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der schleichende „Homocaust“!

Sonntag, April 16th, 2017

Am Gründonnerstag bin ich an die Demo gegen die Verhaftungswelle von Queers in Tschetschenien nach Bern gefahren. Ungefähr 200 Leute standen da um eine „Kunstaktion“ mit Menschen, die am Boden des Waisenhausplatzes lagen. Kreuz und queer, nur mit Slips bekleidet und mit roter Farbe am ganzen Körper verschmiert. Ums ganze herum drapiert lagen Regenbogenfahnen.

Die Aktion mahnt an die weltweite Verfolgung von queeren Menschen, nicht nur an die aktuelle in Tschetschenien, einem mehrheitlich moslemischen Staat in der Russischen Föderation.

Vor Jahrzehnten schon erfuhr ich aus Südamerika von Überfällen und gezielten Morden. In den 80gern habe ich mit meinem damaligen Freund auf der Rückreise von Sylt auch das Lager Neuengamme bei Hamburg besucht und war 1989, anlässlich der ILGA*-Konferenz in Wien im Lager Mauthausen.

In Mauthausen hatten die Mitglieder der ILGA eindrückliche Begegnungen. Wir hielten, zusammen mit unseren jüdischen Mitkonferenten, eine Gedenkfeier bei der steinernen Gedenktafel für die ermordeten Schwulen.

Simon Nkoli, ein Gayaktivist aus Südafrika wollte nicht in die Gebäude hinein. Er war kurze Zeit vor seiner Anreise nach Wien aus einem Gefängnis in seinem Heimatland entlassen worden. Er sagte, er wolle sich das nicht ansehen, er komme ja grad aus so einer Einrichtung. Da schlug die Geschichte die Gegenwart platt…

Was wir also uns „ansehen“ können, ist für viele auf der Welt noch Realität. Ich habe schon grausige Bilder von malträtierten Schwulen gesehen: Tot am Boden und die Beine verbrannt bis zu den Hüften.

Auch Shereen El Feki schrieb in ihrem Buch „Zitadelle“ (1) über die Gays in Nordafrika, dass sie nicht von der Homo-Ehe träumten, sondern „einfach nur normal“ leben wollten. Die haben schon Probleme mit der Hetero-Ehe.

Zurück auf den Berner Waisenhausplatz! Es redeten Queeraktivisten, Politikerinnen und Politiker. Ich habe von der BDP Rosmarie Quadranti mitbekommen und zuletzt noch den JuSP Cédric Wermuth. Vermisst habe ich übrigens solidarische Frauen mit Pussyhats…

PolitikerInnen, so habe ich mitbekommen, reden sehr gerne an solchen Anlässen, besonders linke. Aber sie machen immer Propaganda für ihre hetera Politik und verlieren keine Gedanken (2) zur Lage der Schwulen zuhause und zu den Ursachen unserer Diskriminierung. Auch Ständerätin Anita Fetz (BS) hat am ZüriPride 2016 nichts besonderes verlauten lassen…

(„Der homosexuellste Hetero“, Moritz Leuenberger, hat sich über diese Bezeichnung vor Jahren sogar geärgert! Es wäre eine Ehre für ihn gewesen, wenn er etwas von dieser Bezeichnung begriffen hätte! Von ihm ist nur noch die Begrüssung in Erinnerung: „Meine Damen und Damen und meine Herren und Herren!“)

Noch nie hat ein Soziologe oder ein Historiker oder eine IN an solchen Anlässen oder am 1. Mai über Politik und Homosexualität referiert, oder das auch nur erwähnt. Es ist nur eine „Sparte“ in die man/frau tritt, wenn es dem eigenen Renommé nützt. Amen

Peter Thommen_ 67, Schwulenpapst fürs Kleinbasel

Betroffene der Übergriffe berichten

Bundesregierung der BRD und Hilfe

*ILGA = International Lesbian and Gay Association

1) deutsch bei Hanser, 2013, aber auch in englisch und französisch!

2) Wenn es etwas gibt, was Heteros stört, dann ist es vielleicht nicht so sehr der Akt, sondern dass sie darüber nachdenken sollen.“ Egbert Hörmann: Hurra ein Junge! 1997, S. 14

Consoli, Massimo: Homocaust. Il nazismo e la persecuzione degli omosessuali, 1984

Beispiel Zimbabwe

Warum Schwule und Lesben heiraten (Radio SRF)

Charity-Bingo für Jugendgruppe anyway (Regio-TV)

Siehe auch das aktuelle Buchladen-Angebot! >

von der Homophobie zum Anti-Homosex-ualismus

Mittwoch, November 12th, 2014

Die vergangenen Jahrzehnte waren geprägt von Unwissenheit und Homophobie. Doch heute stehen uns so viele Informationen über Sexualität zur Verfügung, dass keineR mehr Unwissenheit vorheucheln kann. Wir können übrigens auch nicht alles auf Homophobie (also Angst vor Homosexualität) zurückführen.

Die neuesten Aktionen „gegen die Homosexualität“ sind motiviert von aktivem Anti-Homosexualismus. Das heisst, dass wie beim Antisemitismus, die alten Argumente weniger wichtig sind als die Beweggründe! Es geht gegen die „Homo-Ehe“ und die „Rettung der Familie“. Mit anderen Worten: Es darf keine Alternative zur heterosexuellen Familie geben, weil diese ist heilig, nichts darf über ihr stehen!

Doch diese Ehe- oder Familienform ist relativ jung in der Geschichte. Sie ist auch stark geprägt von den Entwicklungsform des Kapitalismus. Sie passt sich auch immer wieder an, aus purer Notwendigkeit. Aber wo kommen wir hin, wenn die anderen Formen die gleichen Wünsche und Hoffnungen bieten wie die Tradition?

Ich bin der Meinung, dass die Homosexellen sich die Last der Tradition nicht auch noch aufbürden sollten. Die eingetragene Partnerschaft als gleichberechtigter Zivilstand sollte ausreichen! Mit ihr behalten wir auch die Selbstverantwortung und die Selbstgestaltung in unseren Händen! Die eP könnte man auch erweitern auf mehr als nur 2 Personen. Und statt hochtechnisierten Fortpflanzungsmethoden liessen sich Erweiterungsmöglichkeiten per Adoption oder „Einpartnerung“ finden.

Dass die BaZ ohne Kommentar der Redaktion einem Evangeliban als „Pfarrer“ eine ganze Spalte überlässt sagt auch etwas aus! Ich habe nichts gegen Leserbriefe und „Freie Meinungsäusserung“ in Blochers Print. Allerdings erwarte ich von einer Zeitungsredaktion, dass sie sich nicht hinter Schweigen versteckt, wenn sie Raum für „Altlasten“ über Homosexualität zur Verfügung stellt!

Und nochmals: Die alten Leiern sind gar nicht so wichtig. Wichtiger ist doch, dass sie wieder aufgewärmt an „seriösem Platz“ erscheinen dürfen…

Nebst den formalen Fehlern über die Jugendgruppe „Anyway“ finden sich in Reinhard Möllers Text Scheinargumente und Fehlinterpretationen nach dem Muster der „Taliban“. Die meisten Vergewaltigungen finden wohl in der heiligen Ehe statt, ohne dass sie abgeschafft würde!

Schon Gisela Bleibtreu-Ehrenberg hat 1978 davor gewarnt, dass nach all der Emanzipation in Zukunft immer noch der „Kinderschutz“ für die Manipulation der Gesellschaft herhalten müsse!

Es bildete sich bald eine neue Derivation heraus (Homosexualität als stete Kindergefährdung), die das Fortbestehen der Ächtung ‚vernunftgemäss‘ erscheinen liess.“ (Tabu Homosexualität 1978, S. 405/406)

Damit wird hartnäckig festgehalten, dass Homosexualität keine „natürlichen“ Wurzeln in der Kindheit und Jugend haben kann! (Die Diskussion wird mit „Pädophilie“ sehr schnell verhindert!)

Reinhard Möller missbraucht die Sexualinformationen über „Tatsachen des Lebens“ (Quentin Crisp) für die Forderung nach Öffnung von Schulen für die (seine) „jüdisch-christlichen“ GLAUBENS-Anliegen! Wahrscheinlich würde er sich sogar gegen jüdisch-moslemische Glaubens-Anliegen genauso wehren! (Aber dafür ist die BaZ-Redaktion wohl zu dumm, um das zu merken.)

Der Trick der Anti-Homosexualitäts-Prediger liegt in einer falschen Umkehr der Tatsache, dass nicht Mehrheiten diskriminiert werden, sondern Minderheiten. Als wenn sich Weisse beschweren müssten, sie würden von Schwarzen diskriminiert. Wenn Reinhard Möller sowas gedanklich nicht schafft, ist er ganz sicher nicht ein studierter Pfarrer! 😛

Peter M. Linz, Vizepräsident der SVP Schwarzbubenland und Mitglied der AUNS, stösst – verständlicherweise – ins gleiche Horn! In dieser Partei wird die Mehrheit der Inländer auch von der Minderheit der Ausländer „diskriminiert“!

Er glaubt, „die Unfruchtbarkeit gleichgeschlechtlicher Beziehungen soll durch medizinisch unterstützte Fortpflanzung künstlich aufgehoben werden.“ Er vergisst dabei nur, dass die Techniken ausgerechnet für Heterosexuelle entwickelt worden sind, die von Natur aus unfruchtbar sind und glauben, ein „natürliches Recht“ auf Fruchtbarkeit und „eigene“ Kinder zu haben! Und in der Bundesverfassung übrigens sind alle Menschen gleichWERTIG ohne Bezug auf ihre Sexualität!

Es geht seit einiger Zeit für uns also nicht mehr darum, Unwissende, homophobe, oder störrische Gläubige aufzuklären, sondern darum, durchaus Wissende mit dem Missbrauch von falschen Argumenten zu ihren politischen Zwecken zu konfrontieren! Die verstorbene Schwulenbewegung kann nichts mehr tun. Obs die Junghomos merken?

Peter Thommen_64, Schwulenaktivist, Basel

P.S. Der ref. Kirchenrat des Kantons Basel-Stadt hat sich distanziert, desgleichen auch Pfr. Frank Lorenz von der Offenen Kirche!

Reaktionen sind erbeten auf  thommen@arcados.com

für Bibelforscher 😉

Gabriele Kuby: Die globale sexuelle Revolution

Mit anderen Worten gesagt:

Bernhard Pörksen: „Na, ich glaube, man muss es schon ernst nehmen, aber weniger im Sinne der Medienmacher. Denn es geht ja darum, dass RussiaToday auf Deutsch ja eigentlich das Schüren von Medienverdrossenheit als journalistisches Programm verkauft. Und das ist ein durchaus hochinteressanter Versuch, weil hier – dahinter steht ja der Kreml – staatlich gelenkte Öffentlichkeit den Schulterschluss mit der Gegenöffentlichkeit, der Medienverdrossenen gegen Öffentlichkeit sucht. Also es ist die Inszenierung von Staatsöffentlichkeit als Gegenöffentlichkeit und die Entdeckung von aktueller Medienverdrossenheit als publizistische Marktlücke. Und das macht RT Deutsch, das ja sonst journalistisch wenigen Ansprüchen nur zu genügen vermag, durchaus dann interessant als Zeitindiz, als Symptom. „(Deutschlandfunk)

Die Entdeckung von Unduldsamkeit gegenüber den Schwulen und der Verdrossenheit von Heteros als agitatorische Marktlücke! 😉

Nicht die Homosexualität ist schuldig geworden an den Nationalsozialisten, nicht die Homosexualität trägt die Schuld für den Missbrauch von Menschen. Es waren die Nationalsozialisten, die Homosexuelle für ihre Politik missbraucht haben, nach innen zum Gehorsam, nach aussen als Projektionsfläche für das gemeine Volk.

Es ist die Religion, die die Homosexualität für ihre Politik missbraucht – nach innen zum Gehorsam irgendwelchen Führern gegenüber. Nach aussen zur Projektion, um von den Machtverhältnissen abzulenken.

Denn Religion ist eine Ideologie, mit der Menschen geistig missbraucht werden können. Der sexuelle Bereich ist mit dabei. Drum wird quasi jetzt das Pferd von hinten (!) aufgezäumt.

Männerliebe war nie ein Problem, nur die Lust mit der Prostata. Amen

 

Stalinismus und Putinismus, 1934/2014

Dienstag, März 11th, 2014

Die russische Oktober-Revolution hatte die alten antihomosexuellen Gesetze und die klassische Ehe aufgehoben.

„Die neuen Herrscher im Land nahmen zunächst keine eindeutige Haltung in der Frage der homosexuellen Emanzipation ein. In Russland, Weissrussland und in der Ukraine wurde das zarische Sodomie-Verbot einfach aufgehoben.“ (1)

Die sowjetischen Behörden umwarben die Reformbewegung des Berliner Sexualforschers Magnus Hirschfeld, der sich für die Rechte Homosexueller einsetzte. … Andererseits inszenierten die Bolschewiki Schauprozesse gegen den Klerus, in denen Fälle von „Päderastie“ aufgedeckt und angeprangert wurden.“

Heute dürfen Schwule zwar weitgehend „heiraten“ aber Jugendliche werden auch bei uns wieder strenger geschützt vor Homosexualität, selbst noch vor sich selber.

Entsprechend der anfänglich mit dogmatischer Schärfe betonten freien Moralauffassung des Kommunismus auf dem Gebiet der geschlechtlichen Sittlichkeit (freie Liebe, Kündbarkeit der Ehe, unbegrenzte Zulassung der Schwangerschaftsunterbrechung, Kindererziehung durch den Staat) war die gleichgeschlechtliche Unzucht ohne Qualifikationsmerkmale * in der Sowjet-Union anfangs straflos. Erst im Jahr 1934 wurde die Strafbarkeit der einfachen Homosexualität ohne vorausgegangene Diskussion und ohne Begründung eingeführt.“ (2)

Diese Änderung kann durchaus als Folge des Aufstiegs von Josef Stalin angesehen werden. Stalin war ein Georgier und kam somit aus einer alt-christlichen Kultur. Davon war er um die Jahrhundertwende geprägt!

Aus jener Zeit ist ein Text von Klaus Mann erhalten, der sich als politisch bewusster Schwuler damit auseinandersetzte:

In der Sowjet-Union gibt es neuerdings ein Gesetz, das die Homosexualität unter schwere Strafe stellt. Es klingt überraschend, und man fragt sich, mit welcher Logik und mit welcher Moral eine sozialistische Regierung die Entrechtung und Diffamierung einer bestimmten Menschengruppe rechtfertigt, deren „Verschulden“ in ihrer naturgegebenen Veranlagung besteht: aber es ist so. Übelstände und Skandale in den östlichen Gebieten der Union sollen den Anlass gegeben haben zu der Einführung des beschämenden Paragraphen – gegen den in mitteleuropäischen und westlichen Ländern die Linke seit Jahrzehnten erbittert kämpft.“ (3)

… meine ich nicht nur und nicht vor allem die in der Sowjet-Union immer deutlicher werdende Neigung, in den erotischen Fragen wieder strenger und konservativer zu denken und zu urteilen … „

Ich meine vielmehr jenes Misstrauen und jene Abneigung gegen alles Homoerotische, die in den meisten antifaschistischen und fast allen sozialistischen Kreisen einen starken Grad erreicht haben. Man ist nicht mehr weit davon, die Homosexualität und den Faschismus miteinander zu identifizieren. Hierzu darf nicht länger geschwiegen werden. Wir bekämpfen Rassenvorurteile. Und inzwischen wollen wir das unvernünftigste Vorurteil gegen eine bestimmte geschlechtliche Veranlagung überhand nehmen lassen?“

Dazu kann direkt in die Gegenwart verwiesen werden! Heute werden die Verlängerung des Prostitutionsverbotes und der „Kinderpornografie“ bis zum 18. Lebensjahr bis weit in linke Kreise hinein kritiklos hingenommen! Aus lauter „Besorgtheit“ über neue Medien und Migranten glauben die Leute, sie könnten die Sexualentwicklung von Jugendlichen „aufhalten“! Dabei hätten wir Jahre Zeit gehabt, sie zu informieren und zu begleiten. Und die Ausbeutung mit dem Sex wird bekämpft, damit die Ausbeutung WEGEN dem Sex nicht abgeschafft werden muss! Checksch es?

Woher kommt es denn, dass wir in antifaschistischen Zeitungen die Wortzusammenstellung „Mörder und Päderasten“ beinahe ebenso häufig lesen, wie in den Naziblättern die von den „Volksverrätern und Juden“? Das Wort „Päderast“ als ein Schimpfwort, nur weil es in nationalsozialistischen Verbänden viele geben soll, die junge Männer lieben, statt Frauen!“ (3)

Auch dies kommt mir heute sehr bekannt vor! Während die meisten Kinder von ihren Eltern oder in ihrer Familie misshandelt werden, geilen sich die Medien an „Pädophilen“ auf, die an jeder Ecke lauern sollen…

“ … wenn Blätter, die sich mit Vorliebe ‚liberal und aufgeklärt‘ nannten, plötzlich anfingen ‚Knabenschänder‘ zu schreien, wie eine hysterische Pastorengattin.“ (3)

Und die Schwulen, sowie alle anderen LGBT..s  regen sich über den „Putinismus“ auf, der doch nur mit der russisch-orthodoxen Kirche den Aufputz erledigt, den er früher mit dem KGB durchgeführt hatte. Vom Stalinismus bis heute sind nicht mal hundert Jahre vergangen. Die Politik mit dem Sex, den Homosexuellen und den Kindern bewährt sich von neuem! Die heutigen Linken haben nix gelernt, sorry!

Peter Thommen_64, Schwulenaktivist, Basel

 

* Qualifikationsmerkmale sind zum Beispiel Kontakte unter Zwang, Gewalt, oder als Prostitutionserwerb, oder Überschreitung von Schutzaltersgrenzen

(1) Healey, Dan: Beredtes Schweigen, in: Osteuropa Spektralanalyse, Homosexualität und ihre Feinde, S. 1

(2) Jescheck, Hans-Heinrich, in: Die Behandlung der Homosexualität im ausländischen Strafrecht, in: Homosexualität oder Politik mit dem § 175, roro 943, 1967, S. 96

(3) Mann, Klaus in: Homosexualität und Faschismus, erschienen in: DIE NEUE WELTBÜHNE, Prag 1934

Ulrike Lunacek: Homosexualität in Russland

Die Linke und der Sex, klassische Texte, Promedia 2011

Nachtrag: „Denn in der Ukraine, so Putin, hätten Neonazisten, Antisemiten und Russophobe die Oberhand gewonnen. “ (Bericht dlr.de)

Politisch gesetztes Recht juristisch nach-relativiert…

Samstag, März 2nd, 2013

Geschichtliches aus den 50er Jahren

Zufällig – beim suchen im Blatt der „Homo-Eroten“, dem Kreis-Jahrgang von 1953, stiess ich auf einen Artikel, der mich an die heute aktuellen Bestrebungen zur Nach-Revision des 1992 „revidierten“ Strafgesetzbuches erinnerte (DarstellerInnen in Pornos sollen erst ab 18, statt 16 und Prostitution erst ab 18 erlaubt werden – siehe hier im Blog unter den Links „Jugend-prostitution!“). Als „Kinderporno“ soll neu gelten, wenn 16jährige schon dabei mitmachen.  Dazu interessant ist die ehemalige Botschaft des Bundesrates über die Änderung des unten diskutierten Art. 194, vom 26. Juni 1985! *

Ähnliches hatten wir doch schon in den 60ern…

Schauen wir also zurück in die 50er Jahre des letzten Jahrhunderts und in das damalige Strafgesetzbuch mit dem Art. 194, der generell homosexuelle Kontakte erst ab 20 Jahren erlaubte und die homosexuelle Prostitution auch über 20 Jahre hinaus verbot! Dieses Strafrecht, das 1942 in Kraft getreten ist, löste die kantonalen Strafgesetze mit zum Teil milderen Strafen definitiv ab.

Nachtrag: Die Plattform Romeo beklagt sich heute darüber, dass ihnen von Apple verboten wird, Männer mit „zuviel“ Haut auf dem App anzuzeigen. Ich könnte das bei Frauen verstehen. Aber wahrscheinlich haben die Amis vergessen, dass es mal Handwerker auf offener Strasse gegeben hat, die auch nur in der Körpermitte was an hatten und oben nackt gearbeitet haben. ..   Peter Thommen_63

 

Aus dem „Kreis“ 21. Jg. Nr. 5, Mai 1953  „In der neuesten Nummer der Schweizerischen Juristen-Zeitung, Jg. 1953 ist auf Seite 112 folgender Entscheid des Obergerichtes des Kantons Zürich vom 3. Oktober 1952 publiziert worden:

„Art. 194 Strafgesetzbuch. Freizusprechen ist der Angeklagte, der mit einem unmündigen (= damals unter 20 J.) Knaben von mehr als 16 Jahren beischlafähnliche Handlungen begeht, sofern der Geschädigte früher schon mit andern Männern gegenseitige Onanie betrieben hatte.“ (1)

Der schweizerische Rechtsanwalt, der uns auf das sehr wichtige Urteil aufmerksam macht, führt dazu aus: Dieser Entscheid geht noch weiter als der vor einiger Zeit durch Herrn Dr. Krafft, Zürich, mitgeteilte, da es sich dort um einen jugendlichen Prostituierten handelte, während hier zum Freispruch schon die Tatsache genügte, dass der Junge sich vorher einmal mit Männern eingelassen hatte. Nur diese Auslegung wird ja auch in dem Sinne des Art. 194 gerecht, wonach nur die Verführung strafbar ist. Wer schon verführt wurde, kann es nicht noch einmal werden. Das Bundesgericht hat mit seiner bisherigen Interpretation eigentlich das Gesetz verletzt.

Wenn wir hier im „Kreis“ dem noch nicht Volljährigen keinen Zutritt gestatten, selbst wenn er eindeutig gleichgeschlechtlich empfindet – (aus Gründen, die wir schon oft auseinandergesetzt haben) – so freuen wir uns doch über eine Rechtssprechung, die dem neuen Gesetz durchaus gerecht wird. Umso bestürzter lesen wir eine Zeitungsnotiz, die uns ein Berner Kamerad zustellt:

„Endlich wagt es einer!“ Nationalrat Dr. Emil Bösch (SG, FDP-LdU*), hat in der Frühjahrssession der eidgenössischen Räte folgende Motion eingereicht: Die seit der Einführung des Schweizerischen Strafgesetzbuches bestehende Straflosigkeit der zwischen mündigen Personen männlichen Geschlechts begangenen widernatürlichen Unzucht hat auf den Gebieten des Jugendschutzes und der Verbrechensbekämpfung schwerste Nachteile nach sich gezogen. In diesem Zusammenhang mahnen in einigen Kantonen auch gewisse Erscheinungen des gesellschaftlichen Lebens nachgerade zum Aufsehen. Der Bundesrat wird daher eingeladen, der Bundesversammlung über eine Revision von Art. 194 StGB Bericht und Antrag zu stellen.

Hier handelt es sich um den Versuch, einen rechtsgültigen Gesetzesparagraphen, der seit zehn Jahren in Kraft ist und, wie wir schon verschiedentlich von massgebenden Stellen gehört haben, dem Erpressertum den Boden entzogen hat, ins Wanken zu bringen, zu verschärfen und damit wieder ähnliche Zustände zu schaffen, wie sie in den Ländern um uns fast jede Woche zur Genüge bekannt werden. Die Motion richtet sich zwar nicht gegen unsere Zeitschrift und die damit verbundene Abonnentenvereinigung, aber sie greift die Grundlage an, auf der Beides überhaupt erst möglich ist.

Wir haben in unserer Zeitschrift und an unseren Klubabenden schon zur Genüge betont, dass wir geschlechtliche Beziehungen zu Kindern verurteilen, mögen sie nun Knaben oder Mädchen betreffen, wobei noch zu sagen wäre, dass bei einem Mädchen weit mehr zerstört wird als bei einem Knaben je möglich ist (er meint wohl nicht die lesbische, sondern die hetero Kombination? Th.), sofern eine Handlung nicht gerade zu körperlichen Verletzungen führt. Unlösbar mit unserem Geschlechtlichen ist und bleibt aber unsere Seele verhaftet und wenn das Geschlechtliche mit dem noch Jugendlichen in einer schmutzigen und seelenlosen Art begegnet, so bleibt es verwerflich, ob es vom Gesetz je erfasst wird oder nicht. Hier ist von Jahrtausenden her die persönliche Verantwortung das einzige Richtmass. Es gibt siebzehn- oder achtzehnjährige Mütter, die später prächtige Frauen geworden sind und es gibt Mädchen dieses Alters, die durch einen gewissenlosen Freund zu Dirnen herabsanken. Es gibt Jünglinge, die vor ihrer Volljährigkeit einen Freund fanden, der Vaterstelle an ihm vertrat, ihn ausbilden liess und zu einem vortrefflichen Manne machte – und es gibt junge Kerle, die durch frühzeitige Erlebnisse in der Strafanstalt endeten. Es lässt sich nie, in diesen entscheidenden Jahren ein für alle gültiges Gesetz schaffen; in der Wirklichkeit wird immer wieder Höhe und Abgrund nebeneinander stehen und es ist in den Willen jedes Einzelnen gelegt, was er daraus macht. Dass der Jugendliche geschützt werden muss, der sich verletzt fühlt, dessen persönliches Recht angetastet wurde, ist wohl allen klar. Was soll aber eine Motion, die so formuliert: „Die … Straflosigkeit zwischen mündigen Personen männlichen Geschlechts begangenen widernatürlichen Unzucht hat auf den Gebieten des Jugendschutzes … schwerste Nachteile nach sich gezogen…“ !?!  (2)

Seit wann muss der selbstverantwortliche junge Mann von Gesetzes wegen – („zwischen erwachsenen Männern“) in seiner Geschlechtlichkeit geschützt werden? Kann er das nicht mit einer kräftigen Ohrfeige selbst besorgen, wenn in seiner Wesensart nichts zum mannmännlichen Eros neigt? Wieso soll hier der neue Paragraph des StGB schädigend gewirkt, das jugendliche Verbrechertum begünstigt haben? Der Minderjährige, der die gleichgeschlechtliche Betätigung nicht will, ist ja geschützt, weit mehr als das Mädchen. Ist es nicht ein offenes Geheimnis, dass die Schwangerschaftsunterbrechungen bei minderjährigen Mädchen in erschreckendem Masse zugenommen haben? (Also schon damals! Th.) Wird hier nicht unendlich mehr zerstört als bei einem Achtzehnjährigen, der mit einem wirklichen Freund in gegenseitiger Zuneigung sich geschlechtlich entspannt? Ist es nicht heute so, dass die Welt trotz zwei furchtbaren Kriegen schon wieder übervölkert ist und die Lenker der Staaten, auch unseres Landes, eigentlich froh sein müssten, wenn Kinder nur von verantwortungsvollen Personen gezeugt und geboren werden? Wann endlich wird man die Dinge so zu sehen wagen, wie sie wirklich sind? Könnte sich nicht doch langsam die Anschauung Bahn brechen, dass auch das Homoerotische in der Welt nicht sinnlos ist, wie einige Hochgelehrte behaupten, sondern gerade diese nicht zeugende Geschlechtlichkeit ihren Sinn haben kann im grossen Plan der Natur, vielleicht sogar eines Gottes? Wir jedenfalls wagen diese Frage zu stellen.

Die uns unverständliche Motion ist eingereicht; ob sie durch Straffälle, die auch wir verurteilen müssen, diktiert worden ist, entzieht sich unserer Kenntnis. Wir können nur der Hoffnung Ausdruck geben, dass sie von Männern in Erwägung gezogen wird, die sich der Verantwortung einem vorurteilslosen Leben gegenüber bewusst sind. Wir können aber auch zum sondusovielten Male immer wieder nur erneut die Mahnung aussprechen, alles zu unterlassen, was dieser Motion auch nur die leiseste Begründung zur Änderung des Gesetzes geben könnte. Wir müssen uns tausendmal mehr bewähren vor den Augen der Öffentlichkeit als die Glücklicheren, deren Eros nicht fragwürdig erscheint durch immer wieder neue Entstellungen in eigenen und fremden Reihen. Bleiben wir uns immer bewusst, dass auch die grösste Freiheit, die jemals erreicht würde, nie das eine ausschliesst, das den Menschen erst zu einem sittlichen Wesen macht. Die Verantwortung dem Du gegenüber, die immer wieder in der christlichen Forderung mündet, dem Bruder auf dem Weg des Lebens nichts Böses zu tun, sondern ihn einzuschliessen in die Liebe, die grösser ist als wir selbst. Rolf.

Anmerkungen

*) „Auf den Verführungstatbestand von Absatz 1 im Artikel 194 StGB ver-zichten wir. Nach der neueren Forschung, auf die sich die Expertenkommission stützte, darf angenommen werden, dass für über 16jährige Jugendliche (für jüngere Kinder greift Art 187) des Entwurfs ein) keine Gefahr mehr besteht, durch homosexuelle Kontakte in ihrem Sexualverhalten beeinflusst zu werden. Die sexuelle Entwicklung junger Menschen scheint jedenfalls in diesem Alter hinsichtlich hetero-, homo- oder bisexueller Richtung festgelegt zu sein. Homo-sexuelles Verhalten unter nahezu gleichaltrigen Jugendlichen kann überdies eine pubertäts- oder entwicklungsbedingte Erscheinung sein, die keine nachhaltigen Folgen zeitigt; in solchen Fällen sollten daher auch jugendstrafrechtliche Mass-nahmen ausser Betracht bleiben.“  (Botschaft des BR vom 26. Juni 1985, S. 79)

1)  als PDF

2) Wir befinden uns hier in der Zeit der „gefallenen Mädchen“ und der „ledigen Mütter“ – des kein-Sex-vor-der-Ehe und lange vor der Pille! Zudem hat Rolf richtig bemerkt, dass es einerseits nur um Erwachsene unter sich geht, es nichts mehr mit dem Jugendschutz zu tun hat! Hier entblösst sich die gesellschaftliche Moral in einer verbrämten politischen Aktion! Th.)

der ewige abgesang auf „die szene“

Montag, Oktober 22nd, 2012

Er erinnert mich an einen Kommentar in einer der alten deutschen „Zeitschriften für Freunde“ (Der Weg, Die Freunde), in welchem diese gedruckten Blätter sich darüber beklagen, dass der rege Austausch übers Gedruckte und die zahlreichen Leserbriefe sich in den 60er Jahren reduzierte, weil durch die teilweise Entschärfung des § 175 (BRD) sich jetzt Clubs und Lokale bildeten, worin homosexuell „Veranlagte“ sich real treffen und Bekanntschaft machen konnten. Der Abgesang also der „gedruckten Szene“. Noch lange Jahre war es in Deutschland üblich, „Szenelokale“ nur auf Empfehlung, oder mittels Prüfung durch das heute verschwundene Guckloch, betreten zu können.

Als ich 1970 die Basler Szene kennenlernte, war der Eintritt in den Homo-Club Isola im Gerbergässlein nur auf Empfehlung eines Mitglieds möglich. Glücklicherweise war ich da schon im Februar 20 Jahre alt geworden und hatte also das offizielle schweizer Schutzalter verlassen. Doch was bot sich mir sonst in Basel? Es gab diverse Klappen, Parks und das St. Margrethen-Luft-und-Sonnenbad mit der Abteilung nur für Männer… Die internationale Zeitschrift „Der Kreis“ aus Zürich – wichtiges Bindeglied in Kriegszeiten – hatte sein Erscheinen eingestellt. Geblieben waren die von ihm geförderten und empfohlenen „privaten Clubs“ in den Städten der Deutschschweiz. Darin fanden „bombige“ Feste statt, wie Frühlingsball und Herbstball, sowie besinnliche Weihnachtsfeiern für „Einsame“… Der Kreis war nie öffentlich verkauft worden, wegen des Vorwurfs der „homosexuellen Propaganda“ – und vor allem wegen des Jugendschutzes!

Aus den verbliebenen ehemaligen Kreis-Mitstreitern und jüngerem Nachwuchs entstand ein neues Blatt und später der Club „Hey“ in Zürich. Der ursprüngliche nichtöffentliche „Conti-Club“ war in der Presse aufgeflogen, weil sich – nach etlichen Verbrechen an Schwulen und Verstösse von Homosexuellen gegen das höhere Schutzalter (16-20) die Aufmerksamkeit der Medien darauf richtete. In der Schweiz war es der § 194, der uns rechtlich bis 1992 diskriminierte – mit aktiver Unterstützung bis zum Bundesgericht. 1974 hatte die Schweiz die Europäische Menschenrechtskonvention unterzeichnet, aber nicht das 12. Protokoll gegen Diskriminierungen. (Damals standen das Jesuitenverbot und das Schächtverbot noch in der Verfassung, aber auch Strafprozessordnungen von Kantonen waren nicht EMR-konform) Ein unterschiedliches „Schutzalter“ für Homosexuelle hätte dieses Protokoll nicht mehr zugelassen.

Ähnlich wie heute in verschiedenen Oststaaten, wehrten sich unsere Vorkämpfer gegen Vorwürfe wie „Jugendverführung, Propaganda für Homosexualität, homosexuelle Prostitution“ (Totalverbot!) und sexuelle Darstellungen waren höchstens privat und in künstlerisch anerkannter Darstellung möglich.

Diese Szene änderte sich, als in der Nachfolge von Stonewall 1969 auch in Zürich Homosexuelle auf die Strasse gingen und sich selber sichtbar machten. Mit der Organisierung von Vorträgen und der Suche nach, nicht kommerziell ausgerichteten, Treff- und Unterhaltungslokalen brachten sie die herkömmlichen „bürgerlichen“ Homosexuellen in Zugzwang.

In Basel suchten Schwule nach Alternativen zum Club und zur öffentlichen Cruising-Szene der Parks und Toiletten. Die Homosexuellen Arbeitsgruppen Basel stellten an die Stadt Forderungen nach einem Lokal. 1992 schliesslich wurde das „Schwulen- und Lesbenzentrum“ eröffnet. Mit Mitteln aus der legendären Ausstellung „Männergeschichten“ 1988 in der Kaserne und einem Zuschuss vom Staat.

Soweit ein rudimentärer Überblick über die frühe Entstehung und Entwicklung von homosexuellen Szenen im letzten Jahrhundert, der gewöhnlichen Schwulen Zugang bot. Daneben wuchsen und gedeihten auch private Zirkel und „schwule Seilschaften“ über die es weitestgehend keine Aufzeichnungen gibt. Höchstens noch erzählte Geschichten und Gerüchte.

Das wäre der Bereich und Bewegungsraum welchen sich ein heutiger Gay unter „Szene“ vorstellt. Das da wären, die Clubs, Bars, Saunen, Parties und die „schwulen Badestrände“ im Sommer, sowie die öffentlichen Toiletten als Spezialszene. Nicht zu vergessen die Ferienreisen und der Besuch anderer Städte…

Es ist normal, dass  durch die Veränderungen der Wirtschaft, der Einkommen, der Transportmittel und der politisch-juristischen Situation, sowie der Migration diese SzeneN sich dauernd ändern. Früher innerhalb von Jahrzehnten, heute innerhalb von Jahren! Ist es denn sinnvoll darauf immer „Abgesänge“ zu halten?

Vielleicht ist bei der Darstellung aufgefallen, dass privates Leben zu zweit nicht so im Vordergrund steht, obwohl die Sehnsucht nach einem Freund und der ewig währenden Liebe mit ihm früher noch stärker war als vielleicht heute. Begüterte Homosexuelle hatten immer viel mehr Möglichkeiten in Szenen zu gehen, oder sich „einen Freund zu halten“. Aber das ist mir heute nicht von Belang. Trotzdem wird der Abschied von der allgemein bekannten „Szene“ immer wie ein Verschwinden eines Paradieses zelebriert.

Jeder Fussballverein hat ein Stadion oder ein Vereinslokal, in welchem er sich darstellen kann und wo Heterosexuelle auch ihre PartnerInnen finden können. Jeder grössere Häuserblock enthält Kids, die sich in der Nachbarschaft, in einem Hauseingang treffen und mit verschiedenen Absichten und Interessen eine unbemerkte Szene bilden, von der keineR Notiz nimmt, solange sie nicht auffällt. Als die Italiener kamen um hier zu arbeiten, die Portugiesen und die Spanier, bildeten auch sie Szenen. Zum Zweck der Heimatverbundenheit und der Pflege von Gebräuchen. Sogar Vereine von Zuzügern aus anderen Kantonen waren bei der frühen innerschweizerischen Mobilität im letzten Jahrhundert entstanden. Letztlich hat auch jeder Kriminelle und jeder Gläubige irgendeine Szene, die er beeinflusst oder der er sich anschliesst. Nicht nur im Sport.

Letztlich, wer sich „der Szene“ verweigert, oder ihr fern bleibt, bildet einfach eine eigene Szene. Aber da er in seinem eigenen Heim oder Bekanntenkreis zuhause ist, empfindet er es nicht als solche. Vielen Homo-Ehen ist das auch nicht bewusst. Ein Teil macht Einladungen oder gibt Parties – auch Sextreffs zu Dritt oder Viert (swingen), oder geht auf gemeinsame Reisen. Ich meine jetzt nicht nur den Fickstrand auf Gran Canaria.

Wir selbst kommen aus unserer Familienszene, aus der wir uns notgedrungen loslösen mussten, weil da keine Aussichten auf Schwulitäten waren. Das ist auch gut so, weil sich in festgefahrenen Lebensgemeinschaften/Verwandt- schaften aufgrund der Nähe und Machtverhältnisse eben auch sexuelle „Übertretungen“ ergeben und Missverständnisse einschleichen können. (zB wenn es unter Brüdern abgeht.)

In dem Buch „Gemischte Gefühle“ der Autoren Braun/Martin (rowohlt 60853, 2000) wird genau beschrieben, dass es auch eine „Heteroszene“ gibt, mit ihren ebenfalls dunklen Flecken. Ich erinnere an die sexuellen Belästigungen zwischen Männern und Frauen (oder auch mal umgekehrt!) am Arbeitsplatz, in Vereinen, an Anlässen, in Verkehrsmitteln…

Da lob ich mir hingegen eine klar homoSEXuelle Szene, in der alle darin Wandelnden wissen sollten, was sie wollen und welche Möglichkeiten sich bieten. Zwar muss da auch für verschiedene Dienstleistungen bezahlt werden, wie Gastronomie, Gesundheit, körperliche Reinigung und Entspannung, Unterhaltung und Information. Aber – im Gegensatz zu heterosexuellen Szenen – für die persönliche sexuelle Begegnung noch nicht so konsequent! Und seien wir mal ehrlich und offen. So eine Beziehung, oder ein Freund kostet oft auch eine Stange Geld, die sich nicht jeder leisten kann! Auch wenn es die gross Liebe, oder die langjährige Beziehung sein sollte.

Schlussfolgerung: Wer sich irgendwelchen Szenen entzieht, oder ihnen entflieht, landet ganz normal in einer neuen! Und wenn es nur seine neue „schöne“ Wohnung ist! Und darin haben sich bereits Internetportale per Computer etabliert. Da ist es herzig, immer wieder zu lesen, der eine oder andere sei „kein Szenegänger“. 😉

Ich finde es wichtig, noch etwas anzufügen. Für viele, die in jungen Jahren die Szene genossen oder darin konsumiert haben, kommt einmal der Tag und das Alter, in welchem keiner mehr für sie schaut und ihnen dient. Dann wäre es an der Zeit, mit Anderen zusammen bedürfnis-angepasste Szenen zu schaffen, in denen sich auch Ältere Schwule noch wohlfühlen können. Seien sie Single oder befreundet, oder auch nach einem Verlust des Partners. Daher braucht es eine Infrastruktur, die sich nicht am Kommerz orientiert, sondern am Zusammen- sein. Doch schwierig wird es, wenn die Leute dann ihren Konsumismus und ihre hohen Erwartungen nicht mehr ablegen können. Und schwierig ist es, wenn keiner uns zeigt, dass Männer/Schwule auch bis ins Alter vergnügt und interessiert sein können, ohne verbandelt oder vermögend zu sein.

Ab 30 bist Du vielleicht raus aus der Jugendszene, aber ein schwules Leben kann mit 40 – etwas anders – durchaus weitergeführt, oder neu angefangen werden. Aber bitte nicht als ewige Wiederholung aus der Jugendzeit, sondern als Weiterentwicklung eines Lebens oder Zusammenlebens mit Anderen. Was übrigens auch bei den Heteros ein Problem ist, wenn sie mal eine Familie „gegründet“ haben. Nur wird nicht darüber geredet.

Peter Thommen_62, Schwulenaktivist, Basel

 

P.S. Der ganze Drogenkonsum von Männern jeglicher Orientierung wird seine „krankhaften“ Folgen haben, und die Szenen der barebacker und HIV-posiviten können wir auch nicht einfach der Medizin und den Heteros überlassen! Für Arbeit und Arbeitsgruppen – auch eine gemeinschaftliche Szene – wird es immer etwas zu tun geben. Statt gemeinsam einsamen, oder einsam gemein sein zu Anderen

Zu diesem Text ist eine ausführliche Reaktion eingetroffen, die ich Euch in sieben Seiten PDF anfügen möchte!

Thomas Henschel, „Szene-Updates“  (bitte die Autorenrechte auch auf diesem Blog beachten!)

Frauen und schwänze

Montag, September 17th, 2012

Ich kann völlig verstehen, wenn sich Frauen darüber nerven, dass Männer an ihrem Hosenschlitz herummachen, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Oder sich körperlich aufdrängen. Das möchte keineR. Abgesehen von der verheimlichten Homosexualität, die manchmal zu so verklemmten Mitteln greifen muss, um nicht an die Frau, sondern endlich an einen anderen Mann zu kommen!

Nun, viele Erektionen haben auch organische Ursachen und sind gar nicht auf andere Personen bezogen. Aber das wissen die wenigsten von uns allen. Vor allem die Kinder und Jugendlichen nicht, die damit allein gelassen werden und im schlimmsten Fall ein schlechtes Gewissen dafür entwickeln…

Aber darauf will ich gar nicht hinaus. Ich finde nur, ich sollte das vorausschicken, wenn ich auf ein zufälliges Erlebnis kommen möchte, das so selten eigentlich gar nicht ist.

Wir stehen vor dem Hirscheneck an einem lauen Sonntagabend, bei Bier und guter Laune. Schwule, Heteros und Frauen. Ich weiss gar nicht mehr genau, was alles vorher geredet wurde. Ein Wort gab das andere und schliesslich ging es plötzlich um Schwänze – ein, zwei Sätze nur. Natürlich auch um die grossen! Ich bemerkte, dass es nicht nur Vergnügen bereitet, einen solchen zu haben. Ich wiederhole: „zu haben“! Schliesslich hätte ich auch schon einige gehabt…

An dem Tisch waren auch zwei Frauen. Na und? Fand ich eben auch. „Hehe es sind schliesslich Frauen am Tisch!“ Ich will jetzt nicht schildern, was mir dann alles durch meinen schwulen Kopf geschwirrt ist.

Aber wieso wollen Frauen weder zufällig, noch situationsgerecht über Schwänze reden? Sie gebären welche und vor dem Gebären brauchen sie welche…

Ach, ich erinnere mich wieder: Schwule seien doch alle so schwanzfixiert! Aber mit den Körbchengrössen, oder gar den Titten hat keineR ein Problem! Na also, fuhr es mir durch Kopf und Mund: „Wieso interessieren sich ausgerechnet Heterofrauen nicht für Schwänze?“

Ich habe in den letzten Jahren fast nur mit Hetero-Männern Sex gehabt. „Ja und wissen denn ihre Partnerinnen überhaupt davon?“

Das geht die doch gar nichts an. Wozu sollen Frauen um etwas wissen, was sie eh nicht selber bieten können! Einen Schwanz – und sei es nur zum Vergleichen. Ganz zu schweigen von anderen Lustbarkeiten…

Zitat aus einem zufälligen Text: „Auch in meinem Bekanntenkreis habe ich einige Möchtegern-Tolerante. Aber wenn ich mal über meine Bedürfnisse sprechen möchte, bekomme ich regelmässig den Satz zu hören: „Ich akzeptiere deine Homosexualität, aber können wir nicht über etwas anderes sprechen!“ (Christian in Spot25-Nachrichten Nr. 2, S. 3-4, 1997)

Grundsätzlich fängt das Schweigen über die „Schwanzfixiertheit“ von Jungen bereits bei den Müttern an! Es geht weiter über die Freundinnen bis zu den Ehefrauen. Logisch, dass auch sonst in der Gesellschaft kein Gesprächsraum für „so was“ vorhanden ist! Auch nicht spontan und auch nicht zufällig! Einfach NICHT!

Ich habe mir am vorausgehenden Freitag wieder mal den Film „Katzenball“  (V. Minder) über lesbische Biografien, von den 40gern des letzten Jahrhunderts bis 2005, angeschaut. Übrigens sehr empfehlenswert und angeboten von der HABS, im Neuen Kino!

Ich erinnerte mich plötzlich an die emotionalen Worte von Heidi, die sinngemäss etwa sagte, dass eben nicht nur Gewalt und offene Diskriminierung einer Lesbe die Sprache verschlagen. Es sind auch die vielen kleinen Momente, in denen sie überlegt, soll ich etwas sagen, soll ich identisch sein, soll ich zu meinen Bedürfnissen stehen, oder nehme ich ständig Rücksicht auf alle andern?

Nun bin ich halt nicht bekannt als jemand, der sich dem Schweigen beugt. Und daher überlegte ich nicht lange herum, sondern tat so, wie Heidi im Film indirekt empfohlen hatte. In der Konsequenz dann war ich hetero-, respektive frauenfeindlich; und „natürlich“ kam von Frauenseite kein Spruch, oder gar ein Beitrag. Nein.

„Hehe, es sind Frauen am Tisch!“

Peter Thommen_62, Buchhändler und Schwulenaktivist, Basel

zur hp von Katzenball (2005)

Während die Mösendebatte bis zur Ohnmacht geführt wird, werden Schwanzdebatten einfach ignoriert! 😉

Das Bundesverwaltungsgericht und die Homosexualität

Sonntag, Mai 15th, 2011

Anfang dieses Jahres wurde das Asylgesuch eines homosexuellen Iraners vom Bundesverwaltungsgericht in SG zurückgewiesen. Er wurde zur Rückreise in sein Land „verurteilt“. (Das BVGer ist die höchste Instanz für Verwaltungsentscheidungen unter dem Bundesgericht) Dem Asylsuchenden wird der Besitz von 75 g Heroin zur Last gelegt. (Entscheid) (Übersicht der Rechtslage in diesem Asylverfahren bei humanrights.ch)

Ich möchte mich hier auf den „Umgang des Bundesverwaltungsgerichtes“ mit der Homosexualität konzentrieren. Sie ist historisch im Strafrecht zu verorten und dort nur als Handlung zwischen Männern oder zwischen Frauen. Dies mag auch ein wesentlicher Grund sein, warum das „Schutzalter“ für diese Handlungen von 1942 an bis in die 80er Jahre* bei 20 und nicht wie bei heterosexuellen Handlungen bei 16 lag und dies offenbar vom Bundesgericht in Lausanne auch gestützt wurde (sh. unten: BGE 70 IV 166 und BGE 85 IV 223). Aber spätestens bei der Ratifizierung (1974) der Europäischen Menschenrechtskonvention hätte die Rechtsprechung eigentlich angeglichen werden sollen (auch in der BRD, und in Österreich bis heute übrigens!). Aber genauso wie sich die Wirtschaft seit Jahrzehnten nicht um den Verfassungsartikel kümmert, der die gleiche Lohnzahlung für gleiche Arbeit bei Männern und Frauen verlangt, so ist die praktizierte Politik mit Rechtsgütern, dem politischen Opportunismus ausgeliefert. Dabei fällt mir auch die „Instandstellungspauschale“ nach Verlassen einer Wohnung ein, die von den Vermietern über Jahrzehnte eingefordert worden ist, bis jemand mal soweit ging, das Bundesgericht anzurufen (1981). Dieses entschied dann eine Rückzahlung bis auf 5 Jahre zurück…

Es ist hier die Gelegenheit, Schwulen und auch Lesben übrigens, in Erinnerung zu rufen, dass erreichte Rechtsstände weiterhin verteidigt, oder gar ausgebaut werden müssen – mit politischen Mitteln notabene! Dabei geht es nicht nur um die Angleichung des Adoptionsrechtes und anderer zivilrechtlicher Ansprüche. Was das sogenannte Schutzalter betrifft, so wurden durch das neue Strafgesetz ab 1942 einige kantonale Schutzalter dabei erhöht**! Auch das sei zur Erinnerung aller „Schutzbeflissenen“ hier wieder in Erinnerung gerufen!

Doch kehren wir zur aktuellen „Gleichbehandlung von Homosexualität“ durch Gerichte zurück. In die Verfassung (2000) ist die Schutzwürdigkeit einer sogenannten „homosexuellen Orientierung“ nicht gerutscht. Zu nahe war das Strafgesetz, von dem natürlich auch Heterosexuelle betroffen sind. Wir Schwulen vergessen immer wieder, dass schon in der Bibel (Lauritzen: Religiöse Wurzeln des Tabus der Homosexualität, Frühlingserwachen 1983/engl. 1974) von den Männern und Frauen die Rede ist, welche „den natürlichen Geschlechtsverkehr verlassen haben“…

Wir sollten also nicht nur lernen, dass heutzutage die Mehrheit der homosexuellen Akte von Menschen „begangen“ werden, die nicht homosexuell orientiert sind, sondern in heterosexuellen Ehen leben, oder sich selbst als „heterosexuell“ definieren. Wir sollten auch realisieren, dass die Ideologie des „Heterrors“ vor allem auch diese „vor Abweichungen schützen muss“! Das ist der Schwulenbewegung und den Einzelnen viel zu wenig klar. Das geht mir selbst genauso, wenn ich erst jetzt die detaillierte rechtliche Entwicklung genauer betrachte! (siehe unten BGE 88 IV 65)

Es ist interessant, wo das relativ neue Bundesverwaltungsgericht in Sankt Gallen in dieser Thematik steckt. Man könnte annehmen, dass die gesellschaftlichen Veränderungen auch in diesen Amtsstuben angekommen sein müssten. Als ich den Entscheid-Text las (siehe Link oben!) bin ich allerdings über folgende Formulierung gestolpert:

„In der Praxis wird Homosexualität von den Behörden im Alltag demnach geduldet, wenn sie nicht in einer möglicherweise Anstoss erregenden Art öffentlich zur Schau gestellt wird.“ (Begründung Punkt 8, Antonio Imoberdorf, vorsitzender Richter, Daniel Grimm, Gerichtsschreiber)

Bei einer solchen Formulierung kann wohl nicht von einer „homosexuellen Orientierung“ als bekannter und akzeptierter Begrifflichkeit bei dem Gericht ausgegangen werden.

Ich versuche mir gerade vorzustellen, wie denn eine Heterosexualität in einer möglicherweise Anstoss erregenden Art öffentlich zur Schau gestellt werden könnte…  (vielleicht die Prinzen-Hochzeit in England!)

Abgesehen von der Praxis- und Rechtsferne des Bundesverwaltungsgerichtes in Bezug auf den Iran, stellt nun Axel Schubert von der HABS richtig fest: „Sich dauerhaft zu verleugnen, wird nicht nur als erniedrigende Behandlung ganz real erfahren, es macht auch krank. Doch Verleugnung zu fordern, zeugt von der Unkenntnis des Gerichts, wie sich Diskriminierung aufgrund eines unveräusserlichen Teils der eigenen Identität anfühlt.“ (PrMit HABS vom 16.02.2011, PDF)  (siehe unten BGE 88 IV 65)

Handkehrum muss ich nun an die Burka und ähnliche Kleidungsstücke denken, die bei Frauen doch als wesentliches Element, entweder der weiblichen Identität, oder grad des Gegenteils davon rechtlich verstanden werden kann! Aber diese sind natürlich – rechtlich gesehen – Gegenstände, die frau einfach überziehen oder wegnehmen kann. Desgleichen gilt auch für die Homosexualität, wenn sie eben nicht als sexuelle Identität verstanden wird, sondern nur als eine – mehr oder weniger strafbare, „Alltagshandlung“, oder eben „temporäre Verkleidung“.

Aber so wie Frauen ihre Würde mittels eines Kleidungsstückes erlangen oder verlieren können, so können auch Heterosexuelle ihre Homosexualität erleben oder Abstand davon nehmen. Der Vergleich hinkt natürlich, weil das eine materiell-sichtbar ist, und das Andere sich nicht mal an einer äusserlichen einzelnen Handlung festmachen lässt.

Daher denke ich, dass wir uns weiterhin mit dem Kampf um Erweiterung der sexuellen Handlungsfreiheit begnügen müssen, auch wenn das Gesetz zur ePartnerschaft nahe legt, dass es auch eine fest zu verortende homosexuelle Orientierung geben müsste. Aber dieses Gesetz können auch Menschen unterzeichnen, die keine homosexuelle Orientierung haben. Genauso wie bei der „heterosexuellen“ Ehe! Rechtsverbindlich kann eben immer nur die äussere Form sein. Das vergessen auch viele heterosexuelle PartnerInnen homosexuell aktiver Menschen. Da sind ihnen wohl Schwule einen Schritt voraus! 😉

Peter Thommen_61, Schwulenaktivist, Basel

* Politische Opportunität liess dann die kantonalen Gerichte, schon vor Einführung der Revision 1992, dann von Anklageerhebungen absehen, wenn die Beteiligten alle 16 Jahre oder älter waren.

* *Das allgemeine Schutzalter liegt zwischen 12 und 16 Jahren, einige Kantone kannten es gar nicht, andere nannten „Mannbarkeit“. (Schüle, Hannes: Die Entstehung des Homosexualitäts-Artikels…, 1983)

Siehe auch: „Dass die Ihre Organisation besonders interessierenden Bestimmungen des Art. 194 StGB revisionsbedürftig sind, liegt auf der Hand. Art und Umfang der Revision hängen entscheidend von den Ergebnissen des Vernehmlassungsverfahrens und den Beratungen im Parlament ab. Im Falle des Referendums wird das Volk zu entscheiden haben.“ (Aus dem Brief des Eidg. Justiz- und Polizeidepartementes vom 26. November 1980 an die Schweizerische Organisation der Homophilen, Zürich – Dr. B. Schneider, Generalsekretär)

Neuester BGE * betreffend die Ehrenrührigkeit der Zuschreibung/Ver-leumdung von Homosexualität: „Dem Beschwerdeführer ist beizupflichten, dass es nicht per se ehrenrührig ist, einen Menschen als homosexuell zu bezeichnen, da Homosexualität weder unsittlich noch unethisch ist. Zugleich ist aber festzuhalten, dass auch bei einer solchen Äusserung eine Ehrverletzung gemäss Art. 173 ff. StGB nicht immer ausgeschlossen werden kann. Davon geht ebenso die Vorinstanz aus. Ihres Erachtens kommt es für die Beantwortung der Frage, ob die Äusserung, jemand sei homosexuell, ehrverletzend sei, auf das soziale Umfeld des Betroffenen und der Adressaten der Äusserung an.“  …   „Ebenso beinhaltet die Aussage, dass ein Jugendleiter homosexuell sei, nicht, dass er pädosexuelle Neigungen habe.“ (BGE 6B_983/2010, 19. April 2011, Strafrechtliche Abteilung)

Bei der anhaltenden Pädo-Hysterie ist das eine typische Beurteilung aus dem Elfenbeinturm! P. Th. (*auch Suche beim BGer unter Homosexualität, April 2011 möglich)

2011 „Die Stadt Moskau war vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg im vergangenen Jahr zu einer Geldstrafe verurteilt worden, weil sie Homosexuellen Kundgebungen verboten hatte. In diesem Jahr berief sich die Stadtverwaltung auf internationale Konventionen zum Kinderschutz. Es bestehe die Gefahr, dass Kinder beim Anblick von Homosexuellen traumatisiert würden, zitierte Schwulenverbandschef Nikolai Alexejew aus dem Schreiben der Behörde. Er will dennoch für diesen Samstag eine Kundgebung für die Rechte von Schwulen und Lesben organisieren. (dpa)

2011 Vorwürfe wegen „Pädophilie“ gegen Politiker in Irland

 

 

oben zitierte Bundesgerichts-Entscheide: BGE 70 IV 166 (29.9.44): „Ganz abgesehen davon ist widernatürliche Unzucht sittlich verwerflich, auch wenn sie nicht strafbar ist.“ (Zitat auf S. 166, Entscheid ab S. 163)

BGE 85 IV 223: „Das Gesetz fasst die widernatürliche Unzucht als etwas grundsätzlich anderes auf als den Geschlechtsverkehr zwischen Mann und Frau; es erachtet die Gefahren, die für einen jungen Menschen mit der widernatürlichen Unzucht verbunden sind, in gewissem Sinne als grösser und hat entsprechend das Schutzalter höher angesetzt.“

BGE 88 IV 65: „An der bisherigen Rechtsprechung ist daher festzuhalten. Von ihr abzuweichen, besteht umso weniger Anlass, als die Gefahr, dass Jugendliche in das Treiben Homosexueller hineingezogen werden, seit Erlass des Gesetzes zugenommen hat.“

(Die BGE wurden zitiert aus: HAZinfo, März 1975)

Anmerkung: Es ist hier ausschliesslich von Tätern und auf diese bezogen von männlichen Jugendlichen die Rede, sonst ginge es ja nicht um Homosexualität! Für die weibliche Variante interessierte sich keineR¨;)

schwul – aber ein guter Linker? 1. Teil

Freitag, April 29th, 2011

Selbstbestimmung statt Normen. Schwules „Positionspapier“ der Jungsozialisten/GaynossINNen zur sexuellen Orientierung und geschlechtlichen Identität. Das Papier wurde an der Delegiertenversammlung vom 13. November 2010 diskutiert.

Die Gaynossinnen stellen fest, dass viele Forderungen der Schwulenbewegung und der historischen bürgerlichen Homo-Organisationen umgesetzt wurden und schreiben:

„Die heutigen Diskriminierungen sind unterschwellig und versteckt: Lesbische Frauen werden oft doppelt diskriminiert.“

beim Nachdenken

Diese „doppelte“ Diskriminierung von Lesben ist gesellschaftspolitisch zumindest schräg, wenn nicht historisch falsch. Diese Formulierung postuliert einen diskriminatorischen „Mehrwert“ gegenüber den Homosexuellen, der nicht auszumachen ist, aber viele Homosexuelle offenbar beeindrucken kann. Damit wird wohl die Feststellung folgender Tatsache ausgebügelt:

„So reduzieren Medien die gesamte queere* Bewegung in der Berichterstattung regelmässig auf „Schwule“.

Aber eines nach dem anderen:

Erstmal ist historisch-kulturell belegt, dass homosexuelle Männer und Frauen schlicht anders diskriminiert wurden und werden. Damit wird schon die „doppelte Diskriminierung“ hinfällig, weil sie mit derjenigen der Männer nicht vergleichbar ist. Die soziale Diskriminierung beruht auf konkreten körperlichen Merkmalen und geschlechtlichen Handlungen, die ebenfalls nicht zwischen Männern und Frauen so einfach verglichen werden können.

Die Diskriminierung beruht auf dem Mann als Mass aller menschlichen Dinge. Diesem folgt politisch-logischerweise ein sozialer Minderwert der Frauen. Doch dieser Minderwert wird ihnen nicht durch Handlungen zugeschrieben, wie bei der männlichen Homosexualität, sondern schon von Geburt an. Und keine Frau kann durch irgendwelche Handlungen eine andere Frau in ihrem sozialen Wert als Geschlechtswesen noch mehr herabsetzen – zur „doppelten Frau“ machen. Dies ist wohl nur spekulativ möglich.

Geschlechtshistorisch kann ein Mann durchaus einen anderen Mann durch Analverkehr auf den sozialen Wert einer Frau „herabsetzen“. Und wohlgemerkt: Der aktive Penetrierer bleibt ein Mann, während der passive – logischerweise zur Frau wird. So etwas findet zwischen Frauen nicht statt.

„Linkspolitisch“ muss erkannt werden, dass die Urklassengesellschaft in Penetrierer und Penetrierte eingeteilt war. Dies unabhängig vom biologischen Geschlecht. Wobei nur den Männern ein Rollenwechsel möglich war, denn Frauen bleiben Frauen, auch wenn sie sexuelle Kontakte untereinander haben.

Und hier komme ich zur „doppelten“ Diskriminierung der Männer: Eine Frau, die penetriert wird, bleibt eine Frau und steigt höchstens durch die Fruchtbarkeit zur Mutter auf. Männer können also – auf der aktiven Seite – Männer bleiben. (Worauf viele Heteros und Bisexuelle auch Acht geben!) Nach der traditionellen Moral aber „werfen“ passive Männer in der Homosexualität „ihre Männlichkeit weg“, die sie ja eigentlich behalten könnten – mit anderen homosexueller Handlungen. Hier ist eine – wenigstens – moralisch verstärkte Diskriminierung gegenüber passiven Homosexuellen zu finden.

Ältestes Beispiel aus der Bibel: 3. Mose 18,22: Du sollst nicht beim Knaben liegen wie beim Weibe; denn es ist ein Greuel. (Weil damit der Passive zum Weib gemacht wird. Die Bibel bestraft übrigens auch den Aktiven! PT)

Diese „organisch-funktionelle Begründung von Diskriminierung“ findet sich auch in vielen Köpfen von Frauen! Wiederum ein Beispiel:

(Aus einem Interview mit einer Mutter)

„Wie geht es Ihnen denn mit schwuler Sexualität?

(nachdenklich) Ich weiss, es ist absurd, aber bei Heterosexuellen stört mich Analverkehr nicht – bei Homosexuellen stösst er mich ab.

Warum?

Weil der passive Teil der Beziehung irgendwie degradiert wird; aber ein Mann, der sich degradieren lässt (zögert) … ist in meinen Augen unmännlich.

Könnte es sein, dass Sie fürchten, dass Ihr Sohn unmännlich und dann für sie nicht mehr attraktiv ist?

Ist es schlimm, wenn ich Ja sage?“

(Braun, Joachim: Schwul und dann, Querverlag, 2006, S. 38-39)

(Historischer Hinweis: Bis in die 80er Jahre hinein galt ein gleichgeschlechtliches Schutzalter bis zum vollendeten 20. Altersjahr (für Heteros 16). Damals waren die Homosexuellen generell die „Pädophilen“, welche die Söhne ehrbarer Mütter zu entmännlichen drohten. Woraus folgt, dass es eben Mütter waren, die vor allem Angst um ihre Söhne hatten. Viele Väter stützten diese Moral, auch solche, die selber homosexuelle Erfahrungen in ihrer Jugend gemacht hatten. Solche Probleme** gab es bei Lesben nie – darum auch keine „Pädophilie“!)

Die diskutierte Diskriminierung ist schlicht „anders“ und kann niemals in ein Mengenverhältnis wie „doppelt“ gefasst werden. Dies zeigt auch das heutige Sexualverständnis vom „Lesbenporno“. Während die aktive Betätigung zweier Frauen miteinander von „heterosexuellen“ Männern weit herum als anregende Sexualphantasie konsumiert wird (wobei der Ausschluss des Mannes aus der Inszenierung vom Konsumenten ignoriert wird, weil es (übrigens meist heterosexuelle) „Frauen“ sind, die das „spielen“), sehen sich im Vergleich nur wenige Lesben und Frauen „Schwulenpornos“ an – aber es gibt immerhin welche.  😉

Dass – wie im obigen Interview – Frauen selber die Penetrationsdiskriminierung an andere Männer und Söhne weitergeben, finde ich sexualpolitisch äusserst aufschlussreich.

Die Diskriminierung von Homosexualität läuft also primär über den Penis (und nicht über die Klitoris), der so schnell den sozialen Status verändern kann. Er ist es auch, der in den letzten paar hundert Jahren die speziellen Homo-Paragraphen bestimmte („Code Penale“), während die Sexualität unter Frauen durchaus als ein Teil ihrer „Frauenkultur“ von den Männern hingenommen, oder einfach „übersehen wurde“. Dies aber im Rahmen der allgemeinen Ignoranz gegenüber Frauensexualität! Zwar total, aber nicht doppelt! (***)

Der aktuelle „Täter“-Begriff klammert sich denn auch juristisch, kriminologisch und politisch-korrekt immer noch an diesen Penis, obwohl die Frauen als Täterinnen längst verschiedentlich aufgeholt haben. (Auch „Unterlassungen“ können verantwortbar und strafbar werden!)

Ich habe in den Urteilsstatistiken von 1942 – in die 80er Jahre recherchiert und darin viele Männer gefunden, die sich strafbar gemacht haben. Während es nur einzelne Frauen gab, die damals so offensichtlich gegen die auch für sie geltenden Gesetze (Schutzalter 20, glg. Prostitutionsverbot) verstossen haben, dass sie verurteilt wurden. Es ist für mich hinfällig, darüber zu streiten, ob jetzt die absolute Aufmerksamkeit gegenüber den Männern, oder die Ignoranz gegenüber den Frauen als „doppelt“ zu gelten habe. Die Diskriminierung ist historisch-kulturell-organisch anders und qualitativ nicht vergleichbar – schon gar nicht quantitativ.

Ein letztes Beispiel soll die von mir postulierte Verschiedenheit illustrieren. Vor vielen Jahren meldete ich mich bei der Polizei in Basel wegen verschiedener Übergriffe im Schwulenpark. Meine Vis-à-vis für die Beschwerde war zufällig eine Frau. Sie nahm meine Informationen entgegen und bemerkte am Schluss: „Wieso haltet ihr Männer euch eigentlich in einem öffentlichen Park auf? Ich gehe ja mit meiner Freundin auch in den Isola-Club.“

Bis heute wurde dieser „öffentlichkeitswirksame“ Unterschied im Bewegungsraum zwischen uns Schwulen und Lesben nie politisch diskutiert. Es ist selbstverständlich, dass Frauen sich intimer berühren, küssen und miteinander umgehen können im öffentlichen Raum, als die Männer. Die bewegen sich zwar selbstverständlicher in der Öffentlichkeit, werden aber sämtlicher liebevollen Kontakte sofort wirksam beraubt. Und daher ist die kritisierte Fokussierung auf Männer in den Medien auch verständlich. Denn diese werden nicht von geschlechtslosen Wesen betrieben.

Und gerade weil die Diskussion und die gegenseitige Anerkennung von Verschiedenheit in Bewegung und Handlungen nie unter uns diskutiert und kommuniziert wurde, sind wir heute immer wieder mit Begriffstutzigkeiten und historischen Fehleinschätzungen in der politischen Auseinandersetzung konfrontiert. Ich denke, das Interesse fehlte und fehlt auch heute auf beiden Seiten. Man könnte diese Ignoranz auch  „homosexuellen Sexismus“ nennen.

Peter Thommen61, Schwulenaktivist, Basel

* Der Begriff queer soll neuestens alles enthalten, was als „nicht-ausschliesslich-heterosexuell“ definiert wird, letztlich auch die Schwulen. Siehe dazu auch meinen Aufsatz:  „Eine community frisst die Schwulen auf!“

** Den Begriff „Entfraulichung“ gab es nie!

***  „Um 1900 werden in den meisten Kantonen der deutschsprachigen Schweiz homosexuelle Handlungen bestraft, wobei grosse Unterschiede in der Intensität der Verfolgung und in der Strafbeimessung zu finden sind. Nur auf Antrag strafen die Kantone FR, GR und NE. Straffrei sind sexuelle Beziehungen zwischen Personen des gleichen Geschlechts in GE, TI, VD, VS und ab 1919 in Basel-Stadt. Nur homosexuelle Handlungen bei Männern strafen: BL, GL, SO, NE. (Schüle, Hannes: Die Entstehung des Homosexualitätsartikels… Selbstverlag 1983, S. 10)

(Der 2. Teil der Kritik wird sich mit den Positionen zur „Bisexualität“ befassen.)

Nachtrag: (Michel Foucault, Klammer-Ergänzungen von mir) „Der Körper des Mannes war dem (anderen) Mann auf viel drastischere Weise verboten. Wenn es stimmt, dass das Leben unter Männern nur in bestimmten Perioden und seit dem 19. Jahrhundert nicht allein toleriert, sondern (darüber auch) strengstens verfügt (worden ist), nämlich während der Kriege und in den Gefangenenlagern. Da waren Soldaten und junge Offiziere, die Monate und Jahre zusammen verbrachten. Während des Ersten Weltkrieges lebten die Männer vollständig zusammen, fast aufeinander; und das bedeutete für sie schon etwas, insofern der Tod gegenwärtig war, und die Bereitschaft sich füreinander zu opfern und Dienste zu erweisen, durch ein Spiel um Leben und Tod sanktioniert war. Was weiss man denn, abgesehen von ein paar Floskeln über Kameradschaft und Blutsbrüderschaft und von ein paar zersplitterten Zeugnissen, schon über jene Gefühlstornados und inneren Stürme, die es in manchen Augenblicken da vielleicht gegeben hat? Und man kann sich fragen, was die Leute diese absurden und grotesken Kriege, diese infernalischen Massaker trotz allem hat durchstehen lassen… ein Gewebe von Gefühlen, zweifellos. Ich möchte nicht behaupten, dass sie deshalb weiterkämpften, weil sie ineinander verliebt waren. Doch Ehre,  Mut, sein Gesicht nicht verlieren dürfen, sich opfern, mit und vor den Kameraden aus dem Schützengraben kommen – all das setzte ein Raster sehr intensiver Gefühle voraus. Es geht hier nicht darum, zu sagen: „Aha, da haben wir also die Homosexualität“. Diese Art von Geschwätz ist mir zuwider. Bestimmt liegt hier aber eine, wenngleich nicht die einzige Voraussetzung, die jenes infernalische Leben ermöglichte, in dem die Typen wochenlang in Morast, Kadavern und Scheisse herumwateten, fast vor Hunger starben und am Morgen des Angriffs völlig weggetreten waren.“ (Foucault, Von der Freundschaft als Lebensweise, in: Von der Freundschaft. Michel Foucault im Gespräch, Merve o.J. S. 85-93)

Siehe auch: „zwar schwul – aber ein guter Freisinniger! PDF  (Linke und Schwule 1973), „zwar schwul – aber ein guter SVP-ler“ (Schwule bei den Rechten 2010)

zwar schwul – aber ein guter svp-ler…

Dienstag, Juni 1st, 2010

Ist die gay svp nur ein Pfahl im mütterlichen Fleisch, oder kann sie bei den sieben Vätern auch missionieren? (= eindringen)

Die vierzig wackeren Gründungsmitglieder sind davon wohl ebenso überzeugt wie die Gründer der „Homosexuellen Arbeitsgruppen Zürich“ im Jahr 1972. Letztere konnten damals schon auf ein sympathisierendes Ohr der NZZ und des Tagesanzeigers zählen…

Im linken Magazin „focus“ erschien 1973 eine öffentliche politische Diskussion unter dem Titel: „schwul – aber ein guter Freisinniger“. Die „bürgerlichen Schwulen“ waren nämlich schon am Anfang der öffentlichen Schwulenbewegung ein Thema. Doch hat es jetzt 40 Jahre gedauert – bis kurz nach Einführung der „Eingetragenen Partnerschaft“ als bürgerliches Lebensmodell, bis sie sich getraut haben, sich öffentlich in bürgerliche Parteien „einzunisten“. Um die SVP hat das natürlich Staub aufgewirbelt.

Ich bin 1973 zur Schwulenbewegung gestossen, über einen Artikel, den ich im linken Magazin „focus“ gelesen hatte. Ich zitiere diejenigen Punkte, die auch heute noch diskutiert werden müssen!

(1973) „In den politischen Parteien haben wir noch keine eigentliche Unterstützung gefunden, obwohl man annehmen sollte, dass eine so grosse Gruppe wie die der Homosexuellen ein gewisses Potential darstellt. Es gibt Gruppen, die viel kleiner sind als wir, für die setzt man sich ein.“

„Ich gehe vom sozialpolitischen Standpunkt aus, weil ich aus eigener Erfahrung weiss, dass viele Schwule aus katastrophalen familiären Situationen herauskommen, an denen unser herrschendes System Schuld ist. Ich unterstütze jede Organisation, die auch in der Beziehung dafür sorgt, dass ein Mindestmass vorhanden ist, der es dem Geringsten von uns ermöglicht, ein menschenwertes Leben zu leben.“ (Edi, SOH, in focus Nr. 43, Juli/August 1973, S. 8-15)

focus: „Das sind Forderungen, die so auch das fortschrittliche Kapital auf seine Fahnen schreiben kann, weil sie langfristig durchaus in seinem Interesse liegen.“

(Peter Baumann, focus Nr. 43, Juli/August 1973, S. 8-15)

Vielleicht erhellt nachfolgende Stelle Gründe für eine „verspätete bürgerliche Politisierung“ etwas mehr…

„Ich möchte da mal noch auf einen anderen Punkt zu sprechen kommen: Wir sind sehr progressiv im Reden. Dabei wissen wir aber ganz genau, dass unter den Schwulen der grösste Teil stock-konservativ ist, stock-konservativ erzogen wurde und sich auch stock-konservativ verhält. Vor allem zwei Dinge fallen da auf: Es gibt bei uns Typen, sagen wir mal Direktoren, die den ganzen Tag die Möglichkeit haben (und von dieser Möglichkeit auch Gebrauch machen) mal einen Linken, Langhaarigen aus der Bude rauszuschmeissen, weil der schwul ist, und die dann am Abend im Park genau diesen Gay aufreissen und der ihnen für die ganze Nacht recht ist. Zum anderen haben wir die Erfahrung gemacht, gerade in unserer Organisation, dass diese Direktoren und andere sogenannte “gutgestellten Leute” sich vehement dagegen sträuben, dass junge Leute da in den Club (hey, ehem. Nähe Bellevue, PT) kommen und etwas Neues zu machen versuchen. Daran sind sie nicht interessiert.“

(Erwin, SOH, in focus Nr. 43, Juli/August 1973, S. 8-15)

Je bürgerlicher also, desto „angepasster“ an diese Normen, welche „von Natur aus“ die sichtbare Homosexualität ausgrenzen. Das beobachte ich auch bei den Bisexuellen. Bis jetzt hat sich keine öffentliche Sichtbarkeit dieser „Sexualpräferenz“ ergeben. Die Metrosexualität ist nur ein modisches Klischee, hinter dem mann allenfalls seine homosexuellen Bedürfnisse verbergen kann. Wichtiger ist immer noch, als Hetero aufzutreten! Und als „halb-hetero“ ist er ja „noch nicht ganz verloren“… Bürgerlich gesehen ist eben Männlichkeit wichtiger als irgendwelche Formen von „Weiblichkeit“, die an Homosexuellen und in der Homosexualität (anale Penetration) vermutet werden. Mir ist in den letzten Jahren auch aufgefallen, dass Bisexuelle auch nicht bereit sind, das „Stigma“ mitzutragen und einen Beitrag zu leisten an einen Abbau der Diskriminierung. Wichtig aber auch, festzuhalten, dass Bisexuelle vor allem von (ihren) Frauen diskriminiert werden!

„Aber noch zur konservativen Haltung der Schwulen: Das hängt mit dieser Unsicherheit zusammen, mit dieser fundamentalen sexuellen Unsicherheit. Diese Zwangssituation im Ghetto führt im übrigen Bereich zu einer Überanpassung. Wenn man da etwas lockern kann im sexuellen Bereich, dann hört auch die Überanpassung auf.“ (Martin, HAZ, in focus Nr. 43, Juli/August 1973, S. 8-15)

Ich denke, der Zusammenhang ist richtig, aber die Schlussfolgerung hat sich bis heute als falsch erwiesen! Weder die Lockerung des „schwulen Ghettos“ (also auch seine Kommerzialisierung), noch die Lockerung der sexuellen Vorschriften haben die „Überanpassung“ an die bürgerliche Gesellschaft verhindert.

„Dass die meisten Schwulen im Moment überangepasst sind und eine konservative Haltung einnehmen, hängt damit zusammen, dass sie in allen Bereichen, wo sie nicht so vital betroffen sind – oder wo sie meinen, nicht so vital betroffen zu sein -mit den Wölfen heulen wollen und päpstlicher als der Papst zu sein versuchen, wenn die Leute dann nur wenigstens zur Haltung kommen: “Er ist zwar schwul, aber er ist ein guter Freisinniger.”

(Michael, HAZ, in focus Nr. 43, Juli/August 1973, S. 8-15)

Die gay-svp beruft sich auf das Programm iher Väterpartei: Erstmal wird die Freiheit, die als Gegensatz zum Staat verstanden wird, gross geschrieben. Obwohl nicht die SVP unsere Rechte und Grundfreiheiten garantiert, sondern der Staat, an dem sie ja als „grösste Partei“ auch immer mehr teilhaben will… 😉

gay-svp: „Wir stehen zur Politik der SVP und unterstützen das Parteiprogramm vollumfänglich. Wir sind für die Ausschaffung krimineller Ausländer, sind gegen den EU-Beitritt und stehen ein für eine unabhängige Schweiz und ihre traditionellen Werte ein.“

Also genauso wenig wie die Heteros wollen sie sich überlegen, woher und warum „kriminelle Ausländer zu uns kommen und ob diese Migration vielleicht selbst mit verursachte, wirtschaftliche Gründe haben könnte. Und genauso wenig wie viele „Scheinehen“ können damit „Scheinpartnerschaften“ verhindert werden!

Unklar ist, was die traditionellen Werte der Schweiz sein sollen. Wahrscheinlich die Werte der SVP (ehemals Bauern- Gewerbe- und Bürgerpartei). Vielleicht sind sie aus dieser alten Bezeichnung ableitbar.

Die gay-svp unterstützt die Petition für die Adoption von Kindern durch gleichgeschlechtliche Paare – und das geht wohl am besten in einer eingetragenen Partnerschaft. Ok. Aber was soll dieser Satz: „Auch gleichgeschlechtliche Paare werden ihre Kinder somit eher aus dem Ausland adoptieren. Diese Kinder erhalten damit eine Chance anstatt auf der Strasse oder in schlecht geführten Kinderheimen in einer geborgenen Atmosphäre aufwachsen zu dürfen.“

Völlig übersehen wird die Tatsache, dass Homosexuelle aus schlecht geführten Kinderheimen wohl eher in der Lage sind, über die traditionell-heterosexuelle Familie hinauszudenken und die in „einer geborgenen Atmosphäre“ aufgewachsenen Homosexuellen wissen auch, dass sie mit ihrer Orientierung darin etwa genauso wie „auf der Strasse“ oder in einem „schlecht geführten“ Kinderheim aufwachsen“ durften… (Ich pauschalisiere absichtlich! Ihr wisst schon, was ich meine.)

„In vielen Ländern sind Homosexuelle Verfolgung und Bedrohung an Leib und Leben ausgesetzt. Wir unterstützen Bestrebungen, diesen Menschen mit allen unseren Möglichkeiten (Aussenpolitik, Förderungsprogramme, Aufnahme in der Schweiz) gezielt zu helfen und sie zu unterstützen.“

Das ist sehr lobenswert und in deren Heimatländern langfristig auch wirksam. Aber wer entscheidet, wer und wie viele davon „Aufnahme in der Schweiz“ erfahren dürfen? Es sind Heteros – und ich kenne keine der Stellen, in denen vielleicht irgendwo eine Regenbogenfahne steht, die signalisiert, dass auch Homosexuelle willkommen wären, denn homosexuelle Flüchtlinge werden – aus ihrer Erfahrung zuhause – mit ihrer Orientierung hier keine Flagge zeigen!

„Es ist unsere Überzeugung, dass der schleichenden Islamisierung unserer Gesellschaft entschieden entgegen zu treten ist. Die Intoleranz gegenüber Homosexuellen, welche vor Verfolgung bis hin zur Tötung nicht zurückschreckt, ist gerade in islamistischen Kreisen besonders stark. Und deshalb muss das Minarett, als Machtsymbol für die Unterdrückung Andersdenkender, verboten werden.“

Da kann ich als einheimischer evangelischer Schwuler nur meine Augen aus dem Kopf staunen, wie geschichtslos und ignorant die gay-svp gegenüber der eigenen christlich-katholischen Kultur und ihren Machtsymbolen mit Türmen, Kathedralen und sogar Glocken, ist. (Stichworte: Kriminalgeschichte des Christentums. Mormonen, Zeugen Jehovas und alle diese Jubelkirchen in den USA – und neustens auch in Afrika/Uganda!) Ich erinnere auch daran, dass alle die Gruppierungen wie „Homosexuelle und Kirche“ (HuK) in Jahrzehnten vielleicht Bewegung in die evangelische Kirche, aber keine Rasierklinge zwischen das Gestein der katholischen Kirche gebracht haben.

„Wir sind besorgt über Entwicklungen, die die traditionelle Familie bedrohen. Diese Initiative verlangt die Gleichberechtigung fremd betreuender Eltern mit solchen, die ihr Kind zu Hause aufziehen. Beide Familienformen sollen Anspruch auf Steuerabzüge haben. Auch als Homosexueller kann man für eine traditionelle Familie einstehen.“

Diese traditionelle – hier vor allem Klein- Familie, die ihr Kind zu Hause aufzieht, es vielleicht gerade noch zur Schule gehen lässt, aber sonst „gut behütet“, erlaubt es gerade NICHT, einem homosexuell orientierten Kind Alternativen zur Heterosexualität kennen zu lernen. Denn diese traditionelle Familie ist homophob und vor allem an der weiteren Fortpflanzung interessiert, damit das eigene Leben in die „Ewigkeit“ verlängert wird, wie es die Religion auch verspricht! Unter diesem Aspekt ist die Behandlung der Homosexualität an Schulen eine lobenswerte Unterstützung der gay-svp, aber letztlich nicht im Interesse einer „traditionellen Familie“. Gerade, weil „fremd betreute“ Kinder auch mal Kinder aus „anderen Familien“ zu sehen bekommen, wären Erziehungsabzüge bei den Traditionellen keine wirkliche Investition in die „soziale Bildung“.

Mein Eindruck von der gay-svp ist eher einer von einem Pfahl im Fleisch, mit Konzessionen an verschiedene Werte, die auch das Selbstbewusstsein von Homosexuellen – gerade in der Familie – anfressen. Dabei wird Sexualität – in gewohnter typischer Art als „Privatsache“ erklärt, um die Widersprüche nicht sichtbar werden zu lassen – genauso wie bei den Heteros. Hier die Familie und dort die Langstrasse… Das Eine hat angeblich mit dem Anderen ebenso nichts zu tun, wie ein schwuler Direktor mit einem schwulen Angestellten. Erst beim Fick im Park oder der Sauna. Aber das haben wir doch schon 1973 diskutiert.

Die Erfahrungen mit schwulen Kandidaten auf hetero Parteilisten haben gezeigt, dass von ihnen mehrheitlich heterosexuell geprägte Politik gemacht wird. Da versickern schwule Anliegen gleich durch Anpassung – auch bei den Linken!! Und soll mir einer glaubhaft erklären, ob das Gesetz über die „eingetragene Partnerschaft“ unter Bundesrat Christoph Blocher (Justiz) bis heute jemals geboren worden wäre! Das habt Ihr vor allem der CVP und ganz persönlich der Ruth Metzler zu verdanken!

Peter Thommen60, Schwulenaktivist, Basel

 

Hier der Link zur focus-Diskussion 1973

Hier der Link zum Programm der gay-SVP

Hier der Link zur HAZ (Homosexuelle Arbeitsgruppen Zürich) auf  http://www.schwulengeschichte.ch

In der Suchfunktion kannst Du alle Infos darüber auflisten!

SOH (siehe auch in der Suchfunktion!)

 

und hier noch der Link zum Brief der Gaynossinnen and die gay-svpler