worden ist. So wird es auch mit der „Ehe für alle“ sein. Also bitte etwas Geduld, bis die betroffenen Gesetze alle angepasst sind! Bei der eP dauerte es 2 Jahre!

Es gibt Frauen, die heute wieder angepflaumt werden, weil sie bis zum Ende ihrer Gebärfähigkeit weder geheiratet, noch Kinder geboren haben. Ich will nicht in Zukunft angepflaumt werden, warum ich nicht verheiratet sei!

Schwule sind immer wieder mit Forderungen nach Heirat konfrontiert, oder gar zwangs-heterosexuell verheiratet worden. Es war klar bei den Heteros: Alle Frauen mussten „unter die Haube“, damit sie geschützt waren. Möglichst viele Männer mussten verheiratet werden, damit sie keine Gefahr mehr für die Frauen waren. Es war eine kulturelle Forderung und sie besteht in gewissen Gebieten bis heute.

So sind eben Schwule die verheiratet sind, keine Gefahr mehr für andere (auch verheiratete, sowie junge) Männer – und soooo härzig!

Nach dem heterosexuellen kommen jetzt junge Schwule noch unter den homosexuellen Heiratsdruck. Ein Junghomo aus Zürich hat einmal geschrieben, wenn geheiratet werden könne, dann sei alles viel leichter, weil mann dann auf Fragen einfach antworten könne, man sei verheiratet. Punkt. Mit welchem schönen Mann denn die Ehe eingegangen wurde – diese normale Frage bei Heteros liess er einfach unter den Tisch fallen.

Ich wiederhole, ich bin nicht gegen die Ehe für alle. Aber mir fallen zuviele andere Probleme während dieser Diskussion unter den Tisch! Probleme, die sich schon in den Zeiten von HIV-AIDS gezeigt hatten. Also: Was kommt nach der Einführung der „Ehe für alle“? Werden alle Organisationen geschlossen und die Männerliebe „privatisiert“? (Wer schreit „Zwangsouting“ wenn Ehepartner angegeben werden müssen?) Wer „bereitet Schwule auf eine Ehe vor“? Wer kümmert sich um die Probleme ehelicher Schwuler? Sind dafür die heterosexuellen BeraterInnen zuständig? Viele Fragen sind offen…

Peter Thommen_70, Schwulenaktivist, Basel

P.S. Glauben Schwule wirklich, mit der Ehe würde uns das endlose Glück von Hetero/as vorenthalten??

na ja > 😉 Konfetti für die Ehe für alle! in Berlin

siehe auch Rütli und „Weltschwulentum“! (vor 20 Jahren zum 1. August)

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„Würden Sie das eventuell zurücknehmen?“

Das war vor Jahren eine Redewendung bei Homosexuellen, die gerne von Schwulen ironisch zitiert worden ist. Das Fragezeichen am Schluss ist gefühlsmässig an eine nachfolgende Bedingung geknüpft. Aber an welche?

Es ist die Bedingung, „es evtl. wieder gut zu machen“, der Glaube, irgendwie „normal werden“ zu können. Oder dass ein Papst doch noch einen Kardinal heiraten werde, oder dass sie vielleicht nicht das Kind einer heterosexuellen Familie seien. Es erinnert mich an die „weisen Homosexuellen“ bei der SVP oder der EDU/EVP, die sich weigern, als „Opfer an-erkannt“ zu werden. Weil sie in der allgemeinen Normalität nicht auffallen möchten.

Das Phänomen ist mir seit Jahrzehnten bekannt und entsprechende Provokationen habe ich selbst erlebt: Wenn ich zur „Gegenwehr“ aufgerufen habe in meinen Blättern, erntete ich abschätzige Äusserungen – von Leuten, die nie tätlich angegriffen worden sind. Sie wollten nicht mit „solchen“ in Verbindung gebracht werden. Nur privat ihrer persönlichen Lust frönen, die „niemanden etwas angeht!“ Es konnten einige Jahre verstreichen – und plötzlich stand einer von ihnen in meiner Ladentür: „Es ist etwas passiert, du musst mir helfen!“ Musste ich??

Ein zufälliger Gesprächsgegenüber meinte kürzlich, nach „dem Gestürm“ der Frauen, müssten jetzt auch die Homosexuellen noch „stürmen“ nach einem Gesetzesparagraphen – das würde sowieso „nichts nützen“. Da sprang mir der Nuggi aus dem Mund: Zuerst „stürmen“ die heterosexuellen Männer und greifen Schwule und heute auch Lesben in der Öffentlichkeit an.* Viele Betroffene schweigen – wie Frauen – und weil der Mann kein Opfer sein darf.

Hat die Polizei mal Täter verhaftet, müssen sie anschliessend nach Geschädigten suchen, weil diese geflohen sind. Keiner möchte mit so einer Realität „in Verbindung gebracht werden“. Michael Frauchiger von einem Gegen-Abstimmungskomitee brachte es heute in der TV-Diskussion auf den Punkt: Einfach unauffällig wie Heterosexuelle Normalität leben. Das ist schon immer die Vorstellung einer Anzahl von Schwulen. Sie haben die „Normalität“ verinnerlicht. Aber: Andere müssen nicht so sein wie man selber ist – und trotzdem sollen sie Solidarität erhalten! Z.B. Fahrende für ihre Rastplätze.

In meiner Jugend riet mir mein Vater, ich solle mich gegen Angreifer auf dem Schulweg wehren. Doch erst viele Jahre später und nach seinem Tod hatte ich die Antwort parat: Was soll ich mich mit Männern prügeln, wenn ich doch lieber an ihre Schwänze will!? 😉

Das „Phänomen“ kennen wir aus der Geschichte anderer Minderheiten! Von den Schwarzen über Farbige, Juden, Hugenotten, Fahrende bis zu den Frauen, die gar keine Minderheit sind! Schon Jesus soll am Abendmahlstisch zu Petrus gesagt haben: „Ehe der Hahn kräht wirst du mich dreimal verleugen!“ (Matth. 26, 34. Drum haben die Reformierten als Mahnung einen Hahn auf dem Kirchturm! 😉

Es ist das Verdrängen der eigenen Betroffenheit. (Wir haben genug schwule Psychologen die das wissen!) Martin Fröhlich von der hab erzählte in einem Interview über die ersten Demos in Bern wie er die Schwulen auf dem Troittoir, die er kannte, aufforderte, mitzumarschieren, „denn sie gehörten auch zu uns!“ (Bund 12.06.18)

Ich erinnere mich an die Demos gegen die Trampreiserhöhung in Basel 1969 (organisiert von den Progressiven Organisationen) da hiess es laut: „Solidarisiere! Mitmarschiere!“ Das hätte ich auch gerne gehört an der CSD-Demo der habs im Juni 2019 in Basel!

Peter Thommen_70, Schwulenaktivist

*Schlaue Jungs von heute fragen keck ob man schwul sei, um auch sicher zu gehen, dass keine Gegenwehr erfolgt!

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nach der Wahl ist vor der Wahl!

PolitikerInnen wollen immer unsere Stimme – vor den Wahlen. Nachher hören wir für 4 Jahre nichts mehr von ihnen.

Ich erinnere mich an die Wahlen vor etwa fünfundzwanzig Jahren in Basel. Regelmässig vor dem Termin tauchten verschiedene schwule Kandidaten im „Milieu“ auf und markierten Präsenz, sie kamen in die Bars und unterhielten sich vielleicht mit diesem oder jenem.

Im Anschluss an die erfolgreiche Ausstellung „Männergeschichten“, anfangs 1988, entstand im schwulen Buchladen die Idee einer eigenen „Homosexuellen Liste Basel“. Übrigens sehr zum Missfallen der damals linken Schwulen, die es wichtiger fanden, wenn „wir“ auf einer der traditionellen Parteilisten kandidieren würden. Die Schwulengruppe unterstützte dann auch jene. Es gab Diskussionen um die „schwule Liste“, die jene nicht wollten und die Frauenliste, die wieder alle nicht in Frage stellten.

Mit der eigenen Kandidatenliste wollten wir endlich sichtbar werden in der Politlandschaft von Basel und forderten alle Wählenden zu einem coming out mit deren Verwendung heraus. Anhand der Wahlbüroprotokolle und der Stimmenverteilung bei den Resultaten fand ich heraus, in welchen Quartieren Stimmen für uns eintrudelten. Vor allem interessant bei den Nationalratswahl 1996, die ganz Basel als Wahlkreis abdeckte.

Nach meiner Erfahrung haben damals die gewählten linken (an Bürgerliche war nicht zu denken) Schwulen vor allem „heterosexuelle“ Politik gemacht, mit der sie vollauf beschäftigt waren. (Mit Ausnahme von Erwin Ott – POB) Wir hatten allerdings eine KandidatIN auf der HLB.

In diesem Jahr haben auch wieder Kandidaten unsere Stimmen erhalten und sind in den Nationalrat gewählt worden. Damit ist aber „unsere Arbeit“ nicht getan! Vor allem schwule Medien müssen jetzt deren Arbeit verfolgen und uns informieren, an welchen Projekten sie „dran“ sind. Zudem gibt es Gewählte, die es „mit Schwulen gut meinen“ und uns Hoffnung für unsere Anliegen machen: Die Erweiterung der Rassismusstrafnorm und die Ehe für Alle.

Ich bin gespannt, ob die „grüne Welle“ darüber hinwegschwappen wird, weil das Grüne „viel wichtiger ist“ als alles andere, oder ob sie Wort halten werden bei den kommenden Beratungen und Abstimmungen.

Nach meiner Erfahrung können wir uns nur auf „eigene Leute“ verlassen (und da auch nicht immer!), die „Gutmeinenden“ haben dann wieder ihre anderen Prioritäten. Nach dem Feiern sollte die Aufmerksamkeit steigen – auch bei den schwulen und anderen BuchstabenwählerInnen. Zudem müssen wir sie immer wieder einladen, um mit uns zu diskutieren.

Die Wenigsten von all denen wissen überhaupt, warum wir diskriminiert werden und welchen Zusammenhang das mit der Frauendiskriminierung hat. Diese Erkenntnis aber ist meiner Ansicht nach die wichtigste Voraussetzung für Politik und Emanzipation. Das hat die Schwulenbewegung von Anfang an gelernt (vor dem queerfeminismus gab es den >Tuntenstreit der 70er) und in ihre Arbeit eingebracht – nach innen und nach aussen.

Peter Thommen_69, Schwulenaktivist, Basel

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Zivilverteidigung – auch gegen widernatürliche Beziehungen! 1969

Ganz in der Tradition der „geistigen Landesverteidigung“ aus der Zeit der Herrschaft des Nationalsozialismus publizierte eine besorgte Gruppe von Männern im Auftrag des Bundesrates und unter dem Eindruck des Einmarsches des „Warschauer Paktes“ in die damalige Tschechoslowakei (August 1968) ein Büchlein für die GANZE Bevölkerung der Schweiz: „Das Buch will uns orientieren: im Hinblick auf künftige Geschehnisse, auf Prüfungen, die unsere Bevölkerung heimsuchen könnten, Natur- und andere schwere Katastrophen, auch zur Vorbereitung auf Zeiten möglicher Gefährdung für unsere Heimat.“ (1)

In jedem Schweizer Haus sollte Widerstand (in jener Zeit gegen den Kommunismus) „gelernt“ werden. „Bewahren Sie deshalb das Buch sorgfältig auf, lesen Sie es besinnlich durch, vergewissern Sie sich von Zeit zu Zeit, ob alles vorbereitet sei, und tragen Sie dazu bei, dass wir zuversichtlich den kommenden Zeiten entgegensehen können.“ (1)

Ganz perfid war der Hinweis im Kapitel „Sabotage und Spionage“: „In Kulmau entstand eine grössere Aufregung, weil dem Aufseher der Trinkwasserversorgung ein Schlüssel zum Reservoir auf unerklärliche Weise abhanden gekommen war… In der Untersuchung gestand der Junggeselle, dass er den Schlüssel von einem Unbekannten erhalten hatte, mit dem er widernatürliche Beziehungen pflegte…“ (Schwule als Brunnenvergifter)

Seit 1942 waren „gleichgeschlechtliche“ Akte gemäss StrGB ab 20 Jahren (für beide Geschlechter) erlaubt. (heterosexuelle ab 16 Jahren) Wie bei der Telearena 1978 auch, sollten die damaligen sozialen und politischen Umstände in Diskussionen mitberücksichtigt werden!

1957 wurden kurz hintereinander zwei Homosexuelle durch minderjährige (unter 20, PT) Stricher ermordet. Daraus und aus einem dritten ähnlichen Mordfall entstand eine gewaltige Medienkampagne mit entsprechenden Urteilen in den nachfolgenden Prozessen. Die Opfer wurden zu Tätern gestempelt und die Mörder mit kleinstmöglichen Strafen bedacht. Zugleich setzte eine homophobe Jagd schlimmster Art ein und löste eine jedes Recht missachtende mehrjährige Welle von polizeilichen Razzien an bekannten Treffpunkten, in Restaurants und Bars, öffentlichen Anlagen und sogar stadtnahen Wäldern aus, in Zürich, auch in Basel, Bern und anderen Orten. Zu Hunderten wurden Menschen zusammengetrieben, auf Polizeiposten verbracht und dort mit Personalien und Fingerabdrücken registriert. Die „Homosexuellenregister“ füllten sich.“ (2)

Ordnungsliebende Sozialdemokraten schlossen sich der Hetze an. Das ‚Volksrecht‘ schrieb 1963: Das Männermilieu erweist sich in zweierlei Hinsicht als ein gefährliches Milieu: gesundheitlich und kriminell. Von den Lesben nahm man weiterhin kaum Notiz.“ (Willi Wottreng in der NZZaS, 15.09.2002, S. 28)

Diese Strategie „bewährte“ sich bis in die 70er Jahre, in welchen die Homosexuellen Arbeitsgruppen entstanden und öffentlich dagegen auftraten. Diese Razzien „… erlaubten es der Zürcher Polizei, sich – militärisch ausgedrückt – gewissermassen durch eine gewaltsame Aufklärung ziemlich genauen Aufschluss über die Ausbreitung, die Lebensgewohnheiten, die differenzierten Veranlagungsformen und die soziale Schichtung der aktiven Gleichgekehrten wie auch das Ausmass der venerischen Krankheiten unter ihnen zu verschaffen…“ (Siehe Witschi, 1965) (3)

Morde wurden noch in den 60ern bis in die 70er Jahre begangen und gingen erst nach dem öffentlichen Auftreten der Schwulenbewegung zurück.(4)

Aufgrund der aktuell laufenden Diskussionen über das Verhältnis zwischen Schwulen und Lesben muss ich anmerken, dass solcher „behördlicher“ Umgang mit Lesben damals nicht bekannt geworden ist.

Leider werden die historischen Tatsachen heute verdrängt, oder sind unbekannt. Ich erachte die Vorwürfe betreffend die Dominanz der männlichen Homosexualität in der Telearena von 1978 daher als nicht berechtigt. Wer sich darüber wundert, wie turbulent die Telearena 1978 gewesen ist, zieht sich einfach auf den Standpunkt einer „Kindergartentante“ zurück!

Dass die heterosexuellen und die homosexuellen Studiogäste so unversöhnlich sein könnten, hätte ich nicht erwartet. (Indermaur in TAT 14.4.78)

Ich hatte es befürchtet, und ich muss mir leider recht geben: Die letzte <Telearena> hat überhaupt nicht das gebracht, was ich mir von ihr gewünscht hatte. Die Diskussion war konfus, brachte keine Informationen, war gehässig und aggressiv. Wievieles hätte gesagt werden sollen, wievieles wäre aufzuklären gewesen, wievieles hätte man sich sagen lassen müssen. Nichts von allem hat stattgefunden. (Hans-Ulrich Indermaur, Moderator,  in Tele 24.4.78)

Herr Indermaur war offensichtlich nicht genug „vorbereitet“ gewesen und brachte noch bürgerliche Naivität in die Sendung mit. (Was sich im Gespräch im Kaufleuten am 27.10.19 in Zürich bestätigt hat, an dem er teilgenommen.)

Die Schwulen haben sich ja fürchterlich benommen!“ (Leserbriefzitat, als Titelzeile verwendet von Haymo Empl in Cruiser Okt. 2019 )

Nach all den aufgeführten fürchterlichen Razzien, Einvernahmen, Schwulenregistern und Kampagnen verwundert das keineN InformierteN!

Klar, die Frauen hätten auch eine Telearena zu gut gehabt. Aber sie standen historisch nie so im Focus des Volkszorns wie die Schwulen. Keiner interessierte sich für sie. Seit Frauen aber vermehrt in Medien auftreten und sich als Paar darstellen, erleben auch sie jetzt den Shitstorm und Hass aus der Bevölkerung. Das hat nichts mit einer „doppelten Diskriminierung“ zu tun – als Frau und als Lesbe. Männer werden auch doppelt diskriminiert: Als unmännliche Männer (das sind nicht nur Schwule!) und dann noch als Schwule. Die Argumentation führt vom heterosexuellen Grundwiderspruch weg und – zu nichts…

Peter Thommen_69, Schwulenaktivist, Basel

1) Bundesrat Ludwig von Moos (kath.-konservativ) in seinem Begleitbrief (siehe auch Wikipedia!)

2) aus: 170 Jahre bewegte Schweizer Schwule (Ernst Ostertag für network, 2005)

3) in Theodor Bovet (Hg.): Probleme der Homophilie in medizinischer, theologischer und juristischer Sicht, Haupt Verlag 1965 , 150 S.  –  siehe auch Prof. Stratenwerth in jener Zeit!

4) Von solchen Vorfällen habe ich viele Presseberichte archiviert und zum Teil von Schwulen erhalten.

Im Jahr 1990 bin ich in zwei Beiträgen auf diese Verhältnisse zurückgekommen: Schweiz ohne Schnüffelpolizei. (Die Parlamentarische Untersuchungskomission unter Vorsitz von Nationalrat Moritz Leuenberger (SP) veröffentlichte am 24. November 1989 ihren Bericht über das EJPD.) Siehe Anderschume/kontiki Nr. 3/1990, S. 11-14 und Nr. 4/1990, S. 11-13. Siehe auch Adrian Ramsauer: Lügen die Polizeikommandanten? in Anderschume/Kontiki Nr. 3/1990, S. 9

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11. Oktober: ein outingTag für Queerwesen?

Seit 1988 wird der elfte Oktober als „coming out Tag“ in den USA begangen. Damit werden verschiedene Ziele um das „Herauskommen aus dem Schrank“ verfolgt. Dani Wiedmer machte 1991 den Tag und das Logo mit dem Magazin „Anderschume Kontiki“ (1985-2004) in der Schweiz bekannt.

In den drei Jahrzehnten ist seither eine Community* (Gemeinschaft) herangewachsen, die weit über Schwule, Lesben und Bisexuelle hinaus geht – eben „Queerwesen“. Nur sind die Ziele und Interessen all dieser Wesen eben nicht völlig gleich.

Es sei eine Veranstaltung, die in den letzten Jahren vor allem von Jugendgruppen organisiert werde, habe ich irgendwo gelesen. Doch ein coming out kann lebenslang stattfinden. Ein englischer Professor hatte sein coming out noch mit über neunzig in einem Buch.

Weil die zwei Wörter für viele „zu kompliziert“ geworden sind, wird immer mehr „outing“ verwendet. Doch die Bedeutung ist nicht die gleiche: Ein coming out ist ein Vorgang, der nicht plötzlich erfolgt, er ist der Endpunkt eines ganzen Prozesses unsichtbarer psychischer Arbeit. (outing ist ein zwangsweises plötzliches Herauskommen – wie wenn ein Mann zum Vater erklärt wird, ohne dass er neun Monate ausgetragen hat.)

Ich habe einmal darauf hingewiesen in meinem Blatt, dass es anders verlaufen müsste! Eltern sollten veranlasst werden, ein outing zu machen, indem sie sich an dem Tag als offen für andere Identitäten äussern sollten. Für sie ist es selbstverständlich und ohne Frage, davon auszugehen und auch zu zeigen, dass sie Sexualität und Fortpflanzung leben, ohne die Anderen fragen zu müssen…

Eigentlich wäre es in der Verantwortung von Eltern, jegliche Orientierung zu akzeptieren, die in ihren Kindern heranwächst. Diese können schliesslich nicht an eine Firma „zurück“ gesandt werden mit dem Vermerk: Haben wir nicht bestellt! Desgleichen gilt für Religionen: Wir sind Geschöpfe Gottes und „auch vorgesehen“. Aber wenn schon Zwillinge in zwei mir bekannten Weltgegenden abgelehnt werden, weil angeblich nur Tiere mehr als einen Nachkommen auf einmal „werfen“ dürfen, müssen wir uns nicht wundern. In Afrika gibt es übrigens auch weisse Nachkommen bei Schwarzen (Albinos), weil eine Genveränderung dies bewirkt. Unwissen und Zauberglaube machen diese Menschen zu Verfolgten und Ausgestossenen in der eigenen Familie, weil dort Regierungen und einflussreiche Menschen nicht darüber informieren!

Ich bin als Linkshänder geboren und konnte mit der Einschulung lernen, dass ich „da irgendwie falsch gewickelt“ worden sei. Später lernte ich Rothaarige kennen, die auch ihre Probleme damit haben. Der Mensch ist offensichtlich unwillig, seine eigene Vielfalt (Diversität) zu akzeptieren. Das kennen wir aus „heiligen Schriften“ wie aus Kulturen die ein Kastensystem eingerichtet haben. Es ist schwierig, diese Probleme im Kopf zu bewältigen, welche wir einfach vorfinden oder selber produzieren. Alle sind verschieden – aber allen muss gleiche Wertschätzung entgegengebracht werden!

Es geht auch nicht darum, „wie schlimm“ oder doppelt oder dreifach wir diskriminiert werden. Das öffnet nur Tore für neue Hierarchien und Kastensysteme innerhalb der Gemeinschaft – wir reproduzieren damit ein Abbild der Mehrheitsgesellschaft…

Es gibt auf der ganzen Welt Familien, Sekten und Gemeinschaften, die sich „einschliessen“ und nur unter sich sein wollen, um ihre „Weltängste“ nicht angehen zu müssen.

Coming outs finden täglich statt und lebenslänglich – für alle, die sich irgendwie von irgendwelchen Mehrheiten unterscheiden. Auch innerhalb der Falschsexuellen. Schliesslich sollen unsere Mitmenschen verstehen, warum wir einen anderen, „schwulen“ Blick auf die Welt haben und nicht wie die anderen Normalos oder Falschsexuellen ticken! Peter Thommen_69, Schwulenaktivist, Basel

* fälschlich auch schon als „Gemeinde“ übersetzt!

coming out Tag (Wiki) / siehe auch meine Publikation swissgay.info !

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50 Jahre öffentliche Gegenwehr

Wie Schwule, Lesben und Transvestiten* 1969 in New York zum Widerstand fanden.

Ich war damals in einer Buchhändlerlehre in Basel und entdeckte die „geheimen“ Treffpunkte der Männer, die Sex mit Männern suchten, von denen ich in dem Vorort, in welchem ich aufgewachsen war, nichts gewusst hatte. Ich sah die Telefonnummern auf den Toilettenwänden und die dunklen Schatten des Nachts, wenn ich abends im Schützenmattpark unterwegs war.

In diesem Jahr fanden auch die Demonstrationen gegen die Trampreiserhöhung statt, angeführt von linken Studenten. Ich bin verhaftet und erstmals „erkennungsdienstlich“ behandelt worden. Ich war also mit „heterosexuellen politischen Problemen“ beschäftigt, während gleichzeitig in New York die Falschsexuellen sich gegen Polizeiwillkühr wehrten. Ich wusste gar nicht, dass mir Sexualkontakte in meinem Alter (19 J.) noch gar nicht gestattet waren. Meine erste grosse Liebe fand ich dann ein Jahr später und machte danach auch mein coming out mit zwanzig. Damals war also gerade „meine Zeit“ – und vom Alter her gerade rechtzeitig!

Wie war denn die gesellschaftliche Situation von Homosexuellen im Amerika der 60er Jahre? Edmund White schildert das in einem Essay sehr gekonnt! (1)

Wenn Homosexuelle sich selbst als ‚krank‘ betrachten, und die meisten, die ich kenne, tun das, dann kann diese Annahme selbstverständlich nur katastrophale Auswirkungen auf ihr Selbstwertgefühl haben… Oft kann man eine Tunte zur anderen ganz liebevoll sagen hören: „Du bist ja krank, Herzchen“ oder: Schätzchen, ich liebe dich, du bist eine Irre.“ Aber diese Einstellung, so charmant sie auch sein mag, bringt wenig Trost. Die meisten Homosexuellen bleiben dabei, ihre Liebesaffären, Meinungen Freundschaften – all ihre Erfahrungen – als krankhaft und unecht zu empfinden. (2)

Warum haben sich schwule Männer mit diesem wirklich bösartigen Urteil gegen sich selbst abgefunden? Der Hauptgrund ist vielleicht der, dass sie Angehörige dieses Zeitalters und dieser Kultur genauso wie alle anderen sind, dieselben Dinge bewundern und dieselben Moden annehmen. Ehe es mit der Black-Revolution losging, waren die Schwarzen in derselben Lage und verleumdeten sich gegenseitig, indem sie weisse Vorurteile übernahmen. Wie die antisemitischen Juden oder die niggerhassenden Schwarzen hat der schwulenfeindliche Homosexuelle die Meinung der Mehrheit über ihn und seine Freunde verinnerlicht…

Ein anderer Grund, weshalb Homosexuelle die Kennzeichnung ‚krank‘ akzeptieren, ist der, dass sie selbst oft alle ihre Leiden völlig unterschiedslos ihrer Homosexualität anlasten.“ (S. 39-40)

In der Zeit, als White dies schrieb, existierten in allen amerikanischen Bundesstaaten, bis auf Illinois, immer noch Gesetze gegen sämtliche homosexuellen Handlungen.

… Politiker gewinnen Wahlen, indem sie in der Stadt ‚aufräumen‘ und Polizisten anweisen, Razzien in Schwulenbars zu machen und verdächtige Homosexuelle als Herumtreiber festzunehmen, und Hetero-Leute ergehen sich ohne Ende in windigen Verallgemeinerungen über das Schwulsein…“ (S. 48)

White bedauerte, dass Homosexuelle keine einheitliche soziale Klasse bilden mit gemeinsamen ökonomischen Zielen. (Heute werden sie „vereinheitlicht“ und mit klaren Konsumangeboten überhäuft. Selbst die reichen Schwulen, die sich mit „armen Jungs“ abgeben, würden gegen ihre eigenen politischen Interessen wählen. Das sehen wir heute bei Schwulen in der SVP, die ihre Führung nicht umstimmen können (>Beat Feurer, Hans-Ueli Vogt, u.a.).

Wie in Amerika mussten sich auch in der Schweiz Schwule gegen unverhältnismässige Schikanen von seiten der Polizei wehren, die glaubte, im Interesse der Stimmbürger und „besorgter Eltern“ handeln zu müssen. Von einem Detektiv habe ich später persönlich erfahren, dass während dessen Ausbildungszeit sie gezielt in die Toiletten geschickt worden sind, um Schwule zu „kontrollieren“.

So vieles von dem Kummer, den ich erlitten habe, und den ich meine homosexuellen Freunde habe erdulden sehen, rührte von erfolglosen Versuchen her, die homosexuelle Erfahrung in Fertigformen zu pressen. Zum Beispiel versuchen viele schwule Männer immer wieder, mit ihrem Geliebten den Abklatsch einer normalen Ehe herzustellen. Der eine Schwule spielt spielt den ‚Kerl‘, und der andere die ‚ische. Jede Treulosigkeit wird als Bedrohung dessen gesehen, was sie verbindet, nämlich ihrer ‚Ehe‘. Promiskuitive Perioden zwischen Liebesverhältnissen werden als Beweis dafür angesehen, dass der Homosexuelle ‚infantil‘ und ausserstande ist, dauerhafte Beziehungen herzustellen.“ (White, S. 51)

Mit Edmund White bin ich einig, dass Beziehungen nicht auf heterosexuellen Mustern beruhen müssen und dass der flammende Sex nicht die Hauptgrundlage bilden muss. Freundschaften mit etwas mehr Atemluft drum herum können genauso binden und halten bis ans Lebensende. Amen.

Solche Paarschaften hat es immer wieder gegeben, sei es ohne Feuer und Flamme, oder nach dem langsamen erlöschen dieser „Energiefresser“!

Wir haben uns also Anfang der 70er Jahre vor allem mit der Polizei und den einzelnen Beamten herumgeschlagen und versucht, deren Einstellung zu ändern, indem wir offen auftraten und zusammen kamen, nicht nur um Sex zu haben, sondern auch um auf die Strasse zu gehen und für unsere Rechte einzustehen.

Wir Bewegungsschwulen hatten weniger das Problem der damals verbotenen männlichen Prostitution (unter Frauen auch verboten, aber das interessierte keinen!), als dasjenige des „Schutzalters“ von 20 Jahren. Vorher war Sex offiziell verboten. (Hetero/as durften bereits ab 16!)

Wir mussten also gleiche Rechte für unsere sexuellen Bedürfnisse erstreiten und nicht für unsere „Liebe“, wie das heute allgemein so benannt wird! (Grrrrr!:( )

Liebe zwischen Männern oder zwischen Frauen war nie verboten – aber „Liebe machen“! Zudem hatte die Gesellschaft weniger das Problem der öffentlich gelebten Nähe zwischen Frauen, als dasjenige der Nähe zwischen Männern. Und letztlich stellte uns Schwule das „niedrigere“ Schutzalter in die Ecke der „Pädophilen“, aber mit den LiebhaberInnen junger HETErosexueller hatte keineR ein Problem!

Ich bin heute 69 Jahre alt geworden. Ich bin froh, nicht mehr 19 zu sein! Ich bin der Schwulenbewegung dankbar, die mir den Weg zur Persönlichkeitsentwicklung und Erfahrungsverarbeitung gezeigt hat. Letztlich bin ich auch meinem Buchladen dankbar, der mir die Informationswege geöffnet hat – nicht nur für mich. Peter Thommen_69, Schwulenaktivist, Basel

„Das Wichtige an der Homosexualität ist, dass sie die Kraft hat, dem schwulen Mann zu helfen, nicht den schönen Schein des Lebens abzustreifen, sondern den schönen Schein in all seiner Äusserlichkeit sichtbar zu machen. Der Homosexuelle kennt die Illusion der Natürlichkeit aus erster Hand, weil er schon früh das zu imitieren lernt, was andere Leute für „natürlich“ halten, und weil er von allen Seiten hört, dass das, was ihm ganz „natürlich“ zugefallen ist, „unnatürlich“ ist.“ (David Bergmann in seiner Einleitung zur Übersetzung, S. 15)

* Geschlechtsanpassungen waren chirurgisch erst in den 70er Jahren möglich!

1) Der schwule Philosoph, geschrieben 1969, publiziert in: The Burning Library, 1994, übersetzt für die Ausgabe im Kindler Verlag von David Bergman, 1996

2) Die zweite Möglichkeit besteht darin – bis heute – ein Symptom zu entwickeln, das einen Krankheitswert darstellt, zB Fetische – und diese fleissig zu „bewirtschaften“. Die Dritte: Dem Gegner eine Krankheit zuzusprechen: „Homophobie“. (PT)

„Es ist ein Phänomen, das auch bei Holocaust-Überlebenden aufgetreten ist: Wenn wir unsere Geschichten erzählen, dann verlieren wir unsere Symptome.“ (Ibrahim Arslan, Überlebender des Brandanschlags von Mölln)

Im Januar 2018 war ich bei Daniel Frey (gayradio Bern) zu einem Gespräch eingeladen! Es fasst viel Wesentliches zusammen – Amen! 😉

Martin J. Gössl: Als die erste Münze flog und die Revolution begann. Die Homosexuellen-Bewegung in der zweiten Hälfte des 20. Jh. in den USA, historische Betrachtung und Analyse, Edition Regenbogen 2009, 135 S. – (in ARCADOS Bibliothek)

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