Mit ‘Schutzalter’ getaggte Artikel

Der KREIS darf sich nicht schliessen!

Sonntag, 12. Oktober 2014

Die Geschichte der legendären „Vereinigung“ und daraus hervorgegangen die romantische und vorbildliche Ehe von Röbi und Ernst, ist ein guter Einblick in unsere – ahem UNSERE – Vergangenheit und Genealogie.

Ja, Genealogie, denn die Jungen von heute sind unsere Söhne und Enkel und wir sind deren Väter und Grossväter – um es mit den ungewohnten „heterrorsexuellen“ Begriffen zu umschreiben.

Die abgerundete Geschichte ist nicht das Ende der Verfolgung und Diskriminierung, aber auch nicht das Vorbild von schwulen Beziehungen. Vielleicht für Mütter und FamilienpolitikerInnen, die sich nichts anderes vorstellen können! Klar, dass da vieles einfach „seltsam“ war, selbst in den Augen der damaligen „Homoeroten“.

Ich zitiere aus Florian Vocks Besprechung: „Rolf  (der Obervater), als schwuler Aktivist, ist gleichzeitig integer und unsicher; einerseits ein Fels, andererseits bedrohlich am Wanken. Denn auch Rolf kann nichts gegen die Sittenpolizei unternehmen. Seine anpasserische Art, im Zweiten Weltkrieg lebensrettend, wirkt in der Tabuwelt der fünfziger Jahre nicht.

Rolfs ambivalente Gefühle sind eine Parabel auf die heutige Bewegung: Wie viel Anpassung soll es sein? Wie anständig müssen Homos sein, um vom Parlament ein paar weitere Rechte geschenkt zu bekommen? Sollen wir uns denn von den schwulen Strichern distanzieren, die heute in Bars und an Partys einfach dazu gehören?

Sollen wir die promiskuitive Sexualität in Sexboxen verschieben und hinter dem Schleier der Doppelmoral perfekte Paare inszenieren, um die Anerkennung zu bekommen, die wir fordern?

Zugegeben: Das Liebesleben ist chaotisch. Aber die Freundschaften sind echt. Der Kreis ist der Anker zur Möglichkeit, Freundschaft in Liebe und Freiheit zu leben. Die Anker gibt es auch heute noch: Die Feste des Kreis sind die Partys von heute, die erotischen Frauendarstellerinnen die politischen Dragqueens von heute und die Abonnenten vom Kreis die Peergroups von heute.“

Die hetero-anpasserische Art der sogenannten „organisierten“ Schwulen in der Schweiz von heute, schwankt zwischen Eheforderung und Blindheit gegenüber der „Pädophilen“-Diskussion und der steten,  „unbeachteten“ Anpassung der Sexualgesetze an die politisch-feministische Korrektheit.

Eheforderung gegen stete Anpassung? (an die sozialen und wirtschaftlichen Probleme der Globalisierung der Hetero/as) „Wir sind ja nicht so wie jene, wir sind so wie Ihr – daher akzeptiert uns endlich!“

Mich ärgert die Unverschämtheit von Heteras, über Sex zwischen Männern zu befinden und die heterosexuellen Raster über unser Leben zu ziehen! Nämlich da, wo es keine Opferinnen und Täter nach Geschlechtsorganen gibt, wird es per Lebensalter „zugeteilt“. Das hatten wir aber schon nach 1942! Was damals nicht gut war, kann auch heute „nicht schon wieder“ gut sein! Die südländischen Stricher von gestern sind die „armen MigranntInnen“ von heute, die sexuell ausgebeutet werden! KeineR merkts!

Das Liebesleben ist auch heute noch chaotisch –  glücklicherweise! Aber die Freundschaften ermangeln der Gemeinschaftserlebnisse der Schwulenbewegung, die auf den Kreis folgte! Nein, ich meine nicht die Gruppenficks aus den heterosexuellen Fantasien! Ich meine die „Bettverwandtschaften“ unter Männern! Solche, die dem einen über Liebeskummer hinweghelfen, oder anderen erlauben, gewisse Bedürfnisse ausserhalb einer „Homo-Ehe“ zu befriedigen, um damit in Frieden zu leben.

Nun, die Parties von heute sind gerade nicht die Feste von gestern (Zschr. mann 1/78)! Und wo gestern Alkohol getrunken wurde, werden heute immer neue Drogen konsumiert. Es kümmert auch keineN, wohin die Einnahmen heute fliessen… Damals vor allem in die Töpfe und Schriften der Bewegung.

Der Film ist eigentlich politischer als er gewollt war. Schlau, wer sich nicht von der Romantik blenden lässt!

Peter Thommen_64, Schwulenaktivist, Basel

Es gibt immer noch zuviele Mütter und Frauenpolitikerinnen, die (ihre) Söhne vor Homosexuellen schützen möchten und es dabei noch gut meinen, obwohl sie nichts davon verstehen! Und Jungs haben ein Recht darauf, ihre Partner frei zu wählen, unabhängig von ihrer Orientierung!

Mädchen können da viel mehr spielen damit als Jungs, weil sie einfach nicht ernst genommen werden. Jungs werden sofort so ernst genommen, dass sie nicht mal damit spielen können.“ (swissgay.info Nr. 3, Okt. 2014)

Es ist politisch bedenklich, wenn nach aussen immer von “Liebe” die Rede ist, während ja nur der Sex strafbar/straffrei war und ist! Andererseits geht es den Hetero/as immer vor allem um den Sex, denn ohne ihn hätte ihre Liebe ja keinen Sinn! ;)

Stalinismus und Putinismus, 1934/2014

Dienstag, 11. März 2014

Die russische Oktober-Revolution hatte die alten antihomosexuellen Gesetze und die klassische Ehe aufgehoben.

„Die neuen Herrscher im Land nahmen zunächst keine eindeutige Haltung in der Frage der homosexuellen Emanzipation ein. In Russland, Weissrussland und in der Ukraine wurde das zarische Sodomie-Verbot einfach aufgehoben.“ (1)

Die sowjetischen Behörden umwarben die Reformbewegung des Berliner Sexualforschers Magnus Hirschfeld, der sich für die Rechte Homosexueller einsetzte. … Andererseits inszenierten die Bolschewiki Schauprozesse gegen den Klerus, in denen Fälle von „Päderastie“ aufgedeckt und angeprangert wurden.“

Heute dürfen Schwule zwar weitgehend „heiraten“ aber Jugendliche werden auch bei uns wieder strenger geschützt vor Homosexualität, selbst noch vor sich selber.

Entsprechend der anfänglich mit dogmatischer Schärfe betonten freien Moralauffassung des Kommunismus auf dem Gebiet der geschlechtlichen Sittlichkeit (freie Liebe, Kündbarkeit der Ehe, unbegrenzte Zulassung der Schwangerschaftsunterbrechung, Kindererziehung durch den Staat) war die gleichgeschlechtliche Unzucht ohne Qualifikationsmerkmale * in der Sowjet-Union anfangs straflos. Erst im Jahr 1934 wurde die Strafbarkeit der einfachen Homosexualität ohne vorausgegangene Diskussion und ohne Begründung eingeführt.“ (2)

Diese Änderung kann durchaus als Folge des Aufstiegs von Josef Stalin angesehen werden. Stalin war ein Georgier und kam somit aus einer alt-christlichen Kultur. Davon war er um die Jahrhundertwende geprägt!

Aus jener Zeit ist ein Text von Klaus Mann erhalten, der sich als politisch bewusster Schwuler damit auseinandersetzte:

In der Sowjet-Union gibt es neuerdings ein Gesetz, das die Homosexualität unter schwere Strafe stellt. Es klingt überraschend, und man fragt sich, mit welcher Logik und mit welcher Moral eine sozialistische Regierung die Entrechtung und Diffamierung einer bestimmten Menschengruppe rechtfertigt, deren „Verschulden“ in ihrer naturgegebenen Veranlagung besteht: aber es ist so. Übelstände und Skandale in den östlichen Gebieten der Union sollen den Anlass gegeben haben zu der Einführung des beschämenden Paragraphen – gegen den in mitteleuropäischen und westlichen Ländern die Linke seit Jahrzehnten erbittert kämpft.“ (3)

… meine ich nicht nur und nicht vor allem die in der Sowjet-Union immer deutlicher werdende Neigung, in den erotischen Fragen wieder strenger und konservativer zu denken und zu urteilen … „

Ich meine vielmehr jenes Misstrauen und jene Abneigung gegen alles Homoerotische, die in den meisten antifaschistischen und fast allen sozialistischen Kreisen einen starken Grad erreicht haben. Man ist nicht mehr weit davon, die Homosexualität und den Faschismus miteinander zu identifizieren. Hierzu darf nicht länger geschwiegen werden. Wir bekämpfen Rassenvorurteile. Und inzwischen wollen wir das unvernünftigste Vorurteil gegen eine bestimmte geschlechtliche Veranlagung überhand nehmen lassen?“

Dazu kann direkt in die Gegenwart verwiesen werden! Heute werden die Verlängerung des Prostitutionsverbotes und der „Kinderpornografie“ bis zum 18. Lebensjahr bis weit in linke Kreise hinein kritiklos hingenommen! Aus lauter „Besorgtheit“ über neue Medien und Migranten glauben die Leute, sie könnten die Sexualentwicklung von Jugendlichen „aufhalten“! Dabei hätten wir Jahre Zeit gehabt, sie zu informieren und zu begleiten. Und die Ausbeutung mit dem Sex wird bekämpft, damit die Ausbeutung WEGEN dem Sex nicht abgeschafft werden muss! Checksch es?

Woher kommt es denn, dass wir in antifaschistischen Zeitungen die Wortzusammenstellung „Mörder und Päderasten“ beinahe ebenso häufig lesen, wie in den Naziblättern die von den „Volksverrätern und Juden“? Das Wort „Päderast“ als ein Schimpfwort, nur weil es in nationalsozialistischen Verbänden viele geben soll, die junge Männer lieben, statt Frauen!“ (3)

Auch dies kommt mir heute sehr bekannt vor! Während die meisten Kinder von ihren Eltern oder in ihrer Familie misshandelt werden, geilen sich die Medien an „Pädophilen“ auf, die an jeder Ecke lauern sollen…

” … wenn Blätter, die sich mit Vorliebe ‘liberal und aufgeklärt’ nannten, plötzlich anfingen ‘Knabenschänder’ zu schreien, wie eine hysterische Pastorengattin.“ (3)

Und die Schwulen, sowie alle anderen LGBT..s  regen sich über den „Putinismus“ auf, der doch nur mit der russisch-orthodoxen Kirche den Aufputz erledigt, den er früher mit dem KGB durchgeführt hatte. Vom Stalinismus bis heute sind nicht mal hundert Jahre vergangen. Die Politik mit dem Sex, den Homosexuellen und den Kindern bewährt sich von neuem! Die heutigen Linken haben nix gelernt, sorry!

Peter Thommen_64, Schwulenaktivist, Basel

 

* Qualifikationsmerkmale sind zum Beispiel Kontakte unter Zwang, Gewalt, oder als Prostitutionserwerb, oder Überschreitung von Schutzaltersgrenzen

(1) Healey, Dan: Beredtes Schweigen, in: Osteuropa Spektralanalyse, Homosexualität und ihre Feinde, S. 1

(2) Jescheck, Hans-Heinrich, in: Die Behandlung der Homosexualität im ausländischen Strafrecht, in: Homosexualität oder Politik mit dem § 175, roro 943, 1967, S. 96

(3) Mann, Klaus in: Homosexualität und Faschismus, erschienen in: DIE NEUE WELTBÜHNE, Prag 1934

Ulrike Lunacek: Homosexualität in Russland

Die Linke und der Sex, klassische Texte, Promedia 2011

Nachtrag: “Denn in der Ukraine, so Putin, hätten Neonazisten, Antisemiten und Russophobe die Oberhand gewonnen. ” (Bericht dlr.de)

Junghomos leben in “Parallelwelten”!

Donnerstag, 14. März 2013

Viele Hetero- und Homosexuelle glauben, man könne “nur schnell ins Internet gehen”, um diese oder jene zu finden. Ausserdem bieten sich Menschen im Internet auch wie Waren an, was beim Kauf zu grossen Enttäuschungen und Missverständnissen führen kann.

Die meisten Hetero/as glauben auch, Homosexualität gehe nur “die paar Schwulen” etwas an, obwohl ihre hetero Männer mehr Homosexualität praktizieren als alle Schwulen unter sich! Dieser Eindruck hat sich bei mir nach 10 Jahren verfestigt.

Und die meisten Schwulen nehmen nicht zu Kenntnis, dass der grösste Teil der Darsteller in den Gaypornos gar nicht schwul ist. So viele Gays sind dafür gar nicht zu bekommen. Und es macht den Darstellern offensichtlich Spass… (auch schon bevor es Viagra gab!)

Es gibt Junghomos, die andere als “alte Säcke” bezeichnen und Angst haben. Wovor eigentlich? Vor deren Sexualleben? Dabei ist das Sexualleben der Alten das, was die Junghomos auch in ihrer Zukunft haben werden! Gut, es im Voraus zu wissen. Und jede Anmache kann man höflich oder doch bestimmt auch zurückweisen.

Menschen, die einem  ”nicht passen” werden im Internet einfach “blockiert”. Mit wem ein Junghomo nicht ficken kann/will, mit dem ist auch ein normales Gespräch nicht möglich. Aber zudringliche “alte Säcke” habe ich in meiner Jugend auch real “überlebt”. (Und heute gibt es auch zudringliche “junge Säcke” im Internet, die es auf Alte abgesehen haben. Dies sei auch erwähnt!)

Wenn ich vom “Internet” schreibe hier, dann denke ich an Kontaktplattformen, Foren und Chats. An den “schwulen Markt”, wie viele meinen. Und an die gay Pornos kommt mann auch kostenlos… Ich will aber auch von der Realität im Milieu und im Leben schreiben, von der viele Junghomos einfach nicht Kenntnis nehmen wollen. Dabei gefährden sie nicht nur sich selbst, sondern auch ihre Mitschwulen und dazu noch die “Boyschwulen” in der Zukunft… Doch eines nach dem andern.

Die Devise scheint zu sein: Wo keineR was sagt, wo nichts passiert, da ist ja auch keine Gefahr für die heimlich gelebte Homosexualität. Nach der Heterofamilien-Devise: Bei uns gibt es “sowas” nicht – und wir wollens auch nicht wissen. Schon in der “normalen” Gesellschaft gilt die bewusst gelebte Sexualität generell als “Anti-Kultur” und wird ins “private” Kämmerlein “zum spielen” verwiesen. Das geht ja Niemanden etwas an. Ich kann dem leider nicht zustimmen, denn ich muss in allen Medien über das Sexleben sehr vieler Heteros – ungewollt lesen und hören – ausser vielleicht auf der Börsenseite nicht!

Schon die Geschichte der Verfolgung von Homosexualität zeigt, wie öffentlich das ist und wie sehr sich Heteros dafür interessieren! Und selbstverständlich interessieren wir Schwulen uns auch für die Heterosexualität (?), denn noch selten sagt ein Schwuler zu Heten: “Interessiert mich denn das?” Umgekehrt dann schon eher!

Wir sind für die Gesellschaft nur interessant, wenn sie uns bestaunen, bestrafen oder uns diskriminieren kann. Ansonsten erwartet sie von uns eine “vorgelebte Asexualität” – von Kindsbeinen an. Früher nannten besonnene Männer sowas “Homophilie”. Interessanter-weise geht es dem verwandten Wort “Pädophilie” genau umgekehrt! Was als Begriff ohne Sexualität geschaffen wurde, wird gezielt “sexualisiert” und als Bezeichnung für sexuelle Übergriffe missbraucht. Im Strafgesetz finden sich aber ganz andere Begriffe – die keineR verwenden will. “Pädophilie” trifft gesellschaftspolitisch “besser”…

Nach gehäuften Morden an heimlichen Homosexuellen, die in den 60ern über Zeitungen an die Öffentlichkeit gelangten, kam in den 70er Jahren der Schritt von der “Homophilen-Organisation” zur Homosexuellen Arbeitsgruppe. Denn wer die Chance der damaligen Sexualstrafrechtsreform nutzen wollte, musste hart arbeiten und lobbyieren – auch öffentlich! (Schutzalter hetero: 16, homo: 20, von 1942-1992)

Auf dem Plakat, welches “homophobe Gewalt” thematisiert steht übrigens: “Was nicht gemeldet wird, ist nie geschehen. Und was nicht gemeldet wird, muss auch keineR zur Kenntnis nehmen. So einfach ist die Strategie des Heterrors.

Wenn ich darauf hinweise, dass Junghomos in Parallelwelten leben, dann meine ich auch, dass sie in einer Art “Anti-Realität” leben. Alles “Schöne, Gute, Liebe, Ehrliche und Treue” ist für sie reserviert und muss nur noch gefunden werden – im Internet. Der fiktiv Angebetete heisst “Mr.Right”. Dies hat eine religiöse Dimension – auch auf der “richtigen” Seite der Gesellschaftspolitik: Gewalt, Diskriminierung, Mobbing. Da braucht es weder Koran- noch Bibelverse dazu. Aber meistens dienen sie zur Rechtfertigung…

Aber das passiert Junghomos nicht – wenn sie nur genug “hetero-like” sind. Es heisst immer wieder auf Profilen: “Wer ficken will muss freundlich sein”. Ich sage aber, wer nicht mit Heteros “gesellschaftspolitisch ficken” will, muss freundlich sein und die eigene Anpassung perfektionieren. Aber ich kenne leider keinen Fall, bei dem sich die hetero Gesellschaft nachträglich als “dankbar” dafür erwiesen hätte…

Seltsamerweise erfahren wir aktuell nur übers Internet und schwule Medien über die Selbsttötungen schwuler Jugendlicher. Das passt nicht in die Vorstellungen von Heteros/as. Wie können Kinder schwul sein? Das können die noch gar nicht wissen, erhielt ich schon vor Jahren als Antwort auf dem Jugendamt, wo ich eine Studie über Jugendgewalt persönlich abgeholt hatte. Zurzeit ist das Thema in den USA aktuell. Nichts „wird besser“ – leider! Es nützt nichts, wenn “die Hoffnung zuletzt stirbt” – trotz ihr aber schon Dutzende sterben mussten.

Statt uns über irgendeine allgemeine Gewalt in der Gesellschaft – oder gar die von Migranten zu verbreiten, sollten wir uns erst mal über die eigene Gewaltgefährdung im Klaren werden. Wir können eben nur in theoretischen Überlegungen auf die Hilfe von Mitbürgern zählen. Denn so schnell sie uns diskriminieren können, so schnell verlässt sie der Mut, den man auch “Courage” nennt, einem Schwulen zu Hilfe zu eilen, weil jeder Hetero selber gefährdet ist, als Schwuchtel enttarnt zu werden. Ganz zu schweigen, dass Heteros auch in diesen falschen Verdacht kommen und quasi in ihrer eigenen Gewalt-Falle gefangen sind…

Dabei hat jede Art von Gewalt gegen Menschen etwas mit “Sexualität” zu tun. Nicht unbedingt mit den Genitalien, aber zumindest hat jedes Opfer ein Geschlecht und wird deswegen, oder gar damit geschädigt. Es gibt nicht nur “sexuelle Gewalt” (auch gegen Männer!), vielmehr gibt es auch “sexuell motivierte” Gewalt – auch ohne Einbezug von Genitalien (Penis wie Vagina!). Und weil die Genitalien da meist nicht direkt eingesetzt werden, wird das auch nur selten erkannt und benannt. Zudem ist es für Heteros/as “normal”, wenn sich Männer oder Jungs prügeln – aber nicht, wenn sie sich wixen oder küssen!

Ich bin bei einem wichtigen Punkt angelangt, der den Schlüssel zu vielen Problemen von Junghomos und Klemmschwestern bietet. Jeder Heimlichtuer wird gestresst dafür, dass er sich dauernd anpassen darf. Aber jeder gefährdet da auch andere Schwule mit. Dadurch, dass sich die einseitige öffentliche Wahrnehmung nur von Tunten und Schwuchteln für viele verstärkt – selbst auch für Homosexuelle. Daraus folgt die Homophobie, von vielen Schwulen sogar selber “verinnerlicht”. Die Gesellschaft kann durch angepasste Klemmschwestern niemals erfahren, wie viele Männer anderen Männern für Sex nachrennen und dass das alles mit Weiblichkeit sehr wenig zu tun hat.

Zudem fehlt damit den Junghomos auch ein “normales” Homo-Bild, mit dem sie sich, wie die Heteros, auch identifizieren könnten. Schwulsein bedeutet nicht, “so werden zu müssen” wie die, “die man eh schon sieht”. Schwulsein bietet auch eigene Entwürfe, auch ohne “hetero-like“-ness! Die ganze Vielfalt an schwulen Männern muss öffentlich sichtbar werden. Dann lernen vielleicht auch die Klemmschwestern, diese Vielfalt selbst zu akzeptieren. Denn nur derjenige, der weiss wer er selber ist, muss keine Angst haben, “so wie jener” zu werden. (P. Thommen)

Die Homosexuellen Arbeitsgruppen und die Schwulenbewegung insgesamt hat übrigens nicht nur gekämpft für die Homosexualität als Orientierung, sie hat auch gearbeitet dafür, dass alle Anderen auch mal schwul sein dürfen, oder auch nur Homosex praktizieren – ohne dafür bestraft zu werden. Die Dummis habens nur noch nicht gemerkt. Und wir Schwulen sind dann der Blitzableiter für ihre Gewissensbisse.

Und genau da drin sind auch Junghomos und Klemmschwestern verstrickt. Da ist auch der “heterosexuelle” Damm aufgebaut, gegen “das Aussterben der Menschheit” und gegen den “homosexuellen Missbrauch von Kindern”, wobei damit meistens Knaben gemeint sind, denn Mädchen und Frauen haben ja nix, womit sie einander oder die Männer missbrauchen könnten (?). (Drum blieben die homosexuellen Aktivitäten von Frauen weitgehend straffrei in vielen Kulturen.)

Und nach der heterosexuellen Logik sind “schwule” Kinder eh von homosexuellen Männern missbraucht worden und werden dann wiederum zu Tätern an anderen Kindern. Aber bei dieser feministischen, männer-zentrierten Missbrauchsideologie vergessen alle, dass wenigstens bei den hetero Männern, vorher sehr viele Frauen am Werk gewesen sein müssten. (Über einige davon gibt es auch Literatur, die man aber suchen muss.)

Wenn ich aus heterosexueller Sicht davon ausgehe, dass Frauen den Knaben nur die “richtige Sexualität” zeigen würden – und darauf lassen viele Leserbriefe auf entsprechende Meldungen in der Presse schliessen, warum fragt dann niemand, was Frauen den homosexuellen Knaben anzutun imstande sind? Der heterosexuelle Familienkomplex wird nie hinterfragt. So wie Mütter über die sexuelle Orientierung der meisten schwulen Söhne einfach hinwegsehen, in der Hoffnung, “das vergehe” schon wieder.

Da wurde über Tiziano Ferros coming out berichtet. Die liebende Mutter wurde erwähnt, die “endlich froh” gewesen wäre, “ihn nicht mehr leiden sehen zu müssen”. Bei sowas krieg ich die Wut in den Hals! Warum hat denn die “liebende Mutter” nur zugesehen und ist nicht wie eine sprichwörtliche Wölfin mit ihrem Sohn den notwendigen Weg “hinaus” gegangen? Ach, er hat halt für seine Mutter gelitten? Einen grösseren Schwachsinn kann ich mir gar nicht mehr vorstellen!

Ich habe nun versucht, die wichtigsten Zusammenhänge aufzuzeigen, die ich verantwortlich dafür mache, dass nachrückende Generationen von Schwulen – also die Junghomos – den öffentlichen Raum immer weniger selbstbewusst und solidarisch betreten und in ihm leben – als Schwule verschiedenster Ausprägung, ja auch als Tunten – oder von mir aus auch als “Queers”. Es ist üblich geworden, der Schwulendiskussion auszuweichen, indem das Wort Queer verwendet wird. oder Abkürzungs-Monster wie LGBT*Q… Das ist cooler. Aber wem nützt das?

Den fast ausschliesslich “sichtbaren” Tunten nicht. Und auch den unsichtbaren Klemmschwestern nicht. Dieser öffentliche Raum und die offenen/öffentlichen Diskussionen mit den Heteros müssen wieder erobert und belebt werden. Das geht über die nächsten Verwandten und Bekannten hinaus, die “eh schon tolerant” sind. Denn sonst hinterlassen diese “stummen” Räume Gewaltbetroffene oder sogar Tote! Jeder ist zuviel!

Der Überfall mit Baseballschlägern vom 5. Januar 2012 am Stachelrain/Solitude ist von der Polizei auch nicht als Gewalt gegen einen Schwulen kommuniziert worden, obwohl ihr bekannt sein muss, dass dort ein Schwulentreffpunkt ist. Hätte aber ein einzelner Jugendlicher da einen Schwulen zum wixen getroffen, wäre das Urteil sehr leicht gefallen…

Wir sollten auch zur Kenntnis nehmen, dass in allen „Räumen“ – und besonders in „immer mehr Frauenräumen“, wie das am Frauentag 2013 verlangt worden ist, kein Platz für Homosexualität – schon gar nicht von heterosexuellen Männern ist! (Man lese das bitte zweimal laut!)

Es gibt nachgerade EINE öffentliche Schwulenbar in Basel – und erst noch in einem hetero Puff. Die Parties finden in hetero Locations statt und diese Stadt hat schon sehr lange keine Schwulendemo mehr gesehen. Ganz zu schweigen von Schwulen, die an öffentlichen Diskussionen teilnehmen würden. Gut. Die öffentlichen Sex-Diskussionen drehen sich auch meist um den “Missbrauch” von Kindern. Und da fühlen sich – trotz den erwähnten Selbsttötungen – natürlich Junghomos und Klemmschwestern nicht davon betroffen.

Ich fürchte darum, dass irgendwann irgendwelche Klemm-Heteros vor dem L39 auftauchen werden – trotz dem Bordell im übrigen Haus. Dass sie vor den Clubs auf schwule Partygäste warten werden…

1985 fand ich in einer italienischen Modezeitschrift diese beiden…

Dies alles, weil Schwule immer mehr abtauchen und aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwinden – oder nur noch als”herzige Pärchen” in einträchtiger, äh eingetragener Partnerschaft, in Erinnerung bleiben. Wollen wir das?

Peter Thommen_63, Schwulenaktivist, Basel  (thommen(at)arcados.com)

Kommentare sind willkommen und werden auch anonym publiziert!

Thommen: Der ewige Abgesang auf die Szene, (dazu siehe auch Henschel, über Veränderungen in der Szene)

Thommen, schwules Leben in der  Stadt, 1977-97

Rückblick auf die Szenen-Entwicklungen des letzten Jahrhunderts: Verpass keine Party!

Gästebuch Th’Senf

Politisch gesetztes Recht juristisch nach-relativiert…

Samstag, 02. März 2013

Geschichtliches aus den 50er Jahren

Zufällig – beim suchen im Blatt der „Homo-Eroten“, dem Kreis-Jahrgang von 1953, stiess ich auf einen Artikel, der mich an die heute aktuellen Bestrebungen zur Nach-Revision des 1992 „revidierten“ Strafgesetzbuches erinnerte (DarstellerInnen in Pornos sollen erst ab 18, statt 16 und Prostitution erst ab 18 erlaubt werden – siehe hier im Blog unter den Links “Jugend-prostitution!”). Als “Kinderporno” soll neu gelten, wenn 16jährige schon dabei mitmachen.  Dazu interessant ist die ehemalige Botschaft des Bundesrates über die Änderung des unten diskutierten Art. 194, vom 26. Juni 1985! *

Ähnliches hatten wir doch schon in den 60ern…

Schauen wir also zurück in die 50er Jahre des letzten Jahrhunderts und in das damalige Strafgesetzbuch mit dem Art. 194, der generell homosexuelle Kontakte erst ab 20 Jahren erlaubte und die homosexuelle Prostitution auch über 20 Jahre hinaus verbot! Dieses Strafrecht, das 1942 in Kraft getreten ist, löste die kantonalen Strafgesetze mit zum Teil milderen Strafen definitiv ab.

Nachtrag: Die Plattform Romeo beklagt sich heute darüber, dass ihnen von Apple verboten wird, Männer mit “zuviel” Haut auf dem App anzuzeigen. Ich könnte das bei Frauen verstehen. Aber wahrscheinlich haben die Amis vergessen, dass es mal Handwerker auf offener Strasse gegeben hat, die auch nur in der Körpermitte was an hatten und oben nackt gearbeitet haben. ..   Peter Thommen_63

 

Aus dem „Kreis“ 21. Jg. Nr. 5, Mai 1953  „In der neuesten Nummer der Schweizerischen Juristen-Zeitung, Jg. 1953 ist auf Seite 112 folgender Entscheid des Obergerichtes des Kantons Zürich vom 3. Oktober 1952 publiziert worden:

„Art. 194 Strafgesetzbuch. Freizusprechen ist der Angeklagte, der mit einem unmündigen (= damals unter 20 J.) Knaben von mehr als 16 Jahren beischlafähnliche Handlungen begeht, sofern der Geschädigte früher schon mit andern Männern gegenseitige Onanie betrieben hatte.“ (1)

Der schweizerische Rechtsanwalt, der uns auf das sehr wichtige Urteil aufmerksam macht, führt dazu aus: Dieser Entscheid geht noch weiter als der vor einiger Zeit durch Herrn Dr. Krafft, Zürich, mitgeteilte, da es sich dort um einen jugendlichen Prostituierten handelte, während hier zum Freispruch schon die Tatsache genügte, dass der Junge sich vorher einmal mit Männern eingelassen hatte. Nur diese Auslegung wird ja auch in dem Sinne des Art. 194 gerecht, wonach nur die Verführung strafbar ist. Wer schon verführt wurde, kann es nicht noch einmal werden. Das Bundesgericht hat mit seiner bisherigen Interpretation eigentlich das Gesetz verletzt.

Wenn wir hier im „Kreis“ dem noch nicht Volljährigen keinen Zutritt gestatten, selbst wenn er eindeutig gleichgeschlechtlich empfindet – (aus Gründen, die wir schon oft auseinandergesetzt haben) – so freuen wir uns doch über eine Rechtssprechung, die dem neuen Gesetz durchaus gerecht wird. Umso bestürzter lesen wir eine Zeitungsnotiz, die uns ein Berner Kamerad zustellt:

„Endlich wagt es einer!“ Nationalrat Dr. Emil Bösch (SG, FDP-LdU*), hat in der Frühjahrssession der eidgenössischen Räte folgende Motion eingereicht: Die seit der Einführung des Schweizerischen Strafgesetzbuches bestehende Straflosigkeit der zwischen mündigen Personen männlichen Geschlechts begangenen widernatürlichen Unzucht hat auf den Gebieten des Jugendschutzes und der Verbrechensbekämpfung schwerste Nachteile nach sich gezogen. In diesem Zusammenhang mahnen in einigen Kantonen auch gewisse Erscheinungen des gesellschaftlichen Lebens nachgerade zum Aufsehen. Der Bundesrat wird daher eingeladen, der Bundesversammlung über eine Revision von Art. 194 StGB Bericht und Antrag zu stellen.

Hier handelt es sich um den Versuch, einen rechtsgültigen Gesetzesparagraphen, der seit zehn Jahren in Kraft ist und, wie wir schon verschiedentlich von massgebenden Stellen gehört haben, dem Erpressertum den Boden entzogen hat, ins Wanken zu bringen, zu verschärfen und damit wieder ähnliche Zustände zu schaffen, wie sie in den Ländern um uns fast jede Woche zur Genüge bekannt werden. Die Motion richtet sich zwar nicht gegen unsere Zeitschrift und die damit verbundene Abonnentenvereinigung, aber sie greift die Grundlage an, auf der Beides überhaupt erst möglich ist.

Wir haben in unserer Zeitschrift und an unseren Klubabenden schon zur Genüge betont, dass wir geschlechtliche Beziehungen zu Kindern verurteilen, mögen sie nun Knaben oder Mädchen betreffen, wobei noch zu sagen wäre, dass bei einem Mädchen weit mehr zerstört wird als bei einem Knaben je möglich ist (er meint wohl nicht die lesbische, sondern die hetero Kombination? Th.), sofern eine Handlung nicht gerade zu körperlichen Verletzungen führt. Unlösbar mit unserem Geschlechtlichen ist und bleibt aber unsere Seele verhaftet und wenn das Geschlechtliche mit dem noch Jugendlichen in einer schmutzigen und seelenlosen Art begegnet, so bleibt es verwerflich, ob es vom Gesetz je erfasst wird oder nicht. Hier ist von Jahrtausenden her die persönliche Verantwortung das einzige Richtmass. Es gibt siebzehn- oder achtzehnjährige Mütter, die später prächtige Frauen geworden sind und es gibt Mädchen dieses Alters, die durch einen gewissenlosen Freund zu Dirnen herabsanken. Es gibt Jünglinge, die vor ihrer Volljährigkeit einen Freund fanden, der Vaterstelle an ihm vertrat, ihn ausbilden liess und zu einem vortrefflichen Manne machte – und es gibt junge Kerle, die durch frühzeitige Erlebnisse in der Strafanstalt endeten. Es lässt sich nie, in diesen entscheidenden Jahren ein für alle gültiges Gesetz schaffen; in der Wirklichkeit wird immer wieder Höhe und Abgrund nebeneinander stehen und es ist in den Willen jedes Einzelnen gelegt, was er daraus macht. Dass der Jugendliche geschützt werden muss, der sich verletzt fühlt, dessen persönliches Recht angetastet wurde, ist wohl allen klar. Was soll aber eine Motion, die so formuliert: „Die … Straflosigkeit zwischen mündigen Personen männlichen Geschlechts begangenen widernatürlichen Unzucht hat auf den Gebieten des Jugendschutzes … schwerste Nachteile nach sich gezogen…“ !?!  (2)

Seit wann muss der selbstverantwortliche junge Mann von Gesetzes wegen – („zwischen erwachsenen Männern“) in seiner Geschlechtlichkeit geschützt werden? Kann er das nicht mit einer kräftigen Ohrfeige selbst besorgen, wenn in seiner Wesensart nichts zum mannmännlichen Eros neigt? Wieso soll hier der neue Paragraph des StGB schädigend gewirkt, das jugendliche Verbrechertum begünstigt haben? Der Minderjährige, der die gleichgeschlechtliche Betätigung nicht will, ist ja geschützt, weit mehr als das Mädchen. Ist es nicht ein offenes Geheimnis, dass die Schwangerschaftsunterbrechungen bei minderjährigen Mädchen in erschreckendem Masse zugenommen haben? (Also schon damals! Th.) Wird hier nicht unendlich mehr zerstört als bei einem Achtzehnjährigen, der mit einem wirklichen Freund in gegenseitiger Zuneigung sich geschlechtlich entspannt? Ist es nicht heute so, dass die Welt trotz zwei furchtbaren Kriegen schon wieder übervölkert ist und die Lenker der Staaten, auch unseres Landes, eigentlich froh sein müssten, wenn Kinder nur von verantwortungsvollen Personen gezeugt und geboren werden? Wann endlich wird man die Dinge so zu sehen wagen, wie sie wirklich sind? Könnte sich nicht doch langsam die Anschauung Bahn brechen, dass auch das Homoerotische in der Welt nicht sinnlos ist, wie einige Hochgelehrte behaupten, sondern gerade diese nicht zeugende Geschlechtlichkeit ihren Sinn haben kann im grossen Plan der Natur, vielleicht sogar eines Gottes? Wir jedenfalls wagen diese Frage zu stellen.

Die uns unverständliche Motion ist eingereicht; ob sie durch Straffälle, die auch wir verurteilen müssen, diktiert worden ist, entzieht sich unserer Kenntnis. Wir können nur der Hoffnung Ausdruck geben, dass sie von Männern in Erwägung gezogen wird, die sich der Verantwortung einem vorurteilslosen Leben gegenüber bewusst sind. Wir können aber auch zum sondusovielten Male immer wieder nur erneut die Mahnung aussprechen, alles zu unterlassen, was dieser Motion auch nur die leiseste Begründung zur Änderung des Gesetzes geben könnte. Wir müssen uns tausendmal mehr bewähren vor den Augen der Öffentlichkeit als die Glücklicheren, deren Eros nicht fragwürdig erscheint durch immer wieder neue Entstellungen in eigenen und fremden Reihen. Bleiben wir uns immer bewusst, dass auch die grösste Freiheit, die jemals erreicht würde, nie das eine ausschliesst, das den Menschen erst zu einem sittlichen Wesen macht. Die Verantwortung dem Du gegenüber, die immer wieder in der christlichen Forderung mündet, dem Bruder auf dem Weg des Lebens nichts Böses zu tun, sondern ihn einzuschliessen in die Liebe, die grösser ist als wir selbst. Rolf.

Anmerkungen

*) “Auf den Verführungstatbestand von Absatz 1 im Artikel 194 StGB ver-zichten wir. Nach der neueren Forschung, auf die sich die Expertenkommission stützte, darf angenommen werden, dass für über 16jährige Jugendliche (für jüngere Kinder greift Art 187) des Entwurfs ein) keine Gefahr mehr besteht, durch homosexuelle Kontakte in ihrem Sexualverhalten beeinflusst zu werden. Die sexuelle Entwicklung junger Menschen scheint jedenfalls in diesem Alter hinsichtlich hetero-, homo- oder bisexueller Richtung festgelegt zu sein. Homo-sexuelles Verhalten unter nahezu gleichaltrigen Jugendlichen kann überdies eine pubertäts- oder entwicklungsbedingte Erscheinung sein, die keine nachhaltigen Folgen zeitigt; in solchen Fällen sollten daher auch jugendstrafrechtliche Mass-nahmen ausser Betracht bleiben.”  (Botschaft des BR vom 26. Juni 1985, S. 79)

1)  als PDF

2) Wir befinden uns hier in der Zeit der „gefallenen Mädchen“ und der „ledigen Mütter“ – des kein-Sex-vor-der-Ehe und lange vor der Pille! Zudem hat Rolf richtig bemerkt, dass es einerseits nur um Erwachsene unter sich geht, es nichts mehr mit dem Jugendschutz zu tun hat! Hier entblösst sich die gesellschaftliche Moral in einer verbrämten politischen Aktion! Th.)

Kinder dürfen SO und “anders” lieben!

Freitag, 22. Februar 2013

Udo Rauchfleisch ist ein ausgewiesener Fachmann im Bereich sexueller Orientierung und Psychotherapie. Seine Bücher sind Marksteine in der Diskussion um die Entpathologisierung von Homosexualität. Aber auch zur Transsexualität trägt er wichtige Informationen bei.

Ich selbst bin schwuler Buchhändler und ein Kind der neueren Schwulenbewegung. Es ist für mich wichtig, Fachliteratur in gesellschaftliche Zusammenhänge zu setzen und sie auch zu kritisieren. Weniger vom Fachlichen her, als vielmehr von den gesellschaftspolitischen Wirkungsmöglicheiten ausgehend. Ich bin daher mit meiner ersten Kritik auf gaybasel.ch beim Autor auf Erstaunen gestossen.

Es gibt zwei grundlegende Prinzipien sich mit Homosexualität zu befassen. Das eine sind Fachleute, die über das Thema und die daran Beteiligten* schreiben oder referieren und das andere ist das direkte Gespräch mit ihnen. Fachleute wie Rauchfleisch haben geholfen, das Thema aus der Krankheits-Ecke herauszuholen und die Schwulenbewegung hat es fertiggebracht, dasselbe aus den Toiletten auf die Strasse und in die Medien zu holen. Das reicht aber überhaupt noch nicht aus! Wir sind heute an dem Punkt, an welchem es klar werden muss, dass Homosexualität nicht allein eine „Orientierung“, „ein Fetisch“, oder eine „sexuelle Praktik“ einer vernachlässigbaren Minderheit ist. Denn damit sind Schwule das Stigma noch nicht los!

Ich bin 1950 geboren und somit in einer Zeit, in welcher „die homosexuelle Phase“ ganz normal der Kindheit und Jugend zugestanden worden ist, indem man/frau hoffte, diese sei eine „vorübergehende“. Die strafrechtliche Verfolgung und die gesellschaftliche Verfemung setzten ein, wenn diese „Phase“ definitiv bis ins Erwachsenenalter beibehalten wurde. Dann begann sie zu „stören“. Das frühere „Schutzalter“ von 20 Jahren – von 1942-1992 – brachte dies auch kriminalpolitisch zum Ausdruck! (Jungs und Mädchen durften damals schon ab 16 Jahren miteinander!)

Der erste Schritt bestand also darin, die homosexuellen Erfahrungen der Heranwachsenden zu entkriminalisieren und dieses Schutzalter für Sexualität allgemein und für alle Beteiligten, also die einverständliche „Jugendsexualität“, auf 16 Jahre herabzusetzen. Doch wir haben nicht damit gerechnet, dass sich die Politik und Justiz noch längere Zeit für den „politisch korrekten“ (hetero) Sex engagieren würde! Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass der Jugendschutz nach wie vor ein wichtiges Anliegen in weiten Kreisen der „korrekten“ Bevölkerung ist, während das Alter der sexuellen Aktivitäten stetig sinkt! Gleichzeitig sind die Grenzen zwischen den hetero und homosexuellen Aktivitäten ebenfalls gefallen und können nicht nur mit Orientierung und Identität verbunden werden!

„Es gibt viele heterosexuell orientierte Menschen, die ebenfalls homosexuelle Bedürfnisse haben und diese unter ebenso schwierigen Bedingungen befriedigen müssen, wie Schwulis. Es geht eben nicht nur darum, dass heterosexuell lebende Menschen sich plötzlich in einen des gleichen Geschlechts „verlieben“ können. Sie können gelegentlich, oder regelmässig, mit dem gleichen Geschlecht auch Sex machen. Und nach über zehn Jahren Internet behaupte ich, dass dies mindestens ein Drittel der Männer auch tut.“ (Th.)

„Aber was nützt einer Mutter der Begriff der „Kern-Geschlechtsidentität“, wenn sie Angst hat, ihr Sohn werde anal vergewaltigt? Diese Angstbilder vermeidet er geflissentlich. Frauen haben keine Prostata und kennen die anale Lust nicht aus dieser Erfahrung!“ (Th.)

Mit dem Titel „Mein Kind liebt anders“ wird für Eltern niemals klar werden, dass es auch eine Homosexualität „jenseits“ einer „Fixierung“ darauf gibt und dass das Kind die Freiheit haben sollte, sie auch „neben seiner heterosexuellen oder bisexuellen Orientierung“ zu nutzen. Es gibt sehr viele Schwule, die öfters und regelmässig sexuelle Erfahrungen mit Heterosexuellen machen, diskret und anonym natürlich. Und der bekannteste Spruch der Bisexuellen lautet: „Ich bin verheiratet.“ Oder „Ich habe eine Freundin.“ – „und das soll sich auch nicht ändern.“

Mit der Einschränkung der Homosexualität auf eine „Orientierung“ und deren Fixierung auf ein ganzes Leben, wie bei der Heterosexualität, werden gesellschaftliche Tatsachen ignoriert. Ganz zu schweigen davon, dass es viele hetero orientierte Männer gibt, die sich tatsächlich nach 20 bis 30 Jahren „umorientieren“, aber damit nicht plötzlich zu „Schwulen“ werden.

Ich möchte dem Autor die Anregung geben, die Joachim Braun und Beate Martin schon im Jahr 2000 im Rowohlt Verlag umgesetzt hatten, mit ihrem Buch „Gemischte Gefühle“. Darin bekommen Heterosexuelle vorgesetzt, dass sie selber auch ein „coming out“ haben, eine „Szene“ und eine „Orientierung“. Und nicht wenige homosexuell Orientierte können oder wollen sich auch fortpflanzen…

Nun, inzwischen haben wir ein Gesetz über die „eingetragene Partnerschaft“, Forderungen nach Adoptionsmöglichkeiten wie bei der Hetero-Ehe und sind an einem öffentlich wahrnehmbaren Punkt angelangt, der die faktische Durchmischung von Heterosexualität und Homosexualität aufhebt und sie jeweils in eine Ausschliesslichkeit zwingt, die jenseits aller empirischen Daten ist! Naiv ist, der sich nichts dabei denkt…

„Im Allgemeinen haben Frauen mit Homosexualität wesentlich weniger Probleme als Männer.“ (Rauchfleisch)

Es gibt keine realen Befunde, die das erhärten würden, nur Äusserungen. So manche Frau gibt sich „tolerant“, wenn es aber um ihren Ehemann oder ihren Sohn geht, sieht alles wieder anders aus. Das habe ich an einigen Beispielen, die ich hier nicht referieren kann, schon sehr eindrücklich erlebt!

„Die Ergebnisse dieser Untersuchung verdeutlichen, dass die Formen, in denen sich die mütterliche Einstellung ausdrückt, dem Einfluss eines gesellschaftlichen Stigmas unterliegen. … Entscheidend ist dabei nicht immer die Homosexualität an sich, sondern die Bedeutung, welche die einzelne Mutter der gesellschaftlichen Meinung und Erwartung beimisst.“ (1)

Dies der Befund von Claudia Müller in ihrer nichtrepräsentativen Arbeit „Mein Sohn liebt Männer“, eine qualitative Studie über einige Mütter. Nicht zuletzt habe ich die Erfahrung gemacht, dass sehr viele Jungs es nicht wagen, mit ihren Müttern über Sexualität zu reden und sich – gemäss einer vergangenen Studie – 30 % der Bisexuellen eher das Leben nehmen würden, als mit ihren Frauen über ihre homosexuellen Bedürfnisse zu sprechen.

Nehmen wir also die „Homosexualität“ aus der „Orientierung“ heraus und stellen sie ALLEN Männern zur Bedürfnisbefriedigung zur Verfügung, dann enthält dies erheblichen gesellschaftspolitischen Sprengstoff. Von der Reaktion von Frauen ganz zu schweigen. Ich habe einige kulturgeschichtliche Werke zur Sexualität gelesen und dabei gelernt, dass es immer das Bestreben der Gesellschaft war, erstens die Frauen zu „versorgen“, denn früher gab es für Unverheiratete, ledige Mütter und Geschiedene oft nur niedrige Arbeit, schlechte Bezahlung, oder die Prostitution, und zweitens die Männer unter „die Haube“ ** zu bringen, damit sie sexuell versorgt und keine Gefahr mehr für andere Frauen seien…

So erscheint mir die „Schwulen-Ehe“ historisch den gleichen politischen Weg zu nehmen, obwohl eigentlich alle wissen, dass diese Ideologie im Leben für die Allgemeinheit nichts taugt! Und schon sind PolitikerInnen daran, die MigrantINNen-Prostitution zu instrumentalisieren und die sexuelle Freiheit ab 16 Jahren für beide Geschlechter weiter einzuschränken. Dabei werden die aktuellen wirtschaftlichen Probleme galant unter den Tisch gewischt!   Peter Thommen_63, Schwulenaktivist, Basel

P.S. Eine detaillierte Rezension von Rauchfleischs Buch auf arcados.ch

 

* Ich schreibe hier absichtlich nicht „Betroffenen“

** kann übrigens auch in Zusammenhang mit der Kopfbedeckung von Muslimas gesehen werden! Wir hatten auch solche Traditionen.

1)  Claudia Müller (Pädagogin): Mein Sohn liebt Männer, 2008, eine qualitative Studie über 5 Mütter)

Ein grosser Tag?

Donnerstag, 20. September 2012

Eine Polemik aus den Erfahrungen der Vergangenheit in die Zukunft 

Anfangs dieser Woche hatte ein junger Mann sein „coming out“. Dabei erklärte er, dass er „es“ eigentlich schon seit seinem 16. Lebensjahr „gewusst“ habe.

Dass er für sein Identitätsbewusstsein noch einige Jahre zugewartet hat, während seine heterosexuellen Kollegen längst „erste Erfahrungen“ gesammelt haben, ist für unsere Gesellschaft „einfach nur normal“ halt. Schwule brauchen etwas länger?

Da hatte ich 1970 schon ungeheures Glück, weil das Schutzalter damals bei 20 Jahren war und es – wie bei gegenwärtig gültigem Gesetz von 1992 – keine Toleranzgrenze von drei Jahren um das Schutzalter 16 herum gab. Ich war gerade 20 geworden.

Doch während die heterosexuellen Jungs schon früher als mit 16 Jahren „herumprobieren“, gibt es seit einigen Jahren auch da strafrechtliche Eingriffe ins Sexualleben Jugendlicher. Hinterher wird das als „Missbrauch“ definiert und auch sanktioniert. Dabei spielt die Presse – vor allem vor irgendeiner Anklageerhebung – eine selbstbewusste vor-verurteilende „öffentlich-rechtliche“ Rolle!

Es wird wieder mehr Wert darauf gelegt, dass Jugendliche „warten“ sollten, statt ihre sexuelle Selbstverantwortung zu üben. Die einzige Politikerin seit Jahrzehnten, die nicht vom Schutzalter, sondern von der sexuellen Selbstbestimmung öffentlich (in einem Interview) sprach, war Frau Bundesrätin Elisabeth Kopp (FDP) gewesen! Das war Anfang der 80er Jahre.

Die „vorberatende Expertenkommission“ hatte damals 14 Jahre, und der Gesamtbundesrat in seiner Stellungnahme 15 Jahre vorgeschlagen. Die vielen Vernehmlassungsantworten, die in Bern bis 1983 eingegangen waren, sind übrigens in einer Bundesdrucksache* gesammelt worden: Die Antworten von Fachleuten, Juristen, Staatsanwaltschaften und Richtern liegen im Vergleich zur heutigen „politischen Korrektheit“ völlig daneben. Und doch waren alle diese Leute, inklusive Bundesrat nie irgendwie der „Pädophilie“ verdächtigt worden. Und es wäre Scheinheiligkeit im Quadrat, dies heute rückwirkend noch zu tun…

Doch in den letzten Jahren sind „Verjährungsfristen“ gedehnt, neue Straftatbestände im Bereich der Pornografie und der „sexuellen Handlungen mit Kindern“ („Wegschliessen für immer!“) und neue strafprozessuale Handlungen auch für Beteiligte unter 16 Jahren eingeführt worden. Dabei sollen alle immer mehr geschützt werden. Doch was hat das Gesetz zum Schutz der Frauen ihnen je wirklich gebracht? Meiner Kenntnis nach haben die Pille, die neuen Arbeitsmöglichkeiten, Weiterbildung und staatliche Unterstützungen, wie Alimentenbevorschussung, für Frauen mehr gebracht als alle gut meinenden Gesetze.

Kürzlich hat Bundesrätin Simonetta Sommaruga (SP) neue Gesetzesänderungen angekündigt (Lanzarote-Konvention, ER), mit denen Jugendliche vor sexueller Ausbeutung durch Prostitution von 16-18 Jahren geschützt werden sollen. Während sexuelle Kontakte unter 16 Jahren allgemein bekannt strafbar sind, ergibt sich eine Re-Kriminalisierung mit hohem Erpressungspotenzial, wie das Schwule von 1942 bis Ende der 80er Jahre erlebt haben. So zweideutig wie Prostitution letztlich definiert werden kann, so zweideutig werden auch arbeitsrechtliche Vorschriften in Familienbetrieben mit Kindern und Jugendlichen interpretiert. Das gilt nicht nur für Bauernbetriebe, sondern auch für Franchising-Läden! Aber da gibt’s halt keinen Sex, nur Arbeit.

Der weitere Vorschlag von Simonetta Sommaruga betrifft die sexuellen Darstellungen. Sie sollen neu bis 18 Jahre als Kinderpornografie gelten. Zum Schutz vor Ausbeutung. Ganz ignoriert werden die Selbst-Darstellungen Jugendlicher mit Webcam und in Internetforen. In einer Zeit, in der fast jeder „Kack“ abgebildet und mitgeteilt werden muss, ist das eine sehr fundamentalistische Sicht der Dinge! Von Selbstbestimmung kann keine Rede sein. Wie weit die “Jugendliteratur” und Tagebücher – für bis zu 18jährige – der Pornozensur zum Opfer fallen wird, bleibe dahingestellt Ganz zu schweigen von der Ausweitung der Zensur im Internet. Ich mag mich an ein Jugendbuch erinnern, woraus ich in meinem Abend-Blatt als Werbung zitiert hatte. Die Staatsanwaltschaft (in meiner damaligen Adressliste!) meldete sich telefonisch, woher ich den Text hätte. Aus einem regulären Taschenbuch. (Die Neuauflage erschien dann bei Gmünder…)

Kommen wir zurück auf den grossen Tag! Ich habe bereits geschildert, dass Jugendliche mit den homosexuellen Erfahrungen und Identitäten um Jahre verspätet daran sind. Was keineN kümmert. Und nun soll die Darstellung und Selbstdarstellung der lustvollen Sexualität von Jugendlichen von 16-18 Jahren so schlimm werden wie die Kinderpornografie. Das sind doch schöne Aussichten auf ein schwules Leben, wenn Sexualität – eingeschränkt durch das Prostitutionsverbot – zwar gelebt werden darf (wohl eher geduldet!), aber deren Abbildung schwer kriminalisiert wird. Wir sind bald wieder bei einem Strafrecht der katholischen Kirche, die „keinen Sex vor der Ehe“ propagiert. Die Homosexualität sitzt nun in der heterosexuellen Falle zum Schutz vor allem der Mädchen und wird „gleichbehandelt“. Das wollten wir doch – oder?

Aber da sitzt noch so ein Pferdefuss in der ganzen Vorlage. Getreu dem „Vorbild“ in Schweden, sollen zwar die Männer, die Prostituierte aufsuchen (also hier erstmal begrenzt auf Jugendliche von 16-18 Jahren) sich strafbar machen. Aber die Frauen, die – aus welchen Gründen auch immer – die Prostitution anbieten, sollen straflos bleiben. Dazu kann ich nur die Verfassung zitieren, die jeden Bürger/Bürgerin vor dem Gesetz gleich stellen soll!

Wer bei der homosexuellen Prostitution bestraft werden soll, wird natürlich nicht erwähnt. Das ist bei Frauen kein Thema. Auch nicht, wenn mal ab und an eine vornehme Dame, egal welchen Zivilstands, sich eine andere Dame gegen Bares gönnt! Und so was wird es ja wohl nicht geben…

Da ist es gerade praktisch, dass schwule Jungs erst mit 18 Jahren oder noch später ihr coming out haben. Da sparen sie sich viele Unannehmlichkeiten mit den Behörden, Gerichten und der Polizei! Und die Schwulenbewegung muss „umdenken“ und die ganzen safersex Kampagnen und Informationen neu ausrichten!?

Das wollten wir doch – oder?

Peter Thommen_62, Buchhändler, Sozialarbeiter, Schwulenaktivist

P.S. Siehe auch die Links hier im Blog unter “Jugendprostitution”!

Dazu passend ein Kurzfilm “The Closet” - eine Kindheitserinnerung  (gefunden bei typisch-schwul.com)

* Ergebnisse des Vernehmlassungsverfahrens – Strafbare Handlungen gegen Leib und Leben, gegen die Sittlichkeit und gegen die Familie, 1983, 752 S. A 20416 / A 20796

Die ganzen privaten Stellungnahmen ans BAJ, vom „Weissen Kreuz“ bis zu den Schwulenorganisationen liegen mir in meinem Archiv als Kopien aus dem Justizdepartement vor!

 

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Nachtrag/Leserreaktion: Es gilt ein erstes Missverständnis zu beheben, das in meiner Polemik aufscheinen kann: Natürlich kann ein Junge in jedem Alter sein coming out machen. Nur steht die Frage an, ob es – angesichts der vorgesehenen Kriminalisierung von Bildern und Texten, die Sex und Kontakte von 16-18 zur Darstellung bringen oder thematisieren, überhaupt dann noch Sinn macht, diese Altersgruppe zu informieren, oder ihr Literatur zur Verfügung zu halten! (Dazu muss man nicht Buchhändler sein!)

Anmerkungen

1. Ich erwähnte oben das Buch von Todd Brown. Das knallrosa Tagebuch, welches im “Sexverlag” Gmünder neu aufgelegt wurde! (Ursprünglich bei DromerKnaur?)

2. Ich habe an anderem Ort das Buch von Will Davis: Meine Sicht der Dinge, besprochen. Dieses ist auf Deutsch nicht ohne Grund bei Gmünder erschienen. Die Englisch-Ausgabe erschien jedoch nicht in einem “Sexverlag”!

3. Ich erinnere an die Broschüre “selbstverständlich” (Pink Cross, 2005), in welchem Szoltan eine Sexszene auf einem Bahnhofsklo beschreibt (S.15), deretwegen PolitikerInnen aufgeschreckt wurden! Wie ich mich erinnere, durfte sie nicht mehr an Schulen (PDF) aufgelegt werden! Allerdings erhielt sie dann vom Bundesrat ein OK. (Schulen sind aber Kantonssache!)

Bundesrat rehabilitiert Coming-out Broschüre (31.8.2005). Professionell gemacht, Inhalt und Aufmachung für die Zielgruppe geeignet. Dies ist die offizielle Beurteilung des Bundesrats zur Coming-out-Broschüre «selbstverständlich» für schwule junge Männer, die PINK CROSS in Zusammenarbeit mit der AHS herausgegeben hat.

«selbstverständlich», die Broschüre für junge schwule Männer vor- und während des Coming-outs, war im Frühling unter Beschuss geraten, weil vornehmlich evangelikale Politiker sie als pornographisches Machwerk zur Verführung Jugendlicher darstellten. In der bundesrätlichen Antwort auf zwei parlamentarische Anfragen erhalten die schweizerische Schwulenorganisation PINK CROSS und die Aids-Hilfe Schweiz nun die Bestätigung, dass die Broschüre zweckmässig ist und Homosexualität ausgewogen darstellt. 

Das Thema “Kinder- und Jugendliteratur für homosexuelle Jugendliche” wird nächstens von mir in einem Essay aufgelegt werden. 

Christopher oder Christina?

Montag, 02. Juli 2012

Darüber stritten sich die Schwulen mit den Lesben vor einem Jahr in München. Der gutgemeinte Vorschlag, mal einen Christina-Street-Day zu feiern, prallte an zum Teil „wütenden“ Schwulen ab. Nun, es feiert ja auch keine einen „Nikolaus-Innen“-Tag am 6. Dezember… (Diese Debatte – „Wenn Schwule frauen hassen“ – ist zusammengefasst und nachzulesen bei Jürgen Voss)

Ich meine, dass die „Emanzipation“ der Lesben in der „Homosexuellen-Bewegung“  weder mit „Adam und Steve“, noch mit „Ada und Eve“ zu erreichen ist. Regelmässig kocht die Diskussion um die „männliche Bedeutung“ des Wortes „homosexuell“ hoch. Lesben „verschwinden“ meistens hinter diesem Wort und fühlen sich nicht „abgebildet“ darin.

Diese Diskussion zeugt von der Ignoranz unserer Geschichte und Vergangenheit: In den meisten Ländern sind homosexuelle Frauen nicht explizit (namentlich nicht erwähnt in Strafgesetzen) verfolgt worden – ganz einfach, weil sie nicht als „strafrechtlich ernst“ genug genommen worden sind! Frauen haben ganz allgemein erst seit ca. 100 Jahren eine eigenständige Sexualität zugestanden bekommen! Das sollte vor allem in den Diskussionen um historische Dokumente berücksichtigt werden. Wir tun meistens alles in einen Topf und sehen alles mit unseren heutigen Augen. Das ist unwissenschaftlich und ungerecht!

Auch die Lesben sollten berücksichtigen, dass die Opferperspektive eigentlich eine sexistische ist! Alles was einen Schwanz trägt und sich nicht penetrieren lässt (lassen darf!), ist Täter. Sogar Schwule machen da keine Ausnahme – auch wenn sie sich schon mal penetrieren lassen. (In den Strafgesetz-Texten sind Frauen mit „Täter“ immer nur theoretisch mitgemeint.) Die Nationalsozialisten mussten sich mit der „halbherzigen“ Bezeichnung  „Asoziale“  für Lesben behelfen…

Gerade kürzlich hatte ich eine Cousine im Gespräch, die – als Mutter von einem Sohn – auch als jetzt letztlich lesbisch lebende Frau diese hetera Sichtweise vertritt. Daher ist es recht schwierig, Frauen und Lesben als „Verbündete“ von homosexuellen Männern zu betrachten, die ihre Söhne ja vor uns schützen wollen. Doch wer schützt ihre Töchter vor den Frauen??

Ein weiteres Beispiel – aus Joachim Braun: schwul und dann? (Beratungs-Interview mit einer Mutter)

„Wie geht es Ihnen denn mit schwuler Sexualität?“ – (nachdenklich) „Ich weiss, es ist absurd, aber bei Heterosexuellen stört mich der Analverkehr nicht – bei Homosexuellen stösst er mich ab.“ 

„Warum“? – „Weil der passive Teil irgendwie degradiert wird; aber ein Mann, der sich degradieren lässt (zögert) … ist in meinen Augen unmännlich.“ (Querverlag 2006, S. 38-39)

Diese Mutter wird nicht die einzige sein, die diesen Sexismus einfach an ihre Söhne weitergibt, egal ob hetero oder homo.

Historisch-biblisch gesehen macht sich nicht nur der Penetrierer eines Mannes, sondern auch der penetrierte Mann selber eines „Verbrechens“ schuldig. Ähnlich wie das als Vorurteil gegenüber Frauen auch verwendet wird.  Aber es heisst nirgendwo, dass eine Frau nicht wie eine Frau bei einer Frau liegen darf…

Während also durch den Penetrierakt ein Mann seine Männlichkeit verlieren kann, gibt es juristisch und kulturhistorisch beim Sex zwischen Frauen keinen „Verlust“ zu beklagen. Eine Frau bleibt eine Frau – egal mit welchem Geschlecht sie Sex hat.

Wir müssen also aufpassen, dass wir uns nicht in unserem eigenen kulturellen Sexismus verfangen. Und nach der Feststellung der eigenen Sexualität von Frauen, konnten sie wohl trotzdem nicht als Täterinnen klassifiziert werden. Während das Schutzalter unter den Männern noch heute ein hochemotionales Thema ist, war davon zwischen Frauen niemals die Rede. Entweder „gab es das einfach nicht“, oder die sexuellen Übergriffe wurden nicht sicht- und definierbar. Aber logischerweise kann die Frau, mit fortschreitender Emanzipation, nicht weiterhin als Täterin einfach „übersehen“ werden. (Das gilt nicht nur für eine „Rote Armee Fraktion“!)

Ich habe schon in den 80er Jahren die gesamtschweizerische Statistik für die Bestrafung von „homosexuellen Übergriffen“ beobachtet. Dabei fallen die Frauen kaum auf. Mir war immer irgendwie unklar, wie die Lesben erst als erwachsene Frauen quasi vom Himmel fallen konnten und dann erst gesellschaftlich auftraten. Der ehemalige Art. 194 StGB CH galt von 1942-1992 für beide Geschlechter und schützte beide bis 20. Wichtig aber war nur der Schutz der Jungs!

Die Sexualität und das Sexualleben einer Frau werden bis heute anders beurteilt als bei den Männern! Einer leiblichen Mutter kann man heute nur schwer ihr Kind wegnehmen, was bei einem Vater durchaus leichter fällt. Ich will mich aber hier nicht dem Vorwurf aussetzen, Lesben würden nicht diskriminiert.

Aber WIE werden sie denn diskriminiert und worunter unterscheidet sich das von den Männern? Dieses Genderthema scheint keineN so richtig zu interessieren. Die Diskriminierung von Lesben wird „politisch korrekt“ öfter als „doppelt“ bezeichnet – einmal als Frau und zum zweiten als Lesbe. Nun, ich fühlte mich schon VOR meinem schwulen Bewusstsein als „anderer“ Mann diskriminiert – und dann letztlich auch als Schwuler. Eine doppelte Diskriminierung ist historisch korrekt nirgends auszumachen.

Jede Diskriminierung ist unannehmbar. Das hängt nicht davon ab, ob sie doppelt oder dreifach erfolgt. Wichtig ist die Tatsache, dass in der gesellschaftlichen Diskussion klar wird, worüber und wie im Detail sie erfolgt. Wenn heute schon vom „Schwulen-Dreieck“ (unter Verlust seiner vergangenen Bedeutung) gefaselt wird und davon, dass Basel „anstatt des CSD“ eine traditionelle Schiffsparty habe, dann werden damit historische Fakten ignoriert.

Ich begrüsse die „Schiffsparty“ als eine wichtige Veranstaltung, an der auch beide Geschlechter teilnehmen. So wie auch an der anderen wichtigen Veranstaltung, des „Tuntenballs“, an der auch beide Geschlechter und auch viele Hetero/as teilnehmen.

Aber weder die eine, noch die andere Veranstaltung kann einen CSD ersetzen. So wie auch der Tuntenball Weihnachten nicht ersetzen kann – höchstens die besonders homophobe Stimmung an Weihnachten in heterosexuellen Familien. Womit auch hiermit auf die historische Wurzel hingewiesen sei!

An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass jüngere Schwulengenerationen sich das Wissen gar nicht mehr aneignen (können, wollen?), um die Hetero/as zu verstehen, die uns diskriminieren. Homosexualität sei für ihn „einfach interessant“, erklärte mir kürzlich ein Teenie, der noch in seinem Alter geschützt wird…

Es muss auch erwähnt werden, dass schwule und bisexuelle Männer sich für dieses Thema wenig interessieren. Auch von Seiten der Lesben ist das Interesse an Geschichte im Allgemeinen nicht besonders gross. Viele „spätere“ Lesben kommen aus heterosexuellen Beziehungen oder Ehen und haben damit ja bewiesen, dass sie „richtige Frauen“ sein können. Viele Lesben bestätigen dies mittels leiblichen Kindern – wenn auch als zwei Mütter! Sie geben also ein sehr „hetero-likes“ Bild in die Gesellschaft ab. Da bleiben die schwulen Väter und ihre heterosexuelle Vergangenheit sehr schnell ausser öffentlicher Wahrnehmung. Ja sie erweisen sich als „heterosexuelle Schlappschwänze“, die ihre Partnerinnen betrogen hätten…

Diese Andersheit ist es, die so schwer zu vermitteln ist: Einerseits zwischen den Geschlechtern der Homosexuellen und andererseits in die Gesellschaft hinaus.

Trotz allem haben die Frauen in den letzten Jahren immer mehr Plätze „zuvorderst“ belegt und beweisen, dass sie auch politisch und öffentlich aktiv sein können. Letztlich aber sollten wir uns bewusst bleiben, dass die Interessen zwischen Frauen und Männern, zwischen Schwulen und Lesben sich niemals vollständig decken können und werden.

Aber wer geht hin, um zu verstehen, „warum Schwule Frauen hassen“, wenn diese wiederum von hetero Männern für ihr „Frausein“ gehasst werden und heterosexuelle Mütter den Sexismus an ihre Söhne weitergeben ?

Und wer versteht letztlich, dass es Männer gibt, die einen voyeuristischen Blick auf „Lesben“ werfen und dabei nicht merken, dass sie da eigentlich gar nicht gefragt sein können!?  Mir sind keine Frauen bekannt, die beim Anblick zweier sich küssender Männer „heiss“ werden. Im Gegenteil! Wir stecken immer noch in der heterosexistischen Falle! Und mit drin sehr viele Lesben und Schwule.

Doch gibt es auch interessante Profile von hetero- oder bisexuellen Männern im Internet! Die einen suchen einen „hetero-liken“ Mann – und bitte nichts Tuntiges, Weibisches… Sie wollen diesen „richtigen“ Mann auch kennen- und sexen lernen. Dabei genügt ihnen das „Andere“ der Frauen vollauf, nämlich dann, wenn dieses „homo-like“ keinen Schwanz und dafür zwei Titten hat.

Die anderen suchen eine „Shemale“, ein „Schwanzmädchen“, eine Transe, eine DWT… ihnen sei gesagt, dass es gar keine Schwanzmädchen gibt, nur „Tittenbuben“. Aber diese Bezeichnung und die Attribute helfen ihnen, sozusagen den Graben des Sexismus zu überspringen – ohne sich einer Auseinandersetzung damit stellen zu müssen. Solange irgendwas von einer Frau dran ist, kann es einfach nicht schwul sein. Das muss genügen.

Für mich ist klar geworden, dass es als Mann eine Identität mit Müttern und Frauen nicht geben kann. Sie ist bei den anderen Männern zu holen. Und genau das verbietet die heterror Gesellschaft aufs schärfste und mit schärfsten Schutzaltern und der traditionellen Homophobie der Familie.

Andererseits sind die kompletten Bedürfnisse von Männern durch die Frauen niemals abzudecken, obwohl es noch immer öffentlich propagiert und individuell noch geglaubt wird!

Derweil erzählen uns doch „Emanzen“ schon seit Jahrzehnten das Gleiche über die Männer.

Aber was geht das nun die Hetero/a-Sexuellen an?

Ich glaube, dass die Gewalt gegen Schwule einen Teil der Gewalt gegen Frauen darstellt. Und sie entspringt der „falschen Identität“ von Jungs mit Müttern und Frauen, dieser letztlich gewalttätig abgewehrten „Teil-Identität“ mit Weiblichem bei Schwulen und der entsprechenden Homophobie der Väter gegenüber ihren Söhnen. Denn letztlich kann Weiblichkeit niemals voll akzeptiert werden, wenn sie von den Männern für sich selber abgelehnt werden muss!

Ich habe für mich dieses „heterosexuelle Spiel“ mit dem „Spass“ schon länger durchschaut und ich glaube viele Jungs und Männer merken das auch langsam, wenn sie sich das Problem auch noch nicht erklären können!

Peter Thommen_62, Buchhändler und Schwulenaktivist, Basel (Überarbeitete Fassung vom 11. Juli 2012)

Prof. Melanie C.  Steffens, (Jena) referiert eine Untersuchung über unbewusste Negativeinstellungen geg. Lesben und Schwulen (2006)

Lesben und Schwule alliierte Geschwister? Lambda Nachrichten 3’2012

Henn, Tino: Sind Lesben medial unterrepräsentiert? (2012)

Verhaltensregeln in der Schwulenkneipe (SüdtZ, 2005) für Männer und Frauen jeglicher Orientierung…

Was steht am Anfang eines aktuellen Buches über die Pubertät, das ich zufällig bestellt hatte?

„Für die Jungs, damit sie alles geben, und für die Mädels, damit sie ihren Spass dabei haben!“  (Jaromir Konecny: doktorspiele, cbt 2011)

Vielleicht musst Du diesen Satz mehrmals lesen, um den Zusammenhang mit meinem Text zu verstehen. Versuch es wenigstens!

P.S. Ein weiteres Jugendbuch titelt:  “Schlaue Mädchen – coole Jungs…”  (2011)

arbeiten und ficken

Dienstag, 01. Mai 2012

Ich bin immer wieder erstaunt, wie man Heterosexuellen die Zusammenhänge zwischen Arbeit und Sexualität erklären muss. Bei einem Schwulen haben sie den Fick viel schneller im Kopf als bei den Forderungen nach wirtschaftlichen Leistungen für ihre Familien. Da geht es doch „nur“ um Kinderzulagen, Betreuungsgelder, Familienvergünstigungen, etc. Seltsam, dass die „übrige Sexualität“ – auch Heteros sind nicht dauernd mit Fortpflanzung beschäftigt – einfach in ihrer Familie „verschwindet“.

Das ist bei vielen Homosexuellen leider auch so. Ich muss mich jetzt hüten, Verallgemeinerungen vorzunehmen, greife bei dem Thema aber trotzdem zu einigen Beispielen. Erst „ficken sie sich durch die Szene“ und wenn der Fick gross/geil genug ist, wollen sie dann gleich heiraten. Und dann verschwinden die ganzen Erfahrungen und Fähigkeiten (!) auch gleich mit in der individuellen Homo-Ehe. In Internetportalen suchen sie „nur nach Kontakten mit Freunden“, wünschen „keine sexuelle Anmache“. Dass jemand mit Partner vielleicht nicht mehr auf Klappen und in Parks cruisen geht, mag ich noch verstehen. Vor allem am Anfang einer Beziehung. Aber einfach seine Sinnlichkeit für den Rest des Lebens nicht mehr zu pflegen und einfach wegzustecken, ist meiner Ansicht nach ungesund. Nun, wie schrieb kürzlich einer auf gayromeo: „Ich habe einen Freund, aber über die Webcam ist keine Untreue!“

Wie das so geht mit dem „heterosexuellen“ Appetitholen auswärts und „zuhause essen“ können wir anhand der sehr häufigen sexuellen Übergriffe und Anmachen von Frauen am heterosexuellen Arbeitsplatz nur erahnen. Man könnte hier ein ganzes Kapitel aufmachen! (Die ach so verachtete „Homo-Szene“ mit ihrer Eindeutigkeit ist eine echte Alternative – und der Sex erst noch gratis!) Aber dass es einen Zusammenhang gibt, zwischen der monogamen Sexualität, die Frauen so gern fordern und der dann auswärts verströmten männlichen Sinnlichkeit, sehen nicht mal linke Frauen ein! Ich muss mich hüten, denen ihre Sexualität zu erklären, aber um ein paar Bemerkungen dazu, komme ich, wie bei den Schwulen, nicht herum!

Im 2011 erschienenen Buch „Die Linke und die Sexualität“ greifen die HerausgeberInnen auf historische Sexualforderungen von Revolutionären zurück!

„Die ursprünglich polygame Veranlagung ist zu stark im Menschen, als dass sie durch äußere und innere Gewalt gänzlich unterdrückt werden könnte (…). In der kommenden Zeit stürmischer, revolutionärer Entwicklung wird dieser Prozess sicher noch eine Beschleunigung und Intensivierung erfahren. Und in der von wirtschaftlichen Kämpfen befreiten glücklicheren Zukunft des Sozialismus wird die wilde Vermischung und Polygamie in allen Formen das Sexualleben des Menschen beherrschen.“   Elfriede Friedländer, Sexualethik des Kommunismus, 1920

Das sind keine Forderungen für die aktuellen Mai-Märsche überall auf der Welt! Dabei hat die russische Revolution die Familie abgeschafft, die Homosexualität entkriminalisiert und nicht nur das Eigentum am Kapital, sondern auch das sexuelle Eigentum an Frauen/anderen Menschen abgeschafft. Mann lese das bitte mehr als einmal durch!

Wir Schwule waren bis in die 70er Jahre „krankhafte Wesen“, psychisch gestört und angeblich unnütz für die Fortpflanzung. Doch weder haben die Heterosexuellen dafür eine Krankenrente bezahlt, noch haben sie zur Kenntnis genommen, dass sehr viele ihrer eigenen Männer sowohl an homosexuellen Kontakten beteiligt waren und sind, als auch nicht, dass viele Homosexuellen sich in Familien versteckten, um ihrer Repression zu entgehen, oder ihre Arbeit nicht zu verlieren. Das krasseste Beispiel war das schweizerische Militär. Bis 1991 wurden offen Schwule im Allgemeinen nicht akzeptiert. Sie durften aber einen Militärpflichtersatz dafür zahlen, dass sie politisch „nicht richtig fickten“. Obgleich es noch nicht so lange her ist, dass die Diskriminierung am Arbeitsplatz versteckt und offen systematisch betrieben worden ist. Jedenfalls die Rechnung für die Ersatzsteuer war bei mir immer vor allen anderen Steuerrechnungen im Briefkasten…

Für Heterosexuelle war es bis in die ausgehenden 60er unmöglich, als unverheiratetes Paar eine Wohnung zu bekommen. Und generell ist es bei den Heteros so eingerichtet, dass Mann entweder eine Freundin oder eine Frau (zum ficken) hat, oder eine Nutte besucht. Beides kostet und für beides muss Mann arbeiten…

Noch heute ist es für viele junge Nordafrikaner unmöglich, mit Frauen Sex zu haben, ohne verheiratet zu sein, oder eine Nutte zu besuchen. Aber Arbeit gibt es bekanntlich da nur für Wenige. Und ein besonderes Kapitel könnte man hier wieder aufmachen, was die Betreuung von Migranten aus jener Gegend betrifft.   (Eine Konfrontation habe ich kürzlich wieder selber erlebt in meinem Buchladen, und das hat mit dem unterschiedlichen Verständnis von Kultur und Wirtschaft tun. Als offen Schwuler war ich da eh auf der schwächeren Seite)

Wundern wir uns darüber, dass die homosexuelle Prostitution bis 1991 generell verboten war. Also auch über das beliebte „Jugendschutzalter“ – von damals 20 Jahren – hinaus? Mann könnte hier wieder ganze Kapitel aufmachen über die Rolle der Prostitution in den kapitalistischen Wirtschaftsstrukturen, insbesondere der „fortpflanzungsverhütenden“ homosexuellen Prostitution. Und worin besteht eigentlich der Unterschied zwischen Billigstarbeit und Billigstprostitution? Der ältere Mann bekommt zunehmend keine „qualifizierte“ Arbeit mehr und die ältere Frau senkt zunehmend ihren Tarif. Und die Wirtschaft findet immer Ausreden, um die Frauen weniger zu bezahlen als die Männer… (Es gibt in der BL-Mittelalter-Geschichtsforschung Zeugnisse über Frauen, die sich in Männerkleider warfen, um auf dem Arbeitsmarkt mehr Geld zu verdienen!)

HABS am 1. Mai 1979, Rittergasse (klick > A5)

Es wird also nicht nur im Bett oder sonst wo gefickt/Macht ausgeübt, sondern auch auf Baustellen und in den Firmenetagen. Das war den Pionieren der Sexualreform vor hundert Jahren durchaus bewusst (Wilhelm Reich u.A.)! Auch dass sich die Situation in der Arbeit und im Sozialleben auf die Familie und bis auf die Kinder auswirkt – und natürlich auch auf den Fick im Ehebett. Aber darüber wird nicht geredet…

Für die katholische Kirche sind Schwule „objektiv ungeordnet“. Statt sich darüber zu wundern oder sich zu empören, lohnt es sich, in die Bibel zu schauen. Mann solle nicht beim Mann liegen wie bei einem Weibe. Das unterminiert die Geschlechterordnung. Nicht nur im Islam, wie es immer scheinen möchte! Was die Linke als „Klassengesellschaft“ propagiert, ist bereits der wirtschaftliche Überbau. Denn die Urklassengesellschaft besteht aus dem Ficker und der Gefickten. Interessanterweise können nur die Männer beide Rollen spielen. Frauen werden das zunehmend, beim Erklimmen der wirtschaftlichen Hierarchie, darin symbolisch auch ausüben. Und natürlich gab es in allen Kulturen Möglichkeiten, die Rollen auch umzukehren, nicht nur im Matriarchat. Dieses übrigens steht unter dem Patriarchat. Das eine lebt nicht ohne das andere…

Hier sollte auch die Erkenntnis der „bewegten“ Schwulen langsam heranreifen, dass Frauen niemals generell unsere Verbündeten sein können. Schwule stören die heterosexelle Rollenverteilung, sie konkurrenzieren um die Männer – nicht nur um andere Schwule, wie das fälschlicherweise immer behauptete wird! Sie stören damit auch die Macht der Frauen, nicht nur die Seilschaften der Männer. Und auch gewisse Männer können die Rollen „vertauschen und in Begierde entbrennen“, um ihre Ziele zu erreichen. Denn schon die Bibel mutete jedem Mann das Laster des Sex mit einem anderen zu, darum wurde es auch mit dem Tode bestraft.

Es gäbe noch vieles dazu zu schreiben. Vielleicht an einem nächsten Ersten Mai! Jedenfalls ist das Thema noch völlig unbeackert.

Zumindest von den „lifegestylten“ Junghomos sind wohl keine weiterführenden Erkenntnisse zu erwarten. Und ihren Konsumismus wollen sie sich natürlich nicht „erklären“ lassen! ;)

Peter Thommen_62, Buchhändler und Schwulenaktivist, Basel

PS. Über ein Dutzend Referenten der SP werden in einem email vorgestellt mit ihren Referaten zum 1. Mai. Nirgendwo nur das Wörtchen Sex. Dabei gehört sexuelle Befriedigung genauso zum Leben und zur Arbeit wie alles andere! (ich leite die email gerne an Interessenten weiter!)

Zum Ersten Mai, 1996-1998

Erster Mai 2011

Das Bundesverwaltungsgericht und die Homosexualität

Sonntag, 15. Mai 2011

Anfang dieses Jahres wurde das Asylgesuch eines homosexuellen Iraners vom Bundesverwaltungsgericht in SG zurückgewiesen. Er wurde zur Rückreise in sein Land “verurteilt”. (Das BVGer ist die höchste Instanz für Verwaltungsentscheidungen unter dem Bundesgericht) Dem Asylsuchenden wird der Besitz von 75 g Heroin zur Last gelegt. (Entscheid) (Übersicht der Rechtslage in diesem Asylverfahren bei humanrights.ch)

Ich möchte mich hier auf den “Umgang des Bundesverwaltungsgerichtes” mit der Homosexualität konzentrieren. Sie ist historisch im Strafrecht zu verorten und dort nur als Handlung zwischen Männern oder zwischen Frauen. Dies mag auch ein wesentlicher Grund sein, warum das “Schutzalter” für diese Handlungen von 1942 an bis in die 80er Jahre* bei 20 und nicht wie bei heterosexuellen Handlungen bei 16 lag und dies offenbar vom Bundesgericht in Lausanne auch gestützt wurde (sh. unten: BGE 70 IV 166 und BGE 85 IV 223). Aber spätestens bei der Ratifizierung (1974) der Europäischen Menschenrechtskonvention hätte die Rechtsprechung eigentlich angeglichen werden sollen (auch in der BRD, und in Österreich bis heute übrigens!). Aber genauso wie sich die Wirtschaft seit Jahrzehnten nicht um den Verfassungsartikel kümmert, der die gleiche Lohnzahlung für gleiche Arbeit bei Männern und Frauen verlangt, so ist die praktizierte Politik mit Rechtsgütern, dem politischen Opportunismus ausgeliefert. Dabei fällt mir auch die “Instandstellungspauschale” nach Verlassen einer Wohnung ein, die von den Vermietern über Jahrzehnte eingefordert worden ist, bis jemand mal soweit ging, das Bundesgericht anzurufen (1981). Dieses entschied dann eine Rückzahlung bis auf 5 Jahre zurück…

Es ist hier die Gelegenheit, Schwulen und auch Lesben übrigens, in Erinnerung zu rufen, dass erreichte Rechtsstände weiterhin verteidigt, oder gar ausgebaut werden müssen – mit politischen Mitteln notabene! Dabei geht es nicht nur um die Angleichung des Adoptionsrechtes und anderer zivilrechtlicher Ansprüche. Was das sogenannte Schutzalter betrifft, so wurden durch das neue Strafgesetz ab 1942 einige kantonale Schutzalter dabei erhöht**! Auch das sei zur Erinnerung aller “Schutzbeflissenen” hier wieder in Erinnerung gerufen!

Doch kehren wir zur aktuellen “Gleichbehandlung von Homosexualität” durch Gerichte zurück. In die Verfassung (2000) ist die Schutzwürdigkeit einer sogenannten “homosexuellen Orientierung” nicht gerutscht. Zu nahe war das Strafgesetz, von dem natürlich auch Heterosexuelle betroffen sind. Wir Schwulen vergessen immer wieder, dass schon in der Bibel (Lauritzen: Religiöse Wurzeln des Tabus der Homosexualität, Frühlingserwachen 1983/engl. 1974) von den Männern und Frauen die Rede ist, welche “den natürlichen Geschlechtsverkehr verlassen haben”…

Wir sollten also nicht nur lernen, dass heutzutage die Mehrheit der homosexuellen Akte von Menschen “begangen” werden, die nicht homosexuell orientiert sind, sondern in heterosexuellen Ehen leben, oder sich selbst als “heterosexuell” definieren. Wir sollten auch realisieren, dass die Ideologie des “Heterrors” vor allem auch diese “vor Abweichungen schützen muss”! Das ist der Schwulenbewegung und den Einzelnen viel zu wenig klar. Das geht mir selbst genauso, wenn ich erst jetzt die detaillierte rechtliche Entwicklung genauer betrachte! (siehe unten BGE 88 IV 65)

Es ist interessant, wo das relativ neue Bundesverwaltungsgericht in Sankt Gallen in dieser Thematik steckt. Man könnte annehmen, dass die gesellschaftlichen Veränderungen auch in diesen Amtsstuben angekommen sein müssten. Als ich den Entscheid-Text las (siehe Link oben!) bin ich allerdings über folgende Formulierung gestolpert:

“In der Praxis wird Homosexualität von den Behörden im Alltag demnach geduldet, wenn sie nicht in einer möglicherweise Anstoss erregenden Art öffentlich zur Schau gestellt wird.” (Begründung Punkt 8, Antonio Imoberdorf, vorsitzender Richter, Daniel Grimm, Gerichtsschreiber)

Bei einer solchen Formulierung kann wohl nicht von einer “homosexuellen Orientierung” als bekannter und akzeptierter Begrifflichkeit bei dem Gericht ausgegangen werden.

Ich versuche mir gerade vorzustellen, wie denn eine Heterosexualität in einer möglicherweise Anstoss erregenden Art öffentlich zur Schau gestellt werden könnte…  (vielleicht die Prinzen-Hochzeit in England!)

Abgesehen von der Praxis- und Rechtsferne des Bundesverwaltungsgerichtes in Bezug auf den Iran, stellt nun Axel Schubert von der HABS richtig fest: “Sich dauerhaft zu verleugnen, wird nicht nur als erniedrigende Behandlung ganz real erfahren, es macht auch krank. Doch Verleugnung zu fordern, zeugt von der Unkenntnis des Gerichts, wie sich Diskriminierung aufgrund eines unveräusserlichen Teils der eigenen Identität anfühlt.” (PrMit HABS vom 16.02.2011, PDF)  (siehe unten BGE 88 IV 65)

Handkehrum muss ich nun an die Burka und ähnliche Kleidungsstücke denken, die bei Frauen doch als wesentliches Element, entweder der weiblichen Identität, oder grad des Gegenteils davon rechtlich verstanden werden kann! Aber diese sind natürlich – rechtlich gesehen – Gegenstände, die frau einfach überziehen oder wegnehmen kann. Desgleichen gilt auch für die Homosexualität, wenn sie eben nicht als sexuelle Identität verstanden wird, sondern nur als eine – mehr oder weniger strafbare, “Alltagshandlung”, oder eben “temporäre Verkleidung”.

Aber so wie Frauen ihre Würde mittels eines Kleidungsstückes erlangen oder verlieren können, so können auch Heterosexuelle ihre Homosexualität erleben oder Abstand davon nehmen. Der Vergleich hinkt natürlich, weil das eine materiell-sichtbar ist, und das Andere sich nicht mal an einer äusserlichen einzelnen Handlung festmachen lässt.

Daher denke ich, dass wir uns weiterhin mit dem Kampf um Erweiterung der sexuellen Handlungsfreiheit begnügen müssen, auch wenn das Gesetz zur ePartnerschaft nahe legt, dass es auch eine fest zu verortende homosexuelle Orientierung geben müsste. Aber dieses Gesetz können auch Menschen unterzeichnen, die keine homosexuelle Orientierung haben. Genauso wie bei der “heterosexuellen” Ehe! Rechtsverbindlich kann eben immer nur die äussere Form sein. Das vergessen auch viele heterosexuelle PartnerInnen homosexuell aktiver Menschen. Da sind ihnen wohl Schwule einen Schritt voraus! ;)

Peter Thommen_61, Schwulenaktivist, Basel

* Politische Opportunität liess dann die kantonalen Gerichte, schon vor Einführung der Revision 1992, dann von Anklageerhebungen absehen, wenn die Beteiligten alle 16 Jahre oder älter waren.

* *Das allgemeine Schutzalter liegt zwischen 12 und 16 Jahren, einige Kantone kannten es gar nicht, andere nannten “Mannbarkeit”. (Schüle, Hannes: Die Entstehung des Homosexualitäts-Artikels…, 1983)

Siehe auch: “Dass die Ihre Organisation besonders interessierenden Bestimmungen des Art. 194 StGB revisionsbedürftig sind, liegt auf der Hand. Art und Umfang der Revision hängen entscheidend von den Ergebnissen des Vernehmlassungsverfahrens und den Beratungen im Parlament ab. Im Falle des Referendums wird das Volk zu entscheiden haben.” (Aus dem Brief des Eidg. Justiz- und Polizeidepartementes vom 26. November 1980 an die Schweizerische Organisation der Homophilen, Zürich – Dr. B. Schneider, Generalsekretär)

Neuester BGE * betreffend die Ehrenrührigkeit der Zuschreibung/Ver-leumdung von Homosexualität: “Dem Beschwerdeführer ist beizupflichten, dass es nicht per se ehrenrührig ist, einen Menschen als homosexuell zu bezeichnen, da Homosexualität weder unsittlich noch unethisch ist. Zugleich ist aber festzuhalten, dass auch bei einer solchen Äusserung eine Ehrverletzung gemäss Art. 173 ff. StGB nicht immer ausgeschlossen werden kann. Davon geht ebenso die Vorinstanz aus. Ihres Erachtens kommt es für die Beantwortung der Frage, ob die Äusserung, jemand sei homosexuell, ehrverletzend sei, auf das soziale Umfeld des Betroffenen und der Adressaten der Äusserung an.”  …   “Ebenso beinhaltet die Aussage, dass ein Jugendleiter homosexuell sei, nicht, dass er pädosexuelle Neigungen habe.” (BGE 6B_983/2010, 19. April 2011, Strafrechtliche Abteilung)

Bei der anhaltenden Pädo-Hysterie ist das eine typische Beurteilung aus dem Elfenbeinturm! P. Th. (*auch Suche beim BGer unter Homosexualität, April 2011 möglich)

2011 “Die Stadt Moskau war vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg im vergangenen Jahr zu einer Geldstrafe verurteilt worden, weil sie Homosexuellen Kundgebungen verboten hatte. In diesem Jahr berief sich die Stadtverwaltung auf internationale Konventionen zum Kinderschutz. Es bestehe die Gefahr, dass Kinder beim Anblick von Homosexuellen traumatisiert würden, zitierte Schwulenverbandschef Nikolai Alexejew aus dem Schreiben der Behörde. Er will dennoch für diesen Samstag eine Kundgebung für die Rechte von Schwulen und Lesben organisieren. (dpa)

2011 Vorwürfe wegen “Pädophilie” gegen Politiker in Irland

 

 

oben zitierte Bundesgerichts-Entscheide: BGE 70 IV 166 (29.9.44): “Ganz abgesehen davon ist widernatürliche Unzucht sittlich verwerflich, auch wenn sie nicht strafbar ist.” (Zitat auf S. 166, Entscheid ab S. 163)

BGE 85 IV 223: “Das Gesetz fasst die widernatürliche Unzucht als etwas grundsätzlich anderes auf als den Geschlechtsverkehr zwischen Mann und Frau; es erachtet die Gefahren, die für einen jungen Menschen mit der widernatürlichen Unzucht verbunden sind, in gewissem Sinne als grösser und hat entsprechend das Schutzalter höher angesetzt.”

BGE 88 IV 65: “An der bisherigen Rechtsprechung ist daher festzuhalten. Von ihr abzuweichen, besteht umso weniger Anlass, als die Gefahr, dass Jugendliche in das Treiben Homosexueller hineingezogen werden, seit Erlass des Gesetzes zugenommen hat.”

(Die BGE wurden zitiert aus: HAZinfo, März 1975)

Anmerkung: Es ist hier ausschliesslich von Tätern und auf diese bezogen von männlichen Jugendlichen die Rede, sonst ginge es ja nicht um Homosexualität! Für die weibliche Variante interessierte sich keineR¨;)

Erster Mai 2011 – die Schwulen bleiben unter sich

Sonntag, 01. Mai 2011

… oder verschwinden unter den Heteros

Wir hätten auch heute noch gute Gründe, an den 1. Mai-Demos teilzunehmen, denn auch heute noch sind wir auf eine soziale Schweiz angewiesen. Auch Schwule kommen als Arbeitskonkurrenten in die Schweiz – und Schwule verlieren nun mal die Arbeitsstelle schneller als Familienväter. Verpartnerte Schwule sind verpflichtet, ihrem „Ehemann“ in finanziellen Notlagen beizustehen, nicht nur die Ehefrauen.

Schwulsein „ist heute kein Problem mehr“, aber schwul leben schon noch! > „Bitte nicht auf meinem Sofa!“

„Es ist kein Zufall, dass sich die Schwulen der Arbeiterbewegung anschliessen. Wer könnte sich eine Homosexuellen-Delegation an einer Arbeitgeber-Konferenz vorstellen, obwohl es sicher viele schwule Unternehmer gibt? Nur die Arbeiterbewegung ist fähig und willens, die heutige Gesellschaft in Richtung Demokratie und Freiheit zu verändern. Nur die unten sind, ohne Zweitvilla und Aktienpaket, sind bereit, für die Veränderung einzustehen. Die Homosexuellen haben sich in die richtige Reihe eingefügt.“ (Martin Herter in der Basler AZ vom 15. Mai 1979, in der Titelkolumne)

Ich weiss wirklich nicht, was Martin Herter zu einer Gruppe wie der gay SVP gesagt haben könnte. Und „network.ch“ gab es damals noch nicht. Aber für diese Diskussion weise ich auf das historische Gespräch „zwar schwul – aber ein guter Freisinniger!“ (PDF) von 1973 hin!

Die Schwulen haben jeden Tag 1. Mai, wenn sie ins „öffentliche“ Internet gehen und mit Passwörtern und Nicknamen in eingegrenzten Portalen (wie diskret das auch immer sei!) für ihre sexuellen Bedürfnisse auftreten!

Worin besteht nun die Sexualität in Freiheit, die durchaus auch als Arbeitsleistung betrachtet werden kann? Arbeit an sich und an Anderen – zur Beförderung von Glück und Befriedigung – nicht nur in einem materiell geprägten Leben.

Es besteht für Schwule die Freiheit, an öffentlichen Orten – wenn auch nicht für Heteros sichtbar – geduldet, Sex-Kontakte haben zu können. Im Internet frei zu surfen und zu kontakten – solange alle Beteiligten 16 Jahre oder mehr alt sind. Die Freiheit, Fetische aller Art zu haben, Drogen konsumieren zu können und sich sexuelle Hilfsmittel, Darstellungen und kulturelle Werke kaufen zu können. Tom of Finland mit seinen Riesenschwänzen zum Beispiel. ABER, die Homosexualität und ihre Kultur findet nicht mitten in der heterosexuellen Gesellschaft – und als Teil von ihr statt!

Obwohl der grösste Teil „homo-sexueller“ Aktivitäten von Männern betrieben wird, die sich nicht als schwul verstehen, oder sonst völlig in hetero Lebensweisen aufgehen – ausser der „kleinen schwulen Abwechslung“, ist Schwulsein und schwule Kultur offiziell etwas „nur für diese Minderheit“.

Wenn ich jemandem grundlegende Zusammenhänge über Homosexualität erzähle, dann kann es vorkommen, dass der oder die Nachbarn schon mal bemerken: „Ich weiss nicht, ob das mich überhaupt interessiert“. Wenn ich natürlich einem 15jährigen Jungen einen Blowjob mache, dann aber interessiert das die Leute schon – bis ins Detail, was ich denn da gemacht habe! Vierzehnjährige Sexualpartnerinnen sind dagegen für sie völlig selbstverständlich!  ;)

Sexuelle Mitbestimmung und Selbstbestimmung war vor und während der Revision des Sexualstrafrechts das zentrale Thema unter Schwulen, die das Licht der Öffentlichkeit nicht scheuten. Wir sind nämlich alle „pädophil“ gewesen, solange unsere Partner nicht 20 Jahre alt waren! Das haben schon wieder viele vergessen. (1)

Doch davon ist heute nichts mehr übrig geblieben. Die Freiheit ist wohl im Internet – nicht in der Gesellschaft. Von einer umgekehrten Wirkung – wie in Nordafrika zB – ist mir nichts bekannt. Im Gegenteil: Das Internet muss zensiert und von der Polizei kontrolliert werden!

Seit 2003 haben wir die Möglichkeit, uns zu verpartnern. Zwar nicht gleich wie die Heteros, aber das kümmert viele Schwule nicht, denn sie (vor allem die Jungen) geben oft auf ihren Profilen an, sie seien „verlobt“ oder „verheiratet“ – manchmal auch nur „in einer Beziehung mit…“

Wenn wir mal ganz rosarot hinter dieses Pseudo-Eheinstitut für Homosexuelle blicken, dann erkennen wir die Absicht der Heteros – hinter der Freude der Homos: Um den Preis der bürgerlichen „Gleichheit“ – aber ohne Gleichwertigkeit sind die Schwulen als Konkurrenz für Heteros quasi „ausgeschieden“. Entweder ist Mann verheiratet, oder verpartnert. Konkurrenz (wie aus der wilden Zeit vorher!) entsteht dadurch niemanndem/niefraudem mehr. Mischformen sind undenkbar! (Da ständen Göttinnen von den Toten auf!)

Eine zusätzliche „Lebensform“ ist eigentlich nicht entstanden. Nicht mal im Hinblick auf mehrere Partner, die sich vertraglich ja auch binden könnten, um zusammen zu leben und zu wirtschaften, statt Kinder aufzuziehen

Die Kinder-Diskussion – nicht die Lebensformen von Kind an – wird durch die „Regenbogenfamilien“ erneut belebt. Damit auferstehen aber auch wieder alte Vorurteile gegenüber Schwulen aus dem letzten und sogar vorletzten Jahrhundert! (weniger gegenüber Lesben!) Nicht die Frage nach der Herkunft der Homosexualität seit frühester Jugend und Kindheit wird gestellt, sondern diejenige nach den Auswirkungen von Homosexualität (nicht Heterosexualität) auf Kinder und Jugendliche. (**)

Daneben läuft ganz separat eine Kampagne um die selbstmordgefährdeten homosexuellen SchülerInnen und jungen Männer – mitten unter den Heteros/as. Gegen Selbsttötung, Mobbing und Verzweiflung homosexueller Kinder und Jugendlicher  gibt es keinen „Marche rose“ und keine Unterschriftensammlung für ein Erziehungsverbot für heterosexuelle Eltern oder Pädagogen! (Zwangsheteronormalität) :P

Prostitution ist auch eine Form von Arbeit, denn Arbeit ist „Notwendiges zu tun“. Aber schon bei der Haus- und Familienarbeit gibt es Unterschiede in der Bezahlung, im Vergleich zur offiziellen Arbeit ausserhalb…

Es ist sinnvoll, sich daran zu erinnern, dass die Prostitution zwischen Männern (womit die meist Heterosexuellen und hetero lebenden Männer immer „abgedeckt“ waren, ab 1942 verboten wurde – mit moralischer Begründung. Aber schon damals war doch klar, dass junge Männer, die „Taschengeld“ (Theres Ollari, 1988) brauchten, sich dieses „damit“ viel leichter verdienen konnten. Der Kanton Basel-Stadt sah keine Strafen dafür vor. Seine Definition lautete klar – bei Jungs und Mädchen: „Abhalten von der Arbeit“.

Neuestens soll die Prostitution von Migrantinnen – wegen Ausbeutung durch Männer – zwischen 16 und 18 Jahren wieder verboten werden. Während 1942 die hetero Männer straflos geblieben sind, sollen sie heute kriminalisiert werden, denn die Bestrafung der Migrantinnen erscheint wohl allen unsinnig. Aber Strafe muss irgendwie sein. Es genügt nicht, wenn schweizerische Rechtspolitik die Migranten in die Nothilfe drängt, oder sogar in den Untergrund. Auch Angesichts der immer noch nicht verwirklichten Lohngleichzahlung bei Männern und Frauen, sind solche Anliegen einfach nur schwachsinnig, auch wenn sie von Politikerinnen kommen!

Natürlich werden auch junge Männer oder Migranten davon erfasst. Das Gesetz gilt ja für alle gleich! Damit rekriminalisiert man/frau erneut die männliche Homosexualität. Und allein unter Frauen „kommt so was ja nicht vor“!

Und ganz neu könnten wir Schwulen heute bei den Heten kompetent mitreden. Denn nach feministischer Sichtweise, „produziert die (männliche) Nachfrage das Angebot“. Also bei den Schwulen produziert auch die männliche Nachfrage ein Angebot – auch aus aller Welt. Allerdings wird jetzt auch bei den Schwulen sichtbar, dass die Einrichtung der „Schwulenehe“ wohl dazu beiträgt die „fehlende Befriedigung“ vermehrt durch diskrete Dienstleistung ausserhalb abzudecken.

Und für mich ist ganz klar: Diese weibliche Argumentation unterschlägt nun wirklich fassbodentief die Tatsache, dass die Ehe und die Verpartnerung eben längst nicht alle sexuellen Bedürfnisse in einer vertraglichen Beziehung befriedigen können. Es ist reine Selbstüberschätzung der weiblichen Partnerinnen und homosexuellen Partner. Mann und Frau blicke in andere Kulturen mit anderen Beziehungsformen und zu anderen Zeiten!

Der Sinn der Ehe soll darin bestehen, dass die Arbeit in dieser „Wirtschaftsgemeinschaft“ durch Lustbefriedigung „bezahlt“ werden soll. Während die „unlustige Arbeit“ ausserhalb und im Anstellungsverhältnis mit Geld bezahlt wird. Nun gibt es grosse Unterschiede in beider Bezahlung und der „freie Markt des Sex“ gleicht diese wieder aus. Und so wie es für die jungen Männer früher moralisch eine Schande war, sich für sexuelle Dienste an anderen Männern „herzugeben“, so trifft es heute wiederum Männer – aber umgekehrt – die die sexuellen Dienste von Migrantinnen (aus was für Gründen beide sich finden, bleibe mal dahin gestellt!) in Anspruch nehmen.

Ich möchte es nicht versäumen, ausdrücklich anzumerken, dass es immer Jungs gab, die auch ohne Bezahlung einen grossen Altersunterschied überbrücken konnten, aus Lust und aus Liebe. Das zeigt sich auch übers Internet. Aber das war und ist natürlich den Gesetzgebenden entweder völlig wurscht, oder naiverweise unbekannt. Ob das zwischen Heterosexuellen auch in dem Masse gilt, lasse ich auch mal dahingestellt!

Die Rekriminalisierung der Prostitution – eben auch bei Schwulen – ist ein weiterer Schritt im juristischen Zerbrechen der Einheit von Materie. Also ab 16 Jahre sexuelle Selbstbestimmung (damals von Elisabeth Kopp öffentlich ausgesprochen) in allem. Erneut werden sich Gerichte darüber beugen, den MigrantINNen Status definieren und moralisieren. Dabei sind die Gründe wirtschaftlicher Natur. Denn für „ehrliche“ Arbeit und Krieg sind Kinder immer noch nicht zu schade – weltweit!

Ich möchte den 1. Mai schliessen mit Wilhelm Reich. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Sexualität, auch für diesen Forscher, idealerweise im Begriff „Liebe“ mit eingeschlossen ist.

„Liebe, Arbeit und Wissen sind die Quellen unseres Lebens. Sie sollten es auch beherrschen.“ Wilhelm Reich, 1897-1957

 

Peter Thommen, Schwulenaktivist, Basel (61)

(ältere Thommens Senf zum 1. Mai hier , 1998-1996, auch Herter vollständig, 1979)

 

HABS am 1. Mai 1979, Rittergasse

** Michi Rüegg im Cruiser:  ”Schlimm, dass wir unsere gotteslästernen Partnerschaften registrieren dürfen, jetzt fällt es uns auch noch ein, Kinder adoptieren zu wollen. Da hört nun jeder Spass auf. Denn, wenn der Pullermann in den Popo flutscht, ist Satan nicht weit, das weiss jeder anständige Christenmensch. Und in einem solchen Umfeld soll kein Nachwuchs aufwachsen, und überhaupt, denken die, wir wollen ja bloss eigene Kinder, damit wir sie bequemer missbrauchen können.” (Zitat aus: Gottes freie Natur, eine Wanderung für Atheisten) Ein Essay über den Bibelwanderweg in Zürich (Cruiser Mai 2011, S. 36)

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(1) Schmutz Marcel und Peter Thommen: Die Unzuchtsparagraphen 191 und 194 im schweizerischen StGB (von 1942), ARCADOS Verlag 1980, 30 S.(ISBN 3-85522-001-8)

Schüle Hannes: Die Entstehung des HomosexualitätsArtikels im Schweizer Strafrecht 1894-1942 im zeitgenössischen Umfeld von Sitte, Moral und Gesellschaft, Selbstverlag 1983, 60 S.

(zwei äusserst spannend geschriebene historische Darstellungen, deren Argumente und politische Einschätzungen – schon wieder – sehr interessant und aktuell sind! PT – e-book-Ausgabe in Vorbereitung)