Zum Feiern kommen sie alle mal – baselticktbunt 2023-2025

Ich kann mich noch gut an den „pride walk“ von 2023 erinnern, dessen Versammlungsort die messe basel war. Damals sprach Regierungsrat Beat Jans (SP) das Grusswort. 2024 war die Besammlung auf dem Theaterplatz – da war ich aber nicht dabei – mit Grusswort von Claudio Miozzari, SP (Präs.GR). (Der erste Regierungsrat, der zu Schwulen gesprochen hat war Remo Gysin gewesen, 1984-92), anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „Männergeschichten“ 1988.)

Der Wettsteinmarktplatz mit der daran anschliessenden Wiese war ein idealer Besammlungsplatz für baselticktbunt 2025. Offizielle Grussworte sprachen RR Conradin Cramer (LDP) und Pfr. Frank Lorenz (Offene Kirche Elisabethen). Ich konzentrierte mich aber auf das „Volk“. 😉

Viele Junge und viele „weiblich Gelesene“ waren zu sehen. Aber es hatte zwischendurch auch einige ältere Schwule, zum Teil mit ihren Partnern. Ältere Lesben gab es nur wenige. Es hatten sich viele Grüppchen gebildet, die plaudernd im Rasen sassen. Leute aus der Schwulenbewegung meiner Generation musste ich suchen. Fetischgruppen waren auch sichtbar. „Puppyplayers“ fielen einem ältern Schwulen auf: Er wusste nichts damit anzufangen. Aber etwas später bemerkte er, er fühle sich in einer Uniformen-Bar in Manhattan (USA) sehr wohl. 😉

Vor zwei Jahren ist mir ein attraktiver junger Mann aufgefallen, mit einem einfachen Leder-Harness, kurzen Lederhosen und einem Lederband am Oberarm, der in die Gegend grinste. Der kam mir doch irgendwie aus alten Zeiten her vertraut vor. „Lederschwestern“ gibt es also noch bis heute!

Zwei Personen musste ich fragen, was ihre Spezialfahne bedeute. Es war so speziell, dass ich es vergessen habe. Es gibt immer einige Leute, die mit „wissendem Lächeln“ herumstehen oder spazieren. Das kann sehr viel bedeuten: Ahem, ich gehöre eigentlich auch dazu, aber ich zeige das eben nicht. Oder jene, die dieses Jahr Unterschriften für irgendeine Initiative oder eine neue Partei sammelten. Die „Antifaschistische Aktion“ ist auch seit 2019 dabei, soweit ich mich erinnern kann. Ich bin gespannt, welche politischen Gruppen aus bürgerlicher Seite sich in Zukunft auch „einmischen“ wollen. Nun „bürgerlich“ waren und sind immer auch Schwule, Lesben, ahem (und queere?). Schliesslich forderten sie (Bürger-) Rechte! 😉

Die Schwulenbewegung war gegen Ehe und Familie! Und wie ist es heute? Die Regenbogenfamilien und Männer, die Samen spenden. Ich denke, die heterosexuellen Familien (auch bei den „besten“) werden immer für Nachwuchs sorgen, ohne unsere „Beihilfe“. Aber wer bin ich denn, als Schwulenpapst vom Kleinbasel, darüber zu richten? 😉

Nicht vergessen möchte ich Flavio M. Er trat am „batibu“ Pride mit einer langen Regenbogen-Heiratsschleife auf und zeigte der Welt wo unsere Träume „liegen“. Auch in den USA gibt es lange Regenbogen-Fahnen auf der Strasse, aber die werden an der Pride von vielen Händen in der Luft getragen. Und das war auch der Grund, warum auf mehr Farbstreifen verzichtet worden ist.

Ich denke, dass ich nun auf staatliche Redner in Zukunft verzichten kann. Es sollten Queers nachwachsen, die sich selbst ermächtigen und eine Rede halten können. Ohne „Meine Damen und Damen, Herren und Herren“ (Moritz Leuenberger 2001). Vielleicht denken die führenden Gruppenorgane endlich auch mal daran, dass nicht alle „heiratsfähig“ sind – aus verschiedensten Gründen.

Ich habe im Regionaljournal Basel 2010 gesagt, ob privat oder in einer Institution betreut, auch im Alter werde ich Sexkontakte haben. Und eine lesbische Pflegerin meinte später, sie würden jeweils auch ältere Männer im Taxi zum Sex fahren lassen – und das könne schon irgendwie verrechnet werden. Wohin habe ich mich hier nur wieder ver-schrieben?! Es geht doch um Liebe!? ? *

Peter Thommen_75, Basel

* „Und wer nach einem Pic fragt, den muss ich enttäuschen. Das gibt’s nicht… Denn Deine Frage zielt nur auf Lüsternheit ab und hat nichts mit lnteresse an mir zu tun.“ (auf Purplemoon. 9/2003)

Rückblick von baselticktbunt

Wo gefeiert wird sollte auch gedacht werden!  Der „Gedenkgottesdienst“ fand aber schon am Vorabend im Kino Camera statt. Es kamen nicht „alle mal“! Der Film 120 bpm (2017) war für mich dieser Rückblick auf die AIDS-Krise der 80/90er, auf die Pandemie in Paris. Was hier wieder auffällt, Frauen und Lesben mit an der Front – wie in den USA. Hundert bpm ist übrigens der normale Herzschlag erwachsener Menschen.

Ich denke, das Interesse war „alle mal“ zu gering. Die anschliessende Diskussion hätte vorher und früher stattfinden sollen. Und: Ein religiöser Gottesdienst spricht nicht mehr alle an. Es gibt zurzeit keinen Gott, der uns speziell vernichten will…

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*1950, Buchhändler, Schwulenaktivist, ARCADOS Archiv für schwule Studien
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