zwar schwul – aber ein guter svp-ler…

01. Juni 2010

Ist die gay svp nur ein Pfahl im mütterlichen Fleisch, oder kann sie bei den sieben Vätern auch missionieren? (= eindringen)

Die vierzig wackeren Gründungsmitglieder sind davon wohl ebenso überzeugt wie die Gründer der „Homosexuellen Arbeitsgruppen Zürich“ im Jahr 1972. Letztere konnten damals schon auf ein sympathisierendes Ohr der NZZ und des Tagesanzeigers zählen…

Im linken Magazin „focus“ erschien 1973 eine öffentliche politische Diskussion unter dem Titel: „schwul – aber ein guter Freisinniger“. Die „bürgerlichen Schwulen“ waren nämlich schon am Anfang der öffentlichen Schwulenbewegung ein Thema. Doch hat es jetzt 40 Jahre gedauert – bis kurz nach Einführung der „Eingetragenen Partnerschaft“ als bürgerliches Lebensmodell, bis sie sich getraut haben, sich öffentlich in bürgerliche Parteien „einzunisten“. Um die SVP hat das natürlich Staub aufgewirbelt.

Ich bin 1973 zur Schwulenbewegung gestossen, über einen Artikel, den ich im linken Magazin „focus“ gelesen hatte. Ich zitiere diejenigen Punkte, die auch heute noch diskutiert werden müssen!

(1973) „In den politischen Parteien haben wir noch keine eigentliche Unterstützung gefunden, obwohl man annehmen sollte, dass eine so grosse Gruppe wie die der Homosexuellen ein gewisses Potential darstellt. Es gibt Gruppen, die viel kleiner sind als wir, für die setzt man sich ein.“

„Ich gehe vom sozialpolitischen Standpunkt aus, weil ich aus eigener Erfahrung weiss, dass viele Schwule aus katastrophalen familiären Situationen herauskommen, an denen unser herrschendes System Schuld ist. Ich unterstütze jede Organisation, die auch in der Beziehung dafür sorgt, dass ein Mindestmass vorhanden ist, der es dem Geringsten von uns ermöglicht, ein menschenwertes Leben zu leben.“ (Edi, SOH, in focus Nr. 43, Juli/August 1973, S. 8-15)

focus: „Das sind Forderungen, die so auch das fortschrittliche Kapital auf seine Fahnen schreiben kann, weil sie langfristig durchaus in seinem Interesse liegen.“ (Peter Baumann, focus Nr. 43, Juli/August 1973, S. 8-15)

Vielleicht erhellt nachfolgende Stelle Gründe für eine „verspätete bürgerliche Politisierung“ etwas mehr…

„Ich möchte da mal noch auf einen anderen Punkt zu sprechen kommen: Wir sind sehr progressiv im Reden. Dabei wissen wir aber ganz genau, dass unter den Schwulen der grösste Teil stock-konservativ ist, stock-konservativ erzogen wurde und sich auch stock-konservativ verhält. Vor allem zwei Dinge fallen da auf: Es gibt bei uns Typen, sagen wir mal Direktoren, die den ganzen Tag die Möglichkeit haben (und von dieser Möglichkeit auch Gebrauch machen) mal einen Linken, Langhaarigen aus der Bude rauszuschmeissen, weil der schwul ist, und die dann am Abend im Park genau diesen Gay aufreissen und der ihnen für die ganze Nacht recht ist. Zum anderen haben wir die Erfahrung gemacht, gerade in unserer Organisation, dass diese Direktoren und andere sogenannte “gutgestellten Leute” sich vehement dagegen sträuben, dass junge Leute da in den Club (hey, ehem. Nähe Bellevue, PT) kommen und etwas Neues zu machen versuchen. Daran sind sie nicht interessiert.“ (Erwin, SOH, in focus Nr. 43, Juli/August 1973, S. 8-15)

Je bürgerlicher also, desto „angepasster“ an diese Normen, welche „von Natur aus“ die sichtbare Homosexualität ausgrenzen. Das beobachte ich auch bei den Bisexuellen. Bis jetzt hat sich keine öffentliche Sichtbarkeit dieser „Sexualpräferenz“ ergeben. Die Metrosexualität ist nur ein modisches Klischee, hinter dem mann allenfalls seine homosexuellen Bedürfnisse verbergen kann. Wichtiger ist immer noch, als Hetero aufzutreten! Und als „halb-hetero“ ist er ja „noch nicht ganz verloren“… Bürgerlich gesehen ist eben Männlichkeit wichtiger als irgendwelche Formen von „Weiblichkeit“, die an Homosexuellen und in der Homosexualität (anale Penetration) vermutet werden. Mir ist in den letzten Jahren auch aufgefallen, dass Bisexuelle auch nicht bereit sind, das „Stigma“ mitzutragen und einen Beitrag zu leisten an einen Abbau der Diskriminierung. Wichtig aber auch, festzuhalten, dass Bisexuelle vor allem von (ihren) Frauen diskriminiert werden!

„Aber noch zur konservativen Haltung der Schwulen: Das hängt mit dieser Unsicherheit zusammen, mit dieser fundamentalen sexuellen Unsicherheit. Diese Zwangssituation im Ghetto führt im übrigen Bereich zu einer Ueberanpassung. Wenn man da etwas lockern kann im sexuellen Bereich, dann hört auch die Ueberanpassung auf.“ (Martin, HAZ, in focus Nr. 43, Juli/August 1973, S. 8-15)

Ich denke, der Zusammenhang ist richtig, aber die Schlussfolgerung hat sich bis heute als falsch erwiesen! Weder die Lockerung des „schwulen Ghettos“ (also auch seine Kommerzialisierung), noch die Lockerung der sexuellen Vorschriften haben die „Ueberanpassung“ an die bürgerliche Gesellschaft verhindert.

„Dass die meisten Schwulen im Moment überangepasst sind und eine konservative Haltung einnehmen, hängt damit zusammen, dass sie in allen Bereichen, wo sie nicht so vital betroffen sind – oder wo sie meinen, nicht so vital betroffen zu sein -mit den Wölfen heulen wollen und päpstlicher als der Papst zu sein versuchen, wenn die Leute dann nur wenigstens zur Haltung kommen: “Er ist zwar schwul, aber er ist ein guter Freisinniger.” (Michael, HAZ, in focus Nr. 43, Juli/August 1973, S. 8-15)

Die gay-svp beruft sich auf das Programm iher Väterpartei: Erstmal wird die Freiheit, die als Gegensatz zum Staat verstanden wird, gross geschrieben. Obwohl nicht die SVP unsere Rechte und Grundfreiheiten garantiert, sondern der Staat, an dem sie ja als „grösste Partei“ auch immer mehr teilhaben will… ;)

gay-svp: „Wir stehen zur Politik der SVP und unterstützen das Parteiprogramm vollumfänglich. Wir sind für die Ausschaffung krimineller Ausländer, sind gegen den EU-Beitritt und stehen ein für eine unabhängige Schweiz und ihre traditionellen Werte ein.“

Also genauso wenig wie die Heteros wollen sie sich überlegen, woher und warum „kriminelle Ausländer zu uns kommen und ob diese Migration vielleicht selbst mit verursachte, wirtschaftliche Gründe haben könnte. Und genauso wenig wie viele „Scheinehen“ können damit „Scheinpartnerschaften“ verhindert werden!

Unklar ist, was die traditionellen Werte der Schweiz sein sollen. Wahrscheinlich die Werte der SVP (ehemals Bauern- Gewerbe- und Bürgerpartei). Vielleicht sind sie aus dieser alten Bezeichnung ableitbar.

Die gay-svp unterstützt die Petition für die Adoption von Kindern durch gleichgeschlechtliche Paare – und das geht wohl am besten in einer eingetragenen Partnerschaft. Ok. Aber was soll dieser Satz: „Auch gleichgeschlechtliche Paare werden ihre Kinder somit eher aus dem Ausland adoptieren. Diese Kinder erhalten damit eine Chance anstatt auf der Strasse oder in schlecht geführten Kinderheimen in einer geborgenen Atmosphäre aufwachsen zu dürfen.“

Völlig übersehen wird die Tatsache, dass Homosexuelle aus schlecht geführten Kinderheimen wohl eher in der Lage sind, über die traditionell-heterosexuelle Familie hinauszudenken und die in „einer geborgenen Atmosphäre“ aufgewachsenen Homosexuellen wissen auch, dass sie mit ihrer Orientierung darin etwa genauso wie „auf der Strasse“ oder in einem „schlecht geführten“ Kinderheim aufwachsen“ durften… (Ich pauschalisiere absichtlich! Ihr wisst schon, was ich meine.)

„In vielen Ländern sind Homosexuelle Verfolgung und Bedrohung an Leib und Leben ausgesetzt. Wir unterstützen Bestrebungen, diesen Menschen mit allen unseren Möglichkeiten (Aussenpolitik, Förderungsprogramme, Aufnahme in der Schweiz) gezielt zu helfen und sie zu unterstützen.“

Das ist sehr lobenswert und in deren Heimatländern langfristig auch wirksam. Aber wer entscheidet, wer und wie viele davon „Aufnahme in der Schweiz“ erfahren dürfen? Es sind Heteros – und ich kenne keine der Stellen, in denen vielleicht irgendwo eine Regenbogenfahne steht, die signalisiert, dass auch Homosexuelle willkommen wären, denn homosexuelle Flüchtlinge werden – aus ihrer Erfahrung zuhause – mit ihrer Orientierung hier keine Flagge zeigen!

„Es ist unsere Überzeugung, dass der schleichenden Islamisierung unserer Gesellschaft entschieden entgegen zu treten ist. Die Intoleranz gegenüber Homosexuellen, welche vor Verfolgung bis hin zur Tötung nicht zurückschreckt, ist gerade in islamistischen Kreisen besonders stark. Und deshalb muss das Minarett, als Machtsymbol für die Unterdrückung Andersdenkender, verboten werden.“

Da kann ich als einheimischer evangelischer Schwuler nur meine Augen aus dem Kopf staunen, wie geschichtslos und ignorant die gay-svp gegenüber der eigenen christlich-katholischen Kultur und ihren Machtsymbolen mit Türmen, Kathedralen und sogar Glocken, ist. (Stichworte: Kriminalgeschichte des Christentums. Mormonen, Zeugen Jehovas und alle diese Jubelkirchen in den USA – und neustens auch in Afrika/Uganda!) Ich erinnere auch daran, dass alle die Gruppierungen wie „Homosexuelle und Kirche“ (HuK) in Jahrzehnten vielleicht Bewegung in die evangelische Kirche, aber keine Rasierklinge zwischen das Gestein der katholischen Kirche gebracht haben.

„Wir sind besorgt über Entwicklungen, die die traditionelle Familie bedrohen. Diese Initiative verlangt die Gleichberechtigung fremd betreuender Eltern mit solchen, die ihr Kind zu Hause aufziehen. Beide Familienformen sollen Anspruch auf Steuerabzüge haben. Auch als Homosexueller kann man für eine traditionelle Familie einstehen.“

Diese traditionelle – hier vor allem Klein- Familie, die ihr Kind zu Hause aufzieht, es vielleicht gerade noch zur Schule gehen lässt, aber sonst „gut behütet“, erlaubt es gerade NICHT, einem homosexuell orientierten Kind Alternativen zur Heterosexualität kennen zu lernen. Denn diese traditionelle Familie ist homophob und vor allem an der weiteren Fortpflanzung interessiert, damit das eigene Leben in die „Ewigkeit“ verlängert wird, wie es die Religion auch verspricht!

Unter diesem Aspekt ist die Behandlung der Homosexualität an Schulen eine lobenswerte Unterstützung der gay-svp, aber letztlich nicht im Interesse einer „traditionellen Familie“. Gerade, weil „fremd betreute“ Kinder auch mal Kinder aus „anderen Familien“ zu sehen bekommen, wären Erziehungsabzüge bei den Traditionellen keine wirkliche Investition in die „soziale Bildung“.

Mein Eindruck von der gay-svp ist eher einer von einem Pfahl im Fleisch, mit Konzessionen an verschiedene Werte, die auch das Selbstbewusstsein von Homosexuellen – gerade in der Familie – anfressen. Dabei wird Sexualität – in gewohnter typischer Art als „Privatsache“ erklärt, um die Widersprüche nicht sichtbar werden zu lassen – genauso wie bei den Heteros. Hier die Familie und dort die Langstrasse… Das Eine hat angeblich mit dem Anderen ebenso nichts zu tun, wie ein schwuler Direktor mit einem schwulen Angestellten. Erst beim Fick im Park oder der Sauna. Aber das haben wir doch schon 1973 diskutiert.

Die Erfahrungen mit schwulen Kandidaten auf hetero Parteilisten haben gezeigt, dass von ihnen mehrheitlich heterosexuell geprägte Politik gemacht wird. Da versickern schwule Anliegen gleich durch Anpassung – auch bei den Linken!! Und soll mir einer glaubhaft erklären, ob das Gesetz über die „eingetragene Partnerschaft“ unter Bundesrat Christoph Blocher (Justiz) bis heute jemals geboren worden wäre! Das habt Ihr vor allem der CVP und ganz persönlich der Ruth Metzler zu verdanken!

Peter Thommen60, Schwulenaktivist, Basel

Hier der Link zur focus-Diskussion 1973

Hier der Link zum Programm der gay-SVP

Hier der Link zur HAZ (Homosexuelle Arbeitsgruppen Zürich) auf  http://www.schwulengeschichte.ch

In der Suchfunktion kannst Du alle Infos darüber auflisten!

SOH (siehe auch in der Suchfunktion!)

und hier noch der Link zum Brief der Gaynossinnen and die gay-svpler

die heiligenbilder ehrlichkeit und treue

25. Mai 2010

Schon lange wollte ich darüber etwas schreiben. Kürzlich hatte ich wieder eine dieser typischen Diskussionen! ;)   Worum ging es? Um monogame Beziehungen und Treue…

Langsam komme ich meinen Reaktionen auf die Schliche! Und ich lerne, zu verstehen, warum es Leute gibt, die sich so gerne an diese Begriffe halten. Vorerst reagiere ich immer ablehnend und zurückweisend. Dies wiederum verstehen Andere nicht, weil sie ja „ihre Argumente“ auch einbringen möchten. Verständlich.

Nach Jahrzehnten der Erfahrung mit Schwulen und Heteros, sowie mit dem ach so hmhm Milieu, bin immer noch nicht bereit, Heiligenbilder an die Wand zu nageln. Andererseits sind viele Jungs dabei, sich an heterosexuelle Vorbilder zu halten, aber über die praktischen Konsequenzen dieser „Heiligen-Heterovorbilder“ nicht nachzudenken. Sie sehen jeweils auch nur an die Fassaden dieser Vorbilder, aber nicht durch sie hindurch. Dazu später mehr.

Ich gehe – übrigens schon sehr lange und seit den Anfängen der Schwulenbewegung – von praktizierbaren Verhaltensweisen aus. Mir ist wichtig, was für ALLE praktikabel und anwendbar wäre – und nicht, was Heilige und Mönche als Ideal propagieren! Alex Comfort, ein Engländer, schrieb mal ein Buch über eine „menschenfreundiche Sexualmoral“. Das war noch in den 70ern, der Zeit der menschen-feindlichen Religionsmoral.

In den Jahrzehnten vom Aufbruch bis zu Aids, wie auch in den Jahren des Internets habe ich eines von Männern und über die Homosexualität ganz klar gelernt: Die meisten wollen nicht schwul sein, aber Sex mit Männern haben. Viele haben ein niedriges Bildungsniveau – so 9. Schuljahr plus evtl. noch Lehre/Ausbildung. Aber dann stehen sie still. Wie viele Heteros auch, übrigens! Damit aber kann keineR einem „heiligen“ Vorbild nachleben – egal ob hetero oder homo!

Vielleicht denkst Du jetzt: Ach mann muss einfach Glück haben! Tja, wer baut sein ganzes Leben auf einem Glücksmoment auf??

Für eine hetero-orientierte, hetero-ideale, monogame Dauerbeziehung (Beim „Dauerfreund“ muss ich immer an einen Dauerkaffeefilter denken!) braucht es mehr als diese Grundlage! Gut, ich habe mich weitergebildet. In einem Sozialberuf. Anschliessend habe ich mich weiter-informiert. Dabei habe ich hinter Fassaden schauen können und ich habe – vor allem anhand der Sozialinstitutionen, gemerkt, dass diese Fassaden nur verlässlich funktionieren, wenn es „dazu noch“ Beratungsstellen, Einrichtungen, Hilfe, Renten, etc. gibt. Von alleine funktioniert diese Heterogesellschaft auch nicht. Und erst recht nicht die ach so vereinzelten und privaten Homosexuellen für welche „die Anderen ja nichts angeht“, was sie tun, oder wie sie orientiert sind. Das zeigt sich dann an den praktischen Lebensproblemen für homosexuelle Paare. Die werden einfach nur „heterosexuell verwaltet“, weil das Andere geht ja niemanden was an. Dafür gibt es bei den Heteros aber vieles für deren Kinder, was ja auch eine sexuelle Orientierung ausmacht, aber alle etwas angeht! ;)

Quentin Crisp, die grosse alte Tunte aus dem Vereinigten Königreich, die zuletzt in NY lebte und in einem Song von Sting verewigt wurde („An Englishman in NY“), redete in ihrer Biographie klar von den „Tatsachen des Lebens“. Und genau davon möchte ich auch immer wieder reden und schreiben. Nicht von den Aussenministern, den Präsidenten von Parlamenten, oder den Popstars, den Künstlern, Bischöfen, Päpsten und Genies! Da setz ich mich bewusst als „Schwulenpapst“ darüber.

Wir haben nun also ein heterosexuell orientiertes Gesetz über die eingetragene Partnerschaft „Gleichgeschlechtlicher“. Auch wieder so ein Wortmonstrum! Ich erinnere daran, dass in dem Gesetz nirgendwo ein Wort wie Sex oder homosexuell vorkommt. Auch schreibt es keine sexuelle Treue vor! Es hält sich also immerhin an eine Tatsache des Lebens! ;)

Ich bin nicht grundsätzlich gegen die eP, halte es aber für falsch, sein schwules Privatleben damit zu beginnen. Es sollte diese Möglichkeit für uns geben, in unserer Lebensmitte uns für eine Perspektive entscheiden zu können – sozial und materiell.

„Ehrlich und treu“ also wollen die vielen Junghomos sein – und es sogar auch versprechen. Die Absicht ist löblich. Aber was ist der tiefere Grund? Ich habe in Diskussionen mit Jungs viel Aggression erfahren, weil ich an diesen Begriffen „herumgezerrt“ habe. Letztlich ist mir klar geworden, dass vor allem das gesucht wird, was man selber nie in der Jugend erfahren hat, oder erfahren konnte. Will heissen: Nur wenige Jungs können in ihren Familien wirklich ehrlich sein und von ihrer Orientierung erzählen. Denn, würden sie dies einlösen, wäre ihnen ihre Familie, oder ihre Bezugspersonen nicht mehr treu! Tatsachen des Lebens! Diese Tatsache aber muss verdrängt werden und geleugnet. Denn im Grund wollten sie ja an ihre Familie glauben… Daraus hervor wächst ein Schuldbewusstsein, das völlig verkehrt und falsch ist!

Für Menschen, die nie eine Familie gehabt haben, mag es auch etwas Vielversprechendes sein, jemanden Treuen neben sich zu wissen. Und da mann nie eine Familie wie „die Anderen“ gehabt hat, möchte man es vielleicht jetzt mit einer homosexuellen „treuen und ehrlichen Beziehung“ versuchen. Aber wie in der Familie oben, schliessen sich allzu grosse Nähe und konsequente Ehrlichkeit und Treue meistens aus (Ausnahmen gibt’s eben nicht für alle!). Dazu mehr unten!

Wenn wir schon an Pfingsten sind, dann möchte ich erwähnen, dass gerade Jesus seinen Jüngern vorsagte, dass diese ihre Familien verlassen und ihr Hab und Gut zurücklassen würden, um ihm nachzufolgen. Jesus räumte auch auf mit der Vorstellung, dass wir unseren Eltern und anderen Vorfahren dankbar sein sollten für unser Leben. Er sagte einfach: Niemand kommt zum Vater, denn durch mich (Joh. 14,6). Durch den Glauben an einen „Freund“ also, wurde das Himmelreich „verdient“! Sehr un-heterosexuelle Tatsachen des Glaubens!

Wir müssen aus unseren Lebenszusammenhängen heraus erst stark werden können, um zu lernen, auch immer mehr ehrlich zu sein. Es nützt nichts, dies als Heiligenbild an die Wand zu nageln, oder in Profilen und auf Foren wie eine weisse Fahne (der Ergebenheit) voran zu tragen. Was ich sehe, so sind die meisten, die Ehrlichkeit in der Beziehung erwarten, dann gegen aussen und die Welt nicht mehr so ehrlich. Dafür wächst dann der Zwang in der Beziehung. Es geht nicht darum, einander zu betrügen, sondern einander auch ein Eigenleben zu lassen, um nicht in einer Beziehung zu verdorren. Keiner muss alles über den Anderen wissen, sonst hat man sich ja auch nichts zu erzählen. Aber wenn auch ein „unbekannter Raum/Bereich“ vorhanden ist, dann ist „die Beziehung“ wenigstens anders als die mit den eigenen Familienmitgliedern gelebte, über die man sehr viel weiss. Aber auch diese sagen einander nicht alles ehrlich, sonst würde diese Klein-Familie als Organisation auseinander fallen! Eine zwiespältige Praxis also, diese Ehrlichkeit. Tatsache des Lebens ist: Wir müssen lernen, sie umsichtig zu verwalten.

Viele vergessen beim Begriff der Treue, dass er auch Abhängigkeit bedeuten kann. Vor allem wenn es um sexuelle Handlungen geht, die man dann nur noch mit einer Person ausführen soll… Du erinnerst Dich sicher noch an Deine Kindheit und Jugend, wo Deine Sexualität völlig von Dir allein abhängig war. Du hattest vielleicht längere Zeit niemanden, mit dem Du Lust erleben konntest. Dann war vielleicht das erste Erlebnis so überwältigend, dass Du quasi gleich „lebenslang“ darauf abfahren wolltest. Damit hast Du auch erkannt, wie zentral die sexuellen Erlebnisse – besonders für junge Männer – sind. Und wie bei der Ernährung auch, ist es bei emotionalen und sexuellen Erlebnissen wichtig, Abwechslung und “Relation” zu haben und zu erkennen, dass nicht ein einziger Mensch alle Deine Bedürfnisse lebenslang befriedigen kann. Mütter tun dies ja auch nicht! Das wäre eine Selbstüberschätzung und gegenüber den Anderen eine Anmassung. Ich meine jetzt nicht die anfängliche Treue, die in der “Uebereilung der Gefühle” (alter Ausdruck für Verliebtheit) keinen Platz mehr lässt. Da ist die sexuelle Treue noch kein Thema. Erst da, wo mann wieder auf die eigenen Beine kommen soll! ;)

Männer, die in einer grösseren Familie aufgewachsen sind, haben auch ihre Lieblingscousins und Lieblingsonkels gehabt, die sie sich quasi selber gewählt hatten. Ohne es zu merken, haben sie ihren Horizont erweitert und das Fehlende ausserhalb der eigenen Kernfamilie gefunden. Dies fehlt völlig in der modernen Kleinfamilie. Gerade die Homosexuellen können unter sich ideale Familien bilden (oder Gemeinschaft), die sich nicht nach Enttäuschungen in Beziehungen richtet, sondern nach den guten und lockeren Kontakten, die man gerne hat. So pickt man sich wie ein Hahn (ahem), die nötigen Körner zusammen, die man im Leben braucht. Dazu können auch ehemalige Geliebte, oder ehemalige „Superficker“ gezählt werden. Und es muss nicht immer Sex sein…

Dazu braucht es die Erkenntnis, dass nicht jeder Kontakt anschliessend in den Abfallkübel geworfen werden kann, denn Erfahrungen – gute und schlechte – schleppen wir als Rucksack mit uns durchs Leben. Auch in jede neue Beziehung hinein!

In den Auffassungen von Treue und Ehrlichkeit, sollten wir nicht in Fundamentalismus verfallen, sondern auch diese „Ideale“ nach praktischen und sozialverträglichen Gesichtspunkten „verwalten“.

So entstehen also Denkmuster von Moral und Gesetzen. Ich sehe viele, die an irgendwelchen Idealen scheitern und sich an ihrem Erreichenwollen verzehren, oder kaputt gehen. Indessen gäbe es Möglichkeiten, es anders zu versuchen, einfachere Strukturen zu leben und AUCH glücklich zu werden – ohne den Richtigen, den „verheissenen Messias“, den Allesproblemlöser. So wie wir Menschen es ja auch tun, seit Tausenden von Jahren neben den Religionen – aber auf eigene Verantwortung! ;)

Peter Thommen60, Schwulenaktivist, Basel

penta – 50 – pfingsten

24. Mai 2010

Fünfzig Tage nach dem geglaubten Tod von Jesus versammelten sich seine Jünger in Jerusalem, um den Jünger Judas per Losentscheid durch Matthäus zu ersetzen. Bei diesem Anlass soll es gewaltig durch die Luft gerauscht und der heilige Geist sich herabgesenkt haben. (Apg. 2, 1-13)

Diese Geschichte vermittelt uns vor allem Bilder, die uns beeindrucken sollen. So kennen wir auch symbolische Begriffe wie „es rauscht im Blätterwald“, wenn sich viele Personen deutlich vernehmen lassen. Oder denjenigen von der „flammenden Rede“, wenn jemand leidenschaftlich spricht. So war es auch damals, in einer Zeit der noch nicht existierenden Naturwissenschaften, der Angst vor vielem Unerklärlichen, wie Donner und Blitze.

Unerklärlich war auch das Erscheinen Jesu nach seinem Tod gewesen. Es hatte die Gefühle der Jünger wieder angestachelt. Wir Schwulen kennen das, wenn eine Beziehung abgebrochen wird und der ehemals Geliebte wieder unsere Wege kreuzt. Es entsteht wieder diese Wärme, die uns an unsere Leidenschaft erinnert – und da sie nicht erfüllt wird, uns Schmerzen bereitet. Einige reden dann schlecht über ihn in der „Szene“, oder sie ziehen sich einfach wieder zurück in ihr Schneckenhaus. Oder sie erzählen von ihren Gefühlen nur ihren engsten Freunden.

Ich schreibe dies hier, weil ich voraussetze, dass so etwas den meisten LeserINNEn dieses Textes bekannt sein dürfte. Wie damals den „beteiligten“ Jüngern ihr gemeinsam Erlebtes ja auch. Heute bleibt uns allein der Glaube daran. Zeitzeugen gibt es nicht mehr.

Die Zunge ist das Symbol für das systematische Sprechen der Menschen untereinander. Die Jünger kamen ja aus verschiedensten Gegenden und Sprachregionen, verwendeten aber untereinander eine gemeinsame, allgemeine Sprache. Ihre Gefühle bei der Zusammenkunft waren wohl so intensiv, dass sie in ihre Dialekte zurückfielen und einander trotzdem grundsätzlich verstanden. Die Leidenschaft ist eine universelle Sprache. Auch die Liebe, also das Gefühl der Gemeinsamkeit und des gegenseitigen Verständnisses braucht eigentlich keine Worte, nur die „gleiche Wellenlänge“! Gemeinsam Erlebtes und Erinnertes kommt oft in Redeschwällen und ungebremst heraus, also wie bei einem Betrunkenen. Das wurde damals auch von Anderen so wahrgenommen… (2010)

Der Geist, der uns das Heil bringen soll! (1997)

Pfingsten ist bekannt als das religiöse Ereignis der „Ausgiessung des heiligen Geistes“. Es gab da ein paar Flämmchen und ein paar Zungen und alle redeten durcheinander und verstanden sich trotzdem?

Ich nehme mal den Geist vor, den ich nicht als schwebendes Wesen oder abgehobenes Lüftlein betrachte, sondern als die „Verständigung (Kommunikation) unter Menschen schlechthin“. Geist ist die Energie und Wärme, die physikalisch nicht beschreibbar ist. Geist ist eine Wellenlänge ohne die Menschsein unmöglich wird. Geistige Energie verbindet uns und bildet vielleicht die Göttlichkeit, die viele „im Himmel“ suchen! Vielleicht haben wir unseren Gott doch nach unserem Ebenbild erschaffen?

Mit dieser Energie transportieren wir Wissen und Werte, Gefühle und Zärtlichkeit, Hass und Begehren, Gleichgültigkeit und Liebe.

Feuer ist immer Symbol für Sexualität/Körperlichkeit. Darum bezeichnet man Schwule ja auch als „Warme“. Wir haben die Wärme, die andere Männer nicht haben und diese spüren das offensichtlich auch.

Die Zunge ist eine Art der Verständigung, die aber als beschreibendes Instrument für unseren Geist und unsere Empfindungen niemals ausreicht. Unser Körper also ist ein Gesamtinstrument, mit dem wir Gedankliches/Geistiges ausdrücken können und nicht nur Kot, Schweiss, Blut, Tränen, Gerüche und Kotze ausscheiden… *

Ich will das „Heil“ vom Heiligen befreien und als Ganzheitlichkeit beschreiben. Wenn wir mit uns selbst übereinstimmen und uns ganz so geben, wie wir sind, dann sind wir heil (im Sinne von „heile heile säge…“). Dazu müssen wir uns interessieren, was wir selbst mitbringen. ZB homosexuelle Bedürfnisse nach andern Menschen und nicht Abspaltung in Subkultur und „saubere“ Gesellschaft.

Heil/ganz machen uns Strebungen, die aus unserem Inneren kommen und nicht ein Mensch, eine Droge, ein Guru, ein Führer („Ein Reich, ein Heil, ein Führer“), ein Gott.

Heil macht uns nichts, das uns vollkommen ausfüllt, erfüllt und damit entfremdet von uns selbst. Weder eine Arbeit, eine Familie, ein Hobby, oder eine leidenschaftliche Beziehung. Immer mit Betonung auf „eins“.

Wenn wir uns ausfüllen lassen – von Flüssigkeiten, Drogen, Gegenständen oder Bildern – von einem Schwanz, dann verlieren wir uns in etwas fremdem, schönem, supergeilem, letztlich Unerreichbaren oder Vergöttlichtem, ausserhalb – wir sind nicht mehr bei uns selbst!

Wir müssen uns auffüllen mit unserem Selbstbewusstsein, mit der Fähigkeit uns zu akzeptieren und aufrecht zu gehen – nicht auf Kosten anderer, das unterscheidet uns von kleinen Kindern. Viele aber wollen ewig kleine Kinder sein, angewiesen auf Hoffnungen, Sehnsüchte, abhängig von Versorgung mit Sexualität, mit Lebenswichtigem, von einer „Mutter-Person“.

Die Heilungskräfte aber schlummern in uns selbst, in unserem Körper und in unserer Sexualität/Homosexualität. Finden wir zu ihr und zu uns, dann werden wir „warm“. Wir sind bei uns selbst. Wir strahlen das ab, was in der Religion als dürftiger goldiger Heiligenschein, fälschlicherweise oft nur um den Kopf, dargestellt wird.

Andere Menschen können uns wecken – aber sie können niemals für uns leben und wir dürfen solches auch nicht von ihnen erwarten – wie das Kind es von seinen Bezugspersonen erwartet. Solange wir „schlafen/tot sind“ oder einen „Panzer“ tragen, wie dies Wilhelm Reich formuliert hat, werden wir uns immer nach Heiligen sehen, die uns erlösen sollen. (heilen Männern)

Schwule sehnen sich nach schönen Männerkörpern wie andere nach den goldigen Locken Marias, nach einem „Dauerfreund“ wie nach Mamma, oder nach einem grossen starken dunklen Mann (Quentin Crisp), der besser ist als sie selbst – und sie aus ihrem kindlichen Wesen („Dornröschenschlaf“) erlösen soll. So können wir niemals zufrieden sein, Frieden finden und andere Menschen so akzeptieren, wie sie sind.

Die Männer an Pfingsten konnten einander verstehen, weil sie so frei in sich selbst waren wie Jesus dies vorgelebt hatte – behaupte ich jetzt einfach ganz frech! Sie spürten sich in der Wärme ihrer Leiber und der Zufriedenheit ihres Geistes. Daher konnten sie einander verstehen, obwohl sie in sogenannten fremden Zungen miteinander redeten.

Sexualität und schwule Empfindungen müssen gelebt werden und nicht abgestellt werden – vierundzwanzig Stunden am Tag! Frauen sind auch den ganzen Tag und die Nacht durch Mütter… Schwule Leidenschaften aber sind offenbar als durchgehendes Lebensprinzip für 24 Stunden, Wochenende für Wochenende, 7 Tage in der Woche, oder Jahrzehnte im Leben, untauglich…

Im Ofen ist immer auch eine Zeit der Glut, des ruhigen Schwelens (dies auch eine Wurzel des Wortes schwul) und nicht der verzehrenden Leidenschaft.

Peter Thommen   (SENF 6. Jg. Nr. 20, 16. Mai 1997)

(* Interessant übrigens, dass „menschliche Ausscheidungen“ zusammen mit genitaler Sexualiät per Gesetz als „harte Pornografie“ definiert wurden. Während wir vögeln, dürfen wir allerdings singen, fluchen, fauchen, schnaufen, schreien und furzen…!? )

50 Zahlensymbolik: Fünfzig wird in der Bibel sehr positiv betrachtet, als Zahl der Freude: Der fünfzigste Tag nach Ostern (ursprünglich nach Erntebeginn) als fröhliches Erntefest bestimmte die zeitliche Festlegung des Pfingstfestes (pentekoste) nach Ostern und auch dessen Freudencharakter. Jedes fünfzigste Jahr (siebenmal sieben Sabbatjahre + eins) war ein Jubeljahr (Halljahr), in dem die Sklaven wieder freigestellt, die Schulden erlassen, die Felder nicht beackert und die verpfändeten Äcker und Häuser zurückgegeben wurden. (nach kunstdirekt.net)

1. Mai: Komm, gehen wir Kapitalisten ficken!?

27. April 2010

Vor einiger Zeit las ich über den Sigmund Freud, den Begründer der Psychoanalyse, dass er “auch nur ein Kind seiner Zeit” gewesen sei, die den Kapitalismus heraufkommen sah und die Produktion zur Pflicht machte. Einerseits Produktion von Waren oder Maschinen, andererseits Produktion von Menschen, die diese bedienen konnten. Beides natürlich zu billigstem Lohn-Preis!

Wie steh ich nun als Schwuler da? Ich erinnere mich an die Sendung TeleArena des Schweizer Fernsehens vom April 1978, in welchem ein Mann in braunem Anzug vorwurfsvoll in die Runde sagte: Sie machen nicht mal dem (Bundesrat, Militärdepartement) Gnägi einen Sohn! Damals war noch “Kalter Krieg” und Schwulsein im Militär verboten!

Es war noch die Zeit der “Saisonniers”, also von männlichen Arbeitskräften, die monatelang ohne Familie und Frauen in die Schweiz kamen, um “Gast-Produktionsarbeiter” zu spielen. Ende Jahr durften sie jeweils für drei Monate “nach Hause”, um ihre “sexuellen Produktionspflichten” zu erfüllen!

Damit möchte ich auch dieses Jahr wieder den Sexualaspekt in die Arbeitswelt einführen. Er besteht eben nicht nur aus “Mutterschaftsurlaub” und Betreuungsstätten für die Kinder der Arbeiterinnen. Aber damit geben sich die meisten Heten schon zufrieden…

Das Wort “ficken” ist nicht nur ein beliebtes und offiziell “vulgäres” Wort – übrigens nicht nur unter Männern -, sondern es imaginiert jene Machtverhältnisse in unseren Köpfen, mit denen es sich mechanisch “eindrückt”! Während die heterosexuelle Sprechweise sich hinter harmlosen Wörtern wie “Mutter werden” – “in der Hoffnung sein” versteckt, ist es bei einem Mann, der seinen Lebenspartner auch nur erwähnt, sehr schnell zur Stelle! Ficken produziert – lange vor der Fortpflanzung – schon Wirkungen und Lebensweisen, die sich sowohl privat, als auch in der Wirtschaft auswirken. Was in romantisierten Beziehungen und in geschlechtsunterschiedlichen Familienangehörigen und sozialen Gruppen wirkt, hat seine Entsprechung auch in der Oekonomie. Sei es die Geldwirtschaft, die theoretische Werte bis zu Unkenntlichkeit zusammenpappt, um ihnen dann den Stempel (ahem!) “subprime” aufzudrücken und diese dann zu “romantischen Preisen” zu verdealen. Sei es die Warenwirtschaft, die den Verkauf in immer grösseren Firmen organisiert, um die neuesten Produkte zu “romantischen Preisen” anzubieten, um noch mehr Gewinn zu machen und schon die Kids mit ihren “Labelprodukten” zu ködern…

“Gefickt” werden auch ganz bestimmte Gruppen von Arbeitskräften, indem sie die Macht des Marktes und der Globalisierung zu spüren bekommen. Nicht nur der “gewöhnliche Arbeiter” oder die Schwarzarbeiterinnen und “Sanspapiers” spüren den ökonomischen Druck und den Zwang, “entwertete – also abgelaufene – Produkte” in Billigläden zu kaufen. Auch die studierten und gut Ausgebildeten können sich nicht mehr sicher sein! Denn die Wirtschaft verändert sich unter dem Globalisierungsdruck so rasch, dass weder die “höhere Geburtenrate” bei der Produktion, noch die Anpassungsappelle durch Weiterbildung genügen können. Es ist also überflüssig, diesen traditionellen Möglichkeiten Vorbildfunktion zuzuweisen. Schnell werden für einen “Turm zu Babylon” in Arabien, oder den NEAT-Basistunnel unter der Schweiz riesige Kontingente – vor allem an Männern (ohne ihre Frauen!) gesucht. Ganz zu schweigen von den AusländerInnen, die über längere Zeit in fremden Städten und Kulturen wohnen und arbeiten müssen, möglichst mit einer Beziehung oder gar einer Familie. Oder für ein Chemieprojekt für eine Impfproduktion müssen schnell Menschen angestellt werden, die kurz nachher wieder “frei” sind, weil ja alles einmal ein Ende hat! In der abgelaufenen Zeit haben viele ProjektmitarbeiterInnen den Anschluss an die technologische Entwicklung schon wieder verpasst und oder müssen wieder einen neuen Job finden.

Es schiene theoretisch sogar, homosexuell orientierte Menschen würden unter diesen Bedingungen profitieren. Aber die gesellschaftlichen und ökonomischen Machtverhältnisse, der stete Wechsel und die persönliche Unsicherheit, zeigen sich auch innerhalb des gleichen Geschlechts. Und dies eben nicht nur an der grossen Reisefreudigkeit der Einkommensstarken. Unsere Wirtschaft drängt die Menschen mit dem Argument der Globalisierung noch mehr in die Vereinzelung. Statt ein Sportverein kommen Fitness-Studios zum Zug, die es ja überall auf der Welt gibt. Die Frauen sind nicht nur mit der Konkurrenz der Männer konfrontiert, sie stehen selber in Konkurrenz zu ihnen – in der Arbeitswelt. Der Heterror der heterosexuell geprägten (“produktiven”) Wirtschaft und Kultur hat längst auch die Homosexualität und die Schwulen vereinnahmt. Dieses System “fickt” uns!

Auch die private penetrationsbetonte Fickerei birgt seit über zwanzig Jahren gesundheitliche Gefahren. Der Anus ist der Ort der meisten Infektionen mit HIV. Auch hier regiert die Konkurrenz unter den Männern: Die einen wissen gar nicht, dass sie infiziert sind, die Anderen finden ungeschützten Sex gerade am geilsten…

Diese Unterwerfung unter “den Zufall” drückt sich heute in der resignierten Präventionsbotschaft “Risikomanagement” aus. Oder primitiver gesagt: Jeder ist seines eigenen Unglückes Schmied. So ist die vielbeschworene “Gay-Community” mit der verantwortungsvollen Solidarität schnell gestorben. Und auch hier spielen sie unter Männern das hetero Spiel mit der Schuldzuweisung – nachher. Immer wieder gibt es Gerichtsverfahren über Ansteckung auf der einen Seite, und über die Verteidigung der Rechte von HIV-Positiven auf der anderen Seite. So wie wir das auch zwischen Mann und Frau kennen.

Wir ficken niemals ausserhalb der Gesellschaft, wir (lassen) ficken – mittendrin!

Wir hätten Aussicht gehabt, eine andere Sexualkultur zu entwickeln. AIDS hat uns weggefegt. Erst mit dem Tod, dann mit der “Konkurrenz um den Virus”. Das Ueberleben mit HIV und AIDS hängt von der Wirtschaftskraft jedes Einzelnen und von der Solidarität untereinander ab. Ob die Krankenkassen weiterhin bezahlen werden, ist nicht garantiert. Und so einfach “weiterleben” mit HIV und AIDS ist tückischer als die meisten glauben. Denn die Pharmaindustrie verspricht uns immer mehr: Auch mit HIV lässt sich gut und gesund leben. Klar gegen Bares. Aber auf der einen Seite verlangen Lebensversicherer einen HIV-Test – und auf der anderen Seite sind Infizierte eine lukrative Zielgruppe, die intensiv in gay Magazinen beworben wird!

Darum lasst uns Kapitalisten ficken gehen, bevor sie neue Finanzpakete schnüren für die Börsen!

Peter Thommen60, Schwulenaktivist, Basel

Lafargue: Das Kapital ist Gott (Besprechung im Deutschlandfunk)

2009 Keine Schwulen am Tag der heterosexuellen Arbeit!

Texte 1996-1998

WETTBEWERB! “Lieber ein warmer Bruder als ein kalter Krieger!” Wer hat diesen Satz gesagt? Unter den Teilnehmern werden 5 Porno-DVDs – oder wahlweise ein Buch innerhalb CHF 30.- – verlost! email an bestellung@arcados.com   Genaue Adresse wird nur von den Losgewinnern verlangt!  Peter Thommen

ficken, ficken, fallen lassen

12. April 2010

Vor einiger Zeit befand ein Weltwoche-Journalist, “die Gesellschaft” würde immer mehr von Schwulen „homosexualisiert“. Ich weiss nicht, wo ihn der Aff gebissen hat, jedenfalls war es kein schwuler – aber ein homophober! :P

Doch nun zum Ernst der Sache! Wer wird hier wie sexualisiert? Meine Beobachtungen und Erfahrungen sind zwar nicht repräsentativ – aber symptomatisch. Immerhin bewege ich mich seit gut 10 Jahren im Internet, das die aktuellsten Informationen und Diskussionen anbietet.

Ich bin nie ein Analerotiker gewesen. In meiner Jugend behaupteten auch die meisten Homosexuellen, dass sie „so was“ nie tun/lassen würden. Alles Lüge! In 40 Jahren Erfahrung habe ich lernen können und müssen, dass eigentlich Männer die Homosexualität quasi gleichsetzen mit Arschficken. Spätestens seit 30 Jahren ist es aber offensichtlich: Der Anus ist immer noch der gefährlichste Infektions-Ort für HIV. Und es ist nicht zu leugnen, dass die anale Penetration vielen Männern und Schwulen genauso „heilig“ ist als sexueller Tummeplatz, wie sie für die katholischen Kirche eine todeswürdige Sünde darstellt.

Der Arschfick ist sowohl den Heteros eine würdige Alternative zum vaginalen Koitus (mit jahrhundertealter Verhütungswirkung), als auch vielen homo- und bisexuellen Männern eine hetero-ver-gleichs-wertige Sexualpraktik. Sogar die historische Psychologie findet, die (vaginale) Penetration sei zugleich End- und Höhepunkt der psychosexuellen Entwicklung eines Menschen. Daher wurden auch andere Sexualpraktiken immer entwertet oder gar verboten, obwohl die Realität und die Sexualforschung gezeigt haben und weiterhin zeigen, dass die „Missionarsstellung“ zwar für die Fortpflanzung unersetzlich ist, aber für den Genuss weit herum nicht als einzig gilt.

Das Thema schlich sich gerade heute wieder in ein Gespräch beim Coiffeur ein, wobei ein 30jähriger Italiener bemerkte, dass es „da unten“ ja auch dreckig sei. Tja, für die Vaginalhygiene sind natürlich die Frauen verantwortlich und in früheren Jahren habe ich mich auch immer wieder gefragt, wieso Mütter, Freundinnen und Ehefrauen stinkende Pimmel und Phimosen bei den Boys und Männern einfach so akzeptiert oder „übersehen“ haben. Da bleibt wohl dann für den Darm und den Anus keine Zeit mehr übrig… Wer wird hier wie sexualisiert? Eben!

Nicht zu übersehen ist in den letzten Jahren der „Andrang“ von Hetero- und Bisexuellen in die Kontaktplattformen der Gays. Etwa 30 % beträgt der Anteil der „offen deklarierten“ Bi-User da drin und für die Klemmer, die nichts angeben, dürfen wir ruhig noch 20 % dazu rechnen, ohne unrealistisch zu sein. Wir Schwulen ficken also schon lange mit vielen Heteros und Bisexuellen herum. Aber dies wird von Schweigen gedeckt – wie in der katholischen Kirche. Diese Normalos tragen auch ihre Vorstellungen vom „richtigen Sex und Fick“ hinein in unsere „Szene“ – dokumentiert in Profilen und Foren im Internet!

Ich bin dagegen, dass alle Männer, die irgendwo und irgendwie einen anderen Schwanz in die Hand nehmen, den „Schwanz blasen und ficken lassen“ (alles nur aktiv – wie der hier zitierte „Yugo“) als Schwule gezählt werden. Genauso irreführend sind die Zahlen über die angeblich 95 % Heterosexuellen in unserer Gesellschaft! Homosexuelle Handlungen sind ein integrierender Bestandteil der heterosexuellen Kultur. Und keiner wird zum Schwulen, nur weil er einen Anderen bläst oder sich etwa gar ficken lässt! (Das behaupten nur die Bibel und der Koran! Und die hatten nie eine Ahnung von so was! Und die „göttlich inspirierten“ Übersetzer nie eine Ahnung von orientalischer Männerkultur!)

Es ist auffällig, wie Heteros und Bisexuelle zum grossen Teil ihre homosexuellen Bedürfnisse „entsorgen“! Meistens dann, wenn die Freundin weg ist, sie sturmfrei haben (Chatbeobachtung), oder die Ehefrau in der Kur. Dann möchten sie oft nicht in die komfortablen Einrichtungen von Gays gehen, weil ihnen das dann irgendwie doch zu schwul ist. Ein grosser Teil der Kontakte findet an anonymen Orten statt, die von Schwulen schon längst nicht mehr so intensiv frequentiert werden, wie Parks, Autos, Waldstücke; und die neuen öffentlichen Toiletten eignen sich auch nicht mehr für gleichgeschlechtlichen Sex. Es gibt zum Beispiel auf einer Google-Map für Bern eine grosse Übersicht über alle Treffpunkte und Toiletten in Bern und auf dem Land rund herum (in einem Forum anonym gefunden), die laufend aktualisiert wird. Man kann hier feststellen, dass „die Gesellschaft“ die homosexuellen Handlungen generell eben noch immer ausgrenzt und diskriminiert. Sie aber wenigstens bei „ den Homosexuellen/Schwulen“ toleriert.

Ich möchte aber auch darauf hinweisen, dass diese homosexuelle „Welt“ nicht nur in den Köpfen von Heteros und Bisexuellen aus ihren realen Lebenszusammenhängen abgespaltet ist. Diese Welt wird ganz offensichtlich und heimlich um alle Mütter, die Freundinnen und Ehefrauen herum gelebt! Und dies ist sehr oft mit Stress gekoppelt. Dass 30 % von befragten Bisexuellen in Australien (eine ältere Umfrage) lieber sich selber umbringen würden, als ihren Frauen gegenüber offen zu sein, passt – wie Ihr mir hier vorwerfen könnt – ganz gut da hinein!

Wie kann ein Schwuler aber gegenüber „diesen Frauen“ einen Vorwurf erheben, wenn diese „armen Betrogenen“ (?) doch von all dem nichts wissen und sehen können (wollen!)? Lasst es mich hämisch repetieren: Auch Phimosen und stinkige Pimmel interessieren niefrauden! Und um das Glas vollzumachen: Schon Shere Hite hat in den 80er Jahren festgestellt, dass es die wenigsten Mütter überhaupt schaffen, ihren Töchtern von der Periode zu erzählen, bevor diese sie bekommen haben. Viele Mädchen (die sie immer jünger bekommen) glauben, sie würden verbluten und müssten sterben dabei. Doch offenbar wird die dadurch verursachte Traumatisierung als nicht so schädlich betrachtet, wie spätere sexuelle Uebergriffe.

Weil der Analfick im Zentrum der heterosexuellen Homosexualität steht, bildet sich um ihn herum Stress, eine unbegründete Höherbewertung und viele falsche Vorstellungen über die Rolle des Mannes beim Fick! Viele Heteros haben nach einigen Jahren Mühe mit der fast ausschliesslichen Missionarsstellung in ihren Ehen und Beziehungen. Ihre persönlich entwickelten Vorstellungen über Frauen und Mannsein waren ein wesentlicher Teil ihres Rollenspiels beim Sex. Doch diese legen sich mit der Zeit – dann eben gegen die hetero Realität an. Auch werden „andere Bedürfnisse“ von Männern im Zusammensein mit Frauen niemals befriedigt. Und Frauen, die etwa darauf Bezug nehmen und sich auf „homosexuelle“ Spiele mit ihren Männern einlassen, sind sehr selten. Weil, auch sie finden das da unten meist „grusig“.

Sehr viele Männer haben die Heterosexualität so sehr psychisch verinnerlicht, dass sie sich selber nur in der Rolle einer Frau gegenüber der Sexualität eines anderen Mannes sehen können. Die verschiedenen „Damenaccessoires“, die weitherum von Männern „getragen“ werden (“Damenwäscheträger”), sind nur das Symptom einer verkorksten Identität und haben nichts mit Travestie oder Transsexualität zu tun. Wichtiger scheint mir deren innere Einstellung gegenüber anderen Männern und Homosexuellen zu sein. Dabei halte ich mich an die als „Fantasien“ und „Fetische“ definierten Erscheinungen und Verhaltensweisen von Männern „verschiedenster Orientierungen“.

Wobei ich immer mehr anzweifle, ob diese Orientierung/en (nach dem einen oder anderen, oder beiden Geschlechtern) wirklich vorwiegend und entscheidend sind, und nicht vielmehr Sexualpraktiken und sogenannte Fantasien und Fetische dieselben wie Dominosteine abgelöst haben.

Es könnte durchaus sein, dass die eigene fantasierte Rolle aus den heterosexuellen Realitäten viel wichtiger geworden ist, als ein Sexualpartner oder eine Sexualpartnerin als Person. Egal ob homo-, bi- oder heterosexuell praktiziert. Dass viele Heteros die Frauen weniger als reale Sexualpartner sehen, als vielmehr Trägerinnen ihrer eigenen irgendwie „erschaffenen“ Fantasien über Frauen, haben wir in den letzten 40 Jahren kritischer Reflexion – auch von Frauen – gelernt.

Die Veränderung der Männer ist aber viel unbeachteter und ohne das generelle Interesse der Gesellschaft und ihrer Einrichtungen erfolgt. Es ist zwar offensichtlich, dass mehr Männer (nicht nur Jüngere und dann wieder ab 50 Jahren) ihre homosexuellen Bedürfnisse (auch noch) befriedigen wollen, aber die Art und Weise, wie dies so verschraubt und verklemmt geschieht – trotz Emanzipation der Homosexuellen – ist bedenklich.

Vielleicht fällt mir als Schwuler die Egozentrik der Männer mehr auf als Anderen? Die Flucht in sogenannte Rollenspiele, die Verbreitung des Fetischs “Schuhe und Socken”, was auf eine passive Rolle schliessen lässt, und nicht zuletzt der neueste Trend, sich nicht nur Körperhaare, sondern auch gerade noch die Schamhaare abzurasieren. Diese Suche im typisch weiblichen Rollenverhalten zeigt sich nicht nur an Kleidern und Accessoires und an den trendig gestylten Frisuren! Auch hier ist anzumerken, dass dies nichts mit Travestie oder Transsexualität zu tun hat!

Es ist ein alter Hut, dass immer mehr sichtbar schöne Männer in der Gesellschaft auch die Männer nicht unberührt lassen können, nicht nur die Frauen. Aber es gibt inzwischen auch „neue Hüte“! Wie wirkt eine gewisse Art von selbstverständlicher Homosexualität auf alle diese verschiedenen Männer? Wie wirken die heterosexuell geprägten Vorstellungen von Penetration auf verschiedene Orientierungen und Psychen zurück. Wie setzen sich heterosexuelle Normen in der Homosexualität durch und wie wirken die heimlichen homosexuellen Erfahrungen auf Männer zurück, die als Heteros aufgewachsen und „sexualisiert“ (sozialisiert) worden sind?

Es zeigt sich eine verschärfte Auseinandersetzung mit Homosexualität im sogenannten Schutzalter. Auch hier ist es ein alter Hut, dass Schwule immer wieder berichteten, dass sie schon als Kinder und Schüler von sexuellen Kontakten mit älteren Jungs oder gar Männern geträumt oder fantasiert haben. Schon nur die offene Diskussion solcher Tatsachen hat heute in der hysterisierten Oeffentlichkeit scharfe Konsequenzen. So ähnlich kriminalisierend wie das Reden nur über Homosexualität vor 50-60 Jahren. Dabei stelle ich oft fest, dass schon alleine die Vorstellung von Homosexualität oder homosexuellen Kontakten in der Kindheit oder Jugend, von den heterosexuellen Normen geprägt wird und ein Junge sehr schnell zu einem „missbrauchten Kind“ – mit Bezug auf die allgemeine Situation der Mädchen gemacht wird.

Diese „Dramatisierung“ von Homosexualität im Kindes- und Jugendalter – weil Sexualität schliesslich den Erwachsenen vorbehalten, und nichts für Kinder ist – wird auch seine Wirkungen auf die Biografien anderer Knaben, Homosexuellen und Heterosexuellen haben! Ich denke jetzt wieder ganz scharf an Mütter, die weder Sexualität, noch eine mögliche homosexuelle Orientierung bei ihren Söhnen in den vergangenen Jahrzehnten gesehen haben, oder sehen woll(t)en. Ganz zu schweigen von den homosexuellen Neugierden oder Bedürfnissen aller Art, die sich eben nicht alle nur um den „erwachsenen Fick“ drehen. Die Penetration aber regiert die Vorstellungen der „erwachsenen” sexuell Aktiven. Besonders blühen sie, wenn es sich um schwule Väter, oder gar Paare handelt. Frauen sind da weniger in der Diskussion, denn einer lesbischen Mutter kann heute kaum mehr ein Kind weggenommen werden und Frauen sind keine penetrative Bedrohung…

Das gibt mir jetzt die Brücke zur immer noch offenen Frage: „Wie werden wir Männer sexualisiert?“ Jeder Mann beginnt sein Leben mit einer Frau. Jede Frau auch. Aber das ist doch normal oder? Ja, für Heteros! :P

Ich will hier nicht die Frage nach dem Hahn oder dem Ei diskutieren. Jedenfalls ist es wohl schwieriger, sich als Junge an einem (homophoben) Vater körperlich-sportlich und psychisch zu orientieren, als an der (homo-blinden) Mutter. Ich habe das selbst erlebt. Dabei war die Mutter nicht das eigentliche Problem. Die Brüder meines Vaters waren nicht gerade zimperlich mit mir, wenn ich bei ihnen in den Ferien war. Beim einen habe ich einmal meinen Cousin verführt und beim anderen war ich schlichtweg „kein richtiger Mann“, durch seine Ablehnung bekam ich Heimweh und weinte…

Die Homophobie von Vätern und Onkeln ist das eine. Der Heterror durch die Mütter das andere, was späteren Schwulen zu schaffen machen kann. Die Erforschung solcher Zusammenhänge steht ganz am Anfang. Und sie ist – genauso wie die Missbrauchsforschung bei Frauen – abhängig vom öffentlichen Interesse und der gesellschaftspolitischen Dramatisierung. (sh. Phil Langer: Beschädigte Identität, VS-Verlag 2009. Ueber Zusammenhänge zwischen Identität und sexuellem Risikoverhalten bei homo- und bisexuellen Männern)

Ficken, ficken, fallen lassen. Wir sind entsetzt über das Risikoverhalten vieler Männer, die mit Männern Sex haben. Aber nur Wenige sind bereit, sich über die Gründe dieses Verhaltens Gedanken zu machen. Und vor allem über die Rolle der heterosexuellen Kultur und deren Zwänge, die auf sie einwirken. Entweder ein grosser Ficker zu sein – bei Frauen und/oder Männern. Oder sich fallen zu lassen wie eine „Fickschlampe“, eine „Blashure“ und ein „Spermaschlucker“, wie sie in vielen Chats oder als Profile im Internet zu finden sind. Selbst wenn ein Teil davon „nur Phantasie ist, die ausgelebt“ wird, die Frage bleibt stehen, wie Männer auf solche Rollenvorstellungen in der Homosexualität kommen! Die Schwulenbewegung hat an ihrem historischen Anfang den Ausstieg aus all diesen Zwängen versprochen – die „Entheterosexualisierung“!

Die Homosexualität ist keine Krankheit mehr – seit vielen Jahren. Aber in den letzten Jahren haben sich so viele „Fetische“ – neben den traditionellen – entwickelt, dass ich nicht umhin komme, diese als Symptome zu begreifen – wie in der Zeichnung eines Kindes. Hinschauen und fragen ist das Mindeste. Noch besser wäre, (Homo)Sexualität vom Kindergarten (Situationen, Kontakte) bis ins Altersheim normal zu sehen – und besonders für Männer, die mit Männern Sex haben, sie dauernd zu thematisieren, um Selbstverantwortung zu fordern. Wir brauchten alle die Skandale nicht, aber unsere immer noch bürgerlich orientierte Gesellschaft hat kein Interesse an den realen Gründen, weil das System der Terror ist und stets neue Opfer produziert. Egal ob in Familien, hierarchischen Einrichtungen, städtischen Subkulturen, oder jetzt im Internet.

Peter Thommen60, Schwulenaktivist, Basel

Siehe auch meinen Essay von 1988: Ist der Sex am Arsch?

oder von 2010: barebacking als indiz für eine gescheiterte emanzipation!

Und hier sind die Texte vom alten Blog