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wenn Türen zu gehen, sollen sich an- dernorts wieder welche öffnen…

Freitag, Januar 12th, 2018

Ich habe noch Zeiten erlebt, in welchen der Zutritt zu Räumen, in welchen Männer unter sich sind, strikt reglementiert und abgeschieden von der Gesellschaft war. Ausser den Pissoirs natürlich! 😉

Ich habe auch die Zeiten erlebt, in welchen Räume für uns erobert und belegt worden sind, die wir mit unserem Leben, unseren Attitüden und unserer Kultur füllen konnten. Dies ist unter anderem in meinen Publikationen dokumentiert.

Jetzt erlebe ich eine Zeit, in welcher viele Räume für uns wieder verloren gehen. Sei dies aus Gründen veränderter Bedürfnisse, oder Unachtsamkeit, Unfähigkeit der Bewirtschaftung, oder aus Bequemlichkeit.

Wir können jetzt überall schwul sein, so die etwas überhebliche Message junger Homos. Ich schliesse die Frage an, wie schwul können wir denn da jeweils sein? Martin Dannecker wirft die Frage auf, ob die in den letzten Jahrzehnten erreichte Toleranz nicht doch ziemlich brüchig sei: „Diese Toleranz war, wie sich jetzt herausstellt, für viele konservativ gestimmte Heterosexuelle nicht mehr als ein kündbares Duldungsverhältnis, das darauf baute, dass es die Schwulen und Lesben mit ihrem Anspruch auf Anerkennung nicht gar zu weit treiben würden. Jetzt aber, wo die Forderung nach einer völligen rechtlichen Gleichstellung immer entschiedener erhoben wird und die Toleranz durch Akzeptanz abgelöst werden soll, wird offenbar, dass diese Form der Toleranz die Anerkennung anderer Sexualitäten und Lebensformen nie im Sinn hatte.“ (1)

Ich habe mich in der letzten Zeit auch über „hysterische“ Schwule geärgert. Ihr Gekicher im Hals und ihre überschlagenden Stimmen. Ich kenne das aus eigener Erfahrung. Mir ist schon früher aufgefallen, dass ich in stressigen Zeiten einen etwas anderen Ton im Lachen hatte und auch viel häufiger lauter lachend reagiert habe. Während meiner Lehrzeit im Verlag (1968-1971), ist mir auch aufgefallen, dass ich manchmal nachmittags eine Tafel Schokolade verschlungen habe. Dies ist mir als Symptom aufgefallen, welches ich damals mit einem abendlichen Ausflug in den Schützenmattpark und dem Stillen meines Sexhungers unter Bäumen und in Sträuchern „behandeln musste“.

In früheren Zeiten (wars nicht besser, sondern anders!) öffnete das E&L bereits um 16 Uhr und die arbeitenden Schwulen konnten sich da wieder vom hetero Stress erholen, bevor sie zu abend assen, um dann „frischgemacht“ unsere Szene zu bevölkern. Bürgerliche Homosexuelle holten sich um diese Zeit auch Sexkontakte, bevor sie in ihre Familien oder ihr Leben zurückkehrten.

In den letzten Jahren haben wir uns Grossstädten im Ausland angepasst, in denen das „gaylife“ erst jeweils um 23 Uhr begann, wie wir in unseren Ferienreisen gelernt haben. Als es noch eine „Polizeistunde“ um Mitternacht gab, standen Schwule und Lesben bereits um 20 Uhr vor Lokalen Schlange. (Wobei die staatliche Liegenschaftsverwaltung der HABS im Volkshaus damals zur Bedingung machte, dass sich keine Gleichgeschlechtlichen draussen küssen durften!)

Das E&L39 öffnete zu immer späterer Stunde und die Leute kamen nicht mehr vor den Parties erst dahin. Das schwule Leben, sofern eines bestand, begann erst ab 23 Uhr bis in den frühen Morgen. Ein Leben teilt sich also in eines in hetero Umgebung und Infrastruktur und in ein weiteres, getrennt davon, in ein gay life um Mitternacht. Ich frage nur: Was tun denn alle in der ganzen langen Zeit dazwischen?

Damals sassen die „älteren Herren“ bereits am frühen Abend im Lokal und hielten Ausschau nach jungen Männern, egal ob gay oder nicht. Im Park war es ja erst später dunkel. Damals nahm ich mir vor, einmal ganz anders alt zu werden als diese Homosexuellen! Heute trennen sich die Generationen, denn welcher ältere Schwule hat noch Lust und Energie, um elf Uhr abends aus dem Haus ins high gay life zu gehen?

Es ist interessant, zu beobachten wie die damals jugendlichen Homos heute älter und alt geworden sind. Und wie sie das zu bewältigen versuchen. Es ist viel Bitternis und Enttäuschung bei Begegnungen mit ihnen festzustellen.

Martin Dannecker schreibt: „Wer heute als Mann 65 Jahre alt geworden ist, hat noch eine durchschnittliche Lebenserwartung von fast 20 Jahren.“ (2) Er wird also zwanzig Jahre als „alter Mann“ noch leben müssen. Er fragt auch, ob ein so alter Mann sich wirklich als ALT begreift, oder oder sich noch länger „jünger fühlt“.

(Dannecker) „Dieses schwankende Selbstbild könnte einer Organisation, die sich die Interessenvertretung schwuler Senioren zur Aufgabe gemacht hat, durchaus Widerstände vonseiten der von ihr Repräsentierten eintragen.“ (2)

Ich selbst verstehe mich als körperlich alter Schwuler, attraktiv nur für eine Minderheit von jüngeren Schwulen, die auf Ältere steht. Anfragen für eine „seriöse, lang andauernde Beziehung“ – haha, da muss ich einfach lachen! (Ich schreibe das bewusst in der ich-Form.)

Ich musste feststellen, dass ich mich in den letzten 30 Jahren mental und charakterlich weiterentwickelt habe, während viele jüngere Homos und auch die mittelalterlichen Schwulen irgendwie stehengeblieben sind. Sie stehen und warten immer noch auf den Prinz (vo Rieche! 😉

Andere alte Schwule nutzen ganz bürgerlich fernöstliche, südamerikanische oder andere Destinationen, um ihre meist nicht vererbbaren Guthaben an Männer zu bringen. Sie fahren nach Zürich oder anderswo, wo ihnen „etwas geboten“ wird dafür. Dann kehren sie wieder in ihre Wüsten-Heimat zurück, wo alles nur schlecht ist und am „verrecken“.!?

Ich begegne an jeder Ecke in Basel einer „Schwester“. Seien es Bekannte aus der Szene oder ehemalige Kunden. Aber diese Bitternis „schlägt“ mir immer wieder entgegen!

Ein aktuelles Beispiel: (51) „seit wann ist ein buch schwul? Interessant ist das 99% der Meinung sind das PLANETROMEO eine sexseite ist lach! Ich muss leider jeden aufklären das es sich um eine Gay Community handelt! obwohl heute fast alles in englischer sprache gesprochen wird hat keiner eine Ahnung! also verkehren 99% vollpfosten hier 🙂  nur leider hats hier keine schwulen sondern nur verheiratete heteros, stricher und drögeler! und hier geht’s nur um ficken 🙁   jaja herr thommen tut halt weh wenn man arcados zumachen muss!“

Der erste Satz war natürlich eine „Eingangsprovokation“! 😉 Und der letzte Satz war quasi die Faust in den Bauch. Keine Ahnung wer das war. Jedenfalls ist ein schwules Buch ein Buch, das Schwule interessieren könnte. Ganz einfach. Und es tut nicht weh, sondern ist etwas schönes, wenn man ein Lebenswerk selber beenden kann, das doch einigen Erfolg hatte. Amen

Peter Thommen_68, Schwulenaktivist

1) Dannecker, Martin: Faszinosum Sexualität. Theoretischem, empirische und sexualpolitische Beiträge, Psychosozial-Verlag 2017, S. 138  (1 und 2 S. 131)

Sie auch: Wie lieben ältere Schwule (1) 2007

Wie lieben ältere Schwule? (2)  2014

Junghomos leben in „Parallelwelten“!

Donnerstag, März 14th, 2013

Viele Hetero- und Homosexuelle glauben, man könne „nur schnell ins Internet gehen“, um diese oder jene zu finden. Ausserdem bieten sich Menschen im Internet auch wie Waren an, was beim Kauf zu grossen Enttäuschungen und Missverständnissen führen kann.

Die meisten Hetero/as glauben auch, Homosexualität gehe nur „die paar Schwulen“ etwas an, obwohl ihre hetero Männer mehr Homosexualität praktizieren als alle Schwulen unter sich! Dieser Eindruck hat sich bei mir nach 10 Jahren verfestigt.

Und die meisten Schwulen nehmen nicht zu Kenntnis, dass der grösste Teil der Darsteller in den Gaypornos gar nicht schwul ist. So viele Gays sind dafür gar nicht zu bekommen. Und es macht den Darstellern offensichtlich Spass… (auch schon bevor es Viagra gab!)

Es gibt Junghomos, die andere als „alte Säcke“ bezeichnen und Angst haben. Wovor eigentlich? Vor deren Sexualleben? Dabei ist das Sexualleben der Alten das, was die Junghomos auch in ihrer Zukunft haben werden! Gut, es im Voraus zu wissen. Und jede Anmache kann man höflich oder doch bestimmt auch zurückweisen.

Menschen, die einem  „nicht passen“ werden im Internet einfach „blockiert“. Mit wem ein Junghomo nicht ficken kann/will, mit dem ist auch ein normales Gespräch nicht möglich. Aber zudringliche „alte Säcke“ habe ich in meiner Jugend auch real „überlebt“. (Und heute gibt es auch zudringliche „junge Säcke“ im Internet, die es auf Alte abgesehen haben. Dies sei auch erwähnt!)

Wenn ich vom „Internet“ schreibe hier, dann denke ich an Kontaktplattformen, Foren und Chats. An den „schwulen Markt“, wie viele meinen. Und an die gay Pornos kommt mann auch kostenlos… Ich will aber auch von der Realität im Milieu und im Leben schreiben, von der viele Junghomos einfach nicht Kenntnis nehmen wollen. Dabei gefährden sie nicht nur sich selbst, sondern auch ihre Mitschwulen und dazu noch die „Boyschwulen“ in der Zukunft… Doch eines nach dem andern.

Die Devise scheint zu sein: Wo keineR was sagt, wo nichts passiert, da ist ja auch keine Gefahr für die heimlich gelebte Homosexualität. Nach der Heterofamilien-Devise: Bei uns gibt es „sowas“ nicht – und wir wollens auch nicht wissen. Schon in der „normalen“ Gesellschaft gilt die bewusst gelebte Sexualität generell als „Anti-Kultur“ und wird ins „private“ Kämmerlein „zum spielen“ verwiesen. Das geht ja Niemanden etwas an. Ich kann dem leider nicht zustimmen, denn ich muss in allen Medien über das Sexleben sehr vieler Heteros – ungewollt lesen und hören – ausser vielleicht auf der Börsenseite nicht!

Schon die Geschichte der Verfolgung von Homosexualität zeigt, wie öffentlich das ist und wie sehr sich Heteros dafür interessieren! Und selbstverständlich interessieren wir Schwulen uns auch für die Heterosexualität (?), denn noch selten sagt ein Schwuler zu Heten: „Interessiert mich denn das?“ Umgekehrt dann schon eher!

Wir sind für die Gesellschaft nur interessant, wenn sie uns bestaunen, bestrafen oder uns diskriminieren kann. Ansonsten erwartet sie von uns eine „vorgelebte Asexualität“ – von Kindsbeinen an. Früher nannten besonnene Männer sowas „Homophilie“. Interessanter-weise geht es dem verwandten Wort „Pädophilie“ genau umgekehrt! Was als Begriff ohne Sexualität geschaffen wurde, wird gezielt „sexualisiert“ und als Bezeichnung für sexuelle Übergriffe missbraucht. Im Strafgesetz finden sich aber ganz andere Begriffe – die keineR verwenden will. „Pädophilie“ trifft gesellschaftspolitisch „besser“…

Nach gehäuften Morden an heimlichen Homosexuellen, die in den 60ern über Zeitungen an die Öffentlichkeit gelangten, kam in den 70er Jahren der Schritt von der „Homophilen-Organisation“ zur Homosexuellen Arbeitsgruppe. Denn wer die Chance der damaligen Sexualstrafrechtsreform nutzen wollte, musste hart arbeiten und lobbyieren – auch öffentlich! (Schutzalter hetero: 16, homo: 20, von 1942-1992)

Auf dem Plakat, welches „homophobe Gewalt“ thematisiert steht übrigens: „Was nicht gemeldet wird, ist nie geschehen. Und was nicht gemeldet wird, muss auch keineR zur Kenntnis nehmen. So einfach ist die Strategie des Heterrors.

Wenn ich darauf hinweise, dass Junghomos in Parallelwelten leben, dann meine ich auch, dass sie in einer Art „Anti-Realität“ leben. Alles „Schöne, Gute, Liebe, Ehrliche und Treue“ ist für sie reserviert und muss nur noch gefunden werden – im Internet. Der fiktiv Angebetete heisst „Mr.Right“. Dies hat eine religiöse Dimension – auch auf der „richtigen“ Seite der Gesellschaftspolitik: Gewalt, Diskriminierung, Mobbing. Da braucht es weder Koran- noch Bibelverse dazu. Aber meistens dienen sie zur Rechtfertigung…

Aber das passiert Junghomos nicht – wenn sie nur genug „hetero-like“ sind. Es heisst immer wieder auf Profilen: „Wer ficken will muss freundlich sein“. Ich sage aber, wer nicht mit Heteros „gesellschaftspolitisch ficken“ will, muss freundlich sein und die eigene Anpassung perfektionieren. Aber ich kenne leider keinen Fall, bei dem sich die hetero Gesellschaft nachträglich als „dankbar“ dafür erwiesen hätte…

Seltsamerweise erfahren wir aktuell nur übers Internet und schwule Medien über die Selbsttötungen schwuler Jugendlicher. Das passt nicht in die Vorstellungen von Heteros/as. Wie können Kinder schwul sein? Das können die noch gar nicht wissen, erhielt ich schon vor Jahren als Antwort auf dem Jugendamt, wo ich eine Studie über Jugendgewalt persönlich abgeholt hatte. Zurzeit ist das Thema in den USA aktuell. Nichts „wird besser“ – leider! Es nützt nichts, wenn „die Hoffnung zuletzt stirbt“ – trotz ihr aber schon Dutzende sterben mussten.

Statt uns über irgendeine allgemeine Gewalt in der Gesellschaft – oder gar die von Migranten zu verbreiten, sollten wir uns erst mal über die eigene Gewaltgefährdung im Klaren werden. Wir können eben nur in theoretischen Überlegungen auf die Hilfe von Mitbürgern zählen. Denn so schnell sie uns diskriminieren können, so schnell verlässt sie der Mut, den man auch „Courage“ nennt, einem Schwulen zu Hilfe zu eilen, weil jeder Hetero selber gefährdet ist, als Schwuchtel enttarnt zu werden. Ganz zu schweigen, dass Heteros auch in diesen falschen Verdacht kommen und quasi in ihrer eigenen Gewalt-Falle gefangen sind…

Dabei hat jede Art von Gewalt gegen Menschen etwas mit „Sexualität“ zu tun. Nicht unbedingt mit den Genitalien, aber zumindest hat jedes Opfer ein Geschlecht und wird deswegen, oder gar damit geschädigt. Es gibt nicht nur „sexuelle Gewalt“ (auch gegen Männer!), vielmehr gibt es auch „sexuell motivierte“ Gewalt – auch ohne Einbezug von Genitalien (Penis wie Vagina!). Und weil die Genitalien da meist nicht direkt eingesetzt werden, wird das auch nur selten erkannt und benannt. Zudem ist es für Heteros/as „normal“, wenn sich Männer oder Jungs prügeln – aber nicht, wenn sie sich wixen oder küssen!

Ich bin bei einem wichtigen Punkt angelangt, der den Schlüssel zu vielen Problemen von Junghomos und Klemmschwestern bietet. Jeder Heimlichtuer wird gestresst dafür, dass er sich dauernd anpassen darf. Aber jeder gefährdet da auch andere Schwule mit. Dadurch, dass sich die einseitige öffentliche Wahrnehmung nur von Tunten und Schwuchteln für viele verstärkt – selbst auch für Homosexuelle. Daraus folgt die Homophobie, von vielen Schwulen sogar selber „verinnerlicht“. Die Gesellschaft kann durch angepasste Klemmschwestern niemals erfahren, wie viele Männer anderen Männern für Sex nachrennen und dass das alles mit Weiblichkeit sehr wenig zu tun hat.

Zudem fehlt damit den Junghomos auch ein „normales“ Homo-Bild, mit dem sie sich, wie die Heteros, auch identifizieren könnten. Schwulsein bedeutet nicht, „so werden zu müssen“ wie die, „die man eh schon sieht“. Schwulsein bietet auch eigene Entwürfe, auch ohne „hetero-like“-ness! Die ganze Vielfalt an schwulen Männern muss öffentlich sichtbar werden. Dann lernen vielleicht auch die Klemmschwestern, diese Vielfalt selbst zu akzeptieren. Denn nur derjenige, der weiss wer er selber ist, muss keine Angst haben, „so wie jener“ zu werden. (P. Thommen)

Die Homosexuellen Arbeitsgruppen und die Schwulenbewegung insgesamt hat übrigens nicht nur gekämpft für die Homosexualität als Orientierung, sie hat auch gearbeitet dafür, dass alle Anderen auch mal schwul sein dürfen, oder auch nur Homosex praktizieren – ohne dafür bestraft zu werden. Die Dummis habens nur noch nicht gemerkt. Und wir Schwulen sind dann der Blitzableiter für ihre Gewissensbisse.

Und genau da drin sind auch Junghomos und Klemmschwestern verstrickt. Da ist auch der „heterosexuelle“ Damm aufgebaut, gegen „das Aussterben der Menschheit“ und gegen den „homosexuellen Missbrauch von Kindern“, wobei damit meistens Knaben gemeint sind, denn Mädchen und Frauen haben ja nix, womit sie einander oder die Männer missbrauchen könnten (?). (Drum blieben die homosexuellen Aktivitäten von Frauen weitgehend straffrei in vielen Kulturen.)

Und nach der heterosexuellen Logik sind „schwule“ Kinder eh von homosexuellen Männern missbraucht worden und werden dann wiederum zu Tätern an anderen Kindern. Aber bei dieser feministischen, männer-zentrierten Missbrauchsideologie vergessen alle, dass wenigstens bei den hetero Männern, vorher sehr viele Frauen am Werk gewesen sein müssten. (Über einige davon gibt es auch Literatur, die man aber suchen muss.)

Wenn ich aus heterosexueller Sicht davon ausgehe, dass Frauen den Knaben nur die „richtige Sexualität“ zeigen würden – und darauf lassen viele Leserbriefe auf entsprechende Meldungen in der Presse schliessen, warum fragt dann niemand, was Frauen den homosexuellen Knaben anzutun imstande sind? Der heterosexuelle Familienkomplex wird nie hinterfragt. So wie Mütter über die sexuelle Orientierung der meisten schwulen Söhne einfach hinwegsehen, in der Hoffnung, „das vergehe“ schon wieder.

Da wurde über Tiziano Ferros coming out berichtet. Die liebende Mutter wurde erwähnt, die „endlich froh“ gewesen wäre, „ihn nicht mehr leiden sehen zu müssen“. Bei sowas krieg ich die Wut in den Hals! Warum hat denn die „liebende Mutter“ nur zugesehen und ist nicht wie eine sprichwörtliche Wölfin mit ihrem Sohn den notwendigen Weg „hinaus“ gegangen? Ach, er hat halt für seine Mutter gelitten? Einen grösseren Schwachsinn kann ich mir gar nicht mehr vorstellen!

Ich habe nun versucht, die wichtigsten Zusammenhänge aufzuzeigen, die ich verantwortlich dafür mache, dass nachrückende Generationen von Schwulen – also die Junghomos – den öffentlichen Raum immer weniger selbstbewusst und solidarisch betreten und in ihm leben – als Schwule verschiedenster Ausprägung, ja auch als Tunten – oder von mir aus auch als „Queers“. Es ist üblich geworden, der Schwulendiskussion auszuweichen, indem das Wort Queer verwendet wird. oder Abkürzungs-Monster wie LGBT*Q… Das ist cooler. Aber wem nützt das?

Den fast ausschliesslich „sichtbaren“ Tunten nicht. Und auch den unsichtbaren Klemmschwestern nicht. Dieser öffentliche Raum und die offenen/öffentlichen Diskussionen mit den Heteros müssen wieder erobert und belebt werden. Das geht über die nächsten Verwandten und Bekannten hinaus, die „eh schon tolerant“ sind. Denn sonst hinterlassen diese „stummen“ Räume Gewaltbetroffene oder sogar Tote! Jeder ist zuviel!

Der Überfall mit Baseballschlägern vom 5. Januar 2012 am Stachelrain/Solitude ist von der Polizei auch nicht als Gewalt gegen einen Schwulen kommuniziert worden, obwohl ihr bekannt sein muss, dass dort ein Schwulentreffpunkt ist. Hätte aber ein einzelner Jugendlicher da einen Schwulen zum wixen getroffen, wäre das Urteil sehr leicht gefallen…

Wir sollten auch zur Kenntnis nehmen, dass in allen „Räumen“ – und besonders in „immer mehr Frauenräumen“, wie das am Frauentag 2013 verlangt worden ist, kein Platz für Homosexualität – schon gar nicht von heterosexuellen Männern ist! (Man lese das bitte zweimal laut!)

Es gibt nachgerade EINE öffentliche Schwulenbar in Basel – und erst noch in einem hetero Puff. Die Parties finden in hetero Locations statt und diese Stadt hat schon sehr lange keine Schwulendemo mehr gesehen. Ganz zu schweigen von Schwulen, die an öffentlichen Diskussionen teilnehmen würden. Gut. Die öffentlichen Sex-Diskussionen drehen sich auch meist um den „Missbrauch“ von Kindern. Und da fühlen sich – trotz den erwähnten Selbsttötungen – natürlich Junghomos und Klemmschwestern nicht davon betroffen.

Ich fürchte darum, dass irgendwann irgendwelche Klemm-Heteros vor dem L39 auftauchen werden – trotz dem Bordell im übrigen Haus. Dass sie vor den Clubs auf schwule Partygäste warten werden…

1985 fand ich in einer italienischen Modezeitschrift diese beiden…

Dies alles, weil Schwule immer mehr abtauchen und aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwinden – oder nur noch als“herzige Pärchen“ in einträchtiger, äh eingetragener Partnerschaft, in Erinnerung bleiben. Wollen wir das?

Peter Thommen_63, Schwulenaktivist, Basel  (thommen(at)arcados.com)

Kommentare sind willkommen und werden auch anonym publiziert!

Thommen: Der ewige Abgesang auf die Szene, (dazu siehe auch Henschel, über Veränderungen in der Szene)

Thommen, schwules Leben in der  Stadt, 1977-97

Rückblick auf die Szenen-Entwicklungen des letzten Jahrhunderts: Verpass keine Party!

Gästebuch Th’Senf

der ewige abgesang auf „die szene“

Montag, Oktober 22nd, 2012

Er erinnert mich an einen Kommentar in einer der alten deutschen „Zeitschriften für Freunde“ (Der Weg, Die Freunde), in welchem diese gedruckten Blätter sich darüber beklagen, dass der rege Austausch übers Gedruckte und die zahlreichen Leserbriefe sich in den 60er Jahren reduzierte, weil durch die teilweise Entschärfung des § 175 (BRD) sich jetzt Clubs und Lokale bildeten, worin homosexuell „Veranlagte“ sich real treffen und Bekanntschaft machen konnten. Der Abgesang also der „gedruckten Szene“. Noch lange Jahre war es in Deutschland üblich, „Szenelokale“ nur auf Empfehlung, oder mittels Prüfung durch das heute verschwundene Guckloch, betreten zu können.

Als ich 1970 die Basler Szene kennenlernte, war der Eintritt in den Homo-Club Isola im Gerbergässlein nur auf Empfehlung eines Mitglieds möglich. Glücklicherweise war ich da schon im Februar 20 Jahre alt geworden und hatte also das offizielle schweizer Schutzalter verlassen. Doch was bot sich mir sonst in Basel? Es gab diverse Klappen, Parks und das St. Margrethen-Luft-und-Sonnenbad mit der Abteilung nur für Männer… Die internationale Zeitschrift „Der Kreis“ aus Zürich – wichtiges Bindeglied in Kriegszeiten – hatte sein Erscheinen eingestellt. Geblieben waren die von ihm geförderten und empfohlenen „privaten Clubs“ in den Städten der Deutschschweiz. Darin fanden „bombige“ Feste statt, wie Frühlingsball und Herbstball, sowie besinnliche Weihnachtsfeiern für „Einsame“… Der Kreis war nie öffentlich verkauft worden, wegen des Vorwurfs der „homosexuellen Propaganda“ – und vor allem wegen des Jugendschutzes!

Aus den verbliebenen ehemaligen Kreis-Mitstreitern und jüngerem Nachwuchs entstand ein neues Blatt und später der Club „Hey“ in Zürich. Der ursprüngliche nichtöffentliche „Conti-Club“ war in der Presse aufgeflogen, weil sich – nach etlichen Verbrechen an Schwulen und Verstösse von Homosexuellen gegen das höhere Schutzalter (16-20) die Aufmerksamkeit der Medien darauf richtete. In der Schweiz war es der § 194, der uns rechtlich bis 1992 diskriminierte – mit aktiver Unterstützung bis zum Bundesgericht. 1974 hatte die Schweiz die Europäische Menschenrechtskonvention unterzeichnet, aber nicht das 12. Protokoll gegen Diskriminierungen. (Damals standen das Jesuitenverbot und das Schächtverbot noch in der Verfassung, aber auch Strafprozessordnungen von Kantonen waren nicht EMR-konform) Ein unterschiedliches „Schutzalter“ für Homosexuelle hätte dieses Protokoll nicht mehr zugelassen.

Ähnlich wie heute in verschiedenen Oststaaten, wehrten sich unsere Vorkämpfer gegen Vorwürfe wie „Jugendverführung, Propaganda für Homosexualität, homosexuelle Prostitution“ (Totalverbot!) und sexuelle Darstellungen waren höchstens privat und in künstlerisch anerkannter Darstellung möglich.

Diese Szene änderte sich, als in der Nachfolge von Stonewall 1969 auch in Zürich Homosexuelle auf die Strasse gingen und sich selber sichtbar machten. Mit der Organisierung von Vorträgen und der Suche nach, nicht kommerziell ausgerichteten, Treff- und Unterhaltungslokalen brachten sie die herkömmlichen „bürgerlichen“ Homosexuellen in Zugzwang.

In Basel suchten Schwule nach Alternativen zum Club und zur öffentlichen Cruising-Szene der Parks und Toiletten. Die Homosexuellen Arbeitsgruppen Basel stellten an die Stadt Forderungen nach einem Lokal. 1992 schliesslich wurde das „Schwulen- und Lesbenzentrum“ eröffnet. Mit Mitteln aus der legendären Ausstellung „Männergeschichten“ 1988 in der Kaserne und einem Zuschuss vom Staat.

Soweit ein rudimentärer Überblick über die frühe Entstehung und Entwicklung von homosexuellen Szenen im letzten Jahrhundert, der gewöhnlichen Schwulen Zugang bot. Daneben wuchsen und gedeihten auch private Zirkel und „schwule Seilschaften“ über die es weitestgehend keine Aufzeichnungen gibt. Höchstens noch erzählte Geschichten und Gerüchte.

Das wäre der Bereich und Bewegungsraum welchen sich ein heutiger Gay unter „Szene“ vorstellt. Das da wären, die Clubs, Bars, Saunen, Parties und die „schwulen Badestrände“ im Sommer, sowie die öffentlichen Toiletten als Spezialszene. Nicht zu vergessen die Ferienreisen und der Besuch anderer Städte…

Es ist normal, dass  durch die Veränderungen der Wirtschaft, der Einkommen, der Transportmittel und der politisch-juristischen Situation, sowie der Migration diese SzeneN sich dauernd ändern. Früher innerhalb von Jahrzehnten, heute innerhalb von Jahren! Ist es denn sinnvoll darauf immer „Abgesänge“ zu halten?

Vielleicht ist bei der Darstellung aufgefallen, dass privates Leben zu zweit nicht so im Vordergrund steht, obwohl die Sehnsucht nach einem Freund und der ewig währenden Liebe mit ihm früher noch stärker war als vielleicht heute. Begüterte Homosexuelle hatten immer viel mehr Möglichkeiten in Szenen zu gehen, oder sich „einen Freund zu halten“. Aber das ist mir heute nicht von Belang. Trotzdem wird der Abschied von der allgemein bekannten „Szene“ immer wie ein Verschwinden eines Paradieses zelebriert.

Jeder Fussballverein hat ein Stadion oder ein Vereinslokal, in welchem er sich darstellen kann und wo Heterosexuelle auch ihre PartnerInnen finden können. Jeder grössere Häuserblock enthält Kids, die sich in der Nachbarschaft, in einem Hauseingang treffen und mit verschiedenen Absichten und Interessen eine unbemerkte Szene bilden, von der keineR Notiz nimmt, solange sie nicht auffällt. Als die Italiener kamen um hier zu arbeiten, die Portugiesen und die Spanier, bildeten auch sie Szenen. Zum Zweck der Heimatverbundenheit und der Pflege von Gebräuchen. Sogar Vereine von Zuzügern aus anderen Kantonen waren bei der frühen innerschweizerischen Mobilität im letzten Jahrhundert entstanden. Letztlich hat auch jeder Kriminelle und jeder Gläubige irgendeine Szene, die er beeinflusst oder der er sich anschliesst. Nicht nur im Sport.

Letztlich, wer sich „der Szene“ verweigert, oder ihr fern bleibt, bildet einfach eine eigene Szene. Aber da er in seinem eigenen Heim oder Bekanntenkreis zuhause ist, empfindet er es nicht als solche. Vielen Homo-Ehen ist das auch nicht bewusst. Ein Teil macht Einladungen oder gibt Parties – auch Sextreffs zu Dritt oder Viert (swingen), oder geht auf gemeinsame Reisen. Ich meine jetzt nicht nur den Fickstrand auf Gran Canaria.

Wir selbst kommen aus unserer Familienszene, aus der wir uns notgedrungen loslösen mussten, weil da keine Aussichten auf Schwulitäten waren. Das ist auch gut so, weil sich in festgefahrenen Lebensgemeinschaften/Verwandt- schaften aufgrund der Nähe und Machtverhältnisse eben auch sexuelle „Übertretungen“ ergeben und Missverständnisse einschleichen können. (zB wenn es unter Brüdern abgeht.)

In dem Buch „Gemischte Gefühle“ der Autoren Braun/Martin (rowohlt 60853, 2000) wird genau beschrieben, dass es auch eine „Heteroszene“ gibt, mit ihren ebenfalls dunklen Flecken. Ich erinnere an die sexuellen Belästigungen zwischen Männern und Frauen (oder auch mal umgekehrt!) am Arbeitsplatz, in Vereinen, an Anlässen, in Verkehrsmitteln…

Da lob ich mir hingegen eine klar homoSEXuelle Szene, in der alle darin Wandelnden wissen sollten, was sie wollen und welche Möglichkeiten sich bieten. Zwar muss da auch für verschiedene Dienstleistungen bezahlt werden, wie Gastronomie, Gesundheit, körperliche Reinigung und Entspannung, Unterhaltung und Information. Aber – im Gegensatz zu heterosexuellen Szenen – für die persönliche sexuelle Begegnung noch nicht so konsequent! Und seien wir mal ehrlich und offen. So eine Beziehung, oder ein Freund kostet oft auch eine Stange Geld, die sich nicht jeder leisten kann! Auch wenn es die gross Liebe, oder die langjährige Beziehung sein sollte.

Schlussfolgerung: Wer sich irgendwelchen Szenen entzieht, oder ihnen entflieht, landet ganz normal in einer neuen! Und wenn es nur seine neue „schöne“ Wohnung ist! Und darin haben sich bereits Internetportale per Computer etabliert. Da ist es herzig, immer wieder zu lesen, der eine oder andere sei „kein Szenegänger“. 😉

Ich finde es wichtig, noch etwas anzufügen. Für viele, die in jungen Jahren die Szene genossen oder darin konsumiert haben, kommt einmal der Tag und das Alter, in welchem keiner mehr für sie schaut und ihnen dient. Dann wäre es an der Zeit, mit Anderen zusammen bedürfnis-angepasste Szenen zu schaffen, in denen sich auch Ältere Schwule noch wohlfühlen können. Seien sie Single oder befreundet, oder auch nach einem Verlust des Partners. Daher braucht es eine Infrastruktur, die sich nicht am Kommerz orientiert, sondern am Zusammen- sein. Doch schwierig wird es, wenn die Leute dann ihren Konsumismus und ihre hohen Erwartungen nicht mehr ablegen können. Und schwierig ist es, wenn keiner uns zeigt, dass Männer/Schwule auch bis ins Alter vergnügt und interessiert sein können, ohne verbandelt oder vermögend zu sein.

Ab 30 bist Du vielleicht raus aus der Jugendszene, aber ein schwules Leben kann mit 40 – etwas anders – durchaus weitergeführt, oder neu angefangen werden. Aber bitte nicht als ewige Wiederholung aus der Jugendzeit, sondern als Weiterentwicklung eines Lebens oder Zusammenlebens mit Anderen. Was übrigens auch bei den Heteros ein Problem ist, wenn sie mal eine Familie „gegründet“ haben. Nur wird nicht darüber geredet.

Peter Thommen_62, Schwulenaktivist, Basel

 

P.S. Der ganze Drogenkonsum von Männern jeglicher Orientierung wird seine „krankhaften“ Folgen haben, und die Szenen der barebacker und HIV-posiviten können wir auch nicht einfach der Medizin und den Heteros überlassen! Für Arbeit und Arbeitsgruppen – auch eine gemeinschaftliche Szene – wird es immer etwas zu tun geben. Statt gemeinsam einsamen, oder einsam gemein sein zu Anderen

Zu diesem Text ist eine ausführliche Reaktion eingetroffen, die ich Euch in sieben Seiten PDF anfügen möchte!

Thomas Henschel, „Szene-Updates“  (bitte die Autorenrechte auch auf diesem Blog beachten!)

warum bin ich kein „barebacker“?

Sonntag, Januar 30th, 2011

Zur realsexuellen Situation der Homosexualität 2010

Diesen Text widme ich:

Christen, Richi, 27.05.1959-12.02.1995,

Ratti, André, 08.10.1935-26.10.1986,

Brockel, Frank, 13.09.1969-01.12.1993

Bareback-ismus ist eine Form von eingebildeter Macht über andere Männer – zum Ausgleich von Ohnmacht (wie SM), ein schwuler Machismo sozusagen. Und wie bei diesem wird gemeinsame Verantwortung total abgelehnt.

Für alle, die noch immer nicht wissen, was das ist: Das englische „bare“ entspricht dem deutschen „Bar“-Fuss und back heisst auf deutsch „hinten“. Das Wort soll schon von den Cowboys verwendet worden sein, die ohne Sattel auf Pferden geritten haben/sind…;)

Inzwischen sollte klar sein, dass es um HIV/AIDS geht (und übrigens auch um Hepatitis – für C gibt’s noch immer keine Impfung!). Schon lange kommt es mir „schräg“ herein, wenn ich die vielen User im Internet sehe (und über die Vielen „höre“, die als Gäste in Saunen oder auch „outdoor“ ohne Kondom verkehren. Vor allem diejenigen, die „barebacking“ propagieren, virtuelle Clubs gründen und geile Versprechungen machen. Daneben sehe ich auch viele HIV-positive, die sich über Diskriminierung durch Männer beklagen, oder die mit ihren Männern Probleme bekommen, wenn auch in der Beziehung Kondome verwendet werden sollen/wollen.

Als Schwuler, der gelernt hat, oder hat lernen müssen, was „richtiger Sex“ (eindringen/ficken!) ist, genügt mir die „mechanische“ Prävention der AIDS-Hilfen schon lange nicht mehr. Und ein Schwuler ist jemand, der Homosexualität praktiziert und gelegentlich auch darüber nachdenken tut, was er macht, warum er es macht und wie er es macht. Zu vergleichen mit einem Hetero, der herumfickt und schliesslich mal Vater wird – und vielleicht dann gezwungen wird, über seinen Schwanz nachzudenken! 😉

Aus ganz bestimmten „schwulenpolitischen Gründen“ hatte ich 1997 der AHS einen Brief geschrieben, den ich als Dokument auf meinem Blog aufführe. Aus der Antwort der AHS vom 4. Februar 1998 zitiere ich:„Zum ersten haben wir uns 1997 entschieden, uns an die „jungen newcomers” und nicht generell an die “newcomers” zu wenden. Zum zweiten behandelt diese Kampagne, die einen unvergleichlichen Erfolg aufweist, das Problem des Safer Sex und nicht die schwule Revolution.“

Seit 1997 hat die Präventionskampagne der AHS einen „unvergleichlichen Erfolg“ – bei stetig steigenden Infektionszahlen. Punkt. Das sind jetzt über 10 Jahre, in denen es schlicht unterlassen wurde, über Sexualpolitik, Sexualkultur und Sexualethik öffentlich nachzudenken.

Ich führe im Internet gelegentlich „Gespräche“ mit HIV+ und Barebackern. Und ich habe den Eindruck gewonnen, dass die Einen, wie die Anderen je auf einem anderen Planet leben. Es ist dies wohl Ausdruck der grundsätzlichen Situation unter Männern heute, die miteinander Sexualität praktizieren. Über ein Drittel der User auf Plattformen sind hetero oder bisexuelle Männer. Und sie unterscheiden sich nur unwesentlich in ihrem Verhalten von den homosexuellen Männern – oder auch umgekehrt…

„Halt!“ rufen jetzt diejenigen, die sich auf die verbesserte medizinische Situation, auf die neuen Medikamente und die geringe Sterblichkeitsrate der Infizierten berufen. Ich zweifle das überhaupt nicht an! Aber wenn ich diese „schwule Revolution“ zitieren darf, dann frage ich mich wirklich – „=/%@#&/=“ – hängt die Homosexualität und hängen auch die Schwulen wieder nur am medizinischen Tropf oder was? Lassen wir uns „medizinalisieren“, wie es in den 50er Jahren üblich war, als man uns mit Hormonen und Kastrationen malträtierte?

Gut, ich gebe zu: Anders als in Kuba, hat man uns sonst nirgendwo „weggesperrt für immer“, wie es den „Pädophilen“ heute droht. Das konnte verhindert werden! Aber wie ich von den HIV+ lerne, ist die Infektion für viele eine – im wahrsten Sinne des Wortes – „lebenslängliche“ Traumatisierung, die nicht einfach mit ein paar Tabletten „überlebt“ werden kann. Nebenher behaupten Barebacker jeglichen Alters immer wieder, dass sie wüssten, was sie tun!?

„…hast du das gefühl, ich weiss nicht, auf was ich mich einlasse?“ (18 Jahre)

„ich steh nicht auf gummis, ganz einfach und wenn ich mir dabei was einfange, naja, mein pech, mir egal. ist ja sowieso nicht dein problem, wirst ja wohl eh nie mit mir rummachen…“ (derselbe)

Ich will nochmals zurück zur „schwulen Revolution“! Homosexualität wird noch immer getrennt zur heterosexuellen Kultur und Gesellschaft praktiziert. Vor allem von Hetero- und Bisexuellen! Historisch gesehen waren Gesellschaften immer um Normalität bemüht. Sie duldeten ein gewisses Mass von Abweichung – wie Prostitution, Homosexualität. Solange vor allem die Männer ihre Sohnes-Pflicht fürs Vaterland erfüllten (siehe Telearena von 1978!)

Erst als sich die „notorischen Homosexuellen“ dieser familiären Kontrollen entzogen und eigene Gemeinschaften gründeten, begann die uns bekannte Ausgrenzung wirksam zu werden. Aber diese Ausgrenzung wurde nicht auf „halb- viertel, achtel“-Homosexualität gegründet. Auch spielten die Vorfahren keine Rolle wie bei den Juden. Noch heute gilt jeder Mann, über den homosexuelle Aktivitäten bekannt werden, entweder als schwul, oder zumindest doch noch als bisexuell…

Worauf will ich hinaus? Die Homosexualität ist keine Exklusivität der Schwulen, sondern die gemeinsame Erfahrung von allen Männern, wenn auch bei den meisten in verschiedenen Lebensabschnitten. Was früher bei Sexualkontakten von Älteren mit unter 20jährigen achselzuckend als „Altershomosexualität“ bezeichnet wurde, oder bei der „mutuellen Onanie“ zwischen Jungs als „homosexuelle Phase“ akzeptiert war, stellt sich heute als integrierender Bestandteil der Heterosexualität heraus. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass mehr Homosexualität unter Männern praktiziert wird, die sich NICHT als schwul, homosexuell oder gar bisexuell verstehen! Die Unterschiede sehe ich vor allem in den Umgangsformen zwischen, und den Rollenzwängen über einander. Es gibt noch immer vorwiegend heterosexuelle Umgangsformen in der Homosexualität. Ich will das hier nicht weiter ausführen, sondern darauf hinweisen, dass – zumindest Schwule – ein Bewusstsein für gleichwertigen Umgang miteinander entwickelt haben! Das wäre vielleicht die Kernmotivation für diese – ahem – von der damaligen Leiterin der AHS belächelte „schwule Revolution“.

„Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt!“ (Rosa von Praunheim, 1971)

Ich denke, dieser Satz gilt – immer noch oder schon wieder – fürs Jahr 2011! Nach 40 Jahren sind wir mit AIDS und mit dem homosexuellen Ghetto im Internet am ähnlichen Punkt angelangt. „Na ja, mein Pech und mir egal“ ist eine Haltung, die von vielen Männern wieder eingenommen wird, wie eine Art „Sexualdarwinismus“ mit dem Recht des Stärkeren. Entweder bodybuildingsmässig, oder wirtschaftlich. Wer zu schwächlich ist, kommt eben um. Und es ist „natürlich“, wenn Schwule schwächlich werden (sollen!). Es ist weniger schlimm, wenn Männer schwach werden und es geht ja niemanden etwas an, wenn heterosexuelle Männer mal „auswärts“ gehen, Hauptsache die Gesellschaft bleibt der Familie treu…

Es scheint allen Bürgern willkommen zu sein, wenn die gay community ins Internet verschwindet, die Schwulen sich auf Parties verlustieren und ihr Geld für Drogen ausgeben und an anderen Substanzen „verrecken“. Ach, ich „bashe“ wieder gegen die Heteros?

„Toleranz ist, wenn man fragt statt flucht“, schrieb Marc Pfander über seine Abschlussarbeit zu einer „schwulenfreundlichen Erziehung“. Nur, wo bleibt diese Erziehung bis heute eigentlich? Und was haben alle unsere „homosexuellen PolitikerInnen“ eigentlich getan/tun können?

Von wegen Hetero-Bashing: Ich sehe sehr viele Männer, Schwule und Bisexuelle, die sich selber „hetero bashen“. Das heisst, sie warten gar nicht erst auf irgendwelche Schlägertypen. Sie glauben, dass sie Schläge „verdient“ haben und fügen sich diese gerade selber mittels mannigfaltiger „Fetische“ zu. Ich nenne so was seit Jahren schon den „Erlösungsmythos“! (mit dem klaren Bezug zur Bibel, deren Kultur noch viele von uns geprägt hat) Ich will von der Tunte Ratzinger gar nicht anfangen zu reden…

Ich bin der Überzeugung, dass das ewige Lästern über ein angeblich nicht notwendiges coming out (nämlich die Erlösung von der Geheimnistuerei und der Steinwurf ins heterosexuelle Schaufenster), die notorischen Forderungen von „nichtschwulen“ Männern nach Diskretion („ich bin verheiratet und will das auch nicht ändern!“) und der hetero Stress bei der Suche nach dem ultimativen Fick, eine Wieder-Integration der homosexuellen Bedürfnisse in die Normalität verhindern, weil dies die herr- und frauschende ideologische Normalität sprengen und die versteckt gelebte Realität offenbaren würde. Stattdessen verzettelt sich die öffentliche Diskussion in Patchworkfamilien, Transen, Gender, Transvestiten, Lesben, Bisexuelle, Doppelsexuelle, Ambisexuelle und Asexuelle… Neue Kategorien in alten Schubladen – wie oben angeführt!

Ich bin auch der Überzeugung, dass die so genannte heterosexuelle „Mehrheit“ genauso eine Minderheit ist, wie die Homosexuellen. Die Mehrzahl der Männer tut beides – aber nach heterosexuellen Regeln. Da hat eine „schwule Revolution“ keinen Platz, ist sowieso „politisch nicht korrekt“ und im aktuellen Femi-Sexismus haben Männer keine Lobby – die Schwulen schon gar nicht (weder links noch rechts).

Im Bewusstsein, dass dies alles zusammenhängt und die Infektionswege mit HIV vielfach verschlungen sind, bis weit in die heterosexuellen Familien, kann ich mir Barebacking einfach nicht vorstellen! Aber ich kann mir gut vorstellen, dass – wahrscheinlich die wichtigste „heterosexuelle Regel“, der nachgelebt wird – wie folgt heisst: „…bei euren Dates ist jeder für sich selber verantwortlich!“ (Barebacking-Club) – denn so haben es seit je die heterosexuellen Männer mit den Frauen „getrieben“ (sh. „ledige Mütter, Prostitution, Abtreibungen“)

Es ist also nicht die Tatsache, dass in Afrika keineR von Schwulen oder Homosexualität redet, wenn es um die vielen heterosexuellen infizierten Frauen und Männer geht. Es ist also nicht die Tatsache, dass ich wegen AIDS viele Bekannte und gute Freunde verloren habe! Aber ich habe in der Schwulenbewegung gelernt, dass wir ein Teil in der Gesamtgesellschaft sind und auch Einfluss auf diese haben können! Wenn jeder nur für sich selbst verantwortlich ist, dann pfeife ich – „=/%@#&/=“ – auf das ganze Partnerschaftsgesetz, worin eh nirgendwo das Wort Sexualität enthalten ist, auf die Adoptiererei und sämtliche Leihmütter der Welt für Christiano Rinaldo, Ricky Martin und Andere…

Mein Frage zum Schluss ist: Wann werden endlich die Probleme diskutiert, die Männer im Kopf haben, wenn sie unsafen Sex praktizieren, oder aktiv Barebacking betreiben oder suchen? Was bringt einen Mann dazu, sich von seinem Partner/Geliebten infizieren zu lassen, um „mit ihm eins“ zu sein? Was bringt HIV+ dazu, sich an Anderen dafür zu rächen? Warum gibt es – vor allem schwule – Männer, denen ihr Leben sozusagen „nichts wert (geworden) ist“?

Heterosexuelle Verhältnisse bringen heterosexuelle Probleme. Aber eben keine „schwule Revolution“ – und in welchen Augen ist das „gut so“?

Peter Thommen, Schwulenaktivist, Basel

Hier eine „wohlwollendere“ Meinung zum bb (PDF 1,8 MB)

P.S. Zur Illustration empfehle ich folgende Bücher zur Lektüre:

1. Airen: Strobo

2. Froehling: Langer Nächte Tag

3. Langer: Beschädigte Identität (Inhalt)

Wegzehrung in der Szene

Montag, November 29th, 2010

Dieses Jahr durfte ich wieder einige Nachrufe auf verstorbene Schwule schreiben, die Aktivisten, Klemmschwestern oder auch stille Besucher der Szene waren. Auch habe ich wieder hie und da etwas über „unsere Szene“ geschrieben (arcadosbuchladen-info)

Bei Däni Gotsch schrieb ich: „Jede Abschiedsfeier, an welcher wir teilnehmen, ist ein Stück Vorbereitung auf unseren Abschied – dem Loslassen vom Leben.“ Daher ist jede Teilnahme an einer Abdankung nicht nur ein „sich zeigen“ vor den Anderen, oder gar ein Akt der Solidarität, sondern auch – ganz egoistisch – auch ein Erlebnis für sich selber.

„Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden“ (Psalmen 90, 12)

Eine Wegzehrung sind auch kleine Kolumnen und Glossen über die Szene, über andere Leute – egal wie beliebt sie sind – oder über Sexualpraktiken in den Zeiten von AIDS.

Nicht nur da sind Sex und Tod nahe beisammen, sondern sogar schon im Sex selber. Es beginnt mit all den Millionen Spermien, die ein weibliches Ei nicht erreichen. Egal ob sie in einem Anus (unvergesslicher Comic von Ralf König! „Ja wo sind wir denn gelandet hier?“) oder in einer Gebärmutter landen. Auch im Moment der Zellteilung stirbt das Sperma sozusagen in Metamorphose für ein neues, wiederum sterbliches Lebewesen…

Doch ich möchte nicht dem Biologismus huldigen, der allenthalben wieder hoffähig wird. Eine Klemmschwester, die ihr coming out wagt, um nachher als Schwuler aufzuerstehen ist genauso wichtig, wie ein Zeugungsakt. Eine „Spätgeburt“ sozusagen. In jedem Orgasmus sei ein „petite mort“, behauptet die französische Sprache und jede menschliche Trennung ist ein psychisches Trauma, das bewältigt werden muss – egal aus welchen Gründen.

Mitten im Fick kann es passieren, dass der Partner beschliesst, Schluss zu machen. Nicht urplötzlich, sondern als Konsequenz der vergangenen gemeinsamen Zeit. Oder weil es zuwenig gemeinsame Zeit in der Vergangenheit gab. Oder weil es keine Zukunft für zwei Partner gibt, wird Sex umso intensiver gemacht…

Als ich einige Zeit den Baslerstab ausgetragen hatte, nahm ich jedes Mal langsam meine Schmerzen im Magen wahr. Auch wurde ich während der Tour leicht depressiv. Ich musste lernen, meinem Körper eine Wegzehrung zu geben:  Schokolade für den Blutzuckerspiegel und auf mehr als einer Tour noch etwas heissen Tee oder Kaffee. Heute gibt’s jedes Mal in der Mitte noch Brot und Käse. Ich war es eben nicht gewohnt, körperlich zu arbeiten und musste mich nun umstellen.

Wenn Schwestern ihre Eierschalen abwerfen und ins Leben treten, brauchen sie auch regelmässig eine Wegzehrung, um ihren psychischen Stress im Verlieben und Trennen zu bewältigen – um mal die Extreme zu nennen.

Es gibt aber auch andere Püffe und Blechschaden an der Psyche. Neckereien, Beleidigungen, Überheblichkeiten, Ent-Täuschungen, Diskriminierung… All das braucht wieder Aufbaustoffe und Energiezufuhr, die allein aus Ficks nicht generiert werden können.

Leider gibt es auch viele Gays, die sind so zusammengestaucht worden im Laufe ihres Lebens, dass sie aussehen wie zerdrückte Cola-Dosen. Und es gibt auch viele Gays, die haben ihr Leben so ausgelebt, dass sie ziemlich ähnlich in Erscheinung treten! 😉

Wegzehrung ist eine Verschnaufpause. Für Raucher bedeutet das Inhalation von Nikotin, um wieder auf einen „Normal-Level“ zu kommen. Oder kleine Stopps der Filmrolle, um sich zu vergewissern, in welchem Film wir denn leben! 😉

Früher hatte ein Gott die Übersicht darüber, was auf der Erde so alles passiert und wo ihm die Menschen aus dem Ruder liefen. Heute hat das Internet seine Rolle übernommen und ist nun allgegenwärtig. Da hocken sie dann alle vor ihrem PC, oder tragen ihre Apps mit sich herum. Der Blick auf die emails ist sogar wichtiger geworden als der Blick zur Türe, wenn jemand hereinkommt…

Wie schön war es vergangene Woche, mit Vertrauten und Fremden über Kulinarisches zu reden, über Sprache und Kultur im alemannischen Raum. Oder an einem anderen Tag über Erfahrungen mit Strichern in Basel und über Scheisshäuser im fernen Osten. Über die Vergangenheit einer heterosexuellen Familie und die Zukunft mit einem Mann…

Dies alles und noch vielmehr kann mann erleben, wenn man immer mal wieder die reale Szene besucht und diese Atmosphäre spüren kann. Dabei sollte man an der Bar Platz nehmen und nicht sich in einer Ecke verkriechen. Schön, wenn es nur leise Musik gibt – oder gar keine, denn dann machen wir selbst die Stimmung, in der wir uns wohlfühlen. Es wäre für Viele wichtig, wieder mal so „Stallgeruch“ holen zu gehen, bevor sie realisieren, dass sie nach langer, langer Zeit gar niemanden mehr kennen. Zum Beispiel, weil sie 40 Jahre mit einem Partner – ausschliesslich – verbracht haben.

Also „en guete bim läse!“ Und: S Blatt ligt jewils au uff im „elletlui“! 😉

Peter Thommen

Zu dem Thema empfehle ich das Buch: Schwule über vierzig, von Oliver Witt, tredition Verlag 2010, ca. CHF 20.-

Die Presse für den homosexuell aktiven Mann trampelt sich auf den Füssen herum.

Freitag, Oktober 29th, 2010

Die (deutsch-) schweizer Magazine für Schwule trampeln sich immer mehr auf den Füssen herum. Die Einen haben Szene-Werbung und die Anderen holen sich das Geld bei heterosexuellen Firmen (wie Nivea) – oder mixen beides zusammen. Doch warum sind sie gratis?

Das liegt zum Einen in der Tradition der Diskriminierung. Homosexuelle wollen und wollten schon immer „diskret“ und anonym bleiben. So abonnierten sie höchstens das Gedruckte jeweils in neutralem Umschlagversand. Früher war der Kauf an Kiosken von „sowas“ schlicht unmöglich und in den 70er Jahren erklärten mir die grössten Kioskfirmen der Schweiz auf Anfrage, dass für „so was“ keine Nachfrage existiere. Das änderte sich dann mit dem Import der auflebenden Homo-Blätter aus Deutschland. In den beiden letzten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts wurden die schweizer Magazine dann mit Verkaufspreisen versehen und doch noch in die Kioske gebracht. (hey, Kontakt, anderschume)

Doch der grössere Teil der Auflage wurde immer gratis verteilt – im „Milieu“ – oder gegen Gebühr an Mitglieder verschickt. Kein Barman hätte Zeit gehabt, auch noch Magazine zu verkaufen.

Der Kontakt war das verbreiteste Magazin der neueren Zeit in unserem Land. Neben dem Du&ich und anderen Importierten. Das Magazin heisst heute „display“ und übernahm kürzlich quasi das finanziell darbende AK, das in der Schwulenbewegung mal als „anderschume“ lanciert worden war. Anderschume wiederum hatte seinerzeit das Kontiki, das von einem ex-SOH-Mitglied (Janul G.) als Konkurrenz von hey (SOH) und Kontakt auf den Markt gekommen war, übernommen.

Neben den traditionellen Gruppen-Blättchen wie „Schildchröttli“, Osservatore Homano (BL) HaZ-info, etc. gab es einige Versuche – auch von mir – regelmässige Informationen zu etablieren.

Der Cruiser aus Zürich, der es heute noch „wagt“, unter den Titel zu schreiben „dieses Magazin ist schwul“, hat als einziger von diesen überlebt. Es gab mal den Versuch, das Basler „come out“ mit ihm zu vereinen. Das erwies sich aber in der inhaltlichen Zusammenarbeit als unmöglich! 😉

Fortan erschien der Cruiser in Zürich und der Thommens Senf/Pinktube in Basel. Letzterer über Jahre sogar wöchentlich…

Nun erschien vor einem Vierteljahr ein neues Magazin in Bern. „Mannschaft“ sein Name und so wenig „einschlägig-ausgrenzend“  😉  wie möglich. Junge Kommunikatoren, Grafiker und Fotografen nützen ihre Kontakte, um für ihre Arbeit grad auch Werbung zu machen.

Im arcadosbuchladen-info vom Oktober schrieb ich: „Mannschaft – ein Magazin ohne Vergangenheit – einfach „der neuen Generation – vielleicht einem Laptop entstiegen.“

„Für die Jungen mag es sehr wichtig sein, sich abgebildet zu sehen, seine Welt auch gedruckt zu erleben, die doch so schnelle Bilder produziert im Internet und auf DVD. Auch findet der Jung-Homo die ersehnte Bestätigung, dass seine Wünsche und seine Schwüre nicht umsonst seien, weil es gibt auch andere Junge, die „so denken“ – farbig auf Papier…“ (S. 1)

Und auch dieses Magazin erhält mann gratis und sogar diskret zugesandt. Ob wohl heute mehr Homos es wagen, „sowas“ zu abonnieren?

Im neuen „display“ vom November kam mir folgender Text unter die Augen: „Der Aufbau des neuen Magazins ist sehr stark an das bereits bestehende display angelehnt, teilweise sogar abgekupfert. Inhaltlich bringt Mannschaft nichts neues… Es macht keinen Sinn, im kleinen Wirtschaftsraum der Deutschschweiz ein zweites schwules Magazin aufzulegen.“

Die Leserzuschrift ist gut sichtbar platziert! (S. 7)  😉

Tja, wenn sich die Magazine alle um die „neuschwulen“ bürgerlichen Politiker raufen, nette Stories über ältere „verheiratete“ Männer und über schwule TV-Ikonen, oder landesweite Schönlinge bringen, nebst Produktinformationen und Reise- und Skiweekend-Tipps, wird das wohl im Sinne junger Leser sein!

Aus irgendwelchen Gründen sind übrigens die Kontaktanzeigen aus den Gratis-Magazinen verschwunden. Es gab wohl zu viel Arbeit und die Dienstleistung wurde zu teuer. Aber nicht jeder Mann, der Kontakte sucht, hat einen eigenen Computer zur Hand, vor allem wenn er schon älter ist, oder eine Freundin oder Ehefrau hat…

Als Abkömmling der Schwulenbewegung und steter Kritiker frage ich mich heute – angesichts des schön bedruckten Papiers und der teuren Konsumwelt – wie lange das noch geht in wirtschaftlich schlechten Zeiten. All das Geschaute, Konsumierte, die fantasierten Träume im Internet – wie voll sind wohl die „Festplatten“ im Kopf geworden? Es wäre an der Zeit, dass Jung-Homos ihr Hirn zwischendurch mal „defragmentierten“, um Platz für ihre kommenden Lebensjahr(zehnt)e zu machen.

HIV-Infektionen und AIDS-Therapien steigen kontinuierlich an, statt zu sinken, wie insgeheim immer wieder kolportiert wurde. HIV wird wohl nicht die letzte problematische sexuelle Infektion, die auch uns trifft, sein. Aber alle glauben das unausgesprochen. Aber welches Medium übernimmt eine verantwortungsvolle Kommunikation über das Sexualverhalten?

Nach den begeisterten Verpartnerungen kommen jetzt die Scheidungen und rechtlichen Auseinandersetzungen. Das Hängen an eingegangenen Verpflichtungen – wie bei den Heteros!

Aber welches Medium übernimmt eine informative Kommunikation darüber?

Die Prostitution breitet sich immer mehr aus unter den Männern, die mit Männern Sex haben wollen. Vom harmlosen Taschengeld, über die wunschgerechte Massage, bis zur teuren Nachtbuchung. Das Strichermekka in Zürich mag manche Bedürfnisse befriedigen – aber führt es auch zur Zufriedenheit bei Schwulen und Männern in einem stark schwindenden „Milieu“?

Es stimmt nachdenklich, wenn ich – der ich in verschiedenen Kontaktplattformen präsent bin – von braven Usern aus dem Purplemoon dann im berüchtigten Gayromeo geblockt werde, damit ich nicht mitbekommen soll, dass das verliebte Paar dort die sexuelle Abwechslung sucht…

Die (hetero)sexuelle Doppelmoral breitet sich aus in der „homosexuellen Welt“. Heterosexuelle Lebensweise und Moral produzieren auch „heterosexuelle Probleme“. Die will ich aber jetzt nicht alle aufzählen. Ich will nur daran erinnern, dass die reale Welt der Homosexualität auch aus Problemen und Lernprozessen besteht, die nicht nur viele Jung-Homos als „Belehrung“ von sich weisen und die nicht Eingang finden in die wichtigen Kommunikationskanäle der Betroffenen. Neben der geglätteten Schönheit und den Crèmes und Wohnungseinrichtungen sollte doch noch Platz sein für ein Viele betreffendes Problem, das nicht nur unter „Beratung“ abgehandelt wird.

Aber da ist wohl seit einiger Zeit „der Faden gerissen“. Der Regenbogen ist zwar unser Symbol geworden – der rosa Winkel wurde abgehängt. Wir sind nun endlich bei einer richtig heterosexuellen Homo-Regenbogenpresse gelandet. Was für eine Errungenschaft!?

Peter Thommen60, Schwulenaktivist, Basel