Mit ‘Ehrlichkeit’ getaggte Artikel

“Spermiquien”

Sonntag, 01. Dezember 2013

Oder wie der Heterror das Denken von Schwulen und Homosexuellen beeinflussen kann. Heute ist wieder Welt-AIDS-Tag und die Aidshilfekampagne läuft wie immer: „ … zum zweiten behandelt diese Kampagne, die einen unvergleichlichen Erfolg aufweist, das Problem des Safer Sex und nicht die schwule Revolution.“ (Ruthmann, 1998)

Reliquien, das lernte ich kürzlich auf Deutschlandradio, sind ,verehrbare’ materielle Gegenstände, die den Gläubigen in einen meta-Zustand versetzen können. Entweder als einzelnes Glied in einer Kette von Traditionen, oder dann als greifbares metaphysisches Erlebnis, an dem teilzunehmen der Glaube oder die Pflicht besteht…

Die Hetero-Ehe partiziert insofern vom Spermiqium, als der Glaube an das genetisch „richtige“ Kind sie ideologisch überhaupt sinnvoll macht! Egal, dass Abraham seiner Sarah nicht fruchtbar beiwohnen konnte, weil sie im Schosse „trocken“ geblieben ist. Also durfte ihre Magd den Urvater in ihrerseits empfangen und ihm den ersten Sohn „schenken“. Dabei muss man/frau verstehen, dass die Magd der Ehefrau sozusagen als vollwertige Stellvertretung in Sexualangelegenheiten der Familie galt. Insofern verstehe ich weder die katholische Kirche, noch die CVP-Initiative, die heute „Familie“ auf „Mann und Ehefrau“ beschränken will. Der Ismael gilt übrigens als Stammvater der Araber…

Die jüngste zu verehrende Reliquie ist übrigens ein Tropfen Blut von Johannes Paul II. Der soll vom Privatsekretär des verstorbenen Papstes auf das Bistum Köln übergekommen sein. Er kann keine Verwandtschaft zum zukünftigen Heiligen gewähren, aber immerhin eine Verehrung für den Verstorbenen. Wie es ja auch in der Eucharistie und im Abendmahl zum Ausdruck kommt. Wir werden Teil eines mystischen Leibes, indem wir entweder das verwandelte Blut, oder einen Schluck Wein oder Traubensaft als Symbol trinken.

Soweit also Hetero-Tradition und Hetero-Ideologie. Zusammengefasst im Ausdruck „Heterror“, den K.E. Erstmals 1990 verwendet hat.

Ich kenne Sperma und seine Bedeutung für den Männersex auch aus eigener Erfahrung! Die ersten Male, bei denen ich im Twen-Alter das Unaussprechliche hinunterschlucken sollte, hätte ich mich fast übergeben. Dann war ich einige Zeit süchtig und lernte die verschiedenen Geschmäcker, wie süsslich, bitter und andere Varianten kennen. Es gibt Leute, die können bis heute nicht darauf verzichten…

Es stellt sich nun die geistreiche Frage: „Wie kann einer auf das Schlucken fremden Spermas verzichten?“

Dazu müssen wir uns an das homosexuelle coming out erinnern, das oftmals sehr mühsam, verklemmt und langwierig gewesen ist. Ebenso orientieren sich Männer, die mit Männern Sex haben (also egal wie sie längerfristig orientiert sind!) am virilen und potenten Mann, von dem sich damit etwas einzuverleiben gilt. Und nun könnt Ihr Euch selber vorstellen, was das in Bezug auf Sperma alles bedeutet!

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich mit zunehmendem Bewusstsein und vermehrter Reflexionsmöglichkeit in der Schwulenbewegung, auf das Unaussprechliche nach und nach verzichten konnte. Meine Identität hängt nicht am Sperma, nicht an einer Frau und beides kann auch meine Persönlichkeit grundsätzlich nicht verändern. (Hier ist Gelegenheit, auf ein wichtiges Buch zu diesem Thema hinzuweisen: Phil Langer: Beschädigte Identität)

Aidshilfekampagnen richten sich seit einiger Zeit strategisch und informativ auf die Heteronormativität. Nach dem coming out-Management haben sie sich nun an ein „Risikomanagement“ herangewagt, welches versucht, die Abwehrreflexe von Betroffenen elastisch aufzufangen und den Leuten zu suggerieren, sie könnten tatsächlich „managen“, also Situationen einschätzen, Chancen ausrechnen, etc. Dazu kommt ein starker Druck zum Test. Denn je früher ein Test nach der Infektion gemacht wird, desto aussichtsreicher das Leben mit HIV-AIDS und den immer „besser werdenden“ Medikamenten. „Management“ setzt keine klaren Grenzen und bleibt offen „für alle Betroffenen“.

Die zweite geistreiche Frage: „Wieso müssen Männer sich ohne Kondom anal penetrieren?“

Da schauen wir doch erstmal bei den Heteros!

Wenn der Sex sinnlich ist, ist das was frau ohne Kondom spürt viel intensiver und befriedigender… Aber nur mit dem festen Partner, wenn man genug Vertrauen hat, dass er/sie ausshalb der Beziehung auch nur geschützt verkehrt.“ (weibl, 22, bi)

Kondome beengen mich schon am Schwanz. Daher habe ich gar kein Gefühl von Freiheit damit.“ (männl. 23, bi)

Nach einem gemeinsamen Test ist es ohne Kondome viel geiler und im gegenseitigen Vertrauen das höchste der Gefühle“. (männl. 24, bi)

Also ich steh nicht drauf und werde das wahrscheinlich nie. Ich bin jetzt in einer längeren festen Beziehung und da benutze ich keine.“ (männl. 23, bi)

Die Zitate sind aktuell von 2013, nicht repräsentativ, aber dafür beispielhaft! Die höchsten Gefühle werden also nicht in der Beziehung an sich, sondern im Sex in der Beziehung erlebt. Und dieser Sex sollte möglichst „grenzenlos“ sein – auch zu zweit. Es ist also der Glaube an das alte Versprechen unserer Vorfahren, dass Sex erst in der Ehe erlaubt sei und dann das Paradies sein würde…

Während Heterosexuelle sich nur indirekt über eine Frau (die sie natürlich ficken) eine „Fassaden-Identität“ konstruieren, zeigen die soziologischen Informationen und Umfragedaten, dass diese Fassade zunehmend verwittert und zerfällt. Hohe Scheidungsraten und Enttäuschungen über das erlebte „sexuelle Paradies“ – auch nicht mit Beate-Uhse-Hilfsmitteln – ändern offensichtlich nicht die Tradition und Ideologie des Heterrors. Das traditionelle Homosexualitätsverbot ist vor allem – und war schon immer – für „Heteros“ gedacht und funktionalisiert worden – mit dieser indirekten Identität – schon in der Bibel.

Wen wundert es, dass sich auch Schwule, Homosexuelle und andere Männer unter sich, an diesen Hetero-Normen orientieren? Ich darf nochmals auf Phil Langer und seine Untersuchung hinweisen, die über die entsprechenden Beschädigungen in der Männerpsyche berichtet. Und von den verschiedensten legalen und illegalen Drogen will ich hier gar nicht referieren. Aber die Aidshilfen sollten eigentlich zur Kenntnis nehmen, dass unter solchen Bedingungen ein „Risikomanagement“ sehr schwer oder gar nicht zu „managen“ ist. Aber vielleicht ist ihnen das auch gar nicht so wichtig.

Junge Homos erleben sich vor allem unter dem Familiendruck und anschliessend auf den Parties und im Internet unter dem Konkurrenzdruck, als „männerliebend“. Ein geschützter sozial-familiärer Freiraum ist nicht mehr in Sicht. Es kann unter diesen Bedingungen keine „schwul-normale“ Identität heranwachsen, aber meistens eben nur eine Art „Heteroabklatsch“. Aber die Homo-Ehe, das risikovolle Vertrauen und die Monogamie, die nur wenige „Mönche in ihrem Glauben“ erleben dürfen, schaffen die Verhältnisse, die dann auch heterosexuelle Probleme ergeben…

Es kann auch keine Solidarität als Gruppe mehr entstehen, die eine kollektiv „abgesicherte“ Identität herauszubilden erlaubt. Jeder ist für sich selbst verantwortlich? Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied – und was dergleichen ideologischer Sprüche mehr sind.

Die Identität klebt am Glauben – an Treue, Monogamie und den supergeilen Sex, der dann nur noch mittels Drogen gesteigert werden kann. Da gab es noch Beziehungen? Die spielen doch nur als äussere Form eine Rolle. Die richtige Form verspricht die richtige Geilheit.

Ich bin jetzt über 10 Jahre im Internet und in schwulen Portalen unterwegs. Also in der parallelen Welt von Junghomos, Bisexuellen und Althomos, sowie Altbisexuellen. Da findet man die Geilheiten und Fetische, die wichtiger als alles andere sind.

2013 heisst es zum Weltaidstag: „Eine Schweiz ohne AIDS“. Auch so ein Glaubenssatz. JedeR weiss, dass das unmöglich ist – besonder mit dem bekannten „Risikomanagement“. Aber das Unmögliche war schon immer religiös inspiriert und auf die Glaubensebene geschoben. Jedenfalls wollte ich mit diesem Essay darauf hinweisen, was alles vorgegeben wird und was tot geschwiegen wird.

Denn – wie Sirko Salka in seinem neuen Buch im Untertitel schreibt: „Wieso schwules Leben harte Arbeit ist.“ Sicher nicht stundenlanges Ficken ohne Kondom – um den Mann zu spüren. Oder weil er dann schmerzt, oder gar reissen könnte…

Der Kondom sollte dagegen eine Reliquie sein, die nicht den Glauben an die Spermiquie befördert, sondern das Gehirn rein wäscht vom Heterror. Aber wie oben schon angeführt: Aidshilfen kümmern sich um – äh neustens – das Risikomanagement und eben NICHT um die schwule Revoluton. Amen.

Peter Thommen_63, Schwulenaktivist, Basel

P.S. Wer sich jetzt über meine ideologische Auseinandersetzung mit der “Aidsprävention” ärgert und gar schon an “die Tablette statt das Kondom” glaubt (!), der vergisst, dass es noch andere sexuell übertragbare Krankheiten gibt und neue geben wird!

 

Ich erinnere an Siegfried Rudolf Dunde (1953-1993) und an zwei seiner Bücher:

Vater im Himmel – seine Söhne auf Erden. Männer und Religion, roromann 8203, 1986 (als Hg.)

Wenn ich nicht lieben darf, dürfen’s andere auch nicht. Vom Umgang der Männer mit sich und anderen, roromann 8227, 1987 (als Hg.)

Zudem werden Männer nur dann frei sein, mit ihrem Körper, ihrer Lust, ihrer Begeisterung über andere spielerisch und lebendig umzugehen, wenn sie die Fülle von Liebes- und Begehrensmöglichkeiten sehen und sich über diese Fülle freuen. Vielleicht müssen sie dann anderen nicht mehr die Liebe vermiesen oder untersagen, wenn sie ihnen selber (noch) zugänglich ist…“ (S. 10)

Ihm verdanke ich erste Einsichten über die Verhältnisse, unter denen Schwule nicht normal werden können.

Heterosexualität – der reine Sexismus!

Dienstag, 29. Oktober 2013

Aus langer Tradition gibt/gab es immer 95 % Heterosexuelle und „vielleicht höchstens“ 3-5 % Homosexuelle – beiderlei Geschlechts. Und obwohl Kinsey schon nach dem 2. Weltkrieg sehr viel mehr homosexuelle Aktivitäten abfragen konnte, wir das bis heute als unveränderbar aufrecht erhalten. Doch  Kinsey fragte nicht nach der Orientierung, sondern nach den Aktivitäten. Dabei ist er auf einen „sehr hohen“ Anteil gekommen, sodass viele Heteros meinten, dieser Kinsey müsse doch selber schwul sein – derweil sie unbekümmert „Lesbenpornos“ als zusätzliches Vergnügen konsumierten…

Seit über vierzig Jahren hat sich eine Homosexuellenbewegung (beiderlei Geschlechter) etabliert, die sich organisiert und rechtlich abgesichert hat. Dabei sind die „Schwulen“ immer mehr zur Minderheit geworden. Aber was sind „Schwule“ eigentlich? Keiner weiss das mehr so recht! Die Gruppen und Vereine sind zunehmend ein Teil des Mainstreams und des Warenmarktes geworden, der Ferienindustrie und der Immobilien…

Doch neben den selbständigen Formationen der Lesben haben sich in den letzten zwanzig Jahren neue Gruppen und Grüppchen gebildet, die von der „reinen Heterosexualität“ quasi „abgefallen“ sind. Und bemerkenswerterweise hat die Heterosexualität davon bis heute keine Notiz genommen! Wozu auch? Sie steht ja da mit felsenfesten 95 %!

Unter der „Verwaltung“ der Homosexuellenbewegungen und der Schwulen, die ja meistens sich selber finanzieren und ohne grosse staatliche Unterstützung auskommen müssen, obwohl sie ja eigentlich „leibliche Kinder“ der Heterosexuellen sind, hat sich nun ein interessanter „Abfall“ der Heterosexualität angesammelt. (Für die politische Korrektheit: Abfall kommt von abgefallen!)

Das sind nun also – neben den Schwulen und Lesben – noch die Bisexuellen, die Trans*was-auch-immer, Intersexuelle (und Hermaphroditen), des weiteren die Queers* , die Questionning (1) und die Asexuellen. Und ganz aktuell nun auch noch die Pansexuellen (2), wie ich mir habe erklären lassen. Somit sieht die „Familie des Abfalls“ – in Abkürzungen – zur Zeit wie folgt aus: LGBTIQQAP.

Das erinnert mich an die berühmte Formel des „Schwulen-Gens“ XQ28 oder so ähnlich! Nun sind wir also von einer ursprünglichen „Krankheit“ bei einer immer länger gewordenen „Formel“ gelandet. So etwas habe ich mir aber nie unter „Schwulenemanzipation“ vorgestellt. Auch nicht die Schwulen-Ehe. Und ich denke ganz politisch unkorrekt, dass ich als Schwuler mit allen anderen eigentlich nichts am Hut habe. Und was die Bisexuellen (was immer das auch für sie selber bedeutet) betrifft, so ist wohl der kleinste gemeinsame Nenner die Sexualität miteinander. Damit hat sich’s aber schon.Wir Schwulen hätten da also von denen noch sehr viel zugut – denn wir sind AUCH für sie auf die Strasse gegangen!

Peter Thommen_63, Schwulenaktivist, Basel

 

1) Das sind diejenigen, die selbst nicht wissen, wohin sie gehören!

2) Dass mit dem neuen P nicht die Pädophilen oder gar Pädosexuellen gemeint sein können, habe ich sofort begriffen. Aber wenn man das Wort Pan*… betrachtet, dann könnte man auch diese da drin noch mitnehmen! :P

P.S. Die Gerontophilen werden natürlich vergessen, denn das ist dann – politisch korrekt – „Vergewaltigung von alten Senioren“ oder so…

Es gibt auch sexuelle Menschenrechte (DGSS)

Das Osterei als schwules Symbol

Donnerstag, 28. März 2013

gewidmet René Reinhard, 18.11.1939 – 5.4.2013 *

Während die Heteros seit über zweitausend Jahren von der Fruchtbarkeit schwafeln und die Hühner und Gockel für unfähig betrachten, ihre eigenen Produkte zu verteilen, haben sie auch noch den „sexbesessenen“ Hasen für diese Aufgabe erwählt.

Doch so fruchtbar ist die ganze Angelegenheit gar nicht! Denn Ostereier sind ja „unbefruchtet“, sonst sind sie nicht essbar! Und für Leute, denen die bemalten Eier schon lange auf den Sack gehen, ein Färbetipp: Eier mit Bindfaden umwickeln oder darunter noch Blätter und Gräser beigeben, oder alte abfärbende Krawattenstücke – und diese in einem Sud von Kaffee oder Zwiebelschalen (drum wickeln) kochen.

Aber ich sehe schon, dass Einige sich jetzt den Vogel machen! (lol) Was haben Ostereier mit Schwulen zu tun? Naja, bunt wie ein Regenbogen sind sie meistens schon. Und Eiertütschen findet nicht nur unten statt, sondern mittels verbalen Stössen auch oben durch, was zeigt, wie gemein und wie „eindrücklich“ Schwestern sein können…

Ich habe allerdings kein Hodentrauma, wie man vermuten könnte. Obwohl ich mich an eine Begegnung in einer Klappe erinnern kann, bei welchem der geile Kerl nicht dahin griff, wo ich es gerne gehabt hätte, sondern an meine Eier – und kräftig drückte. Aber in diesem Bereich gibt es noch ganz andere Fetische…

Den Ostereiern wird also die Fortpflanzung vorenthalten, damit sie als „unfruchtbare“ Delikatesse bei Menschen auf den Tisch kommen! So ähnlich wie man/frau es den Schwulen vorwerfen tut – aber das kommt nicht auf den hetero Tisch. Weder Hühner noch Hähne beschweren sich. Fürs wirt-schaftliche Eierlegen braucht es zwar einen Gockel, aber er soll die Hühner nicht besteigen. Allein die Vorstellung der Hühner, was der durch einen Drahtzaun von ihnen getrennte Gockel mit ihnen alles anstellen würde, ist schon wieder sehr „schwulenfreundlich“.

Die dünne Schale des Eies, zwischen innen und aussen, symbolisiert für mich auch die Nähe von Männersex und Fortpflanzung. Mit anderen Worten: Die Homophobie ist ein zerbrechlicher Schutz vor der Neugier aufs andere Ufer, jenseits der Fortpflanzung. So frönen denn viele menschliche Gockel der ho-mosexuellen Lust, ohne dass es die Hühner bemerken, oder überhaupt zur Kenntnis nehmen wollen.

So dünn wie die Schale ist auch die Maske der Junghomos gegenüber der Familie und der Gesellschaft. Jederzeit kann sie einbrechen und ihr schwules Gedankenparadies zerdeppern. Bei vielen Junghomos kleben Reste davon noch hinter ihren Ohren, die ihnen den Selbsthass und die Homophobie in Erinnerung behalten, denen sie ungefragt immer wieder begegnen müssen.

Auch die sogenannte „Toleranz“ ist nur so dünn wie Eierschalen, denn sie hat strenge politische Altersgrenzen. Wie schnell wollen Mütter, PolitikerInnen und Staatsanwältinnen einen Schwulen „für immer wegsperren“, während es normal ist, dass junge Mädchen von erwachsenen Männern „eingeführt“ wer-den – oder junge Knaben von erwachsenen Frauen. Da träumen die letzteren schon mal öffentlich in Leserbriefen zu Berichten über „Sexualtäterinnen“ davon, dass sie „es“ schon immer mit ihrer Lehrerin, Nachbarin, etc. gewollt hätten. Ich wage nicht, mir vorzustellen, wenn Schwule in aller Öffentlichkeit ebenso von Lehrern, Erziehern, Sozialarbeitern träumen, mit denen sie in ihrer Jugend so gerne…

Hingegen ist es „normal“, wenn Eltern, Schule und andere Gruppen die schwulen Eierschalen eines Junghomos unabsichtlich oder auch absichtlich eindrücken, bis der ganze Inhalt ausgelaufen ist. Die MoralistInnen entscheiden schliesslich, wer das Opfer zu sein hat, unbekümmert darum, ob der Kontakt „einvernehmlich“ war oder nicht. Meistens ist eben schon die Homosexualität an sich „der Missbrauch“. Dieser Umstand ist immer von Anfang an abzu-fragen, bevor Schuldzuweisungen aufgehäuft werden.

Der neue Feminismus bekämpft den Penis und vergöttert die Jungfrau Vagina. Sie ist heilig und kann bereits über Leben und Tod – auch von Schwulen ent-scheiden, denn wir haben ihm die Abtreibung überantwortet. In Indien werden Mädchen durch Ultraschalluntersuchungen festgestellt und anschliessend ab-getrieben. Nicht zuletzt auch unter dem Druck von Schwiegermüttern. Was hat das mit Schwulen zu tun?

Bevor ich darauf eingehe, möchte ich daran erinnern, dass es auch im weib-lichen Körper Eier hat, die befruchtet werden können.

Und nun zu Jonathan Tolins, einem Theaterautor aus den USA. Er schrieb das Stück „Der letzte der Golds“, 1993 uraufgeführt am Booth Theatre in New York. Später aufgeführt in der Komödie Basel. 1994 adaptiert als Hörspiel für SRF von Claude Pierre Salmony.

Die Geschichte handelt in einer fiktiven Zeit, in der die sexuelle Orientierung genetisch ablesbar ist. Dean Hamer hatte 1993 angeblich ein „Schwulen-gen“ (XQ28) gefunden. Tolins führte dessen Theorie in ein konkretes Drama über. Darin erwartet die Schwester eines Schwulen einen homosexuellen Sohn. Die Diskussion führte darum, ob er abgetrieben werden sollte oder nicht. Ich war Zeuge der Publikumsdiskussion, die nach der Aufführung angesetzt worden war. Es wurde behauptet, das zentrale Thema sei gar nicht die Homosexualität, sondern die Abtreibung. Man könnte mir jetzt wie immer unterstellen, ich sei „frauenfeindlich“. Aber es fällt schon immer wieder auf, wie soziale Stress-Situationen beschrieben werden, wenn Frauen „beteiligt“ sind, oder wie deren Verantwortlichkeit „entschärft“ wird.

Der jüdische Autor beschreibt eine kulturell doppelt „gebundene“ Situation. Einerseits wird man nur jüdisch durch eine jüdische Mutter, andererseits zieht diese Kultur die Männer vor. Einerseits hat die „Mutter“ einen schwulen Bruder und andererseits soll sie einen „unfruchtbaren“ Sohn austragen. Sie steht also in einem familiären UND kulturellen Dilemma! Soll die jüdische Mutter ihren Bruder für eine Abtreibung um Verzeihung bitten? Oder ihre Familie für einen schwulen Sohn?

„Die Eltern und Rob drängen Suzanne zur Abtreibung. Suzannes schwuler Bruder David kann es nicht fassen, dass seine bis dahin so liberalen Ver-wandten so denken. Er kämpft um das Leben seines ungeborenen Neffen. Schließlich überzeugt er Suzanne, das Kind auszutragen. Aber unter dem Druck ihres Mannes und ihrer Eltern entschließt sie sich doch zur Abtreibung – viel zu spät: Sie wird nie wieder ein Kind bekommen können. „ (aus dem Inhalt)

Und einmal mehr geht es „heterofriendly“ ab: „Entscheidend ist dabei nicht immer die Homosexualität an sich, sondern die Bedeutung, welche die einzelne Mutter der gesellschaftlichen Meinung und Erwartung beimisst.“ (Claudia Mül-ler: Mein Sohn liebt Männer, 2008, S. 98)

Peter Thommen_63, Buchhändler, Schwulenaktivist, Basel

Gästebuch

 

* er hätte geschmunzelt über diese Ostereier…

Kinder dürfen SO und “anders” lieben!

Freitag, 22. Februar 2013

Udo Rauchfleisch ist ein ausgewiesener Fachmann im Bereich sexueller Orientierung und Psychotherapie. Seine Bücher sind Marksteine in der Diskussion um die Entpathologisierung von Homosexualität. Aber auch zur Transsexualität trägt er wichtige Informationen bei.

Ich selbst bin schwuler Buchhändler und ein Kind der neueren Schwulenbewegung. Es ist für mich wichtig, Fachliteratur in gesellschaftliche Zusammenhänge zu setzen und sie auch zu kritisieren. Weniger vom Fachlichen her, als vielmehr von den gesellschaftspolitischen Wirkungsmöglicheiten ausgehend. Ich bin daher mit meiner ersten Kritik auf gaybasel.ch beim Autor auf Erstaunen gestossen.

Es gibt zwei grundlegende Prinzipien sich mit Homosexualität zu befassen. Das eine sind Fachleute, die über das Thema und die daran Beteiligten* schreiben oder referieren und das andere ist das direkte Gespräch mit ihnen. Fachleute wie Rauchfleisch haben geholfen, das Thema aus der Krankheits-Ecke herauszuholen und die Schwulenbewegung hat es fertiggebracht, dasselbe aus den Toiletten auf die Strasse und in die Medien zu holen. Das reicht aber überhaupt noch nicht aus! Wir sind heute an dem Punkt, an welchem es klar werden muss, dass Homosexualität nicht allein eine „Orientierung“, „ein Fetisch“, oder eine „sexuelle Praktik“ einer vernachlässigbaren Minderheit ist. Denn damit sind Schwule das Stigma noch nicht los!

Ich bin 1950 geboren und somit in einer Zeit, in welcher „die homosexuelle Phase“ ganz normal der Kindheit und Jugend zugestanden worden ist, indem man/frau hoffte, diese sei eine „vorübergehende“. Die strafrechtliche Verfolgung und die gesellschaftliche Verfemung setzten ein, wenn diese „Phase“ definitiv bis ins Erwachsenenalter beibehalten wurde. Dann begann sie zu „stören“. Das frühere „Schutzalter“ von 20 Jahren – von 1942-1992 – brachte dies auch kriminalpolitisch zum Ausdruck! (Jungs und Mädchen durften damals schon ab 16 Jahren miteinander!)

Der erste Schritt bestand also darin, die homosexuellen Erfahrungen der Heranwachsenden zu entkriminalisieren und dieses Schutzalter für Sexualität allgemein und für alle Beteiligten, also die einverständliche „Jugendsexualität“, auf 16 Jahre herabzusetzen. Doch wir haben nicht damit gerechnet, dass sich die Politik und Justiz noch längere Zeit für den „politisch korrekten“ (hetero) Sex engagieren würde! Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass der Jugendschutz nach wie vor ein wichtiges Anliegen in weiten Kreisen der „korrekten“ Bevölkerung ist, während das Alter der sexuellen Aktivitäten stetig sinkt! Gleichzeitig sind die Grenzen zwischen den hetero und homosexuellen Aktivitäten ebenfalls gefallen und können nicht nur mit Orientierung und Identität verbunden werden!

„Es gibt viele heterosexuell orientierte Menschen, die ebenfalls homosexuelle Bedürfnisse haben und diese unter ebenso schwierigen Bedingungen befriedigen müssen, wie Schwulis. Es geht eben nicht nur darum, dass heterosexuell lebende Menschen sich plötzlich in einen des gleichen Geschlechts „verlieben“ können. Sie können gelegentlich, oder regelmässig, mit dem gleichen Geschlecht auch Sex machen. Und nach über zehn Jahren Internet behaupte ich, dass dies mindestens ein Drittel der Männer auch tut.“ (Th.)

„Aber was nützt einer Mutter der Begriff der „Kern-Geschlechtsidentität“, wenn sie Angst hat, ihr Sohn werde anal vergewaltigt? Diese Angstbilder vermeidet er geflissentlich. Frauen haben keine Prostata und kennen die anale Lust nicht aus dieser Erfahrung!“ (Th.)

Mit dem Titel „Mein Kind liebt anders“ wird für Eltern niemals klar werden, dass es auch eine Homosexualität „jenseits“ einer „Fixierung“ darauf gibt und dass das Kind die Freiheit haben sollte, sie auch „neben seiner heterosexuellen oder bisexuellen Orientierung“ zu nutzen. Es gibt sehr viele Schwule, die öfters und regelmässig sexuelle Erfahrungen mit Heterosexuellen machen, diskret und anonym natürlich. Und der bekannteste Spruch der Bisexuellen lautet: „Ich bin verheiratet.“ Oder „Ich habe eine Freundin.“ – „und das soll sich auch nicht ändern.“

Mit der Einschränkung der Homosexualität auf eine „Orientierung“ und deren Fixierung auf ein ganzes Leben, wie bei der Heterosexualität, werden gesellschaftliche Tatsachen ignoriert. Ganz zu schweigen davon, dass es viele hetero orientierte Männer gibt, die sich tatsächlich nach 20 bis 30 Jahren „umorientieren“, aber damit nicht plötzlich zu „Schwulen“ werden.

Ich möchte dem Autor die Anregung geben, die Joachim Braun und Beate Martin schon im Jahr 2000 im Rowohlt Verlag umgesetzt hatten, mit ihrem Buch „Gemischte Gefühle“. Darin bekommen Heterosexuelle vorgesetzt, dass sie selber auch ein „coming out“ haben, eine „Szene“ und eine „Orientierung“. Und nicht wenige homosexuell Orientierte können oder wollen sich auch fortpflanzen…

Nun, inzwischen haben wir ein Gesetz über die „eingetragene Partnerschaft“, Forderungen nach Adoptionsmöglichkeiten wie bei der Hetero-Ehe und sind an einem öffentlich wahrnehmbaren Punkt angelangt, der die faktische Durchmischung von Heterosexualität und Homosexualität aufhebt und sie jeweils in eine Ausschliesslichkeit zwingt, die jenseits aller empirischen Daten ist! Naiv ist, der sich nichts dabei denkt…

„Im Allgemeinen haben Frauen mit Homosexualität wesentlich weniger Probleme als Männer.“ (Rauchfleisch)

Es gibt keine realen Befunde, die das erhärten würden, nur Äusserungen. So manche Frau gibt sich „tolerant“, wenn es aber um ihren Ehemann oder ihren Sohn geht, sieht alles wieder anders aus. Das habe ich an einigen Beispielen, die ich hier nicht referieren kann, schon sehr eindrücklich erlebt!

„Die Ergebnisse dieser Untersuchung verdeutlichen, dass die Formen, in denen sich die mütterliche Einstellung ausdrückt, dem Einfluss eines gesellschaftlichen Stigmas unterliegen. … Entscheidend ist dabei nicht immer die Homosexualität an sich, sondern die Bedeutung, welche die einzelne Mutter der gesellschaftlichen Meinung und Erwartung beimisst.“ (1)

Dies der Befund von Claudia Müller in ihrer nichtrepräsentativen Arbeit „Mein Sohn liebt Männer“, eine qualitative Studie über einige Mütter. Nicht zuletzt habe ich die Erfahrung gemacht, dass sehr viele Jungs es nicht wagen, mit ihren Müttern über Sexualität zu reden und sich – gemäss einer vergangenen Studie – 30 % der Bisexuellen eher das Leben nehmen würden, als mit ihren Frauen über ihre homosexuellen Bedürfnisse zu sprechen.

Nehmen wir also die „Homosexualität“ aus der „Orientierung“ heraus und stellen sie ALLEN Männern zur Bedürfnisbefriedigung zur Verfügung, dann enthält dies erheblichen gesellschaftspolitischen Sprengstoff. Von der Reaktion von Frauen ganz zu schweigen. Ich habe einige kulturgeschichtliche Werke zur Sexualität gelesen und dabei gelernt, dass es immer das Bestreben der Gesellschaft war, erstens die Frauen zu „versorgen“, denn früher gab es für Unverheiratete, ledige Mütter und Geschiedene oft nur niedrige Arbeit, schlechte Bezahlung, oder die Prostitution, und zweitens die Männer unter „die Haube“ ** zu bringen, damit sie sexuell versorgt und keine Gefahr mehr für andere Frauen seien…

So erscheint mir die „Schwulen-Ehe“ historisch den gleichen politischen Weg zu nehmen, obwohl eigentlich alle wissen, dass diese Ideologie im Leben für die Allgemeinheit nichts taugt! Und schon sind PolitikerInnen daran, die MigrantINNen-Prostitution zu instrumentalisieren und die sexuelle Freiheit ab 16 Jahren für beide Geschlechter weiter einzuschränken. Dabei werden die aktuellen wirtschaftlichen Probleme galant unter den Tisch gewischt!   Peter Thommen_63, Schwulenaktivist, Basel

P.S. Eine detaillierte Rezension von Rauchfleischs Buch auf arcados.ch

 

* Ich schreibe hier absichtlich nicht „Betroffenen“

** kann übrigens auch in Zusammenhang mit der Kopfbedeckung von Muslimas gesehen werden! Wir hatten auch solche Traditionen.

1)  Claudia Müller (Pädagogin): Mein Sohn liebt Männer, 2008, eine qualitative Studie über 5 Mütter)

Glaube und Vernunft

Mittwoch, 20. Februar 2013

Der Mensch ist weitgehend ein „Glaubenstier“ und nur schwer zur Vernunft zu bringen. Dies zeigt die Geschichte der Zivilisationen ganz eindrücklich. Übrigens auch die Geschichte der Finanzwirtschaft und des Geldes. Nicht umsonst wurde letzteres im Rahmen von religiösen Riten, Tempeln und Führern entwickelt.

Wir sollten uns mehr darüber bewusst werden, dass wir nicht nur eine eigene und individuelle Kindheit haben. Auch die Zivilisationen und Kulturen haben eine Kindheit (gehabt). Wer nicht an ein Leben in einem stillstehenden Kreis glaubt, sollte annehmen, dass wir sowohl als Individuen, als auch als Gruppen die jeweiligen „Kindheiten“ verlassen und selbstverantwortlich werden.

Leider zeigt sich dasselbe Problem auch in der Sexualität. Hier frauscht und schwult der Glaube an irgendetwas Romantisches noch viel mehr! Nicht umsonst ist der mentale Missbrauch durch die religiöse Ideologie die Voraussetzung für sexuelle Übergriffe jeglicher Art, nicht nur bei Kindern. Und im Bereich der Sexualität ist zusätzlich der mentale Missbrauch durch die romantische Liebe (erst seit dem 18. Jh. sich verbreitendes Ideal!) die Voraussetzung für überhöhte Erwartungen an eine Zweierbeziehung.

Es gibt in der Bibel hunderte von Vorschriften über alles Mögliche, an welche heute niemand mehr glaubt. Einfach weil die Erfahrung und Vernunft anderes gelehrt haben! Im Zusammenhang von Männerbeziehungen will ich das Beispiel anführen, das immer „vergessen“ wird:

Die Liebe zwischen David und Jonathan* (1. Sam. 19.1 – 1. Sam. 14.42 – hier wird sie gegründet) Es steht nirgendwo was von sexueller Vereinigung. Aber immerhin wird diese Liebe klar abgegrenzt zur „Frauenliebe“, die sonst nie so benannt wird.

„Es ist mir Leid um dich, mein Bruder Jonathan: ich habe große Freude und Wonne an dir gehabt; deine Liebe ist mir sonderlicher gewesen, denn Frauenliebe ist.“ (2. Samuel 1.26)

Es ist historisch-kulturell eine Tatsache, dass orientalische Männer andere Männer lieben und mit Frauen Sex haben. Das eine schliesst das andere nicht aus. Und daraus erklärt sich auch, warum wir männliche Götter überliefert bekamen. Und es passt dazu, dass Frauen in diesen Religionen eine untergeordnete Rolle spielen. Daher kommt die strikte Geschlechtertrennung und deren unterschiedliche Bewertung – bis heute. In Gesellschaften mit strikter Geschlechtertrennung hat diese Liebe unter Männern am ehesten ihren Platz, weil sie nicht – wie bei uns heute – von der heterosexuellen Beziehung völlig dominiert wird!

Heute Morgen hörte ich im Deutschlandfunk interessante Interviews und Diskussionen zum Verfassungsgerichtsbeschluss über die Adoption in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften. Als besonderer Eiferer dagegen hat sich schon immer Norbert Geis (CSU) exponiert. Er beschwor die „natürliche Familie“ von Mann und Frau, die nicht vergleichbar wäre mit gleichgeschlechtlichen Elternpaaren…

Gerade anschliessend folgte ein Interview mit der FDP-Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger. Darin wurde kritisiert, dass die Hilfe für Opfer sexueller Übergriffe in der heterosexuellen Familie seit über zwei Jahren darauf warten, Entschädigung und Hilfe vom Staat zu bekommen. Verjährungsfristen sollen verlängert werden und es soll ein Fonds mit 100 Millionen €uro für Therapiekosten eingerichtet werden…

Da frage ich mich ernsthaft wie man/frau mental so gespalten sein kann, um beides nicht in einen Zusammenhang zu bringen. Heterosexualität und Glaube machen anscheinend schizophren!

Klar dürfte sein, dass Geis den Balken im eigenen Auge nicht sieht, aber dafür die Splitter bei den gleichgeschlechtlichen Partnerschaften!

Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt stille, Bruder, ich will den Splitter aus deinem Auge ziehen, und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuvor den Balken aus deinem Auge und siehe dann zu, dass du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehest! (Lukas 6.42)

Klar dürfte auch sein, warum Christoph Darbellay (CVP) dazu sagte  „Nur weil etwas existiert, heisst das noch lange nicht, dass es legalisiert werden muss.“

Wenn homosexuelle Kinder von Heterosexuellen adoptiert werden dürfen, dann sollten auch Gleichgeschlechtliche Paare heterosexuelle Kinder adoptieren dürfen. 

Ich ziehe die Vernunft dem Glauben weitgehend vor. Aber es wird weiterhin viele Leute geben, die das was sie nicht wissen (können/wollen), einfach mit dem Glauben füllen. Wie sie es als Kind gelernt haben. Und auch als Erwachsener kann man immer noch „Gottes Kind“ sein! Amen.

Peter Thommen_63, Schwulenaktivist, Basel

 

* Es gibt hier ein noch älteres Beispiel als in der Bibel!

Frauen und schwänze

Montag, 17. September 2012

Ich kann völlig verstehen, wenn sich Frauen darüber nerven, dass Männer an ihrem Hosenschlitz herummachen, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Oder sich körperlich aufdrängen. Das möchte keineR. Abgesehen von der verheimlichten Homosexualität, die manchmal zu so verklemmten Mitteln greifen muss, um nicht an die Frau, sondern endlich an einen anderen Mann zu kommen!

Nun, viele Erektionen haben auch organische Ursachen und sind gar nicht auf andere Personen bezogen. Aber das wissen die wenigsten von uns allen. Vor allem die Kinder und Jugendlichen nicht, die damit allein gelassen werden und im schlimmsten Fall ein schlechtes Gewissen dafür entwickeln…

Aber darauf will ich gar nicht hinaus. Ich finde nur, ich sollte das vorausschicken, wenn ich auf ein zufälliges Erlebnis kommen möchte, das so selten eigentlich gar nicht ist.

Wir stehen vor dem Hirscheneck an einem lauen Sonntagabend, bei Bier und guter Laune. Schwule, Heteros und Frauen. Ich weiss gar nicht mehr genau, was alles vorher geredet wurde. Ein Wort gab das andere und schliesslich ging es plötzlich um Schwänze – ein, zwei Sätze nur. Natürlich auch um die grossen! Ich bemerkte, dass es nicht nur Vergnügen bereitet, einen solchen zu haben. Ich wiederhole: „zu haben“! Schliesslich hätte ich auch schon einige gehabt…

An dem Tisch waren auch zwei Frauen. Na und? Fand ich eben auch. „Hehe es sind schliesslich Frauen am Tisch!“ Ich will jetzt nicht schildern, was mir dann alles durch meinen schwulen Kopf geschwirrt ist.

Aber wieso wollen Frauen weder zufällig, noch situationsgerecht über Schwänze reden? Sie gebären welche und vor dem Gebären brauchen sie welche…

Ach, ich erinnere mich wieder: Schwule seien doch alle so schwanzfixiert! Aber mit den Körbchengrössen, oder gar den Titten hat keineR ein Problem! Na also, fuhr es mir durch Kopf und Mund: „Wieso interessieren sich ausgerechnet Heterofrauen nicht für Schwänze?“

Ich habe in den letzten Jahren fast nur mit Hetero-Männern Sex gehabt. „Ja und wissen denn ihre Partnerinnen überhaupt davon?“

Das geht die doch gar nichts an. Wozu sollen Frauen um etwas wissen, was sie eh nicht selber bieten können! Einen Schwanz – und sei es nur zum Vergleichen. Ganz zu schweigen von anderen Lustbarkeiten…

Zitat aus einem zufälligen Text: „Auch in meinem Bekanntenkreis habe ich einige Möchtegern-Tolerante. Aber wenn ich mal über meine Bedürfnisse sprechen möchte, bekomme ich regelmässig den Satz zu hören: „Ich akzeptiere deine Homosexualität, aber können wir nicht über etwas anderes sprechen!“ (Christian in Spot25-Nachrichten Nr. 2, S. 3-4, 1997)

Grundsätzlich fängt das Schweigen über die „Schwanzfixiertheit“ von Jungen bereits bei den Müttern an! Es geht weiter über die Freundinnen bis zu den Ehefrauen. Logisch, dass auch sonst in der Gesellschaft kein Gesprächsraum für „so was“ vorhanden ist! Auch nicht spontan und auch nicht zufällig! Einfach NICHT!

Ich habe mir am vorausgehenden Freitag wieder mal den Film „Katzenball“  (V. Minder) über lesbische Biografien, von den 40gern des letzten Jahrhunderts bis 2005, angeschaut. Übrigens sehr empfehlenswert und angeboten von der HABS, im Neuen Kino!

Ich erinnerte mich plötzlich an die emotionalen Worte von Heidi, die sinngemäss etwa sagte, dass eben nicht nur Gewalt und offene Diskriminierung einer Lesbe die Sprache verschlagen. Es sind auch die vielen kleinen Momente, in denen sie überlegt, soll ich etwas sagen, soll ich identisch sein, soll ich zu meinen Bedürfnissen stehen, oder nehme ich ständig Rücksicht auf alle andern?

Nun bin ich halt nicht bekannt als jemand, der sich dem Schweigen beugt. Und daher überlegte ich nicht lange herum, sondern tat so, wie Heidi im Film indirekt empfohlen hatte. In der Konsequenz dann war ich hetero-, respektive frauenfeindlich; und „natürlich“ kam von Frauenseite kein Spruch, oder gar ein Beitrag. Nein.

„Hehe, es sind Frauen am Tisch!“

Peter Thommen_62, Buchhändler und Schwulenaktivist, Basel

zur hp von Katzenball (2005)

Während die Mösendebatte bis zur Ohnmacht geführt wird, werden Schwanzdebatten einfach ignoriert! ;)

Mein Hetero! — warum hast du mich verlassen?

Freitag, 06. April 2012

KeineR sollte hier eine theologische Abhandlung erwarten. Aber im Rahmen von geschlechtspezifischem Verhalten unter Männern, gibt es noch viel zu entdecken. Und so wie Frauen die Welt anders sehen – und die Männer, so haben auch Schwule einen „anderen Blick“ auf die sexuell zweigeteilte Welt. Dabei geht es nicht immer nur um die gängigen Vorstellungen von „Homosexualität“, die wir in den letzten Jahrzehnten entwickeln konnten – trotz heftigem Widerstand der Mehrheit von hetero-gläubigen Frauen und Männern.

Es ist zwar allgemein bekannt, dass Frauen einen „fraulichen“ Umgang untereinander pflegen – in allen Kulturen. Wie der männliche Umgang unter Männern war und ist, muss erst hinter vielen Klischees und Geschichten hervorgeholt werden. Dabei ist zwar das sexuelle Verhältnis „überwichtig“ für die Einordnung in die hetero Sichtweise, aber für die Betrachtung von Männerbeziehungen eigentlich eher von minderem Rang. Besonders was die Penetration betrifft, die immer als die Messlatte von „richtiger Sexualität“ genommen wird.

Leider müssen wir auf ein wichtiges Element erzählerischer Technik aus vorgeschichtlicher Zeit verzichten: Wir können die geschilderten Personen und ihre Beweggründe nicht mehr befragen. Aber das konnten auch die ersten Aufschreiber talmudischer und evangelischer Geschichten schon nicht mehr, während uns deren Inhalt quasi noch immer als „Glaubenstatsachen“ serviert werden.

„Mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ (1), schrie Jesus, noch am Kreuz, bevor er das Bewusstsein aufgab. Dieser Satz wird in der Bibel auch noch andernorts zitiert oder verwendet.

Aber was sagt er einem Schwulen, der an die Männer glauben möchte und sich doch so verlassen unter den homophoben Heteros vorkommt? Für viele Jungs ist der Hetero das grosse „göttliche“ Vorbild. Je unmännlicher er sich vorkommt, desto grösser sein Glaube an die Heterosexualität. Für viele Jungs ist der Frauensex kein Problem, aber sie machen den Sex mit Männern zu einem. Andere Jungs wiederum blenden diesen Teil der Heterosexualität einfach aus.

Gewalt gegen Schwule ist immer auch Gewalt gegen Männer. Oft wird vergessen, dass immer wieder auch normale hetero Männer für schwul gehalten werden, was immer von den Fantasien und Zuschreibungen „normaler Täter“ abhängt und nicht von den von ihnen beschuldigten und verachteten Opfern…

Auch im Christentum ist die Gewalt ein göttliches Mittel, um die Ordnung der Geschlechter und ihrer Rollen zu garantieren. Abraham wurde von Gott „versucht“, indem er Gehorsam übte und seinen Sohn Isaak dafür opfern sollte. (1. Mose, 22) Das Opferfest hat bei den Moslems noch heute eine grosse Bedeutung und deswegen werden jährlich unzählige Schafe geschlachtet…

Interessant ist übrigens die Geschichte von Abrahams Knecht, der ihm einen Schwur „unter der Hüfte“ leisten musste. (1. Mose, 24) Das Ding das da unten hing oder stand (?) bekommt eine ungeheure Bedeutung für die beiden, denn es ging dabei um die Fortpflanzung der Ur-Familie nach dem Tod des Urvaters…

Nicht nur Frauen und Mütter tun alles für den Penis des Mannes und den Macker, der daran hängt. Und sie entwickeln meistens Gewaltfantasien, wenn es um (richtigen) Sex zwischen Männern geht. Wiederum aber ist Gewalt, die nicht „sexualisiert“ ist, für viele Feministinnen normal unter Jungs und Männern. Ich aber meine, dass Gewalt durch ehrliche Erotisierung zwischen Männern abgebaut werden könnte. Viele Männer können sich gar nicht näher als 15 Zentimeter kommen, ohne mit Gewalt zu reagieren. Der heutige Umgang von Jungs miteinander zeigt diese kumpelhafte Verklemmtheit mit Handschlag und Handdrehung, oder die polternde Schulterschlägerei anstelle ehrlicher Umarmung!

Peter I. Schwulenpapst vom Kleinbasel! ;-)

Das hat alles nichts mit der heutigen Auffassung von Homosexualität zu tun. Das alles aber verhindert die freie Entfaltung von Homophilie und auch von Sexualität zwischen Männern. Die Schwulenbewegung hat für alle Männer gekämpft und auch darum, dass jeder Mann seine Sicht, seine Erfahrung und seine Freude an anderen Männern haben kann. Sehr zum gesellschaftlich verhohlenen Unmut der Frauen!

Ich nehme die Geschichte von Gilgamesch und Enkidu als Beispiel für den freien Umgang mit einer Männerbeziehung in vorhistorischer Zeit. Vor ca. 5500 Jahren wurde der Kampf der Zivilisation mit der Natur in eine Männergeschichte gekleidet, die als Episode innerhalb eines „heterosexuellen“ Epos, auf Tontafeln überlebt hat. So sensationell war sie. Als nämlich Gilgamesch gegen Enkidu kämpfte, „erkannten“ sie einander und verliebten sich. In der Folge nahm der Vertreter der Natur, zur rechten Seite des Vertreters der Zivilisation auf dem Thron Platz. Diese Formulierung erinnert wiederum an die Rolle von Jesus, der auch „zur Rechten“ des Vaters auf einem Thron sitzen sollte – vielleicht als Preis für die Aufgabe seiner Erdverbundenheit mittels gewaltsamem Tod? (Die Erde ist übrigens weiblich)

Mich bewegt die Tatsache der „normalen Gewalt“ zwischen Männern sowohl als Schwuler, wie auch als Mann. Denn ich lasse mich nicht einfach ausgrenzen. Weder zu den Frauen, noch zu den Kindern. Gleichzeitig erfahre ich Verdächtigungen und Schuldzuweisungen als „Gewalttäter“, der ich nun wirklich nicht zwangsläufig sein muss. Und – obwohl Christus der Halbgott oder Prophet von Zöllnern und Huren gewesen ist, meine Heteros haben mich immer verlassen, sobald sie um die erotische Dimension meiner Empfindung gewusst haben. (Natürlich von einigen Freunden mit Köpfchen mal abgesehen!)

Als ich selber in der Schule die Zielscheibe männlicher Aggressionen war, die sich vor allem auf dem Schulweg zeigte, hatte mein Vater keine heterosexuellere Empfehlung als: „Du musst Dich halt wehren“ parat. Nur: Wie konnte ich mich mit anderen Jungs prügeln, wenn ich denn lieber an ihren Schwanz gegriffen hätte?

Dies wurde bei mir kürzlich erneut aktualisiert, als sich über gaynet ein alter Schulkollege aus der Jugendzeit meldete, der den Kontakt zu mir suchte. Er habe eine Familie und zwei Kinder, aber in letzter Zeit hätten sich bei ihm so Gefühle entwickelt für Männer, für die er jetzt meine Hilfe suchte. Er ist zwar in all den Wochen seither nie wirklich bei mir aufgetaucht. Aber was zum Teufel kommt er jetzt zu mir, wo ich nie etwas mit alten Männern anfangen konnte?  Damals hätte ich wohl noch so gern mit einem Gleichaltrigen Sex gehabt. Aber damals war er eben homofeindlich und hetero. Ich fühlte mich damals auch schon verlassen!

Nun, mein Vater war zwar homophob, aber er gestand mir durchaus eine “Variante” von Männlichkeit zu. Ich verlor sehr schnell das Bewusstsein (es übermannte mich), wenn ich geimpft wurde oder viel eigenes Blut sah. Er tröstete mich damit, dass es dem besten Metzger auch so gehen könne, wenn er sein eigenes Blut sehe…

Peter Thommen_62, Schwulenaktivist, Basel

1) „Eli, Eli lama asabthani?“ (u.a. Markus 15, 34)

Hier habe ich noch eine interessante Betrachtung gefunden (siehe weiter unten auf der verlinkten Seite 2.3). Sie bestätigt meine Vermutung, dass das heterosexuelle System (die Ordnung Gottes/Oberhetero) auf einem schlauen Diskriminierungssystem beruhen, das sich entlang des Penetrationsverbotes und der Penetrationspflicht (zur Fortpflanzung) etabliert hat. Frauen sind darin zur Passivität verurteilt und spielen die Rolle, zwischen den Männern Konkurrenz um sie zu erzeugen und aufrechtzuerhalten. Dabei sind sie über dieses – sie zwar selber diskriminierende – System indirekt an der Macht beteiligt. Woraus sich eine klare Gegensätzlichkeit zu Homosexuellen ableiten lässt, die dieses ausgeklügelte archaische Landwirtschafts-, Erb-, Macht- und Politsystem durch unerwünschte “Gefühle” unterminieren könnten. Denn mit den Gefühlen – egal ob wahr oder vorgespielt – “politisieren” ja bereits die Frauen – auch gegen andere Frauen!  PT

Eine der ersten, die “theologisches Verständnis” zur Situation von Homosexuellen beitrugen war Else Kähler (1917-2011), mit einer Exegese (PDF 2 MB) zweier neutestamentlicher Stellen, in Bovet, Th: Probleme der Homophilie, Huber 1965

Ostern 2011 – “eswirdbesser” ??

Sonntag, 24. April 2011

Eine schwulenpolitische Osterpredigt – von Peter Thommen

Die Religionen sind daran, politisch abzudanken. Sie bäumen sich dagegen auf und suchen sich Leute für ihre Feindbilder, um diese dann wie ein Lamm zu opfern. Egal ob es die Lämmer beim moslemischen Opferfest sind, oder der Wein und das Brot, oder die Oblate. Alles voller Blut und Symbolik. Der Lammbraten zum Osterfest.

Letztlich verwandelt sich das Symbolische oft wieder zurück ins Reale und viele Menschen müssen (von wenigen Führern) „geopfert“ werden für eine Idee (nicht ein Ideal!). Faschismus jeglicher Art kämpft immer bis zum eigenen Untergang. Dabei sollen immer viele für die eigenen Privilegien geopfert werden, wie wir das in Nordafrika aktuell erleben.

Es besteht eine kulturpolitische und sehr symbolträchtige Einigkeit der drei monotheistischen Religionen darin, dass Homosexualität (also anale Penetration) eine Todsünde sei. So ist es in ihren Schriften festgehalten, es wird nur verschieden interpretiert. Es geht dabei immer um Mächtige und Ohn-Mächtige. Also das klassische heterosexuelle Spiel von Ficker und Gefickten (Geopferten). Der Rollenwechsel der Männer muss dabei ausgeschlossen werden, denn sie dürfen die Opfersituation nicht selber erleben, um weiterhin Täter bleiben zu können.

Aber auch ausserhalb der Religionen und innerhalb der Gesellschaftspolitik spielt dieses Spiel der Spiele (nicht das Schach!) eine grosse Rolle. In den religiösen Auseinandersetzungen werden die Wurzeln mit Sand zugedeckt. Sand der auch in die Augen verstreut wird. Umso mehr geht es in der aktuellen Debatte um die Adoptionsmöglichkeit durch Schwule vor allem darum, dass diese Männer eine Gefahr für Kinder darstellen. Bei Lesben kommt das weniger zum Zuge. Sie stehen auch weniger unter dem hintergründigen „Pädophilie“-Verdacht. Lesben gehören im Allgemeinen zur Gruppe der Opfer (= Kinder und Frauen). Dieser Sexismus wird von ihnen auch nicht aufgedeckt.

Die Schwulen sollen selber schauen, wo sie bleiben. Und diese Schwulen sind auch nicht bereit, sich dieser femi-sexistischen Diskussion zu stellen. Sie zeigen lieber auch auf  „Pädophile“, um aus der medialen Schusslinie zu kommen. Etwa ähnlich der Situation vor 50 Jahren, als die homosexuelle Prostitution verboten war. Was unter den Frauen/Lesben lief, interessierte niemann-den. Aber die Männer duckten sich unter dieser Ungleichbehandlung im Strafgesetz, die auch vom Bundesgericht noch gedeckt worden ist.

Wenn es um Ungerechtigkeiten gegenüber Schwulen geht, dann wird meistens beklagt, dieselben würden sich zu sehr in ihrer Opferrolle gefallen. Aber gerade das Schweigen über all die Verletzungen zwingt uns in diese Opferrolle hinein. Wiederum – würden wir davon Zeugnis ablegen, wären wir nicht mehr die klassischen Täter und „Pädophilen“, die heute schon wieder kollektiv vor-verurteilt werden. Mit Schwulen und Pädophilen kann man reden. Mit TäterINNEN und Tätern nicht. Es ist aber ganz praktisch, diese Grenze zu verwischen, das erspart das Nachdenken über Sexismus. Und das ist ja so üblich „beim Volk“ und im allgemeinen Mainstream.

Die meisten sexuellen Übergriffe auf Kinder (nebst den vielen anderen Gewalttaten gegen sie) finden in der heiligen heterosexuellen Familie statt. Da ist es ganz praktisch, den Feind ausserhalb und bei irgendwelchen „Pädophilen“ zu finden. Die meisten gewalttätigen Übergriffe auf Jungs und Schwule finden in der heterosexuell geprägten und genormten Gesellschaft statt, da ja Männer aus der Familie hinaus gehen müssen und nicht einfach daheim behalten werden können, wie unschuldige Töchter. Aber auch Jungs werden in einer moralisch begründeten und sozial gefährlichen sexuellen Unschuld gehalten, so dass sie sehr schnell auch unter Übergriffen leiden können – auch von Müttern und Frauen.

Verantwortlich dafür sind aber die Eltern und Familien, die diese Kinder in der sexuellen Unschuld (auf)„bewahren“ wollen, bis dann Mami oder Pappi mal fragen, ob einer nicht eine Freundin habe. Von der pädagogischen Zwangsheterosexualisierung will ich hier gar nicht anfangen.

Unsere Gesellschaft ist ver-geilt auf irgendwelche Opfer. Religiöse, sexuelle oder soziale. Sie will die Verantwortung für die Prävention nie übernehmen, oder gar verantworten. Doch das hatten wir schon bei AIDS.

Die heterosexuellen Verletzungen zeigen sich bis in die letzten Lebensjahre eines Schwulen, oder zwangsheterosexualisierten Ehemannes. Davon nimmt keineR Kenntnis. Weil damit kann keineR grosse Politik machen, wie mit Unverjährbarkeits-Initiativen und Berufsverboten. Eigentlich müsste es heterosexuellen Eltern verboten werden, schwule Kinder zu erziehen. Aber – ach, ich habe wieder ganz vergessen, dass es homosexuelle Kinder gar nicht geben kann. Und daher braucht es auch keine Prävention und keine Hilfe für schwule Jungs und lesbische Mädels. So einfach ist das. Und wer das missachtet, ist ganz einfach einE PädophileR.

So funktioniert das heterosexuelle Spiel weiterhin und es stellt sich die berechtigte Frage, ob es dann wirklich besser werden soll!

Frauen sind längst aus der Opferrolle entwachsen und selber zu Täterinnen geworden. Und auch Männer sind ihrer Täter-Rolle entwachsen und selber zu Opfern geworden. Die Tatsache, dies zu verleugnen, lässt auf ein grosses Potenzial an Sexismus in unserer Gesellschaft schliessen! Ein Sexismus der auch tief in die Angehörigen – hier – des männlichen  Geschlechtes, und ganz kollektiv, hinein schneidet. Ohne Mitleid der Frauen und Mütter!

Die Welt leidet unter unverarbeiteten, historisch-tief-vergessenen Problemen. Die Religionen sind offensichtlich unfähig. Bei (sexuellen) Übergriffen in der Verwaltungshierarchie, wie auch zwischen den Glaubensrichtungen. Einig sind sie sich vor allem gegen Schwule. Und sie können offensichtlich auch gesellschaftliche Minderheiten-Probleme nicht lösen, weil sie die Menschen nicht in ihrem eigenen Interesse daran arbeiten lassen wollen, sie aber zum beten aufrufen. Es steht dafür aber kein Kommunikationssatellit am Himmel. Obwohl die drei monotheistischen Religionen immer ganz genau wissen wollen, was denn „der Herr dazu“ zu sagen habe.

Sexuelle und soziale Fremdbestimmung muss durch Eigenverantwortung, Bildung und Kultivierung abgelöst werden. Da reicht es nicht mit einer blossen Einbürgerung durch ein staatliches Partnerschaftsgesetz. Oder durch angeblichen strafrechtlichen Schutz. Und die homosexuellen Männer und auch die Frauen müssen sich dem Gespräch stellen, das die tieferen Motive der Heterosexuellen herausbringen kann. Und nicht nur immer auf die Vernunft spekulieren. Aber wir Schwulen wissen ganz genau, dass die heterosexuelle Familie keine vor allem vernünftige, sondern eine religiös idealisierte und gefühlsbetonte Einrichtung ist. Aber damit ist heute kein Staat (Familie als Grundlage des Staates) mehr zu machen. Auch nicht, wenn Frauen daran beteiligt sind.

Und wie ich sehe, wird zurzeit eine Schwulenpolitik des geringsten Widerstands und auf kosten eigener Leute gemacht. Völlig unbesehen darüber, wie Schwule in Vorurteile und strafrechtliche Massnahmen hineinverwickelt werden können! Oft ist die Tatsache der homosexuellen Orientierung schon „der Missbrauch“/die todeswürdige „Sünde“, egal um welche Alterskategorie es sich handelt.

Ich will keine zwangsheterosexualisierten Jungs haben, eben auch keine mit „straight action“ oder „Heterolikeness“. Ich will aber auch keine Kollektiverdächtigungen aufgebaut haben, wie Berufsverbote und Videokameras. Ich will starke Jungs haben, die „wissen was sie wollen“, in Abstimmung mit ihren Sexualpartnern, mit den Müttern und Heteros (“Ich habe nichts gegen Schwule, solange die mich nicht anfassen!” Karsamstag 2011) in der Gesellschaft.

Einer Gesellschaft, deren kaschierte „Pädophilie“ schon an Wörtern wie „mein Mädchen“, „mein Girlie“, „mein Kind“, „meine Tochter“, “ich fick’ dich Baby” (!)* und anderen Bezeichnungen der Männer für erwachsene Frauen erkennbar wird. Auch am besitzanzeigenden Adjektiv („mein Sohn!“ bei den Müttern).

Dann kann es garantiert besser werden. Auch für die heterosexuellen Jungs und Männer, die ja unter den Verdächtigungen genauso zu leiden haben und davon betroffen sind, wie die als Feindbilder aufgebauten „Pädophilen“ und Schwulen. Für Lesben sehe ich vorläufig noch keine solchen Feindbilder. Aber das kann ja noch kommen!

 

In anderen Ländern wird der „sexuelle Kultur-Kampf“ viel offener geführt. (10.07.01) „Traurige Meldung aus Rom: Die rechtsextreme Partei „Forza Nuova“ beschimpft weiterhin gezielt die italienische Schwulenbewegung. Jetzt diffamiert sie Schwule mit einer gross angelegten Plakataktion: „Hinter einem Homosexuellen steckt ein Pädophiler – stoppt den Gay Pride!“ (Wobei die Siegessäule politischkorrekt so formuliert, als richte sich das auch gegen Lesben, die sind aber nirgendwo erwähnt! PT)

(10.7.01) Das slowakische Parlament verabschiedete ein neues Arbeitsgesetz, sowie neue Regelungen über den staatlichen und öffentlichen Dienst. Danach bleibt Homosexuellen im öffentlichen Dienst die Arbeit mit Kindern untersagt. (siegessaeule.de)

Das war vor 10 Jahren schon. Die „Pädophilisierung“ der Schwulen geht systematisch weiter!

(31.8.09) Wedad Lootah, FamilienreferentIN am Gericht in Dubai erklärt ihre Einstellung zur Homosexualität. „Homosexualität zerstört die Männlichkeit.“ – „Wenn Frauen kommen und sich beschweren, dass ihre Männer nur Analverkehr wollen, schaue ich mir die Geschichte des Mannes genauer an. Meistens komme ich darauf, dass er vorher mit Männern Verkehr hatte.“ (Profil, Wien)

Dass Männer vor der Ehe nur mit Prostituierten gegen Geld – oder gar nicht – heterosexuellen Verkehr haben dürfen, unterschlägt diese FRAU bewusst! Auch die orientalische Art, Knaben unter 15 als Ersatz zu nehmen… Zudem hat sie eine sehr beschränkte ANalsicht von Homosexualität – eben unter heterror-sexuellen Bedingungen!

 

Ich unterstütze die Kampagne „eswirdbesser“, weil ich homosexuelle Jungs unterstützen möchte. Denn wir haben eine gemeinsame Biografie! Und natürlich auch Mädels. Aber ich verabscheue Wörter wie: „Kinderschänder“, „Kindesmissbrauch“ und „Pädophilie“ (bewusst in Anführungszeichen gesetzt). Die schwulen Jungs sind zwar nicht „meine Kinder“, aber ich will nicht, dass sie heterosexuell missbraucht werden und „in Schande“ aufwachsen müssen!

An diesem Punkt – und darauf will ich schon lange hinaus – misstraue ich Organisationen wie „Marche Blanche“ und Unterschriftenaktionen „gegen Pädophile“, für ein Berufsverbot und „das Wegschliessen für immer“. Es müssten nämlich sehr viele heterosexuelle Frauen, Kinder, Jugendliche und Männer dran glauben, wenn wir die Informationen von homosexuellen Kindern über Mobbing, körperliche Angriffe, Morddrohungen und die erhöhte Selbstmordgefährdung wirklich ernst nehmen würden! Urbi et orbi! Amen.

Peter Thommen, Schwulenpapst, Basel (61)

P.S. Ich unterstütze alle Bestrebungen, die das heterosexuelle System ändern wollen und nicht einfach nur diejenigen, die “Opfer schützen” und “Täter für immer wegschliessen” wollen. Das sollte nicht schwierig zu verstehen sein.

Nachtrag aus Österreich. Robert Waloch, (HELDinHAFT) (PDF) hat sich kürzlich Gedanken darüber gemacht, wie sich eine heterosexuelle Öffentlichkeit an einem Prozess gegen Kachelmann delektieren tut, und wie österreichische Medien nur widerstrebend eine “Missbraucherin in Haft” setzen wollen.

Sophinette Becker findet die “Missbrauchsdebatte” verlogen! (2010)

* Humphrey Bogart hat in dem Film “Casablanca” gesagt “Ich schau Dir in die Augen, Kleines” („Here’s looking at you, kid“)  - und NICHT: Schau mir in die Augen….

Verbreitete Analsucht unter Männern

Dienstag, 29. März 2011

Der Text ist jetzt hier auf   swissgay.info zu finden!

augenblicke der wahrheit

Dienstag, 02. November 2010

Am Donnerstag, dem 24. Juni 2010, abends, ist mir so was von Selbsthass und Projektionen begegnet im guten alten Elle&Lui, wie es wohl nur Psychotherapeuten und Psychiater real erleben! Schwule müssen sich meistens mit dem Hass von heterosexuell Orientierten auseinandersetzen, wobei sie oft die Erfahrung gemacht haben, dass ihnen dabei die bis zur Perversion verleugneten eigenen Anteile dieser Heteros/as in einer real-dramatisierten Form begegnen.

Viel härter noch ist die Form des heterosexuellen Selbsthasses, der einem in Person eines Homosexuellen begegnen kann! Ein heterosexuell motivierter Hass, der sich zudem nach aussen und zugleich an „die eigenen Leute“ richtet! Meistens läuft diese Form von „Selbsttherapie“ nur unter Schwulen ab und wird daher von Heterosexuellen und der Wissenschaft gar nicht zur Kenntnis genommen. (Das typischste Beispiel ist der Hass gegen die Tunten.) Und die Schwulen schütteln einfach nur den Kopf, wenn ihnen „so etwas“ mal zufällig begegnet.

Es sind mir verschiedenste Formen dieses Selbsthasses gegenwärtig, vor allem aus den letzten Jahren, in denen die Schwulenbewegung an Bedeutung verloren hat. Vor allem jetzt im Internet, wo die verschiedensten Formen davon sich hinter Fetischen, Drogen, Destruktion und Selbstzerstörungen psychischer und sogar physischer Art verbergen.

Dieser Selbsthass ist der verlängerte Arm der heterror-sexuellen Kultur, die es immer wieder schafft, ihre Drohung wahr zu machen: Nämlich dass ein selbstbestimmtes schwules Leben „von Natur aus“ – und noch nicht mal schon ab 16 Jahren – keine Aussicht auf Erfolg hat und nur in der sprichwörtlichen Scheisse enden kann und muss. Dabei komme ich nicht umhin, auch an die Lebensform Frau zu denken. Doch dazu später.

Der „Schwulenpapst“ wird nicht nur geliebt von Schwulen, und das ist auch normal so. Ich habe mich immer mal wieder damit auseinandersetzen müssen und das „ging ganz schön an die Nieren“. Denn die „Kuschel”-Akzeptanz von Heteros oder der „Heteroszene“ ist noch nicht wirklich „nachhaltig“. Aber für Homosexuelle, die innerlich froh sind, nicht mehr beschimpft oder gar getreten zu werden (zB früher unter dem alten Schutzalter bis 20 Jahre), ist das schon mehr als das halbe Leben.

Das Symptom, das ich soeben beschrieben habe, kenne ich vor allem aus der Bisexuellen-Szene im Internet! Bis ich den Zusammenhang bemerkt habe, hatte ich Diskussionen gehabt, die bis ins Unerträgliche der persönlichen Beleidigungen gingen und Drohungen gegen meine Person und meine körperliche Unversehrtheit enthielten. Die Person, die in dem Schwulenlokal gegen mich ausfällig wurde, erinnerte mich auch an Diskussionen, die ich vor ein paar Jahren mal mit Frauen hatte. Damals hatte sich bald herausgestellt, dass diese in ihrer Kindheit sexuelle Übergriffe erlebt hatten. Nun, die hier beschriebenen Aengste können auch vor der Furcht davor entstehen…

Ich muss hier auch anfügen, dass ich auf einer Kontaktplattform, die vor allem für Junge gedacht ist, Erfahrungen mit „pädophilen“ Zuschreibungen (Verdächtigungen) gemacht habe. Die Rolle des „Pädophilen“ ist mir dabei zugefallen, weil ich als älterer Schwuler einige Jungs in Diskussionen daran erinnert hatte, dass sie nicht darum herum kommen würden, ihre sexuelle Orientierung auch ihren Müttern zu gestehen! Denn von anderen Jungs „Ehrlichkeit und Treue“ zu fordern, ohne sie selber auch ausserhalb der Beziehung – oder innerhalb der heterosexuellen Familie – zu praktizieren, finde ich sehr widersprüchlich. Dabei bin ich natürlich auch voll in die Rolle eines Vaters hineingelaufen, der bekanntlich bei Jungs – vor allem homosexuellen – nicht eine hervorragende Rolle spielt.

„Mutter“ kann natürlich sehr vieles sein! Das hängt nicht an den realen Blutsverwandtschaften. Und für viele Homosexuelle ist offenbar die Gesellschaft, ihre Moral und wie sie das so erleben, auch eine Art Mutter!

So, jetzt glaube ich, fast alle Elemente zu dem Phänomen zusammengetragen zu haben. Stopp! Noch etwas muss ich dazufügen: Mir sind in den letzten Monaten ältere Homosexuelle in meinem Laden begegnet, die mir von ihren „heterosexuellen“ Verletzungen in der Jugend und bis ins junge Erwachsenenalter erzählten. Männer, die noch älter sind als ich selbst – also 65, 70 und um die 80. Männer vor allem, die nie von der Schwulenbewegung erreicht worden sind!

Kehren wir also zurück zu jenem Abend im Elle&Lui – und vor allem – zu dem, was ich da eigentlich „verbrochen“ hatte. Ein paar Stammkunden sassen herum. Bei ihren Bieren. Und Tarik war wie immer um das Wohl seiner Gäste besorgt. Wir foppten ihn damit, wann wohl die Türken an der Weltmeisterschaft spielen würden…

Nun platzte ich mit einer aktuellen Meldung aus den USA heraus: Da hatte ein Zehnjähriger in seiner Schule das tägliche amerikanische Treuegelöbnis mit Fahnenaufzug und Hand auf dem Herz plötzlich verweigert, weil er der Meinung ist, dass Gleichheit in den USA für Schwule und Lesben noch lange nicht erreicht sei. Auch exponierte er sich mit den Eltern im Fernsehen, weil er in seiner Stadt den CSD-Umzug anführen wird. (googeln nach: Ethan McNamee) Ich fand das mutig und auch irgendwie nett…

Doch bei einem der Stammgäste, er hatte wohl schon einige Bierchen in sich, löste das eine plötzliche und heftige Reaktion aus! Ich hatte gelegentlich – über die letzten Jahre – immer mal wieder mit ihm und Gästen diskutiert. Natürlich über schwule Belange. Und meistens ist bei ihm so ein Bodensatz an „Säuerlichkeit“ zurückgeblieben. Wie das bei Bierkonsumenten schon mal üblich ist?

Doch jetzt legte er ein Donnerwetter gegen mich los, das sich nur über die Jahre zusammengebraut haben konnte. Ich sei völlig von Sinnen und würde quasi noch Kinder ins Verderben zerren. Dem Jungen sei das nur eingeredet worden, denn selber könne der das unmöglich beurteilen. Er hätte mich schon länger beobachtet (und natürlich beargwöhnt) und ich gehörte in den Knast als Krimineller – wegen „solcher“ Aktivitäten. Soweit ein Ausschnitt aus der persönlichen Ebene.

Genau diese meine Ansichten würden bei der heterosexuellen Gesellschaft das Renommee der Homosexuellen in den Dreck ziehen und die allgemeine Akzeptanz verhindern. Damit würde ich „denen“ in die Hände arbeiten und den Homosexuellen nur schaden. Soweit die gesellschaftliche – oder eben „Mutter“-Ebene.

Es hatte sich eine allgemeine Betroffenheit ausgeleert an der Bar. Der Barman sagte nur: „Ich äussere mich nicht dazu!“ – Das erwartete ich eigentlich auch nicht von ihm, der in solchen Fällen ja immer versucht, seine Gäste wieder zu beruhigen und allgemein Harmonie zu verbreiten. Und wir lieben ihn ja auch alle.

Der Ausbruch dieses Stammgastes überraschte mich auf der einen Seite. Andererseits erkannte ich darin diese Säuerlichkeit wieder, die er jeweils in Diskussionen mir gegenüber zurückliess. Seine heftige Reaktion war ähnlich einer Person, die reale sexuelle Übergriffe erlebt haben musste. Ich sagte ihm auf den Kopf zu, dass er jetzt einmal wirklich ehrlich gegenüber mir gewesen sei und ich ihn quasi verstehen würde, aber dass ich seine Beleidigungen und Beschuldigungen und Drohungen zurückweisen müsse. Ich schlug zurück mit der Bemerkung, was hätte ER denn schon getan, als immer nur seine Biere zu trinken und den Finger im Arsch zu drehen. Punkt.

Irgendwann redete er dann mit seinen Nachbarn an der Bar und erstaunlicherweise hatten die Leute plötzlich Diskussionsstoff miteinander und die Drama-Szene wurde durch neu hinzukommende Gäste langsam wieder verwischt. (Ich weiss natürlich nicht, welches die realen Hintergründe in seiner Biografie sind, daher verlasse ich jetzt die persönliche Ebene.)

Die aktuelle Gayszene verdrängt vor allem die frühen biographischen Elemente eines selbstbestimmten schwulen Lebens, wie auch die heterosexuelle Kultur das selbstbestimmte Leben von Frauen noch immer nicht völlig akzeptieren kann. Hier wie dort führen die als „normal“ verstandenen Verhaltensweisen in „normale“ Zweierbeziehungen hinein, wie Ehe, eingetragene Partnerschaft, die eine „selbstgewählte“ und als dominierend erlebte Form von Familie einfach fortsetzen.

Normalität war schon immer angesagt. Ich erinnere an die Geschichte der Schwulen aus dem letzten Jahrhundert: Die Vereinheitlichung verschiedenster kantonaler und historisch-kulturell und religiös geprägter Strafgesetze mündete 1942 in ein doppeltes Schutzalter von 16 für heterosexuelle Kontakte und eines von 20 für homosexuelle Kontakte. Dies traf vor allem die homosexuellen Männer – bis Ende der 80er! Nach der Moral des alten Strafrechts war der überwiegende Teil der Betroffenen zu Tätern geworden. Juristisch war egal, wer jünger oder älter war, auch ein Stricher war einfach ein „Täter“ – aber sinnigerweise auch Opfer – sonst hätte man dem Freier ja nichts antun können. Auffällig in dieser Zeit waren auch die wiederholten Beteuerungen aus der Schwulenszene und den Schwulenorganisationen, dass auf keinen Fall unter 20jährige akzeptiert würden und dass auch die Prostitution, die quasi für Männer verboten war, bekämpft würde. Das war eine Konzession an die Mutter-Moral der Gesellschaft.

Ich weise ausdrücklich nochmals darauf hin, dass diese Konflikte bei Frauen kein Thema waren. Täterinnen gegen das homosexuelle Schutzalter waren von 1942-1992 unbedeutend. Wer jetzt den Frauen mehr Disziplin oder Unschuld zuspricht, glaubt wohl an Märchen oder eben daran, dass Frauen keinen Penis haben und somit keine „Taten“ begehen können…

Diese Konzessionen an die „Mutter-Moral“ der Gesellschaft werden wider besseres Wissen gemacht. Etwa so ähnlich, wie Opfer sich in TäterInnen verlieben, um sich die reale Situation nicht eingestehen zu müssen*. Ich kann mich schon immer erinnern, dass Schwule von ihrem „anderen“ Bewusstsein schon aus früher Jugend berichtet haben, ungeachtet eines moralisch/juristischen „Schutzalters“.

Zudem möchte ich ausdrücklich daran erinnern, dass das das „Schutzalter“ eine hilflose Begriffskonstruktion ist, die einfach linear über eine Biografie gelegt wird – zur „Gleichbehandlung“. Die einzige Politikerin, die jemals öffentlich von einem „Alter der sexuellen Selbstbestimmung“ sprach, war die FDP-Bundesrätin Elisabeth Kopp. Ganz vergessen wird immer, dass der Bundesrat für die Revision ein Selbstbestimmungsalter von 15 Jahren vorschlug, die Expertenkommission von 14 Jahren. Es kann mir keineR weismachen, die seien alle „pädophil“ gewesen!

Es hat sich im Zuge einer allgemeinen „Gleichberechtigung“ von Homo- und Heterosexuellen eine moralische „Gleichbehandlung“ etabliert, die sich jetzt als Heterror erweist: Der Schutz der Jüngeren vor den Aelteren. Jungs werden behandelt wie Mädchen und müssen vor Penetrationen geschützt werden. Denn sie sind – nach heterosexueller Moral – zur Passivität verdammt wie die Mädchen. Das entspricht auch der Ideologie vom Täter: Frauen können keine Taten begehen, weil sie keinen Penis haben. Daher sind sie generell für Jungs ungefährlich und ihren Manipulationen völlig ausgesetzt. Jungs bringen kein Kind heim, über das Frau sich freuen kann. Und Täterinnen können die Angabe des Vaters verweigern, wenn sie mit Jungs im Schutzalter „fruchtbaren“ Verkehr haben…

Dass es Jungs geben kann, die auch mal Erwachsene penetrieren wollen und können, können sich Frau und Mann höchstens in der Heterosexualität vorstellen – und das ist ja dann nicht so schlimm. Eben besonders, wenn es dann neun Monate später ein Kind zu betreuen gibt. Keine Traumatisierung, kein Seelenschaden.

KeineR würde sich unter Gleichberechtigung oder Gleichwertigkeit vorstellen, dass Frauen wie Männer sein sollen – oder per Gesetz gleich behandelt. Aber in Bezug auf Homosexualität werden Homosexuelle/Schwule über den gleichen moralischen und juristischen Kamm geschoren wie Heterosexuelle. Auch Lesben betrachten letztlich oft Schwule als „richtige Männer“! Haben wir diese “Gleichmacherei” so gewollt?

Peter Thommen60, Schwulenaktivist, Basel

*Das sogenannte „Stockholm-Syndrom“ (> Wikipedia)

Ein siebenjähriger ist für gay rights

Wieso ist eigentlich Fortpflanzung zwischen Kindern keine Pädophilie?