Posts Tagged ‘Heteros’

der schleichende „Homocaust“!

Sonntag, April 16th, 2017

Am Gründonnerstag bin ich an die Demo gegen die Verhaftungswelle von Queers in Tschetschenien nach Bern gefahren. Ungefähr 200 Leute standen da um eine „Kunstaktion“ mit Menschen, die am Boden des Waisenhausplatzes lagen. Kreuz und queer, nur mit Slips bekleidet und mit roter Farbe am ganzen Körper verschmiert. Ums ganze herum drapiert lagen Regenbogenfahnen.

Die Aktion mahnt an die weltweite Verfolgung von queeren Menschen, nicht nur an die aktuelle in Tschetschenien, einem mehrheitlich moslemischen Staat in der Russischen Föderation.

Vor Jahrzehnten schon erfuhr ich aus Südamerika von Überfällen und gezielten Morden. In den 80gern habe ich mit meinem damaligen Freund auf der Rückreise von Sylt auch das Lager Neuengamme bei Hamburg besucht und war 1989, anlässlich der ILGA*-Konferenz in Wien im Lager Mauthausen.

In Mauthausen hatten die Mitglieder der ILGA eindrückliche Begegnungen. Wir hielten, zusammen mit unseren jüdischen Mitkonferenten, eine Gedenkfeier bei der steinernen Gedenktafel für die ermordeten Schwulen.

Simon Nkoli, ein Gayaktivist aus Südafrika wollte nicht in die Gebäude hinein. Er war kurze Zeit vor seiner Anreise nach Wien aus einem Gefängnis in seinem Heimatland entlassen worden. Er sagte, er wolle sich das nicht ansehen, er komme ja grad aus so einer Einrichtung. Da schlug die Geschichte die Gegenwart platt…

Was wir also uns „ansehen“ können, ist für viele auf der Welt noch Realität. Ich habe schon grausige Bilder von malträtierten Schwulen gesehen: Tot am Boden und die Beine verbrannt bis zu den Hüften.

Auch Shereen El Feki schrieb in ihrem Buch „Zitadelle“ (1) über die Gays in Nordafrika, dass sie nicht von der Homo-Ehe träumten, sondern „einfach nur normal“ leben wollten. Die haben schon Probleme mit der Hetero-Ehe.

Zurück auf den Berner Waisenhausplatz! Es redeten Queeraktivisten, Politikerinnen und Politiker. Ich habe eine solche von der BDP mitbekommen und zuletzt noch den JuSP Cédric Wermuth. Vermisst habe ich übrigens solidarische Frauen mit Pussyhats…

PolitikerInnen, so habe ich mitbekommen, reden sehr gerne an solchen Anlässen, besonders linke. Aber sie machen immer Propaganda für ihre hetera Politik und verlieren keine Gedanken (2) zur Lage der Schwulen zuhause und zu den Ursachen unserer Diskriminierung. Auch Ständerätin Anita Fetz (BS) hat am ZüriPride 2016 nichts besonderes verlauten lassen…

(„Der homosexuellste Hetero“, Moritz Leuenberger, hat sich über diese Bezeichnung vor Jahren sogar geärgert! Es wäre eine Ehre für ihn gewesen, wenn er etwas von dieser Bezeichnung begriffen hätte! Von ihm ist nur noch die Begrüssung in Erinnerung: „Meine Damen und Damen und meine Herren und Herren!“

Noch nie hat ein Soziologe oder ein Historiker oder eine IN an solchen Anlässen oder am 1. Mai über Politik und Homosexualität referiert, oder das auch nur erwähnt. Es ist nur eine „Sparte“ in die man/frau tritt, wenn es dem eigenen Renommé nützt. Amen

Peter Thommen_ 67, Schwulenpapst fürs Kleinbasel

*ILGA = International Lesbian and Gay Association

1) deutsch bei Hanser, 2013, aber auch in englisch und französisch!

2) Wenn es etwas gibt, was Heteros stört, dann ist es vielleicht nicht so sehr der Akt, sondern dass sie darüber nachdenken sollen.“ Egbert Hörmann: Hurra ein Junge! 1997, S. 14

Consoli, Massimo: Homocaust. Il nazismo e la persecuzione degli omosessuali, 1984

Beispiel Zimbabwe

Warum Schwule und Lesben heiraten (Radio SRF)

Das schwule Auge!

Donnerstag, April 28th, 2016

Ich habe in der ersten Ausgabe der Buchreihe „mein schwules Auge“ einen interessanten Briefwechsel zwischen den HerausgeberInneN und einem Fotografen gefunden (Nr. 1/2003, S. 4-9). Er dreht sich darum, ob es eine besondere „schwule“ Sicht auf den Mann gäbe. Es ist eine alte Diskussion, die sich früher vor allem um antike und „historische“ Kunstwerke gedreht hat.

Grundsätzlich sieht jede/r MenschIn anders, was die Aussenwelt betrifft. Interessant sind jeweils auch die Sichtweisen von Frauen…

(Eingeladener) Fotograf: Und so stellte sich mir zum Thema ’schwule Kunst‘ sogleich die Frage: Braucht man zum Konzertverständnis schwuler Cellisten auch ’schwule Cellos‘ und ’schwule Ohren‘? Oder beim Fotografieren nackter Männer einen ’schwulen Kodakfilm‘? Das „heimliche Auge“ (andere ältere Buchreihe desselben Verlages, pt) hat dem gegenüber doch eine sehr tiefsinnige Bedeutung.

Spontan kommt mir in den Sinn, dass Marienbildnisse ja auch nicht katholisch sein müssen, oder von Katholiken erstellt! Aber der Blick darauf ist unterschiedlich, ob jemand gläubig ist oder nicht!

(Fotograf) Die Akteure in meinen Fotos, unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung, die agieren, sind doch überwiegend Heteros. Die einfache Reduzierung auf eine ’schwule Betrachtung‘ führt zur völligen Auflösung der Konzeption, die Attraktivität und das Selbstverständnis eines Menschen allen zugänglich zu machen… Ein Hetero-Mann, dem derartige Fotos gefallen, müsste ja ebenfalls ein schwules Auge haben?

Nun, die meisten bildlich dargestellten ‚Models‘ sind Heteromänner, die sich einem schwulen Auge darstellen und wissen meistens nicht genau, wofür ihr Abbild gebraucht wurde/wird. Der entscheidende Unterschied ist eben nur für Heteros wichtig, nicht aber für Schwule. Ich erinnere an Herlinde Koelbl (*1939), die als Frau 1984 den allgemeinen Durchbruch für die „Männerfotografie“ schaffte, mit ihrem schwarz-weissen Band. Vorher war das eine allgemeine „schwule Domäne“ gewesen. Weil sie eine Frau ist, waren die Fotos „unverdächtiger“.

Solche Fragen plagen eigentlich nur Heteros. Homosexuelle Männer haben sich selten um sowas gekümmert. Sie geniessen auch ohne genaue Angabe der Orientierung oder des „Auges“! Wir kommen der Sache näher: Die Rezeption ist eine unterschiedliche, während die Darstellung eine „unbeschränkte“ ist.

Der Fotograf schwadroniert von einem „unerträglichen Sprachgewäsch“, wenn es um schwule Kunst gehe. Und so wird aus dem Bild einer Liebesszene zweier schwuler Männer ein schwules Bild.

So einen Schluss zu ziehen ist aber unzulässig, wie Kathrin Geyh nachweist in ihrem Buch: Das Helle braucht das Dunkle, U-Verlg. Konstanz 2011, 175 S. Das einzig beschreibbare an einem Bild ist eine Assoziation mit Homosexualität, von Schwul noch gar keine Rede. Bei letzterem müssten die Dargestellten befragt werden. Allerdings vergleicht sie die Bilder des Films „Brokeback Mountain“ mit biblischen Ikonen und weist darauf hin, dass in dem Film die Natürlichkeit der Heterosexualität in den Lebensbereich der ‚unnatürlichen‘ Stadt verweist und die Unnatürlichkeit der Homosexualität in die ’natürliche‘ Natur…

Es kann nicht die Rede sein von einem „schwulen Auge“, das von einem Körper zu sezieren sei, wie der Fotograf meint.

Aus der Antwort des Herausgebers: Ich stehe zwar sexuell auf Männer, bin aber doch heterosexuell sozialisiert und ordne mich auch nicht dem schwulen Mainstream zu, habe überwiegend heterosexuelle Freunde und sehe meine Sexualität nur als einen Teil meiner Persönlichkeit und definiere mich auch nicht ausschliesslich über sie.

Da sind wir beim Zitat von: „Ich bin ein ganz normaler Mann, habe aber da irgendwo so eine komische Sexualität“. (Ort gerade nicht zur Hand, pt)

Hier muss ich anmerken, dass es eine allgemeine Tendenz ist, sich „vom schwulen Mainstream“ zu distanzieren. Vom heterosexuellen Mainstream distanzieren sich im Vergleich nur wenige Hetero/as. Überhaupt ist interessant, wie sich die Distanzierung zwischen beiden Möglichkeiten immer wieder ähnlich begründen lässt! Auch von Männern, die behaupten, bisexuell zu sein und nur „den Menschen“ attraktiv zu finden…

Herausgeber: Ich möchte vor allem etwas Unterhaltsames machen, was schön anzuschauen ist, und es kann jeder sein schwules Auge aufmachen, jeder kann unabhängig von seiner Sexualität einen Beitrag machen, wenn er gut ist. Sicherlich gibt es einen „typischen“ Blick, der von schwulen Erfahrungen geprägt ist. Das Buch soll für Leute sein, die Männer erotisch finde und das werden Schwule, Bisexuelle und auch Frauen sein.

Die HerausgeberIn ist ihrerseits über den folgenden Satz des Fotografen gestolpert: „Ein Heteromann, dem derartige Fotos gefallen, müsste ja ebenfalls ein ’schwules Auge‘ haben.

Sie antwortet ihm: Ja, das hat er auch, wenn ihm die Bilder mit (s)einem erotischen Blick gefallen. Der Punkt ist doch nicht die -zuweisung, sondern die Abgrenzung, oder? Erotisches Begehren zwischen zwei Männern ist schwul. Das glaubt sie, das muss aber nicht so sein! Es kann nur für kurze Momente, für Fantasien.. bei einem sonst sich als Hetero verstehenden Mann auftauchen… Also kann auch ein Hetero ein schwules Auge haben, so wie ich als Lesbe ein Hetero-Auge habe… Und überhaupt kann der Mensch doch viele Augen haben oder? Hier denkt sie heterA-weiblich, zeigt sich ein Bestreben, alle Verschiedenheiten unter einen Mainstream zu versammeln.

Gerade finde ich beim surfen eine Bemerkung zu Prince und seiner Ikone: Da erinnert sich einer an eine Begegnung mit Prince, dessen sexuelle Masken alle Geschlechter und Schwarze wie Weisse verunsichern konnte, und: „Wie ein Blick in dessen Augen ihn für zwei Sekunden zu einem Schwulen machte: Aber ich war nicht der Unterliegende, ich war der Dominierende, verwechselt das nicht! I d’haved fucked the shit out of that motherfucker. That troublet me tough, man.“ (Perlentaucher, über Harper’s Beitrag vom 25.4.16)

Sie meint auch noch, dass das schwule Auge auch die Frau mit ihrem heterosexuellen Blick auf attraktive Männer nicht ausschliessen sollte.

Leider versteht der Fotograf nichts von sinnlichen Parallelen oder Übertragungen. Er nimmt es „mechanisch“: Die Vielfalt von Emotionen und erotischen Spannungen ist so komplex, dass ich eine Einteilung in sexuelle Kategorien als sehr ungeeignet empfinde. Das wäre etwa so, als würde man Kochrezepte ausschliesslich nach den Farben der Zutaten entwickeln… Ein erotisches Begehren zweier Männer ist sicherlich schwul – aber reduziert sich die Betrachtung und Gefälligkeit eines (wenn auch erotischen) Bildes – bei allem Respekt – nur auf erotisches Begehren? Eine Frage mit sehr weitreichenden Antwortmöglichkeiten.

Weiter unten: Wenn Behinderte neue und eigene Massstäbe für Sportveranstaltungen schaffen, ist das eine ganz klare und erforderliche Sache. Wenn jedoch Schwule eigene Massstäbe für Kunstschaffen und Kunstverständnis erfinden, führt das zur freiwilligen Ausgrenzung und geistigen Selbstbehinderung.

Wir sind an einem zentralen Punkt angelangt: Wer grenzt wen aus? Dazu gibt es noch immer die geniale Antwort, die Giovanni Dall’Orto schon 1994* gegeben hat: Wir ‚Ghettoisierten‘ grenzen niemanden aus, wir lassen Heteros ebenso herein. Wir gehen auch an die Orte der Heteros. Es sind aber genau diese, die nie unsere Orte frequentieren würden, weil sie Angst haben, man würde sie „hier“ sehen und sie würden dann ebenso ausgegrenzt! (Sinngemäss)

Zum Schluss passt der neue Film von Andrè Téchiné: Quand on a 17 ans! Zwei Aussenseiter verschiedener Art im Gymnasium. Schon eine der ersten Szenen zeigt ihren Status in aller Härte: Im Sportunterricht sind sie die letzten, die in die Mannschaften gewählt werden. Thomas ist afrikanischer oder maghrebinischer Herkunft, etwas verstockt, etwas aggressiv, aber auch unverkennbar liebesbedürftig. Damien ist schwul und bis über beide Ohren verknallt in diesen hübschen Jungen. Jedes Wort, jeder Blick Damiens bringt Thomas zur Weißglut, sie prügeln sich, beleidigen sich, jede noch so schmerzhafte Nähe ist besser als gar keine Berührung. Um die Schläge besser aushalten zu können, lernt Damien boxen…

Als Drama in drei Trimestern erzählt Techiné seine Geschichte der jugendlichen Liebe und des erotischen Erwachens, mit einem feinem Gespür für die emotionalen Konfusionen, für die Sinnlichkeit und all die Schlichen, mit denen junge Menschen vom Leben kosten, wie bitter es auch schmecken mag. Mit großer Eleganz und Delikatesse zeigt er verstohlene Blicke, gestohlene Berührungen und die vor Verlangen berstenden Körper. (Thekla Dannenberg auf perlentaucher.de)

Wir zerstören alles, wenn wir über Feinheiten hinwegputzen. Wir sollten achtsam auf Verschiedenheiten sein, denn nur dann erlangen wir all die Feinheiten, die ein erfülltes Leben bieten kann. 

Wir sollten die grundsätzlichen Widersprüche, die sich aus der Hinwendung zum eigenen Geschlecht ergeben nicht ausblenden oder von anderen „Nebenwidersprüchen“ zudecken lassen. 

Peter Thommen_66, Schwulenaktivist, Basel

* Babilonia Nr. 120, März, S. 59-61, italienisch > giovannidallorto.com

 Über die schwule Scham, vom Zaunfink

über Brokeback Mountain

Karfreitag und Ostern: Überleben wir die Homosexualität um heterosexuell zu werden?

Montag, März 28th, 2016

Vor fast 25 Jahren schrieb ich in meinem Blatt „Thommens Senf“ eine erste „Osterpredigt“ (1) Mir haben von klein auf schon immer die „Gleichnisse“ und Bilder aus den biblischen Erzählungen gefallen. Diese Ikonen (eine Art zusammenfassende Abbilder) sind eine späte Form von Hieroglyphen der Altägypter und sprechen für sich und bilden zugleich eine Sprache/Aussage. Sie sind für die orthodoxen (ehemals oströmischen) Kirchen sehr wichtig und bilden eine Grundlage des „gläubigen Verständnisses“ in einer damals ziemlich bilderlosen Gesellschaft. Im Islam ist es wichtig, den Koran in der hocharabischen Version laut zu deklamieren (vorsagen), um dem Gott am nächsten zu kommen. So wie die Kirchen mit ihren Bildfenstern, nutzen wir auch am Computer „Icons“ um komplexere Befehle oder Zusammenhänge auszudrücken oder auszuführen. (Im Cruisermagazin vom April 2016 habe ich versucht, über verschiedene, für Schwule (2) wichtige Icons zu schreiben.)

Im Jahr 1993 war es für mich klar: Wir sterben an Karfreitag als Heterosexuelle, um homosexuell an Ostern aufzuerstehen! Jesus ist eine Ikone geworden, die, je nach Interpretation, sich gegen gesellschaftliche, ordnungspolitische oder religiöse Gesetze aufgelehnt hat. In zweitausend Jahren Kulturgeschichte haben wir es schon lange nicht mehr mit historischen Fakten oder Zeugnissen aus erster Hand zu tun. Es hat Jahrhunderte gedauert, bis Männerliebende selber sich äussern konnten, oder Homosexuelle in den Medien (Telearena 1978!). Jahrhunderte, bis überhaupt religiöse Texte in der Sprache von „Gläubigen“, oder Verehrungskulte (Gottesdienste/Messen) nicht mehr in Hochlatein abgehalten wurden.

Im Cruisermagazin vom März 2016 (S. 26) habe ich darauf hingewiesen, dass Homosexuelle sehr heterogene Sexualwesen sind und dabei – vor allem im sexuellen Erlebnisbereich – ganz einfach gestrickt, wenig differenziert und hier meine ich auch stark von den herrschenden und frauschenden Machtverhältnissen geprägt (> zahllose Fetische!). Da erweisen sich Bildsprache und Bilder als wirkungsvollere Informationsträger als alle hochintellelen Vorträge. In diesem Spannungsbereich bewege ich mich also als „Bildsteller“. Nun also zu meiner ersten Predigt (3).

Das Osterritual gilt als das höchste christliche Fest um Männer. Logisch dass Männerliebende das nicht ignorieren können. Da wo sich alles – auch die Frauen – um Männer dreht, werden nicht nur Gläubige davon betroffen. In unserer Gegenwart dreht sich ja alles um Frauen! Da bleibt also doch noch Raum für einen „schwulen Blick“ auf das Ritual, die Vorgänge und Deutungsmöglichkeiten (Icons). Der Freitag als Tag der Strafe für das „nicht ausschliesslich heterosexuell sein wollen“ (4). Ohne dieses gewaltsame „coming out“ in der Öffentlichkeit wäre eine Auferstehung in der christlichen Ideologie undenkbar!

Freitag – ein Tag der Selbsterkenntnis, statt des Verrats. Gleichzeitig wird Dein Normalleben zerstört . Du hängst am Kreuz der Vorurteile (und auch der heimlichen Wünsche der Normalos). Es hat aber Mitschwule/sich erbarmende Hetis, die Dich bald vom Kreuz herunter holen (weil sie sich davon anrühren lassen werden).

Eingewickelt in weisse Linnen der Zuwendung, in der (mütterlichen) Grabhöhle kommst Du dem Tag der Auferstehung näher. Plötzlich erscheinst Du Deinen Freunden wieder: Als Schwuler, als Individuum, als bunter Schmetterling (frei vom Cocon). Sie werden Deine Wunden betasten und nicht glauben wollen, dass Du schwul bist! Andere, die auf Distanz zu Dir gehen, können Dich nicht begreifen/erfassen. Du kannst sie ruhig gehen lassen. Du bist auch ein Angenommener ohne dieselben!“

Wenn ich sehe, wie viel Kraft es zu einem coming out braucht, wie finster vorher alles gesehen wird von Homosexuellen, wie fest sie sich an ihre „heterosexuelle Unschuld“ klammern, dann fühle ich Karfreitag. Der totale Anspruch an die eigenen Kräfte. Der Becher geht nicht vorbei. Ein solches coming out ist ein Reifeprozess wie eine beendete Verliebtheit oder eine lange Beziehung. Und das was viele fast wie einen „Tod“ erleben, ist erst eine Fühligkeit, die uns bei unserem Tod helfen wird. Und auch der Tod ist eine Bedingung für das, was Auferstehung genannt wird. Wir wissen genausowenig, was nach dem Tode kommt, wie wir je wussten, was nach dem coming out kommen würde, oder woher wir gekommen sind.“ (5)

Interessant auch eine Nachbemerkung von damals: „Zum Judaskuss: Dass der Akt der Befreiung/Enthüllung in einer alltäglichen, unauffälligen (und typisch orientalischen) Handlung enthalten ist, zeigt uns, dass nur die Sichtweise der Umgebung das ganze zum Drama hochstilisiert. Die Küssenden haben ja kein Problem. Judas tut es für die „Hofschranzen der Mächtigen“ (30 Silberlinge) und Jesus „tut es dem obersten Gott zu Gefallen“. (Aber haben sie es auch je für sich beide getan?) (1)

Wir Schwulen sind zwar durch Heterosexualität in diese Welt gekommen, aber uns wurde auch bestimmt, ein „neues Verhältnis“ mit den Menschen einzugehen, das diese vor uns anscheinend noch nicht kannten. Wir kennen unsere übergeordnete Bestimmung auch nicht und wehren uns verzweifelt gegen unser Anderssein. Wir werden von der übergeordneten Heterosexualität verstossen, die sich den Anschein der totalitären Absolutheit gibt. Wir sind gezwungen, unsere herkömmliche Biografie aufzugeben, oder die wirkliche Biografie zu verleugnen. Ob dieser Leistung kräht aber kein Hahn! Und gar mancher Hetero wird zum Judas eines Schwulen in dieser Gesellschaft.“ (5)

Heute ist alles ganz anders! Es gibt keinen Karfreitag mehr, coming outs werden nicht mehr gebraucht! LondonJames (Lifestyleberater und Dating-Experte) zur Öffnung der Ehe für alle: „ … heisst es in den Akten schlicht und einfach: verheiratet. Dann braucht es weder ein Coming out am Arbeitsplatz oder sonst wo. Man(n) wird nicht blossgestellt. (6)

Der oben „ikonosierte“ Akt der Individuation verkommt zum blossen Akt auf dem Standesamt! Und heraus kommt? Eine Homo-Ehe! Shereen El Feki schreibt hingegen von nordafrikanischen Männerliebenden und zitiert Hassen: „Ich kenne die tunesische Gesellschaft. Wir werden garantiert nie die Schwulenehe fordern, weil die meisten von uns den klassischen Rahmen einer Beziehung, die Ehe, ablehnen; daran denken wir nicht.“  (7)

Die jungen Männer in der orientalischen Gesellschaft wollen „nur“ ein normales Leben führen und nicht mehr diskriminiert werden. In dieser „schweigenden oder verschwiegenen“ Kultur ist ein coming out/eine Individuation gar nicht möglich. Die meisten führen eine hetero Ehe, ja müssen sie führen, falls sie genügend Geld verdienen können.

Wie wir sehen gibt es Ausnahmen, die früher politisch und heute religiös motiviert werden. Statt ans Kreuz genagelt zu werden, sprengt man sich in die Luft – für den grössten aller Männer, oder der Ikone, die die grösste Autorität auf sich versammelt…

Das Gemeinsame liegt eben im Widerspruch! In den Fussballstadien wird Männerfussball gespielt und spielen sich formal „Männerorgien“ ab. Draussen vor aber herrschen die Gesetze der Männlichkeit: Gewalt und Vergewaltigung. So, wie sie es alle in dieser Kultur gelernt haben. Wer homophobe Lieder singt im Stadion, der bestätigt auch gleich das, was er mit Liedern weit von sich weist!

Christliche Ostern, das ist für mich die Sehnsucht des Mannes nach dem Mann. In einer total heterrorisierten Gesellschaft. Es lohnt sich, darüber zu meditieren und Icons zu formulieren!

Peter Thommen_66, Schwulenaktivist, Basel

 

1)  Damals „für Schwule und Lesben“, in der 14. Ausgabe des 2. Jahrganges vom 9. April 1993. Es ging – und geht bis heute – aber nur um Schwule.

2)  Schwule sind für mich Männer, die nicht einfach nur mit anderen Männern Sex haben, oder sie lieben, sondern sich auch mal Gedanken darüber machen!

3)  Ein Text, der meist mündlich vorgetragen wird und auf einen bestimmten Zweck hin verfasst worden ist.

4)  Man/frau beachte, dass es NICHT nur um das „ausschliesslich homosexuell sein wollen“ geht!

5)  Thommens Senf, 3. Jg. Nr. 13, 1. Apr. 1994/online ThS 22.03.2008

6)  GH *1985, irgendwo im Internet

7)  El Feki, Shereen: Sex und die Zitadelle. Liebesleben in der sich wandelnden Welt, Hanser 2013, S. 340

Der KREIS darf sich nicht schliessen!

Sonntag, Oktober 12th, 2014

Die Geschichte der legendären „Vereinigung“ und daraus hervorgegangen die romantische und vorbildliche Ehe von Röbi und Ernst, ist ein guter Einblick in unsere – ahem UNSERE – Vergangenheit und Genealogie.

Ja, Genealogie, denn die Jungen von heute sind unsere Söhne und Enkel und wir sind deren Väter und Grossväter – um es mit den ungewohnten „heterrorsexuellen“ Begriffen zu umschreiben.

Die abgerundete Geschichte ist nicht das Ende der Verfolgung und Diskriminierung, aber auch nicht das Vorbild von schwulen Beziehungen. Vielleicht für Mütter und FamilienpolitikerInnen, die sich nichts anderes vorstellen können! Klar, dass da vieles einfach „seltsam“ war, selbst in den Augen der damaligen „Homoeroten“.

Ich zitiere aus Florian Vocks Besprechung: „Rolf  (der Obervater), als schwuler Aktivist, ist gleichzeitig integer und unsicher; einerseits ein Fels, andererseits bedrohlich am Wanken. Denn auch Rolf kann nichts gegen die Sittenpolizei unternehmen. Seine anpasserische Art, im Zweiten Weltkrieg lebensrettend, wirkt in der Tabuwelt der fünfziger Jahre nicht.

Rolfs ambivalente Gefühle sind eine Parabel auf die heutige Bewegung: Wie viel Anpassung soll es sein? Wie anständig müssen Homos sein, um vom Parlament ein paar weitere Rechte geschenkt zu bekommen? Sollen wir uns denn von den schwulen Strichern distanzieren, die heute in Bars und an Partys einfach dazu gehören?

Sollen wir die promiskuitive Sexualität in Sexboxen verschieben und hinter dem Schleier der Doppelmoral perfekte Paare inszenieren, um die Anerkennung zu bekommen, die wir fordern?

Zugegeben: Das Liebesleben ist chaotisch. Aber die Freundschaften sind echt. Der Kreis ist der Anker zur Möglichkeit, Freundschaft in Liebe und Freiheit zu leben. Die Anker gibt es auch heute noch: Die Feste des Kreis sind die Partys von heute, die erotischen Frauendarstellerinnen die politischen Dragqueens von heute und die Abonnenten vom Kreis die Peergroups von heute.“

Die hetero-anpasserische Art der sogenannten „organisierten“ Schwulen in der Schweiz von heute, schwankt zwischen Eheforderung und Blindheit gegenüber der „Pädophilen“-Diskussion und der steten,  „unbeachteten“ Anpassung der Sexualgesetze an die politisch-feministische Korrektheit.

Eheforderung gegen stete Anpassung? (an die sozialen und wirtschaftlichen Probleme der Globalisierung der Hetero/as) „Wir sind ja nicht so wie jene, wir sind so wie Ihr – daher akzeptiert uns endlich!“

Mich ärgert die Unverschämtheit von Heteras, über Sex zwischen Männern zu befinden und die heterosexuellen Raster über unser Leben zu ziehen! Nämlich da, wo es keine Opferinnen und Täter nach Geschlechtsorganen gibt, wird es per Lebensalter „zugeteilt“. Das hatten wir aber schon nach 1942! Was damals nicht gut war, kann auch heute „nicht schon wieder“ gut sein! Die südländischen Stricher von gestern sind die „armen MigranntInnen“ von heute, die sexuell ausgebeutet werden! KeineR merkts!

Das Liebesleben ist auch heute noch chaotisch –  glücklicherweise! Aber die Freundschaften ermangeln der Gemeinschaftserlebnisse der Schwulenbewegung, die auf den Kreis folgte! Nein, ich meine nicht die Gruppenficks aus den heterosexuellen Fantasien! Ich meine die „Bettverwandtschaften“ unter Männern! Solche, die dem einen über Liebeskummer hinweghelfen, oder anderen erlauben, gewisse Bedürfnisse ausserhalb einer „Homo-Ehe“ zu befriedigen, um damit in Frieden zu leben.

Nun, die Parties von heute sind gerade nicht die Feste von gestern (Zschr. mann 1/78)! Und wo gestern Alkohol getrunken wurde, werden heute immer neue Drogen konsumiert. Es kümmert auch keineN, wohin die Einnahmen heute fliessen… Damals vor allem in die Töpfe und Schriften der Bewegung.

Der Film ist eigentlich politischer als er gewollt war. Schlau, wer sich nicht von der Romantik blenden lässt!

Peter Thommen_64, Schwulenaktivist, Basel

Es gibt immer noch zuviele Mütter und Frauenpolitikerinnen, die (ihre) Söhne vor Homosexuellen schützen möchten und es dabei noch gut meinen, obwohl sie nichts davon verstehen! Und Jungs haben ein Recht darauf, ihre Partner frei zu wählen, unabhängig von ihrer Orientierung!

Mädchen können da viel mehr spielen damit als Jungs, weil sie einfach nicht ernst genommen werden. Jungs werden sofort so ernst genommen, dass sie nicht mal damit spielen können.“ (swissgay.info Nr. 3, Okt. 2014)

Es ist politisch bedenklich, wenn nach aussen immer von „Liebe“ die Rede ist, während ja nur der Sex strafbar/straffrei war und ist! Andererseits geht es den Hetero/as immer vor allem um den Sex, denn ohne ihn hätte ihre Liebe ja keinen Sinn! 😉

Stalinismus und Putinismus, 1934/2014

Dienstag, März 11th, 2014

Die russische Oktober-Revolution hatte die alten antihomosexuellen Gesetze und die klassische Ehe aufgehoben.

„Die neuen Herrscher im Land nahmen zunächst keine eindeutige Haltung in der Frage der homosexuellen Emanzipation ein. In Russland, Weissrussland und in der Ukraine wurde das zarische Sodomie-Verbot einfach aufgehoben.“ (1)

Die sowjetischen Behörden umwarben die Reformbewegung des Berliner Sexualforschers Magnus Hirschfeld, der sich für die Rechte Homosexueller einsetzte. … Andererseits inszenierten die Bolschewiki Schauprozesse gegen den Klerus, in denen Fälle von „Päderastie“ aufgedeckt und angeprangert wurden.“

Heute dürfen Schwule zwar weitgehend „heiraten“ aber Jugendliche werden auch bei uns wieder strenger geschützt vor Homosexualität, selbst noch vor sich selber.

Entsprechend der anfänglich mit dogmatischer Schärfe betonten freien Moralauffassung des Kommunismus auf dem Gebiet der geschlechtlichen Sittlichkeit (freie Liebe, Kündbarkeit der Ehe, unbegrenzte Zulassung der Schwangerschaftsunterbrechung, Kindererziehung durch den Staat) war die gleichgeschlechtliche Unzucht ohne Qualifikationsmerkmale * in der Sowjet-Union anfangs straflos. Erst im Jahr 1934 wurde die Strafbarkeit der einfachen Homosexualität ohne vorausgegangene Diskussion und ohne Begründung eingeführt.“ (2)

Diese Änderung kann durchaus als Folge des Aufstiegs von Josef Stalin angesehen werden. Stalin war ein Georgier und kam somit aus einer alt-christlichen Kultur. Davon war er um die Jahrhundertwende geprägt!

Aus jener Zeit ist ein Text von Klaus Mann erhalten, der sich als politisch bewusster Schwuler damit auseinandersetzte:

In der Sowjet-Union gibt es neuerdings ein Gesetz, das die Homosexualität unter schwere Strafe stellt. Es klingt überraschend, und man fragt sich, mit welcher Logik und mit welcher Moral eine sozialistische Regierung die Entrechtung und Diffamierung einer bestimmten Menschengruppe rechtfertigt, deren „Verschulden“ in ihrer naturgegebenen Veranlagung besteht: aber es ist so. Übelstände und Skandale in den östlichen Gebieten der Union sollen den Anlass gegeben haben zu der Einführung des beschämenden Paragraphen – gegen den in mitteleuropäischen und westlichen Ländern die Linke seit Jahrzehnten erbittert kämpft.“ (3)

… meine ich nicht nur und nicht vor allem die in der Sowjet-Union immer deutlicher werdende Neigung, in den erotischen Fragen wieder strenger und konservativer zu denken und zu urteilen … „

Ich meine vielmehr jenes Misstrauen und jene Abneigung gegen alles Homoerotische, die in den meisten antifaschistischen und fast allen sozialistischen Kreisen einen starken Grad erreicht haben. Man ist nicht mehr weit davon, die Homosexualität und den Faschismus miteinander zu identifizieren. Hierzu darf nicht länger geschwiegen werden. Wir bekämpfen Rassenvorurteile. Und inzwischen wollen wir das unvernünftigste Vorurteil gegen eine bestimmte geschlechtliche Veranlagung überhand nehmen lassen?“

Dazu kann direkt in die Gegenwart verwiesen werden! Heute werden die Verlängerung des Prostitutionsverbotes und der „Kinderpornografie“ bis zum 18. Lebensjahr bis weit in linke Kreise hinein kritiklos hingenommen! Aus lauter „Besorgtheit“ über neue Medien und Migranten glauben die Leute, sie könnten die Sexualentwicklung von Jugendlichen „aufhalten“! Dabei hätten wir Jahre Zeit gehabt, sie zu informieren und zu begleiten. Und die Ausbeutung mit dem Sex wird bekämpft, damit die Ausbeutung WEGEN dem Sex nicht abgeschafft werden muss! Checksch es?

Woher kommt es denn, dass wir in antifaschistischen Zeitungen die Wortzusammenstellung „Mörder und Päderasten“ beinahe ebenso häufig lesen, wie in den Naziblättern die von den „Volksverrätern und Juden“? Das Wort „Päderast“ als ein Schimpfwort, nur weil es in nationalsozialistischen Verbänden viele geben soll, die junge Männer lieben, statt Frauen!“ (3)

Auch dies kommt mir heute sehr bekannt vor! Während die meisten Kinder von ihren Eltern oder in ihrer Familie misshandelt werden, geilen sich die Medien an „Pädophilen“ auf, die an jeder Ecke lauern sollen…

“ … wenn Blätter, die sich mit Vorliebe ‚liberal und aufgeklärt‘ nannten, plötzlich anfingen ‚Knabenschänder‘ zu schreien, wie eine hysterische Pastorengattin.“ (3)

Und die Schwulen, sowie alle anderen LGBT..s  regen sich über den „Putinismus“ auf, der doch nur mit der russisch-orthodoxen Kirche den Aufputz erledigt, den er früher mit dem KGB durchgeführt hatte. Vom Stalinismus bis heute sind nicht mal hundert Jahre vergangen. Die Politik mit dem Sex, den Homosexuellen und den Kindern bewährt sich von neuem! Die heutigen Linken haben nix gelernt, sorry!

Peter Thommen_64, Schwulenaktivist, Basel

 

* Qualifikationsmerkmale sind zum Beispiel Kontakte unter Zwang, Gewalt, oder als Prostitutionserwerb, oder Überschreitung von Schutzaltersgrenzen

(1) Healey, Dan: Beredtes Schweigen, in: Osteuropa Spektralanalyse, Homosexualität und ihre Feinde, S. 1

(2) Jescheck, Hans-Heinrich, in: Die Behandlung der Homosexualität im ausländischen Strafrecht, in: Homosexualität oder Politik mit dem § 175, roro 943, 1967, S. 96

(3) Mann, Klaus in: Homosexualität und Faschismus, erschienen in: DIE NEUE WELTBÜHNE, Prag 1934

Ulrike Lunacek: Homosexualität in Russland

Die Linke und der Sex, klassische Texte, Promedia 2011

Nachtrag: „Denn in der Ukraine, so Putin, hätten Neonazisten, Antisemiten und Russophobe die Oberhand gewonnen. “ (Bericht dlr.de)

Das Ende der Toleranz der Schwulen!

Freitag, Februar 21st, 2014

Oder: Wer nicht begeistert von der Heterosexualität ist oder spricht, ist gleich ein Heterophober!?

In den letzten zehn Jahren haben sich die öffentlichen „Erscheinungen“ von Homosexuellen und die Berichte über Schwule ziemlich verändert! Nicht nur im Internet. In dieser Zeit sind auch die Bisexuellen vermehrt, und andere „Fetischisten“ laufend, dazugestossen. Eigentlich alles, was bei den Heterosexuallen so „abfällt“, hat sich irgendeiner „Schwulencommunity“ beigeordnet, daher hat sich auch das Wort „queer“ immer mehr eingebürgert. Wir Schwulen sind – mit den Lesben und ihrem Anhang und den „heterosexuellen Abfällen“ – zu einer in der Gesellschaft unübersehbaren Gruppe angewachsen. Das beunruhigt die Mehrheit. Und auch viele Schwule!

Viele Diskussionen werden von Frauen (z. B. Barbara Höfler, NZZaS) angestossen – aber auch wertkonservative Männer melden sich vermehrt zu Wort: 2009 tat dies Philipp Gut in der Weltwoche und in der zeit.de – ihm antwortete Marko Martin. Letztes Jahr Ralf Schuler. Nun Matthias Matussek als aktuelles Beispiel. (1)

Zufällig bin ich in meiner Bibliothek auf einen Essay von Prof. Dr. G. Th. Kempe * gestossen, der aus der Sicht der 1950er Jahre eine Einschätzung der Situation von homophilen Männern gibt und über deren Verhältnis zu den Heterophilen schreibt.

Vergleichen wir es mit dem Dasein verschiedener Völker, dann ist diese Tatsache ebenfalls bekannt, aber mit diesem Wissen hängt die Anerkennung eng zusammen. Jedem Menschen ist das Dasein dieser Gruppe praktisch bekannt, aber anerkannt wird sie im allgemeinen nicht.“

Meines Erachtens besteht kein Zweifel, dass der durchschnittliche Heterophile unserer Zeit zu einer solchen Anerkennung einfach nicht fähig ist, wahrscheinlich nicht fähig sein kann, und das führt oft zu schrecklichen Folgen.“ (2)

Kempe sieht schon 1954, was wir heute aktuell erleben können! Niemand/Niefrau würde heute die Existenzberechtigung von Franzosen oder Engländern in Frage stellen. Anfangs letzten Jahrhunderts aber hatte diese Anerkennungsverweigerung „schreckliche Folgen“, nämlich die Kriege von 1914/18 und 1939/45.

Interessant auch, wie Matussek direkt Bezug auf den Holocaust nimmt: Mittlerweile hat Homophobie dem Antisemitismus als schlimmste ideologische Sünde den Rang streitig gemacht.“ Was seiner intendierten „Selbstaufopferung“ die Kappe aufsetzt! **

Heute können schreckliche Folgen, die speziell unsere Existenz betreffen, in den osteuropäischen, den arabischen und afrikanischen Völkern gesehen werden. Ursache ist aber nicht mehr der Glaube an den Patriotismus, sondern derjenige an eine Religion und den Heterosexualismus. Eine interessante Parallele wird dabei sichtbar. Die Juden waren sozusagen auch Kinder der Nichtjuden – und Homosexuelle sind ja eigentlich die Kinder der Heterosexuellen. Aber zu diesem differenzierten „Bewusstsein“ sind wohl Heterosexuelle wirklich nicht fähig.

Gerade las ich Joachim Bartholomae’s Essay über literarische Aussenseiter (3) und ihr Verhältnis zur Gesellschaft. „Baldwin wusste als Schwarzer wie als Schwuler genau wie Berührungsangst funktioniert – dieses letzte Tabu, das auch heute noch bei heterosexuellen Menschen die Befürchtung auslöst, sich durch Annäherung in Gefahr zu bringen.“ (S. 58)

Er zitiert auch Peter Rehberg: „Heten fragen vorm Sex: wollen wir was trinken? Homos hinterher. Erst Sex, dann saufen. So machen das die Homos. Korrekte Reihenfolge bitteschön beibehalten! Wenn Heten fragen: wollen wir was trinken? Wollen sie nichts als Sex. Heten sind Heuchler, nicht: wollen wir ficken, wollen wir was trinken? Fragen sie. Wenn Homos fragen: Wollen wir was trinken, dann ist der Sex schon rum (da muss man ja nicht fragen). (S. 71)

Diese Diskussionen liessen sich fortsetzen! Doch die „Schwulenbewegung“ ist in Pension gegangen. An ihre Stelle sind die Queers getreten und diese haben schon genug mit all den L G B T I Q Q A P  zu tun. Daher wird sie jetzt von den Heten gehörig aufgeweckt und aufgeschreckt! Das ist auch gut so!

Ich finde, über Homosexualität darf man streiten. Denn überwiegend wird sie von heterosexuell lebenden Männern ausgeübt, mehr noch als von Schwulen. Über die Schwulen sollte man nicht streiten, denn es gibt sie genauso wie die Frauen!

Peter Thommen-64, Schwulenaktivist, Basel

Über die Bedeutung der Identitätsstiftung in den homosexuellen Figuren bei Baldwin

Claudia Roth, Bündnis90/die Grünen. Über Homosexualität darf man nicht streiten

* Er lehrte am Kriminologischen Institut an der Universität Utrecht.

** Über die soziale Situation von Homosexuellen und Juden siehe: Parin, Paul: „The Mark of Oppression“, in: PSYCHE Nr. 3/1985, S. 194-219

(1) Siehe auch die beiden Gegenmeinungen! Stefan Anker und Lucas Wiegelmann

(2) S. 3 im PDF (im Original S. 4/5)

(3) Bartholomae, Joachim: Wie der Keim einer Südfrucht im Norden (Kleist, Kafka und andere Aussenseiter der Literatur), MS Verlag 2012, 80 S.

Thommen, Peter: Die Wurzeln des Spiessertums (> come out 3. Jg. Nr. 23, Juni 1990)

Heterosexualität – der reine Sexismus!

Dienstag, Oktober 29th, 2013

Aus langer Tradition gibt/gab es immer 95 % Heterosexuelle und „vielleicht höchstens“ 3-5 % Homosexuelle – beiderlei Geschlechts. Und obwohl Kinsey schon nach dem 2. Weltkrieg sehr viel mehr homosexuelle Aktivitäten abfragen konnte, wir das bis heute als unveränderbar aufrecht erhalten. Doch  Kinsey fragte nicht nach der Orientierung, sondern nach den Aktivitäten. Dabei ist er auf einen „sehr hohen“ Anteil gekommen, sodass viele Heteros meinten, dieser Kinsey müsse doch selber schwul sein – derweil sie unbekümmert „Lesbenpornos“ als zusätzliches Vergnügen konsumierten…

Seit über vierzig Jahren hat sich eine Homosexuellenbewegung (beiderlei Geschlechter) etabliert, die sich organisiert und rechtlich abgesichert hat. Dabei sind die „Schwulen“ immer mehr zur Minderheit geworden. Aber was sind „Schwule“ eigentlich? Keiner weiss das mehr so recht! Die Gruppen und Vereine sind zunehmend ein Teil des Mainstreams und des Warenmarktes geworden, der Ferienindustrie und der Immobilien…

Doch neben den selbständigen Formationen der Lesben haben sich in den letzten zwanzig Jahren neue Gruppen und Grüppchen gebildet, die von der „reinen Heterosexualität“ quasi „abgefallen“ sind. Und bemerkenswerterweise hat die Heterosexualität davon bis heute keine Notiz genommen! Wozu auch? Sie steht ja da mit felsenfesten 95 %!

Unter der „Verwaltung“ der Homosexuellenbewegungen und der Schwulen, die ja meistens sich selber finanzieren und ohne grosse staatliche Unterstützung auskommen müssen, obwohl sie ja eigentlich „leibliche Kinder“ der Heterosexuellen sind, hat sich nun ein interessanter „Abfall“ der Heterosexualität angesammelt. (Für die politische Korrektheit: Abfall kommt von abgefallen!)

Das sind nun also – neben den Schwulen und Lesben – noch die Bisexuellen, die Trans*was-auch-immer, Intersexuelle (und Hermaphroditen), des weiteren die Queers* , die Questionning (1) und die Asexuellen. Und ganz aktuell nun auch noch die Pansexuellen (2), wie ich mir habe erklären lassen. Somit sieht die „Familie des Abfalls“ – in Abkürzungen – zur Zeit wie folgt aus: LGBTIQQAP.

Das erinnert mich an die berühmte Formel des „Schwulen-Gens“ XQ28 oder so ähnlich! Nun sind wir also von einer ursprünglichen „Krankheit“ bei einer immer länger gewordenen „Formel“ gelandet. So etwas habe ich mir aber nie unter „Schwulenemanzipation“ vorgestellt. Auch nicht die Schwulen-Ehe. Und ich denke ganz politisch unkorrekt, dass ich als Schwuler mit allen anderen eigentlich nichts am Hut habe. Und was die Bisexuellen (was immer das auch für sie selber bedeutet) betrifft, so ist wohl der kleinste gemeinsame Nenner die Sexualität miteinander. Damit hat sich’s aber schon.Wir Schwulen hätten da also von denen noch sehr viel zugut – denn wir sind AUCH für sie auf die Strasse gegangen!

Peter Thommen_63, Schwulenaktivist, Basel

 

1) Das sind diejenigen, die selbst nicht wissen, wohin sie gehören!

2) Dass mit dem neuen P nicht die Pädophilen oder gar Pädosexuellen gemeint sein können, habe ich sofort begriffen. Aber wenn man das Wort Pan*… betrachtet, dann könnte man auch diese da drin noch mitnehmen! 😛

P.S. Die Gerontophilen werden natürlich vergessen, denn das ist dann – politisch korrekt – „Vergewaltigung von alten Senioren“ oder so…

Es gibt auch sexuelle Menschenrechte (DGSS)

Gerontophilie – die Liebe zu und der Sex mit älteren Männern *

Freitag, April 19th, 2013

Eigentlich sollten wir alle „gerontophil“ sein, denn es ist unser Lebensziel, älter zu werden. Aber das ist nicht gemeint. Wer gemeinsam alt wird, ist nicht in dem Sinne „gerontophil“.

Die Gerontologie ist die Lehre vom Altwerden und  die Geragogik oder Gerontogogik ist ein junges Forschungsgebiet, welches die Pädagogik und die Erwachsenenbildung um die. Bildung der Älteren erweitert.

Unsere Kultur muss lernen zu akzeptieren, dass nicht alle Menschen über 70 „Pflegefälle“ sind und werden! Zudem haben nicht wenige Männer ein Sexualleben bis zum Todestag.

Beim Recherchieren im Internet stösst man auf „furchtbare“ Sachen. Da war eine Krankenschwester in einem Frage-Blog, die sich in eine Patientin verliebt hatte und nach Pflege-Ende völlig verzweifelt war.

Ich stiess auch auf einen jungen Mann, der auf Ältere steht und entsetzt darüber war, ob er sich jetzt „so einen Pädophilen“ suchen müsse. (Hier möchte ich klarstellen, dass ein solches Verhältnis nicht gleich gegensätzlich gesehen werden kann, wie zwischen „Mann“ und „Frau“ – in dieser typisch hetero/a Denkweise! Ein Heterosexueller sucht ja auch nicht einen Homosexuellen…)

Verlieben können wir uns lebenslang und nicht nur in „alters-adäquate“ Personen. Ich habe mich als Schüler auch in zwei meiner Lehrerinnen verliebt – und bin trotzdem, aber nicht deswegen, schwul geworden! 😉

Es stimmt mich sehr nachdenklich, wenn ich im Internet Texte finde wie folgt: „So wie man Pädophilie nicht mit Kinderliebe definieren kann, so hat auch Gerontophilie nichts mit Liebe zu tun. Gerontophilie steht am häufigsten mit Sadismus, Vergewaltigung und Nekrophilie in Verbindung. Sexuelle Erregung durch Geschlechtsverkehr mit einer älteren Frau oder einem älteren Mann ist lediglich ein liederlicher Wunsch nach Bestrafung, Rache und Anerkennung. Viele an Gerontophilie leidenden Menschen haben in ihrer Kindheit seitens strenger Eltern oder Grosseltern Gewalt erfahren müssen.“

Ich meine, wer so etwas schreibt, der hat nun wirklich nicht mehr alle Tassen im Schrank! Um das auf Homosexualität zu übertragen, würde das heissen: Es werden immer wieder Männer vergewaltigt, besonders auch im Krieg – und das nennt man dann Homosexualität. KeineR kommt auf die Idee, den Ort der meisten Gewalt, also das Ehebett oder eben die Ehe pauschal als Vergewaltigung zu bezeichnen. (Aber es ist bezeichnend, dass die gesellschaftspolitisch korrekte Sexualität von jeglicher Kritik ausgenommen wird.)

In der sogenannten Fachliteratur gibt es die Liebe zum Älteren gar nicht. Entweder hat man sie mit einer Ehefrau gehabt, oder ist ledig geblieben. Es ist aber bekannt, dass sich in Altersheimen auch ältere Pensionäre noch verlieben können. Doch sind auch ältere Schwule über 70 zu mir gekommen, die sich beklagten, dass sie sich von den „älteren Damen“ belästigt fühlen und ständig zum Kaffee eingeladen würden! 😉

Die genannte sexuelle Neigung ist Thema des Buches Pyromalion (2006) von Hugo Hammerfest, in dem ein 25-jähriger Mann nur Beziehungen mit weitaus älteren männlichen Partnern haben kann.

van Sant, Geron

Demnächst im Kino!

Einen einzigen fachwissenschaftlichen Artikel zum Thema habe ich bei Arnold Kutzinski 1879-1956) gefunden. „Über Gerontophilie“, (Mschr Psychiat Neurol 1930;74:86–94, S. Karger, Berlin) Doch der ist wenig hilfreich. Kutzinski hangelt sich neurotischen Befunden entlang. Aber Krankheiten fand man immer auch bei den Homosexuellen. Und die Fachärzte sahen immer nur die „kranken Homosexuellen“ in ihrer Sprechstunde!

(Otto)„Juliusburger spricht erst dann von Gerontophilie, wenn die Beziehungen zwischen Älteren und Jüngeren über das normale Mass der Achtung und Sympathie hinaus geht.“ (Kutzinski, S. 87)

Es gibt verschiedenste Kulturen, die die Achtung und den Respekt vor den Älteren/Ältesten kultivieren, so zB in Japan, Südamerika, Asien, Arabien und Afrika…

Das wird bekanntlich unter dem „Vaterkomplex“ diskutiert. Allerdings muss ich anmerken, dass Jungs und junge Männer dann eben KEINEN Komplex haben, wenn sie ungezwungen mit älteren Männern umgehen oder sogar Sex mit ihnen haben können. Ein Komplex besteht dann, wenn dies unmöglich ist, oder zu Konflikten führt.

Es gibt aber auch Kulturen, in welchen der Vater generell unbekannt oder unwichtig ist. Z.B. in Südchina. Die Familie definiert sich über die Mütter und Tanten. Zudem gibt es die „Alternativwahl der fehlenden Familienrollen“ ausserhalb. Ein Junge findet keinen Zugang zum leiblichen Vater, oder lehnt ihn ab. Also sucht er sich jemanden ausserhalb. Das kann die familiäre Struktur stören, finde ich aber legitim. Ein Junge konnte nicht mit dem Vater über seine Homosexualität reden – also bezeichnete er mich als „schwulen Vater“.

Ich erinnere an die Paten-Funktion innerhalb der Verwandtschaft. Bei den Griechen wurde ein einflussreicher Mann als Paten gewählt, damit er bei Verlust des Vaters für das Patenkind und die Familie sorgen konnte.

„So glaubt Steckel in einzelnen Fällen die Gerontophilie in einzelnen Fällen auf das Gefühl der Minderwertigkeit zurückführen zu müssen. Diese Individuen fühlen sich den Aufgaben der Liebe nicht gewachsen. Sie müssen unbedingt ein Gefühl der Überlegenheit haben, um sexuell empfinden zu können. Sowohl beim Kinde, als auch beim Greise sei es das Moment der Schwäche, welches in ihnen das Erhebende Bewusstsein der Überlegenheit ihrer Kraft hervorruft. (Kutzinski, S. 87)

Das kommt mir aber an anderer Stelle wieder bekannt vor. Männer sind Frauen auch überlegen und können sich in Schuldgefühlen gegenüber ihrer Mutter befinden. Der Vergleich mit dem Kinde hinkt, denn Frauen spielen in unserer Sexualkultur „das Kind“ und sie locken auch „das Kind im Manne“ hervor. Sonst könnte das Spiel mit der Heterosexualität gar nicht funktionieren. Als ich erstmals in hetero Chats eingetreten bin, hat mich das total verwirrt, wie kindisch und kindlich da miteinander umgegangen wurde: „Mausi, Schatzi, Süsser, etc.“

„Endlich gibt es Formen, in denen die Gerontophilie nur eine verkleidete Form der Homosexualität darstellt. So spricht Magnus Hirschfeld davon, dass homosexuellen Männern ältere Frauen häufig sehr sympathisch sind.“ (Kutzinski, S. 87)

Ich kann mir gut vorstellen, dass es ihnen dann wie den Mädchen und Frauen („fag hags“) ergeht, die sich unter Schwulen nicht ständig sexuellen Anforderungen ausgesetzt fühlen. 😉

Im Weiteren bietet Kutzinski in seinem Artikel einen Fall und dessen Darstellung, der überhaupt nicht als repräsentativ betrachtet werden kann. Er weist dann auf Freuds Vermutungen hin, dass sich „Invertierte“ mit der Mutter zu stark identifizieren können und dann einen Sexualpartner wählen, der ihr entsprechen könnte. Das ist die Theorie des Muttersöhnchens, das mit den möglichen Sexualpartnern der Mutter sexuell verkehrt, um SIE vor „diesen“ zu schützen! Eine typisch heterosexuelle Interpretation – aus dem traditionellen Ödipuskomplex! 😉

In den 30er Jahren spielten nicht nur pathologische Betrachtungen um sexuelle Abweichungen eine Rolle. Die sogenannten konstitutionsbiologischen Gesichtspunkte wurden stärker berücksichtigt, weil sie auch besser erkennbar waren. Letzter Vertreter dieser Theorie war Willhart S. Schlegel (1912-2001). Er versuchte, Homosexualität, oder „Weiblichkeit“ anhand des Beckendurchmessers „abzulesen“…

In der neueren Fachliteratur habe ich bei Peter Fiedler, 2004 (1) den Begriff „Gerontophilie“ nur in einer Aufstellung erwähnt (S. 47) gefunden, er schreibt aber nichts weiter dazu.

Brigitte Vetter schreibt noch 2007: „Tiefenpsychologisch kann die Ursache der Gerontophilie neben der allen Perversionen, gemeinsamen Angst vor der Frau und der erwachsenen Sexualität in einer Regression (Zurückfallen), bzw. in einem Festhalten an Triebwünschen der kindlichen Entwicklungsstufen gesehen werden.“ (2)

Die Tiefenspychologie wurde von C.G. Jung und Alfred Adler weiterentwickelt. Sie steht auf der heterosexuellen Dualität von Animus und Anima. Die Diplompsychologin und psychologische Psychotherapeutin ist langjährige Fachdozentin für Pflegeberufe. Vetter referiert zwar Homosexualität als „nicht behandlungsbedürftig“ (solange es wohl unter gleichaltrigen vorkommt), aber bei der Gerontophilie hat sie offenbar nur die Heterosexualität im Blick:

„ … dass der Sexualpartner entweder durch sein Alter wehrlos oder durch Behinderung, Schlaf oder Tod, bewegungs- und reaktionsunfähig ist. Vermutlich verbirgt sich hinter diesen Präferenzstörungen die Angst vor einer ebenbürtigen Sexualität mit aktiven Partnern.“ (3) S. 269.

Mit Verlaub, Frau Vetter, inwiefern ist denn die Heterosexualität in sich „ebenbürtig“? (4) Von der Kindersexualität, über die Jugendsexualität, bis in die hetero Familie hinein wird immer nur in hetero Kombinationen gedacht und diskutiert – und auch straf-gerichtet! Gleichgeschlechtliches Zusammensein wird nicht einmal „mitgedacht“ – es fällt unter den Tisch – die Partner sind aber auf gleicher Augenhöhe zueinander!

„… altersbedingte Merkmale wie Weisshaarigkeit, greisenhafte Magerkeit, Hirnleistungsschwäche, aber auch klimakteriumsbedingte Veränderungen (können) Auslöser für das sexuelle Verlangen“ (sein). (S. 270) ) – [Im Pschyrembel© Sexualität Verweis auf Fetischismus!]

Es ist klar, dass die Fachleute/frauen immer nur in ihrem Bereich etwas von sexuellen „Präferenzen“ mitbekommen, dann wenn sie sich als Störungen manifestieren! Aber es gibt auch „harmlose“ Gerontophile mitten unter uns.

Wir sollten in der Geschichte und in der Psychologie auch generell nicht immer nur von der neueren Kleinfamilie ausgehen, die sich durch die Industrialisierung herausgebildet hat. Und auch nicht nur von der Romeo/Julia/ -Julius Beziehung zu zweit…

„Die frühesten “Familien” waren keine “heterosexuellen” Kleinfamilien, wie wir sie kennen, sondern schlossen Mutter, Schwestern, Brüder, Tanten Onkel usw. in einer losen Gruppe zusammen. Es gab keinen “Vater”, und die Beziehungen zwischen Mutter und Kind waren keineswegs so elementar, wie wir heute annehmen; Tatsache ist, dass Kinder, Mütter und Schwestern oftmals nicht wussten, wem welches Kind gehörte… Das frühe Indogermanisch verfügte über kein Wort für “Vater” und Jahrhunderte lang war es nicht bekannt, dass Geschlechtsverkehr die Ursache für Schwangerschaft ist. Während dieser Jahrhunderte war die Grossfamilie eine überlebensfähige soziale Einrichtung…” (Shere Hite: Das sexuelle Erleben des Mannes [2], 1978/1991, S. 290)

In Zentralafrika gab es Jahrzehnte lang Minenarbeiter, die weit weg von ihren Angehörigen und ihren Ehepartnern und Familie lebten. In der Zeit der Abwesenheit bildeten sich unter den Männern neue Formen des Zusammenlebens am Arbeitsort. Meistens ergaben sich gleichgeschlechtliche eheähnliche Verhältnisse zwischen Älteren und Jüngeren, mit entsprechender Rollenteilung im Haushalt.

Ich habe aber auch schon von gleichgeschlechtlichen Verhältnissen unter Frauen in Afrika gelesen, bei denen die Eine die Männerrolle übernahm, die auch sozial wie bei einem richtigen Mann anerkannt wurde. **

Die Ethnologie könnte der Psychologie und Psychoanalyse Beispiele liefern, die deren Beschränktheit auf die Kleinfamilie aufbrechen und neue Zusammenhänge eröffnen würde.

Ich referiere nun aktuell einen 30jährigen, der im Internet aktiv nach älteren Männern sucht. Die meisten von ihnen kennen das Wort Gerontophilie gar nicht! 😉

„Mit 13 habe ich gemerkt, dass ich auf ältere Lehrer stehe. Das zog sich weiter bis jetzt. Bei mir fängt ein Mann erst an interessant zu werden ab 55-70. In diesem Alter waren auch all meine Partner, und ich genieße es … Da ich nur Sex mit Älteren habe, brauchte ich mich nie umzustellen. Ich bevorzuge eh die Zärtlichkeit und nicht das Rammeln. Mir geht’s ums Küssen, Kuscheln und auch etwas um Sex, aber nur so, dass es beiden Spass macht. Ich bin nie gross von diesem Alter weggekommen. Meine Vorliebe zu Männern hat sich über die Jahre nicht verändert.“

Ein 19jähriger verriet mir, dass er mit 18 zum erstenmal in eine Gaysauna gegangen sei und dort seine Anziehung zu älteren Männern erlebt habe: „ich lasse mich einfach gern unterwerfen… Es muss nur ein Mann sein.“ Auf meine Frage, wie er’s denn mit Frauen habe: „Ich find die zwar geil, aber überzeugt war ich selbst von keiner, die ich ficken konnte oder so…“

Ein weiterer: „Bin 19 Jahre jung und unerfahren! Suche Erfahrungen mit älteren Herren zwischen 50 und 80. Suche Lehrer! Möchte dein Schüler sein! Bin gehorsam und willig!“ ***

Mann kann auch bis in die Dreissiger und Vierziger Jahre auf noch ältere Männer stehen: „Am Anfang fand ich (14) es komisch, dass mich dieser „Daddy“ scharf macht. Danach, bzw. gleichzeitig fingen die Fantasien an. Hatte leider nie den Mut ihn anzusprechen… wäre zu gerne nochmals in dieser Situation… wüsste ich doch heute was zu tun ist. Naja, die Situation war für mich geil damals. ER würde sich strafbar gemacht haben, daher er auch nichts mit mir anfangen würde. Obwohl ich es mir damals gewünscht hätte.“ (29)

Das Motivationsspektrum ist also ein weites, genauso wie üblicherweise auch zwischen Mann und Frau, oder umgekehrt! In Wikipedia wird Magnus Hirschfeld erwähnt, der von einem Altersunterschied von mindestens 50 Jahren zwischen Beteiligten ausgegangen ist. Nun, damals wurden die Menschen selten so alt wie heute! 😉  Und da wir heute immer häufiger „hochbetagt“ werden, wird es die Gerontophilie auch öfter geben…

Hier könnten jetzt noch andere biografische Texte stehen. Ich würde sie gerne sammeln für einen Überblick. Es gibt nach meinen Recherchen zwei Hauptgruppen von Gerontophilen. Diejenigen, die sich mit Älteren identifizieren und deren Nähe suchen, sowie diejenigen, die nur „spielen“ wollen: Daddies, Masters, Lehrer-Schüler, etc.

Spielen können wir vieles, sogar Windelbaby. Aber diese sind hier nicht gesucht, weil es sich dann lediglich um eine Art Fetisch handelt. Beim Fetisch wird das Personale, die Person unwichtig.

Peter Thommen_63

Letzte Ergänzung am 26.4.13

thommen(at)arcados.ch

 

1) Peter Fiedler: Sexuelle Orientierung und sexuelle Abweichung, Beltz 2004 (bisher keine NA!

2) Zitat aus: Psychiatrie – ein systematisches Lehrbuch, Schattauer 2007, S. 147.

3) Brigitte Vetter: Pervers, oder? Sexualpräferenzstörungen. 100 Fragen…, Huber Bern, 2009

4) Das Wort ebenbürtig kommt aus der Zeit der unterschiedlichen sozialen „Stände“ vergangener Jahrhunderte. Es bezog sich auf die Geburt in einem bestimmten Stande, in welchem, oder nächst höherem dann auch geheiratet werden musste!

 

* Diejenige mit einer jüngeren/älteren Frau als Partnerin ist bei Heteros ein ziemlich beachtetes Thema. Die schwule/lesbische Kombination hingegen nicht.

** Die Amerikanerin Denise O. Brien von der Temple Universität fand bei mindestens 20 afrikanischen Bevölkerungen den höchst eigenartigen Brauch der Frauenehe. Dabei handelt es sich um eine sozial und wirtschaftlich begründete Einrichtung und nicht etwa um gleichgeschlechtliche Beziehungen. Vielmehr hat die Ehefrau das Recht oder sogar die Pflicht zur Wahl männlicher Partner, und als Vater der von ihr zur Welt gebrachten Kinder gilt – rechtlich wie sozial – ihr weiblicher „Ehemann“. …

O’Brien, Denise and Sharon W. Tiffany: Rethinking Women’s Role Perspectives from the Pacific, University of California Press 1984, 236 S.  (zvab.de)

*** (Gewisse Leute vermeiden das Wort „ich“ am Anfang eines Satzes! 😉

 

Die „queere Version“ von Harald and Maude!

Gerontophilie bei Wikipedia

GERONTOPHILIA, ein Projekt von Bruce La Bruce

Über Dreharbeiten in Kanada

Preview aus dem gedrehten Film

Bilder aus dem Film

Was denken alte Schwule und Lesben über gaysex?

Rechtliche Probleme bei körp. oder geistiger Behinderung (BRD)

Der homosexuelle Mann im Alter (Wilfran Nicols, Kreis 1/1958)

Schwule Männer im Alter, Fachkongress 2008

Eine Schwulensauna als Rückzugsbiotop für ältere Männer

Homo-Ehe, Liebes Geschichten…

Mittwoch, April 10th, 2013

Ich habe in den letzten Jahrzehnten den Eindruck gewonnen, gewisse Männer und Frauen wollten vor dem endgültigen Verschwinden der heterosexuellen Ehe auch noch etwas davon erhaschen. Anders kann ich mir den „unbedingten Wunsch nach Gleichstellung“ nicht erklären. Dabei hat die historische hetero Ehe soviel historischen Ballast im Rucksack wie die katholische Kirche Verbrechen in ihrer Geschichte.

Und wie immer spielen die Kinder dabei eine übersymbolisierte tragische Rolle! Sie waren schon immer die Leidtragenden in den „guten Ehen“ und werden erneut politisch instrumentalisiert für die „gute heterosexuelle Ehe“ und gegen gleichgeschlechtliche Paare. Kinder werden von Heterosexuellen für alles Mögliche vorgewiesen und gerechtfertigt, sie sollen jetzt wieder die (heterosexuelle) Welt (= das Abendland) vor dem Untergang wegen der Homo-Ehe retten. Und was besonders auffällt. Sie können das nur, schon damals und auch wieder heute, wenn sie in sexueller Unschuld/Unwissenheit gehalten werden.

Als ich kürzlich etwas über das biblische Kinderopfer von Isaak schrieb, recherchierte ich im Buch „Menschenopfer“, von Nigel Davies (1) und stiess dabei auf ungeahnte Opferungen von Kindern von vorgeschichtlicher Zeit bis in die nicht zu ferne Vergangenheit. Alles im Dienste des Erwachsenenwohls. Bei der Recherche nach Büchern mit schwulem Inhalt bin ich zufällig auf einen Band der „Mandingo Romane“ (2) gestossen, der in der Zeit der Sklaverei in den USA spielt und eine solche Episode enthält. Aber darin werden auch, unter anderen Gräueln, Arbeitssklaven mit schwarzen Mädchen gezüchtet! (3)

Ich will damit sagen, dass auch viel Schreckliches an dem schwarzen Frack und dem weissen Schleier von heterosexuellen Ehen hängt! Wollen wir uns mit all dem auch identifizieren? Ich sage nein! Aber trotzdem sollen auch Männer mit Männern und Frauen mit Frauen sich letztlich „verehelichen“ können, wenn sie das unbedingt wollen…

Kürzlich wurde übrigens in Kwazulu-Land eine Ehe zwischen zwei schwarzen Männern geschlossen, mit allem traditionellen Drum und Dran!

Hier zwei Männer in Papua-Neuguinea

Zurück – zur „eingetragenen Partnerschaft“. Diese, in der Schweiz institutionalisierte Form einer gleichgeschlechtlichen „Ehe“ droht bereits jetzt durch eine „Öffnung der Ehe“ für Schwule und Lesben überholt zu werden. Dabei wäre auch dieses Gesetz sicher bald korrektur- und überholungsbedürftig, wie das seit längerem schon dauernd mit dem Strafgesetzbuch und den Verjährungsfristen geschieht…

Liebesgeschichten von Homosexuellen haben sich bereits seit Jahren in Filmen niedergeschlagen. Auch die weitere Entwicklung wird filmisch gestaltet und überliefert werden. Nach Jahren der „coming out“ – Filme und Beziehungsdramen, bis zu „Cage aux Folles“, um ein Extrem zu nennen, kommen neue Regisseure mit neuen Geschichten und Inszenierungen. Das Interessante an der ganzen Entwicklung ist die Bemühung um „Gleichheit“ – mit dem Bestreben, eine ersehnte Gleichwertigkeit zu erreichen. Doch schon bei der „Gleichstellung“ von Frauen mit Männern herrscht und frauscht das bürgerliche Missveständnis der Gleichmacherei. Um gleichwertig zu sein, müssen nicht beide Hosen tragen, oder eine Burka, oder sich Bärte wachsen lassen…

Das Geheimnis der Natur, der Religiosität und der Philosophie liegt darin, dass VERSCHIEDENES gleichwertig sei! Neger malen sich deswegen ja auch nicht weiss an, ja nicht mal wie ein Zebra!

David Lambert bringt nun eine neue Film-Version mann-männlicher Liebe. Die Geschichte, die  Jenseits der Mauern  erzählt, ist eine Liebesgeschichte zwischen zwei Männern, „die zwar – wie jede Liebesgeschichte – ihre Eigenheiten hat, einen eigenen Ton, eine eigene Art der Kommunikation etc., und die sicher auch deswegen eigen ist, weil sie sich zwischen zwei Männern ereignet, die sich jedoch so ähnlich genauso gut zwischen zwei Frauen oder zwischen einer Frau und einem Mann abspielen könnte“. (Christoph Meyring zitiert David Lambert, den Regisseur dieses neuen Films, in Sissy 17/2013, S. 6)

Ich fürchte bis zur Gewissheit, dass Lambert hier Birnen mit Äpfeln und Zitronen mit Orangen vergleicht! Vielleicht lässt sich eine Liebesgeschichte wirklich in den obigen Kombinationen „ab-spielen“. Dann ist sie aber nur gespielt. Ohne Sicht auf Inneres, oder auf Identitäten. Und ich fürchte, die ZuschauerInnen glauben das auch alles!

Niemals kann sich etwas erotisch-sexuelles „gleich“ in Männern und in Frauen abspielen und schon gar nicht in Männer- oder Frauenpaaren. Homosexualität kann nicht einfach nur die homo Version der Heterosexualität von hinten sein! Ich weiss, Vielen erscheint das so. Und viele Männer und Frauen haben das auch lebenslänglich so gespielt. Und viele Frauen spielen „Lesben“, um Männern zu gefallen. Aber wenn Männer „auf den Hund“ kommen und unterwürfig „Doggie“ spielen, wollen sie noch lange nicht einen realen Hund heiraten!

Heteras können nicht glauben, dass es psychische und kulturelle Absichten und Erlebnisqualitäten zwischen Männern geben kann, bei denen sie aus-serhalb bleiben müssen. Die Frauenbewegung hat zwar zu zeigen versucht, dass sie „es“ auch ohne Männer kann. Das gleiche aber mutet sie Männern nicht zu. Und es gibt ja auch keine ernsthafte Männerbewegung oder so was…

Ich kann nur aus der Sicht eines Mannes beschreiben, was mich mit anderen Männern verbindet – nicht nur mit Schwulen oder Bisexuellen. Das geht über das gegenseitige Verständnis und Wissen um Körper und Sexualität hinaus. Ich denke da gar nicht an geheime Sachen. Es gibt keine Geheimnisse mehr um die Sexualität! Jedenfalls ficken wir niemals ausserhalb der Gesellschaft, sondern mitten unter den Hetero/as. Es wirkt auf mich zurück, wenn ich der sexuell motivierten Gewalt gegen „Weiblichkeit“ ausgesetzt bin. Aber auch, wenn ich dem sexuell motivierten Terror zum Sex mit dem anderen Geschlecht ausgesetzt bin. Und das kann von beiden Geschlechtern/Eltern ausgehen, von Kindheit an.

Es nützt also nichts, wenn sexuelle Praktiken verglichen werden. Eine Frau anal penetrieren hat nicht die gleiche Bedeutung, wie einen Mann. Auch kann ein Männerpenis in einem Männeranus nicht verglichen werden mit einem Strap-on (Umschnalldildo und einer Frau daran) am selben Ort. Mich erstaunt schon, wie schnell gewisse Frauen das gleichsetzen können. Auch die anale Penetration einer Frau durch einen Strap-on ist nicht das gleiche. Und wenn Männer Frauen anal penetrieren, dann praktizieren sie zwar Homosexualität, aber allein schon den Gedanken daran, weisen sie weit von sich. Wie kann Frau also ihre Passivität mit derjenigen eines Mannes vergleichen?

So einfach also entwickelt sich die Psyche von Männern und Frauen nicht in die gleiche Erlebnisqualität, so dass sich alles „ebenso gut zwischen allen abspielen“ könnte, wie oben behauptet. Und Kinder spielen da auch noch eine differenziertere Rolle dabei!

Peter Thommen_63, Schwulenaktivist, Basel

Homo-Ehe privat um 1970, Magazin JASMIN 81970-73)

Sybille Berg und die Homo-Ehe

Papst Johannes Paul II. 1979 über Ehe und Homosexualiät

(1) Nigel Davies: Opfertod und Menschenopfer, Ullstein 1981/83, 390 S.

(2) Lance Horner, Kyle Onstott (hier konkret): Der Mandingo von Falconhurst, Heyne, 1966/1977, 390 S.

(3) Bereits bekannt waren mir die „Schwarze Pädagogik“ von Katharina Rutschky, sowie „Hört ihr die Kinder weinen (Lloyd deMause, (Hg.).

Katharina Rutschky: Schwarze Pädagogik. Quellen zur Naturgeschichte bür-gerlicher     Erziehung, Ullstein 1977, 600 S.

Lloyd deMause (Hg.): Hört ihr die Kinder weinen. Eine psychogenetische Geschichte der Kindheit. Suhrkamp 1974/78, 600 S.

China: Geld macht Ehe (DLF)

Homosexuelle als Sündenböcke in der Homo-Ehe-Diskussion, von David Signer, NZZ

Bettina Weber im TA: Die Ehe ist gar nicht mehr so attraktiv, wie ihre Verteidiger tun!

Hannes Stein: über die Ehe gestern und heute, NZZ 26-9-13

P.S. Eine Mutter, die in Frankreich ihren dreijährigen Sohn mit einem T-Shirt mit der Aufschrift „Ich bin eine Bombe“ und „Jihad, geboren am 11. September“ in den Kindergarten schickte, ist einer Strafe entgangen – dank dem Gericht in Avignon.  Das Gericht sprach die 35-Jährige frei vom Vorwurf der „Verherrlichung von Verbrechen“, da keine unmissverständ-lichen Hinweise dafür vorgelegen hätten. Der Junge sei am 11. September 2011 zur Welt gekommen und Jihad getauft worden. (SDA, BaZ 11.4.2013, S. 14)

P.S. Eine 41-jährige Mutter (im katholischen Polen, PT) hat drei ihrer neugeborenen Babies getötet und zu Hause in einer Tiefkühltruhe aufbewahrt. Die Frau, die noch vier weitere Kinder im Alter von 6 bis 22 Jahren hat, wurde verhaftet und hat gestanden.  (AP, NZZ 11.4.2013, S. 24)

Diese Meldungen sind fast immer unter „in Kürze“ oder „Diverses“ – in kleinen Ecken – zu finden. Obwohl ich Zeitungen unregelmässig lese, stosse ich immer wieder darauf.

Politisch gesetztes Recht juristisch nach-relativiert…

Samstag, März 2nd, 2013

Geschichtliches aus den 50er Jahren

Zufällig – beim suchen im Blatt der „Homo-Eroten“, dem Kreis-Jahrgang von 1953, stiess ich auf einen Artikel, der mich an die heute aktuellen Bestrebungen zur Nach-Revision des 1992 „revidierten“ Strafgesetzbuches erinnerte (DarstellerInnen in Pornos sollen erst ab 18, statt 16 und Prostitution erst ab 18 erlaubt werden – siehe hier im Blog unter den Links „Jugend-prostitution!“). Als „Kinderporno“ soll neu gelten, wenn 16jährige schon dabei mitmachen.  Dazu interessant ist die ehemalige Botschaft des Bundesrates über die Änderung des unten diskutierten Art. 194, vom 26. Juni 1985! *

Ähnliches hatten wir doch schon in den 60ern…

Schauen wir also zurück in die 50er Jahre des letzten Jahrhunderts und in das damalige Strafgesetzbuch mit dem Art. 194, der generell homosexuelle Kontakte erst ab 20 Jahren erlaubte und die homosexuelle Prostitution auch über 20 Jahre hinaus verbot! Dieses Strafrecht, das 1942 in Kraft getreten ist, löste die kantonalen Strafgesetze mit zum Teil milderen Strafen definitiv ab.

Nachtrag: Die Plattform Romeo beklagt sich heute darüber, dass ihnen von Apple verboten wird, Männer mit „zuviel“ Haut auf dem App anzuzeigen. Ich könnte das bei Frauen verstehen. Aber wahrscheinlich haben die Amis vergessen, dass es mal Handwerker auf offener Strasse gegeben hat, die auch nur in der Körpermitte was an hatten und oben nackt gearbeitet haben. ..   Peter Thommen_63

 

Aus dem „Kreis“ 21. Jg. Nr. 5, Mai 1953  „In der neuesten Nummer der Schweizerischen Juristen-Zeitung, Jg. 1953 ist auf Seite 112 folgender Entscheid des Obergerichtes des Kantons Zürich vom 3. Oktober 1952 publiziert worden:

„Art. 194 Strafgesetzbuch. Freizusprechen ist der Angeklagte, der mit einem unmündigen (= damals unter 20 J.) Knaben von mehr als 16 Jahren beischlafähnliche Handlungen begeht, sofern der Geschädigte früher schon mit andern Männern gegenseitige Onanie betrieben hatte.“ (1)

Der schweizerische Rechtsanwalt, der uns auf das sehr wichtige Urteil aufmerksam macht, führt dazu aus: Dieser Entscheid geht noch weiter als der vor einiger Zeit durch Herrn Dr. Krafft, Zürich, mitgeteilte, da es sich dort um einen jugendlichen Prostituierten handelte, während hier zum Freispruch schon die Tatsache genügte, dass der Junge sich vorher einmal mit Männern eingelassen hatte. Nur diese Auslegung wird ja auch in dem Sinne des Art. 194 gerecht, wonach nur die Verführung strafbar ist. Wer schon verführt wurde, kann es nicht noch einmal werden. Das Bundesgericht hat mit seiner bisherigen Interpretation eigentlich das Gesetz verletzt.

Wenn wir hier im „Kreis“ dem noch nicht Volljährigen keinen Zutritt gestatten, selbst wenn er eindeutig gleichgeschlechtlich empfindet – (aus Gründen, die wir schon oft auseinandergesetzt haben) – so freuen wir uns doch über eine Rechtssprechung, die dem neuen Gesetz durchaus gerecht wird. Umso bestürzter lesen wir eine Zeitungsnotiz, die uns ein Berner Kamerad zustellt:

„Endlich wagt es einer!“ Nationalrat Dr. Emil Bösch (SG, FDP-LdU*), hat in der Frühjahrssession der eidgenössischen Räte folgende Motion eingereicht: Die seit der Einführung des Schweizerischen Strafgesetzbuches bestehende Straflosigkeit der zwischen mündigen Personen männlichen Geschlechts begangenen widernatürlichen Unzucht hat auf den Gebieten des Jugendschutzes und der Verbrechensbekämpfung schwerste Nachteile nach sich gezogen. In diesem Zusammenhang mahnen in einigen Kantonen auch gewisse Erscheinungen des gesellschaftlichen Lebens nachgerade zum Aufsehen. Der Bundesrat wird daher eingeladen, der Bundesversammlung über eine Revision von Art. 194 StGB Bericht und Antrag zu stellen.

Hier handelt es sich um den Versuch, einen rechtsgültigen Gesetzesparagraphen, der seit zehn Jahren in Kraft ist und, wie wir schon verschiedentlich von massgebenden Stellen gehört haben, dem Erpressertum den Boden entzogen hat, ins Wanken zu bringen, zu verschärfen und damit wieder ähnliche Zustände zu schaffen, wie sie in den Ländern um uns fast jede Woche zur Genüge bekannt werden. Die Motion richtet sich zwar nicht gegen unsere Zeitschrift und die damit verbundene Abonnentenvereinigung, aber sie greift die Grundlage an, auf der Beides überhaupt erst möglich ist.

Wir haben in unserer Zeitschrift und an unseren Klubabenden schon zur Genüge betont, dass wir geschlechtliche Beziehungen zu Kindern verurteilen, mögen sie nun Knaben oder Mädchen betreffen, wobei noch zu sagen wäre, dass bei einem Mädchen weit mehr zerstört wird als bei einem Knaben je möglich ist (er meint wohl nicht die lesbische, sondern die hetero Kombination? Th.), sofern eine Handlung nicht gerade zu körperlichen Verletzungen führt. Unlösbar mit unserem Geschlechtlichen ist und bleibt aber unsere Seele verhaftet und wenn das Geschlechtliche mit dem noch Jugendlichen in einer schmutzigen und seelenlosen Art begegnet, so bleibt es verwerflich, ob es vom Gesetz je erfasst wird oder nicht. Hier ist von Jahrtausenden her die persönliche Verantwortung das einzige Richtmass. Es gibt siebzehn- oder achtzehnjährige Mütter, die später prächtige Frauen geworden sind und es gibt Mädchen dieses Alters, die durch einen gewissenlosen Freund zu Dirnen herabsanken. Es gibt Jünglinge, die vor ihrer Volljährigkeit einen Freund fanden, der Vaterstelle an ihm vertrat, ihn ausbilden liess und zu einem vortrefflichen Manne machte – und es gibt junge Kerle, die durch frühzeitige Erlebnisse in der Strafanstalt endeten. Es lässt sich nie, in diesen entscheidenden Jahren ein für alle gültiges Gesetz schaffen; in der Wirklichkeit wird immer wieder Höhe und Abgrund nebeneinander stehen und es ist in den Willen jedes Einzelnen gelegt, was er daraus macht. Dass der Jugendliche geschützt werden muss, der sich verletzt fühlt, dessen persönliches Recht angetastet wurde, ist wohl allen klar. Was soll aber eine Motion, die so formuliert: „Die … Straflosigkeit zwischen mündigen Personen männlichen Geschlechts begangenen widernatürlichen Unzucht hat auf den Gebieten des Jugendschutzes … schwerste Nachteile nach sich gezogen…“ !?!  (2)

Seit wann muss der selbstverantwortliche junge Mann von Gesetzes wegen – („zwischen erwachsenen Männern“) in seiner Geschlechtlichkeit geschützt werden? Kann er das nicht mit einer kräftigen Ohrfeige selbst besorgen, wenn in seiner Wesensart nichts zum mannmännlichen Eros neigt? Wieso soll hier der neue Paragraph des StGB schädigend gewirkt, das jugendliche Verbrechertum begünstigt haben? Der Minderjährige, der die gleichgeschlechtliche Betätigung nicht will, ist ja geschützt, weit mehr als das Mädchen. Ist es nicht ein offenes Geheimnis, dass die Schwangerschaftsunterbrechungen bei minderjährigen Mädchen in erschreckendem Masse zugenommen haben? (Also schon damals! Th.) Wird hier nicht unendlich mehr zerstört als bei einem Achtzehnjährigen, der mit einem wirklichen Freund in gegenseitiger Zuneigung sich geschlechtlich entspannt? Ist es nicht heute so, dass die Welt trotz zwei furchtbaren Kriegen schon wieder übervölkert ist und die Lenker der Staaten, auch unseres Landes, eigentlich froh sein müssten, wenn Kinder nur von verantwortungsvollen Personen gezeugt und geboren werden? Wann endlich wird man die Dinge so zu sehen wagen, wie sie wirklich sind? Könnte sich nicht doch langsam die Anschauung Bahn brechen, dass auch das Homoerotische in der Welt nicht sinnlos ist, wie einige Hochgelehrte behaupten, sondern gerade diese nicht zeugende Geschlechtlichkeit ihren Sinn haben kann im grossen Plan der Natur, vielleicht sogar eines Gottes? Wir jedenfalls wagen diese Frage zu stellen.

Die uns unverständliche Motion ist eingereicht; ob sie durch Straffälle, die auch wir verurteilen müssen, diktiert worden ist, entzieht sich unserer Kenntnis. Wir können nur der Hoffnung Ausdruck geben, dass sie von Männern in Erwägung gezogen wird, die sich der Verantwortung einem vorurteilslosen Leben gegenüber bewusst sind. Wir können aber auch zum sondusovielten Male immer wieder nur erneut die Mahnung aussprechen, alles zu unterlassen, was dieser Motion auch nur die leiseste Begründung zur Änderung des Gesetzes geben könnte. Wir müssen uns tausendmal mehr bewähren vor den Augen der Öffentlichkeit als die Glücklicheren, deren Eros nicht fragwürdig erscheint durch immer wieder neue Entstellungen in eigenen und fremden Reihen. Bleiben wir uns immer bewusst, dass auch die grösste Freiheit, die jemals erreicht würde, nie das eine ausschliesst, das den Menschen erst zu einem sittlichen Wesen macht. Die Verantwortung dem Du gegenüber, die immer wieder in der christlichen Forderung mündet, dem Bruder auf dem Weg des Lebens nichts Böses zu tun, sondern ihn einzuschliessen in die Liebe, die grösser ist als wir selbst. Rolf.

Anmerkungen

*) „Auf den Verführungstatbestand von Absatz 1 im Artikel 194 StGB ver-zichten wir. Nach der neueren Forschung, auf die sich die Expertenkommission stützte, darf angenommen werden, dass für über 16jährige Jugendliche (für jüngere Kinder greift Art 187) des Entwurfs ein) keine Gefahr mehr besteht, durch homosexuelle Kontakte in ihrem Sexualverhalten beeinflusst zu werden. Die sexuelle Entwicklung junger Menschen scheint jedenfalls in diesem Alter hinsichtlich hetero-, homo- oder bisexueller Richtung festgelegt zu sein. Homo-sexuelles Verhalten unter nahezu gleichaltrigen Jugendlichen kann überdies eine pubertäts- oder entwicklungsbedingte Erscheinung sein, die keine nachhaltigen Folgen zeitigt; in solchen Fällen sollten daher auch jugendstrafrechtliche Mass-nahmen ausser Betracht bleiben.“  (Botschaft des BR vom 26. Juni 1985, S. 79)

1)  als PDF

2) Wir befinden uns hier in der Zeit der „gefallenen Mädchen“ und der „ledigen Mütter“ – des kein-Sex-vor-der-Ehe und lange vor der Pille! Zudem hat Rolf richtig bemerkt, dass es einerseits nur um Erwachsene unter sich geht, es nichts mehr mit dem Jugendschutz zu tun hat! Hier entblösst sich die gesellschaftliche Moral in einer verbrämten politischen Aktion! Th.)