der schwulenpapst ist 60 geworden

2. Februar 2010

Im Sommer 1997 richtete das damalige gratis „Hetero-Gassenblatt“ Basler Bebbi seinen Focus auf die „Blüttler und Exhibitionisten“ am textilfreien Rheinufer im Kleinbasel. Weil ich mich in meinem schwulen Gassenblatt gegen diese Pauschalverdächtigungen über sexuelle Uebergriffe öffentlich gewehrt hatte, wurde ich am 12. August 1997 von Telebasel zu einer Diskussion am Lokalfernsehen eingeladen. Während der Diskussion wurde mir – ohne mein Wissen – dieser Titel mit einer Schrift unter dem Fernsehbild „verliehen“.

Während viele der „alten Säcke“ aus unserem Gesichtsfeld verschwunden sind, oder nur noch regelmässig an warmen Stränden Ferien machen, weil sie uns und sich untereinander nichts mehr zu sagen haben, bin ich ein „Untoter“ geworden, der „es einfach nicht lassen“ kann, immer noch mitzureden und zu schreiben. Zum Entsetzen einiger „Schrankhomos“, zum Erstaunen vieler Gleichaltriger, oder: „Der will ja doch nur mit mir ficken!“, denkt sich der eine oder andere Junghomo…

Früher sassen die „alten Säcke“ in einer Runde im Dupf oder im „Elle&Lui“, spendierten Colas und Biere für die Jungs, die – wie Theres Ollari 1988 in einem Interview mit Paul Imhof in der BaZ erläuterte – immer mal ein Sackgeld gebraucht haben…

Heute wird diese „Reihum-Prostitution“ als sexueller Missbrauch bewertet (siehe das Drama der Ex-Staatsanwältin Melzl mit den „Tierkreis“-Leuten vor einigen Jahren, das im Sande verlaufen ist!). Und obwohl auch mancher Junge von der finanziellen Unterstützung von Schwulen ganz schön profitiert hat. Da wo das Sozialamt und die Erziehungsheime keine Kässeli, oder Zimmer mehr hatten, da sprangen Schwule ein. Ob diese Abhängigkeitsverhältnisse schlechter waren, als diejenige in den Heimen und Arbeitserziehungsanstalten, müsste erst mal seriös überprüft werden!

Doch ich schweife ab in die Geschichte. Ich gehöre zu der Generation, die das nicht mehr so intensiv mitbekommen hat. Fürs Sackgeld sind Aemter zuständig und zu den Heimen gibt es längst Alternativen. So sitzen die „alten Säcke“ heute vor ihren Computern und lassen sich die Erotik und den Sex um ihren Bart streichen ;)   Immerhin hat das Internet gezeigt, dass es nicht nur Stricher für die Alten gibt, sondern auch Jungs und Männer, die ältere Schwule sogar bevorzugen. Wenn es die ach so beklagte „Pädophilie“ gibt, muss es ja auch die Gerontophilie geben – also junge Liebhaber von Aelteren - aber wer ist hier das „Opfer“? All diese Themen und Probleme haben sich ins Internet verzogen und „da schaut ja die Polizei zum rechten“ – so wie früher, als sie die Parks und Toiletten gezielt kontrolliert hat, um den Verderb der Jugend zu verhindern…

Die öffentliche Auseinandersetzung über unsere Situation ist dem Druck der wirtschaftlichen und sozialen Probleme gewichen, obwohl alles zusammenhängt. Aeltere Schwule haben AUCH gesundheitliche (nicht nur HIV) und finanzielle Probleme (Arbeitslosigkeit vor Pensionierung), aber keine Familie, die sie stützt. (Darüber gibt es schon Untersuchungen!) Aeltere Lesben legen oft ihre sexuelle Identität ab – sofern sie je eine lesbische gehabt haben – und verschwinden unter Frauen allgemein.

Daher machen sich heute einige Leute Gedanken, wie – nach dem Verschwinden einer gay community – eine Gruppe von Leuten institutionalisiert werden könnte, die sich um solche „Mitglieder“ kümmern! Wir haben ein Gesetz zur „Eingetragenen Partnerschaft“. Aber wir haben keine Handlungsanweisungen für dieses Zusammenleben, so wie die Heteros, die einfach das kopieren, was sie schon mal zu Hause hatten. Und während sich die Politik auf die Heterofamilien abstützt, gibt es keine „Homofamilien“ für Schwule und Lesben. Also die „späteren Folgen“ einer „Zweierkiste“ von Männern oder von Frauen sind gesellschaftspolitisch ungenügend abgestützt. Geschweige denn noch von einer „Partnerschaftsberatung“ wie die Familien- und Erziehungsberatungen…

Dankbar sind jene, die mit bis über 80 noch jährlich 3 Monate in Thailand verbringen, oder ganz in wärmeren Ländern leben können.

Erfahrung ist nicht alles im Leben! Aber sie hilft, die eigene Lage und diejenige von Anderen einigermassen einzuschätzen. Wie oft habe ich gesehen, dass junge Schwule immer wieder bei null anfangen müssen und daher nie bis zu einem eigenständigen Punkt kommen können, weil sie nicht auf eine Kultur oder das Wissen (Kopieren) von Anderen bauen können. Wer einmal den Eingang hinten gefunden hat, der glaubt sich schon bald am Ziel aller Wünsche – das möglichst fürs ganze Leben. Ihr wisst schon was ich meine!

„Bin ich ab 60 schon nichts mehr wert?“ fragte heute ein User auf gayromeo! In Würde alt werden kann nur jemand, der sich nicht aus dem Leben verabschiedet, sondern in der täglichen Auseinandersetzung und in einem Freundes- und Bekanntenkreis präsent bleibt. Jemand, der seine Sexualität nicht nur im linken grossen Zeh gelebt hat. Und jemand, der gelernt hat, seine Situation im Leben zu verstehen und auch zu verändern. Wohl wissend, dass er nichts mehr muss, sondern – älter geworden – „darf“.

Die Lebens-Veränderungen mit zunehmendem Alter sind auch in Fitnessstudios nicht zu übertünchen. Allenfalls gibt es noch Masseure, die helfen, dass sich einer spüren kann – oder dass einem lebenslangen Hetero mal ein Fremder an den Dödel fasst. Doch leider sind viele Schwule nicht mit der Zeit älter geworden und weiser. Nur die weissen Haare haben sie eingeholt. Wie bei den Heteros…

Es gäbe wohl tausend Enttäuschungen und Verletzungen aufzuarbeiten, oder wenigstens zu erzählen, um mit dem gelebten Leben zum Frieden zu kommen. Stattdessen hacken sich – ältere und mittelalterliche - Schwule in Chats und Foren gegenseitig auf Finger und Köpfe, um ihren Frust loszuwerden. Hier öffnet sich ein Bereich der Seelsorge, die nichts mit Religion, aber sehr viel mit dem heterosexuell befrauschten Leben und den homosexuellen Wünschen und Bedürfnissen zu tun hat! Dafür gab es früher die „Gesprächsgruppen“ der Schwulenbewegung als Alternative zu bürgerlichen Psychiatern und Psychologen.

Ich schliesse mit Bonbons aus der Erzählung eines über 85jährigen schwulen und tuntigen Coiffeurs, der erst beim Psychiater der Aushebung erfuhr, „was“ er war und der unbedingt die Rekrutenschule machen wollte, obwohl Homosexualität in der Armee damals noch verboten war. Der Anfang des letzten Jahrhunderts von seiner Mutter gefragt wurde, ob es mit 18 nicht Zeit für einen „Mann“ für ihn wäre und der erst spät erfuhr, dass schon ein Primarlehrer in sein Zeugnis hineingeschrieben hatte, dass er „homo“ sei. Bonbons, wie jene Episoden in der Freien Strasse, wo auf dem anderen Trottoir schon mal Ehepaare auftauchten, mit deren Mann er im Bett gewesen war. Während „die Alte“ sichtbar den Ellenbogen in dessen Hüfte rammte, um zu zeigen: „der ist jetzt so einer“, verständigte er sich mit diesem diskret „per Augenzwinkern“ über die Strasse…

Link zum Interview im Regionaljournal Basel 5.2.10

Peter Thommen, „Schwulenpapst“ und gerade 60 geworden (so schnell habe ich das nie erwartet und langweilig ist mir dabei nie geworden! ;)

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