Mit ‘Homosexuelle’ getaggte Artikel

zwar schwul – aber ein guter svp-ler…

Dienstag, 01. Juni 2010

Ist die gay svp nur ein Pfahl im mütterlichen Fleisch, oder kann sie bei den sieben Vätern auch missionieren? (= eindringen)

Die vierzig wackeren Gründungsmitglieder sind davon wohl ebenso überzeugt wie die Gründer der „Homosexuellen Arbeitsgruppen Zürich“ im Jahr 1972. Letztere konnten damals schon auf ein sympathisierendes Ohr der NZZ und des Tagesanzeigers zählen…

Im linken Magazin „focus“ erschien 1973 eine öffentliche politische Diskussion unter dem Titel: „schwul – aber ein guter Freisinniger“. Die „bürgerlichen Schwulen“ waren nämlich schon am Anfang der öffentlichen Schwulenbewegung ein Thema. Doch hat es jetzt 40 Jahre gedauert – bis kurz nach Einführung der „Eingetragenen Partnerschaft“ als bürgerliches Lebensmodell, bis sie sich getraut haben, sich öffentlich in bürgerliche Parteien „einzunisten“. Um die SVP hat das natürlich Staub aufgewirbelt.

Ich bin 1973 zur Schwulenbewegung gestossen, über einen Artikel, den ich im linken Magazin „focus“ gelesen hatte. Ich zitiere diejenigen Punkte, die auch heute noch diskutiert werden müssen!

(1973) „In den politischen Parteien haben wir noch keine eigentliche Unterstützung gefunden, obwohl man annehmen sollte, dass eine so grosse Gruppe wie die der Homosexuellen ein gewisses Potential darstellt. Es gibt Gruppen, die viel kleiner sind als wir, für die setzt man sich ein.“

„Ich gehe vom sozialpolitischen Standpunkt aus, weil ich aus eigener Erfahrung weiss, dass viele Schwule aus katastrophalen familiären Situationen herauskommen, an denen unser herrschendes System Schuld ist. Ich unterstütze jede Organisation, die auch in der Beziehung dafür sorgt, dass ein Mindestmass vorhanden ist, der es dem Geringsten von uns ermöglicht, ein menschenwertes Leben zu leben.“ (Edi, SOH, in focus Nr. 43, Juli/August 1973, S. 8-15)

focus: „Das sind Forderungen, die so auch das fortschrittliche Kapital auf seine Fahnen schreiben kann, weil sie langfristig durchaus in seinem Interesse liegen.“ (Peter Baumann, focus Nr. 43, Juli/August 1973, S. 8-15)

Vielleicht erhellt nachfolgende Stelle Gründe für eine „verspätete bürgerliche Politisierung“ etwas mehr…

„Ich möchte da mal noch auf einen anderen Punkt zu sprechen kommen: Wir sind sehr progressiv im Reden. Dabei wissen wir aber ganz genau, dass unter den Schwulen der grösste Teil stock-konservativ ist, stock-konservativ erzogen wurde und sich auch stock-konservativ verhält. Vor allem zwei Dinge fallen da auf: Es gibt bei uns Typen, sagen wir mal Direktoren, die den ganzen Tag die Möglichkeit haben (und von dieser Möglichkeit auch Gebrauch machen) mal einen Linken, Langhaarigen aus der Bude rauszuschmeissen, weil der schwul ist, und die dann am Abend im Park genau diesen Gay aufreissen und der ihnen für die ganze Nacht recht ist. Zum anderen haben wir die Erfahrung gemacht, gerade in unserer Organisation, dass diese Direktoren und andere sogenannte “gutgestellten Leute” sich vehement dagegen sträuben, dass junge Leute da in den Club (hey, ehem. Nähe Bellevue, PT) kommen und etwas Neues zu machen versuchen. Daran sind sie nicht interessiert.“ (Erwin, SOH, in focus Nr. 43, Juli/August 1973, S. 8-15)

Je bürgerlicher also, desto „angepasster“ an diese Normen, welche „von Natur aus“ die sichtbare Homosexualität ausgrenzen. Das beobachte ich auch bei den Bisexuellen. Bis jetzt hat sich keine öffentliche Sichtbarkeit dieser „Sexualpräferenz“ ergeben. Die Metrosexualität ist nur ein modisches Klischee, hinter dem mann allenfalls seine homosexuellen Bedürfnisse verbergen kann. Wichtiger ist immer noch, als Hetero aufzutreten! Und als „halb-hetero“ ist er ja „noch nicht ganz verloren“… Bürgerlich gesehen ist eben Männlichkeit wichtiger als irgendwelche Formen von „Weiblichkeit“, die an Homosexuellen und in der Homosexualität (anale Penetration) vermutet werden. Mir ist in den letzten Jahren auch aufgefallen, dass Bisexuelle auch nicht bereit sind, das „Stigma“ mitzutragen und einen Beitrag zu leisten an einen Abbau der Diskriminierung. Wichtig aber auch, festzuhalten, dass Bisexuelle vor allem von (ihren) Frauen diskriminiert werden!

„Aber noch zur konservativen Haltung der Schwulen: Das hängt mit dieser Unsicherheit zusammen, mit dieser fundamentalen sexuellen Unsicherheit. Diese Zwangssituation im Ghetto führt im übrigen Bereich zu einer Ueberanpassung. Wenn man da etwas lockern kann im sexuellen Bereich, dann hört auch die Ueberanpassung auf.“ (Martin, HAZ, in focus Nr. 43, Juli/August 1973, S. 8-15)

Ich denke, der Zusammenhang ist richtig, aber die Schlussfolgerung hat sich bis heute als falsch erwiesen! Weder die Lockerung des „schwulen Ghettos“ (also auch seine Kommerzialisierung), noch die Lockerung der sexuellen Vorschriften haben die „Ueberanpassung“ an die bürgerliche Gesellschaft verhindert.

„Dass die meisten Schwulen im Moment überangepasst sind und eine konservative Haltung einnehmen, hängt damit zusammen, dass sie in allen Bereichen, wo sie nicht so vital betroffen sind – oder wo sie meinen, nicht so vital betroffen zu sein -mit den Wölfen heulen wollen und päpstlicher als der Papst zu sein versuchen, wenn die Leute dann nur wenigstens zur Haltung kommen: “Er ist zwar schwul, aber er ist ein guter Freisinniger.” (Michael, HAZ, in focus Nr. 43, Juli/August 1973, S. 8-15)

Die gay-svp beruft sich auf das Programm iher Väterpartei: Erstmal wird die Freiheit, die als Gegensatz zum Staat verstanden wird, gross geschrieben. Obwohl nicht die SVP unsere Rechte und Grundfreiheiten garantiert, sondern der Staat, an dem sie ja als „grösste Partei“ auch immer mehr teilhaben will… ;)

gay-svp: „Wir stehen zur Politik der SVP und unterstützen das Parteiprogramm vollumfänglich. Wir sind für die Ausschaffung krimineller Ausländer, sind gegen den EU-Beitritt und stehen ein für eine unabhängige Schweiz und ihre traditionellen Werte ein.“

Also genauso wenig wie die Heteros wollen sie sich überlegen, woher und warum „kriminelle Ausländer zu uns kommen und ob diese Migration vielleicht selbst mit verursachte, wirtschaftliche Gründe haben könnte. Und genauso wenig wie viele „Scheinehen“ können damit „Scheinpartnerschaften“ verhindert werden!

Unklar ist, was die traditionellen Werte der Schweiz sein sollen. Wahrscheinlich die Werte der SVP (ehemals Bauern- Gewerbe- und Bürgerpartei). Vielleicht sind sie aus dieser alten Bezeichnung ableitbar.

Die gay-svp unterstützt die Petition für die Adoption von Kindern durch gleichgeschlechtliche Paare – und das geht wohl am besten in einer eingetragenen Partnerschaft. Ok. Aber was soll dieser Satz: „Auch gleichgeschlechtliche Paare werden ihre Kinder somit eher aus dem Ausland adoptieren. Diese Kinder erhalten damit eine Chance anstatt auf der Strasse oder in schlecht geführten Kinderheimen in einer geborgenen Atmosphäre aufwachsen zu dürfen.“

Völlig übersehen wird die Tatsache, dass Homosexuelle aus schlecht geführten Kinderheimen wohl eher in der Lage sind, über die traditionell-heterosexuelle Familie hinauszudenken und die in „einer geborgenen Atmosphäre“ aufgewachsenen Homosexuellen wissen auch, dass sie mit ihrer Orientierung darin etwa genauso wie „auf der Strasse“ oder in einem „schlecht geführten“ Kinderheim aufwachsen“ durften… (Ich pauschalisiere absichtlich! Ihr wisst schon, was ich meine.)

„In vielen Ländern sind Homosexuelle Verfolgung und Bedrohung an Leib und Leben ausgesetzt. Wir unterstützen Bestrebungen, diesen Menschen mit allen unseren Möglichkeiten (Aussenpolitik, Förderungsprogramme, Aufnahme in der Schweiz) gezielt zu helfen und sie zu unterstützen.“

Das ist sehr lobenswert und in deren Heimatländern langfristig auch wirksam. Aber wer entscheidet, wer und wie viele davon „Aufnahme in der Schweiz“ erfahren dürfen? Es sind Heteros – und ich kenne keine der Stellen, in denen vielleicht irgendwo eine Regenbogenfahne steht, die signalisiert, dass auch Homosexuelle willkommen wären, denn homosexuelle Flüchtlinge werden – aus ihrer Erfahrung zuhause – mit ihrer Orientierung hier keine Flagge zeigen!

„Es ist unsere Überzeugung, dass der schleichenden Islamisierung unserer Gesellschaft entschieden entgegen zu treten ist. Die Intoleranz gegenüber Homosexuellen, welche vor Verfolgung bis hin zur Tötung nicht zurückschreckt, ist gerade in islamistischen Kreisen besonders stark. Und deshalb muss das Minarett, als Machtsymbol für die Unterdrückung Andersdenkender, verboten werden.“

Da kann ich als einheimischer evangelischer Schwuler nur meine Augen aus dem Kopf staunen, wie geschichtslos und ignorant die gay-svp gegenüber der eigenen christlich-katholischen Kultur und ihren Machtsymbolen mit Türmen, Kathedralen und sogar Glocken, ist. (Stichworte: Kriminalgeschichte des Christentums. Mormonen, Zeugen Jehovas und alle diese Jubelkirchen in den USA – und neustens auch in Afrika/Uganda!) Ich erinnere auch daran, dass alle die Gruppierungen wie „Homosexuelle und Kirche“ (HuK) in Jahrzehnten vielleicht Bewegung in die evangelische Kirche, aber keine Rasierklinge zwischen das Gestein der katholischen Kirche gebracht haben.

„Wir sind besorgt über Entwicklungen, die die traditionelle Familie bedrohen. Diese Initiative verlangt die Gleichberechtigung fremd betreuender Eltern mit solchen, die ihr Kind zu Hause aufziehen. Beide Familienformen sollen Anspruch auf Steuerabzüge haben. Auch als Homosexueller kann man für eine traditionelle Familie einstehen.“

Diese traditionelle – hier vor allem Klein- Familie, die ihr Kind zu Hause aufzieht, es vielleicht gerade noch zur Schule gehen lässt, aber sonst „gut behütet“, erlaubt es gerade NICHT, einem homosexuell orientierten Kind Alternativen zur Heterosexualität kennen zu lernen. Denn diese traditionelle Familie ist homophob und vor allem an der weiteren Fortpflanzung interessiert, damit das eigene Leben in die „Ewigkeit“ verlängert wird, wie es die Religion auch verspricht!

Unter diesem Aspekt ist die Behandlung der Homosexualität an Schulen eine lobenswerte Unterstützung der gay-svp, aber letztlich nicht im Interesse einer „traditionellen Familie“. Gerade, weil „fremd betreute“ Kinder auch mal Kinder aus „anderen Familien“ zu sehen bekommen, wären Erziehungsabzüge bei den Traditionellen keine wirkliche Investition in die „soziale Bildung“.

Mein Eindruck von der gay-svp ist eher einer von einem Pfahl im Fleisch, mit Konzessionen an verschiedene Werte, die auch das Selbstbewusstsein von Homosexuellen – gerade in der Familie – anfressen. Dabei wird Sexualität – in gewohnter typischer Art als „Privatsache“ erklärt, um die Widersprüche nicht sichtbar werden zu lassen – genauso wie bei den Heteros. Hier die Familie und dort die Langstrasse… Das Eine hat angeblich mit dem Anderen ebenso nichts zu tun, wie ein schwuler Direktor mit einem schwulen Angestellten. Erst beim Fick im Park oder der Sauna. Aber das haben wir doch schon 1973 diskutiert.

Die Erfahrungen mit schwulen Kandidaten auf hetero Parteilisten haben gezeigt, dass von ihnen mehrheitlich heterosexuell geprägte Politik gemacht wird. Da versickern schwule Anliegen gleich durch Anpassung – auch bei den Linken!! Und soll mir einer glaubhaft erklären, ob das Gesetz über die „eingetragene Partnerschaft“ unter Bundesrat Christoph Blocher (Justiz) bis heute jemals geboren worden wäre! Das habt Ihr vor allem der CVP und ganz persönlich der Ruth Metzler zu verdanken!

Peter Thommen60, Schwulenaktivist, Basel

Hier der Link zur focus-Diskussion 1973

Hier der Link zum Programm der gay-SVP

Hier der Link zur HAZ (Homosexuelle Arbeitsgruppen Zürich) auf  http://www.schwulengeschichte.ch

In der Suchfunktion kannst Du alle Infos darüber auflisten!

SOH (siehe auch in der Suchfunktion!)

und hier noch der Link zum Brief der Gaynossinnen and die gay-svpler

die heiligenbilder ehrlichkeit und treue

Dienstag, 25. Mai 2010

Schon lange wollte ich darüber etwas schreiben. Kürzlich hatte ich wieder eine dieser typischen Diskussionen! ;)   Worum ging es? Um monogame Beziehungen und Treue…

Langsam komme ich meinen Reaktionen auf die Schliche! Und ich lerne, zu verstehen, warum es Leute gibt, die sich so gerne an diese Begriffe halten. Vorerst reagiere ich immer ablehnend und zurückweisend. Dies wiederum verstehen Andere nicht, weil sie ja „ihre Argumente“ auch einbringen möchten. Verständlich.

Nach Jahrzehnten der Erfahrung mit Schwulen und Heteros, sowie mit dem ach so hmhm Milieu, bin immer noch nicht bereit, Heiligenbilder an die Wand zu nageln. Andererseits sind viele Jungs dabei, sich an heterosexuelle Vorbilder zu halten, aber über die praktischen Konsequenzen dieser „Heiligen-Heterovorbilder“ nicht nachzudenken. Sie sehen jeweils auch nur an die Fassaden dieser Vorbilder, aber nicht durch sie hindurch. Dazu später mehr.

Ich gehe – übrigens schon sehr lange und seit den Anfängen der Schwulenbewegung – von praktizierbaren Verhaltensweisen aus. Mir ist wichtig, was für ALLE praktikabel und anwendbar wäre – und nicht, was Heilige und Mönche als Ideal propagieren! Alex Comfort, ein Engländer, schrieb mal ein Buch über eine „menschenfreundiche Sexualmoral“. Das war noch in den 70ern, der Zeit der menschen-feindlichen Religionsmoral.

In den Jahrzehnten vom Aufbruch bis zu Aids, wie auch in den Jahren des Internets habe ich eines von Männern und über die Homosexualität ganz klar gelernt: Die meisten wollen nicht schwul sein, aber Sex mit Männern haben. Viele haben ein niedriges Bildungsniveau – so 9. Schuljahr plus evtl. noch Lehre/Ausbildung. Aber dann stehen sie still. Wie viele Heteros auch, übrigens! Damit aber kann keineR einem „heiligen“ Vorbild nachleben – egal ob hetero oder homo!

Vielleicht denkst Du jetzt: Ach mann muss einfach Glück haben! Tja, wer baut sein ganzes Leben auf einem Glücksmoment auf??

Für eine hetero-orientierte, hetero-ideale, monogame Dauerbeziehung (Beim „Dauerfreund“ muss ich immer an einen Dauerkaffeefilter denken!) braucht es mehr als diese Grundlage! Gut, ich habe mich weitergebildet. In einem Sozialberuf. Anschliessend habe ich mich weiter-informiert. Dabei habe ich hinter Fassaden schauen können und ich habe – vor allem anhand der Sozialinstitutionen, gemerkt, dass diese Fassaden nur verlässlich funktionieren, wenn es „dazu noch“ Beratungsstellen, Einrichtungen, Hilfe, Renten, etc. gibt. Von alleine funktioniert diese Heterogesellschaft auch nicht. Und erst recht nicht die ach so vereinzelten und privaten Homosexuellen für welche „die Anderen ja nichts angeht“, was sie tun, oder wie sie orientiert sind. Das zeigt sich dann an den praktischen Lebensproblemen für homosexuelle Paare. Die werden einfach nur „heterosexuell verwaltet“, weil das Andere geht ja niemanden was an. Dafür gibt es bei den Heteros aber vieles für deren Kinder, was ja auch eine sexuelle Orientierung ausmacht, aber alle etwas angeht! ;)

Quentin Crisp, die grosse alte Tunte aus dem Vereinigten Königreich, die zuletzt in NY lebte und in einem Song von Sting verewigt wurde („An Englishman in NY“), redete in ihrer Biographie klar von den „Tatsachen des Lebens“. Und genau davon möchte ich auch immer wieder reden und schreiben. Nicht von den Aussenministern, den Präsidenten von Parlamenten, oder den Popstars, den Künstlern, Bischöfen, Päpsten und Genies! Da setz ich mich bewusst als „Schwulenpapst“ darüber.

Wir haben nun also ein heterosexuell orientiertes Gesetz über die eingetragene Partnerschaft „Gleichgeschlechtlicher“. Auch wieder so ein Wortmonstrum! Ich erinnere daran, dass in dem Gesetz nirgendwo ein Wort wie Sex oder homosexuell vorkommt. Auch schreibt es keine sexuelle Treue vor! Es hält sich also immerhin an eine Tatsache des Lebens! ;)

Ich bin nicht grundsätzlich gegen die eP, halte es aber für falsch, sein schwules Privatleben damit zu beginnen. Es sollte diese Möglichkeit für uns geben, in unserer Lebensmitte uns für eine Perspektive entscheiden zu können – sozial und materiell.

„Ehrlich und treu“ also wollen die vielen Junghomos sein – und es sogar auch versprechen. Die Absicht ist löblich. Aber was ist der tiefere Grund? Ich habe in Diskussionen mit Jungs viel Aggression erfahren, weil ich an diesen Begriffen „herumgezerrt“ habe. Letztlich ist mir klar geworden, dass vor allem das gesucht wird, was man selber nie in der Jugend erfahren hat, oder erfahren konnte. Will heissen: Nur wenige Jungs können in ihren Familien wirklich ehrlich sein und von ihrer Orientierung erzählen. Denn, würden sie dies einlösen, wäre ihnen ihre Familie, oder ihre Bezugspersonen nicht mehr treu! Tatsachen des Lebens! Diese Tatsache aber muss verdrängt werden und geleugnet. Denn im Grund wollten sie ja an ihre Familie glauben… Daraus hervor wächst ein Schuldbewusstsein, das völlig verkehrt und falsch ist!

Für Menschen, die nie eine Familie gehabt haben, mag es auch etwas Vielversprechendes sein, jemanden Treuen neben sich zu wissen. Und da mann nie eine Familie wie „die Anderen“ gehabt hat, möchte man es vielleicht jetzt mit einer homosexuellen „treuen und ehrlichen Beziehung“ versuchen. Aber wie in der Familie oben, schliessen sich allzu grosse Nähe und konsequente Ehrlichkeit und Treue meistens aus (Ausnahmen gibt’s eben nicht für alle!). Dazu mehr unten!

Wenn wir schon an Pfingsten sind, dann möchte ich erwähnen, dass gerade Jesus seinen Jüngern vorsagte, dass diese ihre Familien verlassen und ihr Hab und Gut zurücklassen würden, um ihm nachzufolgen. Jesus räumte auch auf mit der Vorstellung, dass wir unseren Eltern und anderen Vorfahren dankbar sein sollten für unser Leben. Er sagte einfach: Niemand kommt zum Vater, denn durch mich (Joh. 14,6). Durch den Glauben an einen „Freund“ also, wurde das Himmelreich „verdient“! Sehr un-heterosexuelle Tatsachen des Glaubens!

Wir müssen aus unseren Lebenszusammenhängen heraus erst stark werden können, um zu lernen, auch immer mehr ehrlich zu sein. Es nützt nichts, dies als Heiligenbild an die Wand zu nageln, oder in Profilen und auf Foren wie eine weisse Fahne (der Ergebenheit) voran zu tragen. Was ich sehe, so sind die meisten, die Ehrlichkeit in der Beziehung erwarten, dann gegen aussen und die Welt nicht mehr so ehrlich. Dafür wächst dann der Zwang in der Beziehung. Es geht nicht darum, einander zu betrügen, sondern einander auch ein Eigenleben zu lassen, um nicht in einer Beziehung zu verdorren. Keiner muss alles über den Anderen wissen, sonst hat man sich ja auch nichts zu erzählen. Aber wenn auch ein „unbekannter Raum/Bereich“ vorhanden ist, dann ist „die Beziehung“ wenigstens anders als die mit den eigenen Familienmitgliedern gelebte, über die man sehr viel weiss. Aber auch diese sagen einander nicht alles ehrlich, sonst würde diese Klein-Familie als Organisation auseinander fallen! Eine zwiespältige Praxis also, diese Ehrlichkeit. Tatsache des Lebens ist: Wir müssen lernen, sie umsichtig zu verwalten.

Viele vergessen beim Begriff der Treue, dass er auch Abhängigkeit bedeuten kann. Vor allem wenn es um sexuelle Handlungen geht, die man dann nur noch mit einer Person ausführen soll… Du erinnerst Dich sicher noch an Deine Kindheit und Jugend, wo Deine Sexualität völlig von Dir allein abhängig war. Du hattest vielleicht längere Zeit niemanden, mit dem Du Lust erleben konntest. Dann war vielleicht das erste Erlebnis so überwältigend, dass Du quasi gleich „lebenslang“ darauf abfahren wolltest. Damit hast Du auch erkannt, wie zentral die sexuellen Erlebnisse – besonders für junge Männer – sind. Und wie bei der Ernährung auch, ist es bei emotionalen und sexuellen Erlebnissen wichtig, Abwechslung und “Relation” zu haben und zu erkennen, dass nicht ein einziger Mensch alle Deine Bedürfnisse lebenslang befriedigen kann. Mütter tun dies ja auch nicht! Das wäre eine Selbstüberschätzung und gegenüber den Anderen eine Anmassung. Ich meine jetzt nicht die anfängliche Treue, die in der “Uebereilung der Gefühle” (alter Ausdruck für Verliebtheit) keinen Platz mehr lässt. Da ist die sexuelle Treue noch kein Thema. Erst da, wo mann wieder auf die eigenen Beine kommen soll! ;)

Männer, die in einer grösseren Familie aufgewachsen sind, haben auch ihre Lieblingscousins und Lieblingsonkels gehabt, die sie sich quasi selber gewählt hatten. Ohne es zu merken, haben sie ihren Horizont erweitert und das Fehlende ausserhalb der eigenen Kernfamilie gefunden. Dies fehlt völlig in der modernen Kleinfamilie. Gerade die Homosexuellen können unter sich ideale Familien bilden (oder Gemeinschaft), die sich nicht nach Enttäuschungen in Beziehungen richtet, sondern nach den guten und lockeren Kontakten, die man gerne hat. So pickt man sich wie ein Hahn (ahem), die nötigen Körner zusammen, die man im Leben braucht. Dazu können auch ehemalige Geliebte, oder ehemalige „Superficker“ gezählt werden. Und es muss nicht immer Sex sein…

Dazu braucht es die Erkenntnis, dass nicht jeder Kontakt anschliessend in den Abfallkübel geworfen werden kann, denn Erfahrungen – gute und schlechte – schleppen wir als Rucksack mit uns durchs Leben. Auch in jede neue Beziehung hinein!

In den Auffassungen von Treue und Ehrlichkeit, sollten wir nicht in Fundamentalismus verfallen, sondern auch diese „Ideale“ nach praktischen und sozialverträglichen Gesichtspunkten „verwalten“.

So entstehen also Denkmuster von Moral und Gesetzen. Ich sehe viele, die an irgendwelchen Idealen scheitern und sich an ihrem Erreichenwollen verzehren, oder kaputt gehen. Indessen gäbe es Möglichkeiten, es anders zu versuchen, einfachere Strukturen zu leben und AUCH glücklich zu werden – ohne den Richtigen, den „verheissenen Messias“, den Allesproblemlöser. So wie wir Menschen es ja auch tun, seit Tausenden von Jahren neben den Religionen – aber auf eigene Verantwortung! ;)

Peter Thommen60, Schwulenaktivist, Basel