“Wir sind alle schwul” ?

20. Juli 2008

Wie der heterosexuelle Umgang mit der Homosexualität die “ehemalige” Diskriminierung durch sprachliche Gestaltung weiterführt.Es wäre interessant, durch die Jahrzehnte hindurch “Thema-Nummern” der verschiedensten Magazine, über Homosexualität, sprachlich zu vergleichen. Es gab sie ja immer wieder - die Tabubrüche in den Medien. (Unser Literaturlehrer hat sich noch schwer aufgeregt über Walter Mathias Diggelmann, der mit seinen Büchern “Tabus knackte”. Das kratzte schwer an der Qualität von dessen Literatur.) Und trotz aller Tabuknackerei schaffen es die Mainstream-Medien nicht, sprachlich und thematisch durchgängig “am Thema” zu bleiben. So erhalten wir periodisch eben eine Tabu- , ähm Thema-Nummer überreicht. Nichts eignet sich dazu besser als ein Sommerloch…

Doch beginnen wir “das Thema von hinten” einfach mal von vorne - bei der Titelseite! :)

Die Formulierung “wir sind alle schwul” hat bemerkenswerterweise kein Ausrufezeichen. Sie steht einfach da - soll provozieren. Auch kein “ernsthaftes” Fragezeichen, welches auf eine Diskussion schliessen lassen könnte.

Der Untertitel ist süffig: “Die unaufhaltsame Homosexualisierung unserer Gesellschaft”. Provoziert auch, aber verortet schon die vermuteten Täter an den richtigen Ort: Wer könnte denn die Heteros “homosexualisieren”? Natürlich die Homos. Die Front, die oben sprachlich eingeebnet wurde, wird mit dem Untertitel gleich wieder eröffnet. Wenn aber “wir alle schwul” wären, würde die Gesellschaft nicht “homosexualisiert”, sondern “entheterosexualisiert”, was einer Ent-Tabuisierung eher entsprechen würde und was viel mehr Raum eröffnen würde.
Durch die verwendete Formulierung wird aber “die Gefahr einer Homosexualisierung” heraufbeschworen, und alle Heteros tragen dafür keine Verantwortung. Sie werden quasi “missbraucht”.

Würde durch die “Ent-Heterosexualisierung” die Gesellschaft vom “Heterror” befreit, müssten die Verantwortlichen benannt und die Konsequenzen gezogen werden. Diese Homosexualisierung ist aber nur ein Austauschwort für den früher verwendeten Begriff des “Propagierens von Homosexualität”, wie er bis in die 70er Jahre allgemein verwendet wurde. Nachdem die Wissenschaften aber geklärt haben, dass Menschen nicht “zur Homosexualität” verführt werden können, weil es sich um eine “Lebensperspektive” oder eben um eine “sexuelle Orientierung” handelt, musste diese “Propagierung” aufgegeben werden.

Diese “Homosexualisierung” aber ist noch viel militanter als die ehemals verwendete Bezeichnung. Einer Propaganda konnte mann/frau noch Gesetze und Gegenpropaganda entgegenstellen. Was aber stellen die Heteros einer “Homosexualisierung” entgegen? Die “Unaufhaltsamkeit” unterstreicht noch zusätzlich eine Zwangslage.*

Würde mit dem Begriff der “Ent-Heterosexualisierung” argumentiert, könnten wir annehmen, unter dieser komme dann die verschüttete Homosexualität hervor, zu der wir theoretisch alle fähig sind. Und die praktisch die Mehrheit der Heteros in ihrem Leben auch irgendwann geniesst. Statt des Feindes von aussen, würde der “schwule Freund” von innen sichtbar! Dazu passt, dass ich nach 30 Jahren coming out in der Telearena nach und nach erfahren habe, dass zwei Schwestern meiner Mutter Töchter haben, die nach “guter Ehe” nun mit Frauen zusammenleben. Auch hat die Tochter eines Bruders meines Vaters einen homosexuellen Sohn, der mit 30 endlich sein coming out wagte. Und genau dieser Onkel (mit den Härchen auf den Fingern seiner Hände) hat mich schon als Junge der “Unmännlichkeit” bezichtigt…
Sie waren alle nie in unserer Familie “homosexualisiert” worden, sondern “heterosexualisiert”. Die “Ent-Heterosexualisierung” mussten wir aber alle selber schaffen.

Nach wie vor glauben die meisten Heteros noch immer nicht, dass sie es selber sind, die “Homosexualität erschaffen”. Entweder indem sie homosexuelle Nachkommen zeugen und zur Welt bringen, oder indem sie neben ihrer heterosexuellen Fassade auch die Freuden der Homosexualität geniessen - auf vielfältige Art und in jedem Lebensalter…

“Wir lieben hetero und leben schwul” fasst “Magazin-Autor” Georg Diez seine Eindrücke von der Schwulen-Insel Mykonos zusammen. (aus dem Editorial) Das passt zu den vielen Aeusserungen von Heteros, die “sich küssende Männer nicht ausstehen können”. Küsse sind der Liebe vorbehalten und gehören damit in den heterosexuellen Bereich mit den Frauen. (Und den heterophantasierten Lesben!)
Sex zwischen Männern gehört in einen davon abgetrennten Bereich, wie der Besuch einer Prostituierten. Bürgerlich halt. So bleibt die bewährte Heterror-Ordnung bestehen. Und somit ist die “Homosexualisierung” eigentlich nur eine Unterminierung der Heterosexualität - aber niemals eine “Ent-Heterosexualisierung” der Kultur des Abendlandes, oder der monotheistischen Religionen. Peter Thommen, Schwulenaktivist, Basel

Nachtrag
*) “Homosexualisierung” gibt ein falsches Signal, dass die homosexuellen Exponenten in Mode und Styling die Gesellschaft zugunsten von “uns” beeinflussen könnten. Das Konsum-Verhalten schon, aber nicht die grundsätzliche Einstellung von Heterosexuellen “uns” gegenüber. Die historische Parallele bei den jüdischen Exponenten drängt sich hier auf!
Solange gesellschaftliche Institutionen nicht von sich aus gegen Schwulenhass vorgehen, kann von “Homosexualisierung” eh keine Rede sein! (siehe Reggae-Sänger)

“Marosex” - ein neues Etikett für eine alte Sexualkultur

20. Juli 2008

Der Erfinder des Wortes “metrosexuell”* schreibt für das deutsche Magazin FRONT regelmässig eine Kolumne. Mit diesem Wort - das auch für ganz andere Bedeutungen stehen könnte - versuchte Mark Simpson die starke Tendenz zu männlicher Erotik und gleichgeschlechtlicher Sexualität zu benennen, die heute bei heterosexuellen Männern zum Ausdruck kommt, die aber schon immer da war, aber ignoriert wurde.
Aehnlich verhält es sich mit dem “neuen” Wort “Marosex”. Simpson kolportiert eine Erzählung eines “heterosexuellen aber stark bi-neugierigen, verheirateten” Freundes, der in Marokko in den Ferien war. In dessen Hotelzimmer präsentierte sich ein Angestellter überraschend mit einer harten Latte, wie es bei beschnittenen Schwänzen meistens der Phall ist… Der Gast reagierte überrascht, aber nicht aufgeregt. So kamen die beiden ins Gespräch und die Offerte war klar formuliert: Schön blasen, dafür auch noch bezahlen und auf keinen Fall an den Arsch greifen! Es ist auch für einen Hetero brüskierend, dass er für die Arbeit auch noch bezahlen soll. Aber offenbar denken diese auch bei den Prostituierten nicht an deren Vergnügen - nur eben an deren Arbeit, die sie bezahlen! (grins!)

Nun, der marokkanische Mann steht lange Jahre zwischen seiner beschnittenen täglichen Latte und einer ökonomisch behinderten Eheschliessung. Und wenn die männliche Identität nicht - wie bei uns über Ausbildung und Beruf - wenigstens mitbestimmt wird, wird sie eben über die Sexualität in Form einer dauerhaften Erektion dominiert. Also nicht nur in alten Kulturen und überliefert mittels vorgeschichtlichen Riesen-Penisfiguren. (z.B. in Ephesos, Türkei) (grins!) Allerdings beruht diese männliche Identität auch im absoluten Tabu der analen Oeffnung. Nicht umsonst drohte der Hotelangestellte gleich mit Mord, wenn er ihn da anfassen würde… * metro bedeutet soviel wie wichtig, Haupt- (Mutterstadt), und hat Bedeutungsverbindung zu Gebärmutter und zum Grossraum einer Stadt… (Duden Fremdwörterbuch, 2000) Rassismus ist immer zweiseitig. Das ist auch beim Sexismus so. Der Marokkaner lässt sich auf eine Sexualpraktik ein, die er wohl unter sich praktizieren muss, so er nicht bis zu einer Ehe warten will, oder für eine Prostituierte bezahlen kann. Daher ist ein Bläser als “aktiv” definiert, obwohl er ein passiv Aufnehmender ist. So bleibt auch der passive Anus bis in die Ehe unverletzt. Wie es ja auch bei den Frauen mit der Vagina sein soll! (grins!) Seine innerkulturelle Rolle gibt der Marokkaner nun aber auch an die “fremden” Ausländer und “nichtgläubigen” Touristen weiter. So setzt sich die heterosexuell-patriarchale Hierarchie “natürlich” nach unten fort… Mit dem Nebeneffekt, dass er für seinen Genuss und sein “Gewährenlassen” auch den ökonomischen Nachteil mit einem Bakschisch ausgeglichen erhält. Wie oben angedeutet, lassen sich nicht nur schwule Männer auf diese Angebote ein! (grins!)
Da sich dieses Verhalten nicht nur auf Marokko beschränkt, sondern auch auf anderen Kontinenten angetroffen werden kann, wäre zumindest mal der Begriff “mediterrano” Sex in Erwägung zu ziehen. Damit wäre schon ein grosser Teil des Verbreitungsgebietes abgedeckt.Ich bin überzeugt, dass dieser “Heterror” noch viel schlimmere Auswirkungen auf uns alle hatte und hat, als der aktuelle politische Terror. Beides sind verzweifelte Versuche, die zu eng gewordenen sozialen und kulturellen Fesseln zu sprengen! Letztlich geht es in der kolportierten Episode auch um einen virtuellen, sprich mentalen Freiraum für Bedürfnisse und Wünsche, die ausgelebt werden sollen, ohne die sichtbare Rolle eines gläubigen Mannes zu gefährden.Ich sage schon lange, wenn das Tabu der analen Lust nicht wäre, würde mancher Mann die Welt nicht terrorisieren, aber auch nicht sich verzweifelt an Frauen vergreifen! Und wenn dann um die 50 die regelmässige Kontrolle der Prostata beim Urologen ansteht, bleibt wenig Zeit mehr, sich auf diese schöne Lust einzulassen, die vielen Machos zeitlebens gefehlt hat. Sie suchen eigentlich ihre Weiblichkeit bei verschiedenstem Mutter-Ersatz, statt diese im eigenen Körper zu emanzipieren!

Peter Thommen, Schwulenaktivist, Basel

metro-gay-kulturell: FRONT magazin

19. Juli 2008

Aug./Sept./08 Interviews mit Rupert Everett und Thomas Hermanns (und seine Aktion in Polen), sowie dem Pornostar François Sagat, (”Pornodarsteller wollen total männlich rüberkommen, sind aber meist fürchterliche Tunten. So wie ich!”) - Dirk von Lowtzow. Malta als Ausflug. Ueber den Stil der Deutschen und alles über Mode. CHF 9.80

In jedem Heft: Mode, Marken, Kleidungen, Galerien, Künstler…und ihre Luxusappartments - und die Kolumne von metro Mark Simpson.

Juli/08. Interviews mit Tom Ford - Sam Sparro - Christoph Eichhorn. Essay: Schwule und Fussball. Der Blumenkönig von Thailand: Sakul Intakul. Neue Mode aus Frankreich. Ein Lob dem Alltag in der Beziehung. Balthasar Castor und das Anal-Tabu. Bericht zum 50. Geburtstag von Madonna. Wohnen in einem florentinischen Fürstenpalast. Grasse, die Duftstadt in Südfrankreich. CHF 9.80

In jedem Heft: Mode, Marken, Kleidungen, Galerien, Künstler…und ihre Luxusappartments - und die Kolumne von metro Mark Simpson.

Juni/08. Interviews mit Wilson Ochsenknecht - George Clooney - Stefan Niederwieser. Essay: Die Falle namens Eifersucht. Bericht: Gustav Hofer und die Schwulen in Italien - Über Sex in the City - Wandern auf die Zugspitze.

Mai/08. Interviews mit Michael Adam, jüngster schwuler Bürgermeister - Max Riemelt - Terence Koh. Essay: Unerwiderte Liebe. Berichte: Schwimmen mit Christian - Revival: Vogueing in London.

April/08. Interview mit Matthias Schweighöfer. Bücher: Barry McCrea: Die Poeten der Nacht. Berichte: Gewalt in der Jungenszene, Homosexualität als Schulthema: Gähnen oder Homophobie? Guck in die Glatzenszene. Foto: DJs, Szenejungen und Künstler - erst als Teenies und jetzt als Twens. Tipps, wie Mann mit sich besser selber streitet, statt den Partner anzuschreien. Manieren und Anstand. Dorit Zinn: Mein Sohn liebt Männer.

März/08. Interviews mit Johnny Depp - Marco Kreuzpaintner. Scott Matthew Auf Europatour. Fotos von anatolischen Bauarbeitern in Istanbul. Schönheitsoperationen. Beziehungsratgeber. Ein DJ zwischen Freundin und schwulen Sex-Parties.

FRONT. Dieser Titel einer Publikation erinnert mich eher an ein Kampfblatt als an ein “gay lifestyle magazine”! Eine “Bewegungs-Zeitung” hiess früher in Berlin “Schwuchtel”. Damit machte sie gleich Front gegen ein Vorurteil. Das war in den Siebzigern…
“Front” nun ist eher ein Schaufenster, worin auch das bunte Treiben von Gays ausschnittweise abgebildet und beschrieben wird. Es schneidet die Tendenzen und Bilder schwuler Männerleben scharf an, um uns zum lesen zu verführen. Grafisch und gestalterisch auf der Höhe der Zeit, wie mir ein angehender Polygraf versicherte.

Der ehemalige Chefredaktor bei Jackwerth in Berlin - Dirk Ludigs - wagte sich im Dezember an “Das neue-Männer-Magazin”. Es erscheint zur Monatsmitte. Also dann, wenn eifrige Leser anderer Hefte schon wieder Appetit auf eine neue Ausgabe vom nächsten Monat haben. Im “etwas kleineren” Magazinformat, geleimt und matt glänzend, lädt es zum Verweilen vor der neuen Präsentation ein.

Ist “Front” ein “schwuler” Stern? jedenfalls hebt sich das Magazin deutlich ab von den anderen Postillen und der allmonatlichen “Verlags-Werbe-Publikation” aus dem Hause Gmünder, oder der zwar grafisch ansehnlichen, aber inhaltlich etwas bürgerlich beschränkten ADAM aus dem Hause Foerster. Ein Intellektuellen-Blatt ist es auf jeden Fall nicht, obwohl auch über “Intellektuelles” geschrieben wird! Aber auch kein Szene-Magazin. Es liebäugelt mit der Neugierde der Heteros und versucht, die schwulen Leser optisch bei der Stange zu halten. Und schliesslich kann mann es auch im Loft oder im Esszimmer herumliegen lassen. In Buchläden, Shops, oder im Abonnement (auch über ARCADOS). Peter Thommen

das coming out von heteros!

5. Juli 2008

Unterdrückung von Schwulen und Lesben gebe es doch gar nicht mehr, hört mann/frau immer mal wieder. Wir sind doch im neuen Jahrhundert! Doch Abwesenheit von Diskriminierung hat nichts mit Integration und auch nichts mit gleich behandeln zu tun…

Die Zeitschrift “LusT” (Lesbische und schwule Themen) bringt Beispiele für das “coming out” von Heteros! (19. Jg. Nr. 95, S. 8 ) “Ihr habt eure Kneipen, wo ihr euch treffen könnt, ihr könnt sogar heiraten, und dann macht ihr noch grosse Feste und Paraden, was nun wirklich nicht auch noch sein muss!” - “… doch nicht so in der Oeffentlichkeit … das könnten doch Kinder sehen!” Vor allem beim “Kinderschutz” in der Oeffentlichkeit würden die besorgten Beschützer vor allem ihre eigenen Interessen schützen, nicht diejenigen von Kindern, meinte Joachim S. in dem Beitrag. Es geht da um die unangenehme Relativierung von Heterosexualität durch “öffentliche Homosexuelle”. Also um das “angekratzte” eigene Befinden. Vergleichbar mit der rechts-populistischen Forderung, keine Minarette in der Schweiz bauen zu dürfen. Dabei sind solche Aeusserungen ja meistens “nur gut gemeint”! Genau so gut wie der SP-Politiker in Biel öffentlich wieder von der “Veranlagung” redete, wie wenn Heterosexualität etwa keine Veranlagung wäre? Oder der Mr. Schweiz mit Zivilcourage, der Schwulen und Lesben die gleichen Rechte und Chancen zubilligte, wie Behinderten… Während ich diese beiden Aeusserungen als “Fettnäpfchen” betrachte, geht es politisch aber auch schon heftiger ans Bein: Joachim S.: “Ein anderer redete viel von Solidarität in dem linken Bündnis, indem wir (Schwule und Lesben, PT) mitmachen. Versöhnlich sagte er dann, als wir uns vorstellten: “Andere Leute sind oft noch viel perverser.” Als jemand von uns fragte: “Willst du damit sagen, wir sind pervers?”, antwortete er etwas hastig und irgendwie verwundert: “Nein, das nicht.” Aber er suchte dann schnell das Weite… (LusT) Das kann dann auch dazu führen, dass sogar engagierte Schwule (Lesben sind ja weniger eine Bedrohung) sich ernsthaft fragen, ob das auch “rechtens” sei, was öffentlich gemacht werde! “… ob das von ihnen für selbstverständlich gehaltene Leben für Jugendliche irgend eine Gefahr darstellen könnte.” (LusT)

“Ein uralter Button aus der Schwulenbewegung, der eine satirische Verfremdung des “Atomkraft - nein danke” Buttons ist, führte schon zu verschiedenen Anfeindungen! (heterosexuell? - Nein danke!) Sie meinten, mit diesem Button würden Heterosexuelle diskriminiert. … Bei einem Festival erklärte ein Jugendlicher zu diesem Button: “Das ist faschistisch!” … Eine ältere Frau meinte bei einem CSD, sie sei immer für Toleranz uns gegenüber gewesen. und jetzt würde sie von uns nicht toleriert.” (LusT)

Joachim S. arbeitet heraus, dass die Grenzen von Toleranz, Akzeptanz und coming out noch immer von “den Heterosexuellen” bestimmt werden. Mit solchen Beispielen wird auch klar, wo sie “uns Grenzen setzen”, respektive, wo sie unsere “Bedrohung” wahrnehmen!” Die Aufzählung diverser seltsamer Verhaltensweisen uns Lesben und Schwulen gegenüber zeigt, wie schwierig es ist, als öffentliche Lesbe, bzw. als öffentlicher Schwuler durch die Welt zu gehen, wie sie sich uns zeigt… Wenn sie uns schon mal tolerieren, wollen sie bestimmen, “wie weit ihre Toleranz geht. Sie wollen uns ihre Grenzen setzen. Es geht ihnen um ihr Gefühl, über uns zu stehen. Es geht ihnen um unser Gefühl, einsehen zu sollen, dass wir eben im Grunde unter ihnen stehen.” (LusT) Will sagen, wir dürfen die Heteros auch noch dafür trösten, dass sie uns nicht in völliger Freiheit diskriminieren dürfen!

Denn es ist schwer, von der absoluten Meinung, vom Bewusstsein, in einer absoluten Mehrheit zu leben, Abschied zu nehmen. Wer wüsste das nicht besser als Schwule und Lesben, die irgendwann einmal schmerzlich Abschied nehmen müssen, von der Zugehörigkeit zu dieser absoluten Mehrheit. Denn es bedeutet für Heteros die Relativierung ihres sozialen Wertbewusstseins und für Schwule die Akzeptierung einer “Wenigerwertigkeit”, die sowieso nicht zur Diskussion steht. Diese Diskussion wird genauso wie bei den Frauen verhindert. Peter Thommen (58), Schwulenaktivist, Kandidat für den Grossrat 2008, HLB

Mama, ich bin schwul - 2008!!! NDR 28 min. (siehe auch 2/3)

Homosexualität im Alltag - versteckt coh 14 min., 2006

Nachtrag: “Nicht, dass nun einer auf die Idee kommt, mich als Schwulenfeind abzustempeln. Ich habe viele sehr liebe, nette, schwule Freunde. Jeder nach seiner Fasson, aber bitte nicht in der Oeffentlichkeit!” Leserbrief im Tagesspiegel (Q: Gay West)

queer times ch - die jüngste

4. Juli 2008

Ausgabe Juli: Gstürm um Mister Schweiz und die Schwulen (nicht zuletzt warmgehalten von René M.! PT) - 9 Bewusstlose Gäste in Gayclub - In Zürich formt sich Widerstand gegen Europride09 - (erstmals) über die Basler Szene - Neues über den Mister Gay 2009-Event/Interview mit O. Eschler, Organisator.
Roger Markowitsch über die Qualitätsprüfungen in den Lokalen der vegas-web.ch - Mitglieder.

Ausgabe Juni: Kein Diskriminierungsschutz für Schwule in der Schweiz - Städtereisen: Wien - queerjump - das schwul-lesbische Internetfernsehen.
Roger Markowitsch von VEGAS beklagt die Kinderstube von Schwulen. Sie verunreinigen oder beschädigen Lokalitäten und Interieurs. Auch Rücksichtslosigkeit gegenüber anderen Gästen.

Ausgabe Mai: Interview mit Stefan Weiler, Mr. CH 2008, und mit dem seit 2004 “amtenden” Mr. Gay Sven Müller - Pressemitteilung von Pink Cloud über die Uebernahme durch Kuoni - Bericht über die neue Miss Dragqueen CH.
Roger Markowitsch von VEGAS hofft, dass die Europride09 die Homophobie aus Zürich vertreiben wird. Noch unklar ist, wie auch die anderen Städte etwas von dieser Gay-Grossveranstaltung abbekommen könnten! Und er betrachtet eine enge Zusammenarbeit der Gaybetriebe in der Schweiz als wichtig und unabdingbar für das Qualitätsmanagement und die Zukunft.

Ausgabe April: Diese Ausgabe enthält so viel Werbung, dass fast kein Platz ist für Texte… Es wird die Wahl eines neuen Mr. GAY angekündigt…

Ausgabe März: Die Adoption durch Homosexuelle in der Schweiz wird erneut zum politischen Thema gemacht. Aber da helfen wohl die Ratschläge für gesundes Bräunen auch nicht weiter… Schwule als Motor der Wirtschaft ist seit Jahren ein Thema – nicht nur in Fachzeitschriften.„Homosexuelle entdecken bevorzugt heruntergekommene Viertel, wie vor kurzem noch das Zürcher Niederdorf, diese werden dann mit gaykonformer Infrastruktur, Bars, Boutiquen oder Blumenläden überzogen. Was zeitverzögert urbane Heteros anlockt. Es folgen Spitzengastronomen und Edelshops, ganze Strassenzüge ändern so ihr Erscheinungsbild… Hausbesitzer vermieten ausgesprochen gerne an homosexuelle Paare, da diese die Wohnung sehr gut pflegen und angenehme Mieter sind… Kapitalstarke Gays mieten sich in neuen Wohnungen ein, die für mittelständische Familien unerschwinglich sind.“ (QT 3, S. 19)
An anderer Stelle schreibt Roger Markowitsch, Präsident der VEGAS: „Ich habe noch in keinem Monat von so vielen schwulen Männern gehört, wie in diesem Februar, die Schwierigkeiten mit ihrem coming out hatten, alte Freunde verloren, oder mit ihren Eltern nicht mehr klar kamen. Schwule, die unter Homophobie und Schikane leiden mussten. Alle denken, es ist heute viel einfacher und offener, es ist alles ganz easy.“ (QT 3, S. 9)

Nebst Informationen und Veranstaltungen finden sich Szene-Berichte, die den Partygänger interessieren. QT Schweiz  

Beleidigungen und Gewalt gegen Schwule

1. Juli 2008

RainbowLine 0848 80 50 80 ab sofort Meldestelle für homophobe Gewalt. 

“Über Gewalt gegen Schwule gibt es kaum Zahlen. Eine Umfrage in Deutschland zeigt: Nur gerade 12 Prozent der Vorfälle werden zur Anzeige gebracht. In der Schweiz können Übergriffe ab sofort der RainbowLine 0848 80 50 80 gemeldet werden.” (pinkcross)

Für die Geschichte der Gewalt gegen Schwule gibt es ein umfangreiches Zeitungsmeldungen-Archiv bei ARCADOS (50er-heute). (Siehe auch die Homo-Mordgeschichten!) Ich habe in Basel eine langjährige Erfahrung mit dem Thema. Eine Pressekonferenz wurde in Basel schon 1993 abgehalten, nach einer Serie von Schlägereien im Schützenmattpark. Diese Dokumentation über Ursachen und Hintergründe ist auch heute noch aktuell. Sie kann bei ARCADOS für CHF 10.- bestellt werden.

Auch für Angehörige der Armee gibt es ein Stelle: Psychologisch-Pädagogischer Dienst der Armee > Tel. 033 228 50 98 (Postgebäude PPD, 3609 Thun) siehe auch bei den schwulen Offizieren! 

Martha Emmenegger schrieb einmal im Blick, dass sie nach dem Beginn jeder Rekrutenschule einen ganzen Stapel Briefe zum Thema Homosexualität bekommen hat! ;)   Peter Thommen

“Besonders in der warmen Jahreszeit ist Gewalt gegen Schwule ein Thema. Die Schweizerische Schwulenorganisation PINK CROSS erhält Meldungen aus der ganzen Schweiz, aber nur vereinzelt. Rückfragen bei den Polizeistellen bestätigen: Anzeigen wegen homophob motivierter Gewalt liegen im Promille-Bereich. Alles, was nicht angezeigt wird, hat offiziell auch nie stattgefunden, und deshalb sehen die Behörden auch keinen Handlungsbedarf. Dabei dürfte die Dunkelziffer sehr hoch sein.

Maneo (http://www.maneo.de/), das schwule Anti-Gewalt-Projekt in Berlin, hat der Realität 2007 mit einer breiten Umfrage über Internet nachgespürt. Nicht alle gemeldeten Übergriffe betrafen körperliche Gewalt. Es ging auch um Beleidigungen, Drohungen und Nötigungen. Insgesamt blieben 88 Prozent der Vorfälle ohne Anzeige. Je heftiger der Vorfall, desto häufiger war der Gang zur Polizei. Aber selbst in Fällen schwerer Körperverletzung verzichteten 38 Prozent auf eine Anzeige.

Wer nicht wagt, bei der Polizei eine Anzeige zu erstatten, soll die Vorfälle mindestens RainbowLine mitteilen. Die Beraterinnen und Berater können zudem Fachstellen für Gewaltopfer vermitteln, einen Therapeuten suchen oder eine Begleitung für den Gang zur Polizei organisieren.  Bei akuter Gefahr die 117

Die RainbowLine 0848 80 50 80 ist Wochentags von 19 Uhr bis 21 Uhr bedient. Für Notrufe ist sie nicht eingerichtet. Bei akuter Gefahr muss ohne Zögern die Polizeinotnummer 117 angerufen werden. Wer sich von den BeamtInnen schlecht behandelt fühlt, soll auch dies weitermelden. Entweder der RainbowLine oder direkt an PINK CROSS. (Tel. 031372 33 00 info@pinkcross.ch) PINK CROSS wird dann mit der zuständigen Stelle Kontakt aufnehmen.

RainbowLine ist der Zusammenschluss der Beratungstelefone der Homosexuellen Arbeitsgruppen Bern (HAB), Basel (HABS), der Luzern (HALU), der Zürich (HAZ) und der Lesbenberatung Zürich. Wie die Trägerorganisationen selbst funktioniert auch die RainbowLine nur Dank ehrenamtlicher Arbeit, Mitgliederbeiträgen und Spenden (Konto 30-401519-1).” pinkcross, Bern

Bitte diese Info auch gerne: weiterverbreiten, aufs Web, an Freunde…

Die Siegessäule - queer in Berlin

29. Juni 2008

Im Juli: Queer gewinnt! - gemeinsam feiern, fighten, frei sein. Was bedeutet “queer”? - Wo geht eine Transe aufs Klo? - Yves ist tot - Was bin ich? XXY (Filmtipp) - eingeklebt die Queer City Map von Berlin. Reisen: Stockholm. -

Seit längerer Zeit gibt die Redaktion jeden Monat ein Thema vor, das kürzer oder länger präsentiert wird.

Im Juni “ganz oben”! Schwule die es geschafft haben, aufzusteigen. Wegen - oder trotz ihrer Orientierung. In der Bundesarchitektenkammer, in der Linkspartei, als Stadträtin, Studienleiterin, Filmemacher, oder Journalist. Natürlich wird auch sonst über Promi-Schwule und -Lesben berichtet. Ganz gross über Veranstaltungen, Kultur und hie und da etwas Geschichte. Filme, DVDs und Bücher sind immer enthalten. Bis zum Schluss gibts auch Tipps zum günstig und gut Essen und Trinken - rund um die Uhr…

Die Veranstaltungen und ein Stadtplan sind fester Bestandteil jeder Ausgabe. Die Siegessäule gibts in der Schweiz über ARCADOS, zu einem CHF plus 2.– Versand.

warum sind schwule zum csd so tuckig?

21. Juni 2008

(Zitat von Jan Noll, Siegessäule Juni)  “Zum CSD dürfen wir Judy Garlands Göttlichkeit drauf verwetten, dass es überall das gleiche Bild sein wird: Tausende von sektseligen Schwuppen werden unter gellenden “Huchs” und “Hachs” voguend und catwalkend wie eine Horde Teekännchen hinter den Wagen hertucken - vor allem die, die sich im Alltag eher dezent benehmen. Denn sind wir mal ehrlich: Nirgends benehmen sich Schwule tuntiger als auf dem CSD. Aber warum werden ausgerechnet an diesem Tag, an dem sich die schwullesbische Welt “der Oeffentlichkeit” präsentiert, alle Klischees besonders nachdrücklich aus dem Täschchen, ähm, Hut gezaubert? CSD e.V.-Vorstandsmitglied (Berlin) Jan Salloch glaubt, dass Gefühl von Geborgenheit hier eine grosse Rolle spielt: “Es stellt eine unglaubliche Erleichterung dar, wenn so viele Schwule und Lesben auf der Strasse sind. Man fühlt sich sicher, egal wie man sich aufführt.” In der Geborgenheit der Masse kann man mal so richtig auf die Puderquaste hauen.

Aber warum denn ausgerechnet mit tuntigem Verhalten? “Diese La-Cage-aux-folles-Rollenmuster werden wie ein sozialer Kodex weiter vererbt”, erklärt Diplompsychologe Harald Krutjak. “Gerade Minderheiten benutzen bestimmte soziale Kodizes, um Zugehörigkeit zu symbolisieren.” Schwule fühlen sich also zum CSD besonders tuckig auf, weil sie gerade an diesem Tag ihre Zusammengehörigkeit und ihre ganz eigenen Verhaltensmuster nach aussen tragen wollen. Und hier können sie es auch, denn die queere Parade mit Tausenden von Gleichgesinnten gibt nicht nur die Plattform, sondern auch die nötige Sicherheit. Hach toll! (Siegessäule vom Juni 2008) sh Text “gute Frage”!

Jan schrieb einen “süffigen” Text, an welchem sicher nur wenige Anstoss nehmen werden. Sogar als Tunte kann frau hier “über sich selbst lachen”… Aber kehren wir mal den Spiess um: Auch Heteros haben ihre “Walk-Veranstaltungen”! Betreiben wir Nabelschau: Als Beispiel die Fasnacht in Basel, die ein “Gefühl der Geborgenheit in der Masse” vermitteln kann. Morgens früh um vier Uhr, aber auch am Nachmittag, wenn Männer am Cortège so richtig auf die Pauke hauen dürfen, auch in Frauenkleidern rumlaufen, oder militärisch trommeln und pfeifen… Um dann das ganze Jahr wieder ganz brav mit der Angetrauten am Arm durch die Stadt zu spazieren. -

Doch wieso vergisst Jan die Heten? Vielleicht weil er sich eben an dieser Kultur orientiert. Er war offenbar nie an einer grösseren Sportveranstaltung. CSDs finden ja auch nicht in teuren Arenen statt - Fussballmeisterschaften aber sicher mehr als einmal pro Jahr! Gerade erlebe ich die Euro08 in Basel. Was wird da gegröhlt, gesungen und hektoliterweise Bierseligkeit gesoffen! Verbrüderungen auf offener Strasse, Pissereien an die Hauswände, usw. Ach das sind wohl “Kollateralschäden”? Ich will nicht schnippisch sein.

Mein schwuler Buchladen liegt scharf am Rande einer Fanzone. Eigentlich unauffällig in einem Altstadtensemble. Aber ich bereue es immer wieder, dass ich hinter dem Schaufenster keine Tonaufnahmen machen kann.

Nach plötzlichen Rufen des Erstaunens, der Erheiterung, oder des Spotts, wird “losgeschwuchtelt”, gegurgelt, gekichert, geprustet und so richtig die eigene schwule Sau rausgelassen… Ich frage mich des öfteren: Habens denn die Schwulen von den Heteros gelernt? Mit solchen “Auftritten” wird eben “really” die kollektive Moral steif gehalten! Am besten, indem mann vormacht, was keiner tun darf! :-P

Meistens finden solche “Durchbrüche” in Abwesenheit von Schwulen statt. Wir bekommens ja nie mit - ausser wir sind mittendrin als “unerkannte Klemmschwester”! Und die schweigen bekanntlich wie ein Grab.

Zurück in die Fussballarena. Dass Männer Tränen vergiessen dürfen, wenn das Vaterland stirbt, ist mehrfach historisch belegbar. Aber nach einer Niederlage (wo liegt er denn hin?) dürfen sich Sportler auch heroische Tränen für die Nationalmannschaft über die Wangen laufen lassen. Oder als Dramaqueens mit schmerzverzerrtem Gesicht im feuchten Rasen aufmucken.

Anderntags kann es die Welt - wie vergoldete Ikonen eingerahmt - auf den Titelseiten bestaunen! Wie schööööööööööön!

Nach dieser eindrücklichen Materialsammlung sollten Schwule ihre Hirnzellen aktivieren. Warum gibt es Verhaltensweisen, die Heten an Frauen geil finden, diese aber für Männer - oder eben das eigene Geschlecht - krampfhaft zurückweisen? Was hindert uns alle daran, nicht nur jeweils ein Teil von Männern oder Frauen zu sein, sondern uns auch wie beide verhalten zu dürfen, stammen wir doch von beiden ab? Irgendwann in der Kindheit mussten wir diese Ungeteiltheit aufgeben, weil sonst “Memmen” aus uns geworden wären. Nicht nur die soldatische Ehre verbietet uns das, nein auch das Fröilein im Kindergarten achtet bereits darauf!

Es lebe die sexuelle Klassengesellschaft! Und es funktioniert die biologische Einteilung zur Fortpflanzung. Was wäre noch spannend an der Heterosexualität, wenn es dieses Wertegefälle, dieses Mehrwertbewusstsein und die Pflicht, niemals in die untere - weibliche - Klasse zu fallen nicht gäbe? Und die Garantie, dass ein Aufstieg zu den Ungefickten der Oberklasse biologisch-ideologisch unmöglich ist?

Daher sind Schwule gleich dreifach diskriminiert: Zum einen, weil sie schwach und weibisch werden und ihre Männlichkeit in den Augen der Gesellschaft für einen “billigen Abstieg” verkaufen. Und zum Anderen, weil sie von den eigenen schwulen Männern zwanghaft noch verachtet werden. Und dann noch von sich selbst, durch die “angelernte Homophobie”:  - Denn “selbstverständlich” wollen Schwule in der Regel genauso wenig Frauen sein wie die Heterosexuellen auch!

Giovanni dall’Orto hat am Schluss eines Essays über das jüdische und das schwule Ghetto süffisant, aber intelligent angemerkt: (sinngemäss) Wer ist nun wirklich im Ghetto? Schwule die verstossen werden, aber sich frei AUCH im “gay-ghetto” bewegen können, oder die Heterosexuellen, die in ihrer Sexualität gefangen sind? Diese Kulturdiskussion müsste schon lange geführt werden. - Wegen der paar Schwuchteln? Die Heterowelt hat andere und wichtigere Sorgen…

Peter Thommen (58) Schwulenaktivist, Basel

zukunft einer “homosexuellen arbeitgsruppe”

16. Juni 2008

Viele sehr engagierte Aktivisten der “neuen” Schwulenbewegung aus den 70ern sind in den 90er Jahren an AIDS verstorben. Andere sind älter geworden und haben sich zurückgezogen. Daraus haben Jüngere den falschen Schluss gezogen, die Schwulen müssten sich jetzt nicht mehr gesellschaftlich und politisch “bewegen”. Arbeitsgruppen seien Geschichte. Jetzt sei “buntes Treiben” und Internet angesagt.

Dabei vergessen diese, dass die Reflexion über die eigene Sexualität und vor allem der Eintritt ins “Alter”, der bei Schwulen bekanntlich “schon” ab 30 beginnt, mit Mega-Parties und Internetkontakten nicht bewältigt werden kann. Sowohl ein klares coming out, als auch die Akzeptierung eines künftigen “Aelteren-Status” können nicht einfach umgangen werden. Die Altersdiskriminerung setzt früh und unerbittlich ein. Das sieht man auch auf Internetplattformen.

Und man stelle sich ein Leben vor, immer in Angst vor Aufdeckung, immer die Lust mit Angst und schlechtem Gewissen gekoppelt. Immer im Orgasmusstress, weil die Freundin gerade in den Ferien ist, oder weil mann sich von der Ehefrau “freigeschnorrt” hat.

Ganz zu schweigen von den vielen älteren Heterosexuellen, die oft auch als Bisexuelle in den Kontaktplattformen auftauchen, um “noch schnell” von dem schwulen Honig zu lecken, auf den sie bis vor kurzem - mangels Kommunikationsmöglichkeiten - verzichten mussten.

Da lassen die Ergebnisse aus einer Retraite (Rückzug zur Besinnung) der HAB in Bern aufhorchen! “Die internen und externen Schwerpunkte für die nächsten zwei bis drei Jahre standen nach intensiver Tagesarbeit fest..

Extern: Homophobie und Gewalt, Migration. Diese Themen sollen aktiv und gegen aussen sichtbar angegangen werden. Intern: Kommunikation und Vernetzung innerhalb und mit anderen Organisationen…

Die oben erwähnten Schwerpunkte wurden aus einer langen Liste diskutierter Themenschwerpunkte als wichtigste eingestuft. Ebenfalls diskutierte Themen waren: Schwule im Alter, Gesundheit/Prävention, Jugend und Schule, Politik”

Und denkt mal genau nach: Dies alles ist niemals zum finanziellen Nulltarif zu haben! Doch während es Kinderzulagen, Familienbeihilfen, Kindergartensubventionen, Schulmaterialien und Wohnungszuschüsse gibt, glauben die PolitikerInnen mit der “Hilfe an Aids” ihre Verpflichtungen schon alle eingelöst zu haben! Die obgenannten Ziele werden bis heute weitgehend aus eigenen Mitteln finanziert. Und wer hätte es gedacht? Schwule Gemeinwesenarbeit kann auch persönlich bereichern!

“Wer sich angesprochen fühlt und zu einem konkreten Thema aktiv für die schwullesbische Gemeinschaft wirken möchte, darf sich melden. Neben dem Engagement für akute, beachtenswerte oder denkwürdige Themen erwirbst du dir dabei auch Kompetenzen, die in Beruf und Alltag erfolgsversprechend sein können: Aktive Vernetzung mit Leuten des gesellschaftspolitischen und kulturellen Umfeldes, Erfahrung in Projektmanagement, Einblick in die Freiwilligenarbeit und eine Hand voll guter Freunde!” (HAB-info Juni, 2008, S. 4)

Richtig. Aber solches ist nicht für verklemmte junge, verspätetes coming out, oder “veraltete” Schwule nutzbar. Die bürgerliche Vereinzelung stellt noch ganz andere Probleme!

Eine “homosexuelle Arbeitsgruppe” braucht eine Politgruppe. Doch wo soll sie stehen? Links oder rechts? Und mit der Ausrede: “Weder noch, sie geht vorwärts!” ist auch kein Programm zu machen. Die historische “neue Schwulenbewegung” entstand im linken Spektrum mit der klaren Vorstellung einer sozialen Gemeinschaft, in welcher Minderheiten nicht “assimiliert” und “integriert”, sondern einfach akzeptiert werden. Anfangs der 70er Jahre war eine Diskussion über Homosexualität in einem linken Magazin aus Zürich übertitelt mit: “schwul, aber ein guter Freisinniger!” Bürgerliche mischten immer irgendwie mit, auch wenn sich die Oeffentlichkeitsarbeit links-engagiert präsentierte.

“Rosa muss sie aber allerdings schon sein. Das heisst: Die hab-Politgruppe äussert sich zu politischen Themen, wenn wir Schwulen und Lesben betroffen sind”, schreibt Daniel Frey (HAB-info, Juni, 2008 - Politschwestern? S. 10)

In den vergangenen Jahrzehnten ist das bürgerliche Politlager auch “schwulenfreundlich” geworden, nachdem sie bemerkt haben, dass auf der linken Seite KanditatINNen durchaus vom Volk gewählt werden. Vor allem bürgerliche Politiker (und solche Schwulen und Lesben) haben sich in der Vergangenheit für das Partnerschaftsgesetz engagiert, das früher für die Schwulenbewegung ein “hetero Tuch” gewesen war. Die bürgerliche Bundesrätin Ruth Metzler (CVP) hat sich für dessen politische Verwirklichung rosa Lorbeeren erworben. Das Gesetz wäre unter ihrem Nachfolger Christoph Blocher (SVP) sicher in einer Schublade verschwunden. Trotz aller “Angleichberechtigungsbemühungen” ans hetero Eheleben, unterscheidet es sich doch in wesentlichen Punkten. Und sei es auch nur in der fehlenden “ehelichen” sexuellen Pflichtvorschrift.

Als “sexuelle Minderheit” haben wir politisch einen grossen “heterosexuellen Block” gegenüber, der zwar einsichtigermassen die “Homoregister” abgeschafft hat, uns aber über die “Seuche Aids” weiterhin beargwöhnt (siehe Bortoluzzi und Konsorten - siehe unten!). Vor allem Informationen, die “von der Allgemeinheit” bezahlt oder bezuschusst werden, sind ihr ein Dorn im Auge!

Als meistens “von Eidgenossen Abstammende” haben wir, nebst den religiösen, auch kulturelle Minderheiten als feindselige Gesinnungsgegner zu beachten. Dabei wiederholt sich bei denen die gleiche Dynamik wie bei unseren Eltern: “Bei uns gibt es keine solchen Schwulen und Lesben!” Dies besonders in einer Diaspora, die “schon genug andere Probleme” macht.

“Rosa Politik” würde bedeuten, weder Anbiederung bei Linken und Bürgerlichen, noch pauschales Einspannen lassen gegenüber anderen Minderheiten. Diskriminierung kann immer auch gegenseitig ablaufen und jede soziale Minderheit muss lernen, auch mit ihren Minderheiten respektvoll umzugehen. Dabei kann jede tatsächliche oder vermeintliche Mehrheit oder Minderheit etwas dabei lernen.

AIDS ist eine Infektionskrankheit, die sich nicht um Minderheiten oder Lebensformen kümmert. Das beweisen die Zahlen aus den “heterosexuellen Verbreitungsgebieten” in anderen Teilen der Welt. Allerdings kann ihr mit klaren politischen Massnahmen auf den Leib gerückt werden, wenn es nämlich um Information und Handlungsanweisungen, sowie um fassbare Verhütung geht. Diese Massnahmen sind unabhängig von Ehe, Partnerschaft, Geschlecht und Lebensalter der sexuell aktiven Bevölkerung zu gestalten. Die Prävention muss für alle gleich und einsichtig sein. Unabhängig von Blut-Tests und “safer sex nach Absprache”! Auch unabhängig von der Weiterentwicklung von Medikamenten.

Wo es keine Selbstwertgefühle und kein Bewusstsein gibt, gibt es auch nichts zu schützen - auch nicht bei offen Schwulen. Es gibt nichts zu riechen, zu sehen oder zu hören - wie bei der Radioaktivität auch.

Aus allen Mehr- und Minderheiten gibt es also Männer, die (auch) mit Männern Sex haben. “Meist anonym, spontan und im Versteckten finden sexuelle Kontakte an einschlägigen Cruising-Orten wie z.B Autobahn-Rastplätzen oder in Parks statt. Mitarbeiter der AHbB sind auch hier präsent, klären auf und informierten unverblümt und direkt.” …

“Aufgrund von Budgetkürzungen beim Bundesamt für Gesundheit wurden die durch die Aids-Hilfe Schweiz disponierten finanzellen Mittel für die Male Sex Workers im Raum Basel gestrichen und auf die Grossräume Genf/Lausanne und Zürich konzentriert.” (AHbB, JB 2007, S. 10+11)

Um diesen politischen Massnahmen entgegenzuwirken braucht es mehr als nur eine handvoll offen schwule Politiker…   Peter Thommen (58), Schwulenaktivist, Basel

 

 

schwuler jahrmarkt auf dem schiff

15. Juni 2008

Anfangs Juni fand zum zweiten Mal die grosse gaybasel-party auf dem Schiff im Kleinhüninger Hafen statt. Sieben DJs, Queer Cinema Basel, klassische Musik und Grill-Würste waren angesagt. Das Datum für 2009 steht übrigens schon fest!

Mehr als tausend BesucherInnen bevölkerten die Decks und Relings. Darunter fand ich alte Bekannte, unbekannte Gesichter und vollauf beschäftigte Organisatoren. Sogar die Grossratswahlen warfen ihren Schatten voraus!

Dieses bunte Treiben bot Gelegenheiten, mit Freunden und Sympathisanten zu plaudern, um eingebildete oder wahre “Feinde” einen Bogen zu machen, schönen Jungs nachzuträumen und sich über älter gewordene Jungs zu wundern. Würdenträger kamen ohne Staatsweibel und Ministranten und vertrauten auf die Friedfertigkeit der GästeInnen. Vielleicht können wir auch mal einen Vertreter der Basler Polizei als Ansprechpartner an der Party begrüssen.

Dieser schwule Jahrmarkt gibt auch eine Übersicht über die Treff- und Vergnügungs-Möglichkeiten schwuler Männer und lesbischer Frauen in Basel und Umgebung. Organisationen, Vereine, Kandidaten hatten Zeit, sich um InteressentINNen zu kümmern und ihre Infos unter die Leute zu bringen. “Petit-Gay-Bâle” auf rosa Wellen, oder so…

Dieser Jahrmarkt der Eitelkeiten bot den Ausharrenden sogar eine Strip-Show zu später Abend- oder früher Morgenstunde. Barman Dominic aus dem Elle&Lui warf sich - nach mentalen Vorübungen - tapfer an die Stange! Leider fehlten die Schwestern der Perpetuellen Indulgenz (dt. des immerwährenden Ablasses) aus Zürich, die im Vorjahr ihren Kondom-Auftritt hatten! Allerdings waren die Aidshilfe und die Präventionsmanager nicht zu übersehen! Buntes Treiben - wie versprochen. Dazu liefen Bildschirme im Hintergrund und versorgten fussballsüchtige Gays mit den “wahren Bildern” und Ereignissen in der Heterowelt.

Der sich nun jährlich wiederholende “schwule Jahrmarkt” könnte zu einem Anlass werden, der auch fernere Interessenten anziehen wird! Und vor allem könnte das bunte Treiben vielen zögerlichen oder naserümpfenden Diven einen niederschwelligen Einstieg in die Gay Community bieten, wenn sie halt auch selber ein wenig von der Toleranz abkratzen würden, die sie auf den blauen und grünen Internetseiten immer reklamieren. Aber den meisten der über 2400 beim schwulen Einwohnermeldeamt angemeldeten Männern dürfte wohl der Schwanz in der Hand näher liegen, als das bunte Treiben auf dem Deck eines gurgelnden Schiffes. Peter Thommen