Mit ‘Bisexuelle’ getaggte Artikel

Das schwule Auge!

Donnerstag, 28. April 2016

Ich habe in der ersten Ausgabe der Buchreihe „mein schwules Auge“ einen interessanten Briefwechsel zwischen den HerausgeberInneN und einem Fotografen gefunden (Nr. 1/2003, S. 4-9). Er dreht sich darum, ob es eine besondere „schwule“ Sicht auf den Mann gäbe. Es ist eine alte Diskussion, die sich früher vor allem um antike und „historische“ Kunstwerke gedreht hat.

Grundsätzlich sieht jede/r MenschIn anders, was die Aussenwelt betrifft. Interessant sind jeweils auch die Sichtweisen von Frauen…

(Eingeladener) Fotograf: Und so stellte sich mir zum Thema ‘schwule Kunst’ sogleich die Frage: Braucht man zum Konzertverständnis schwuler Cellisten auch ‘schwule Cellos’ und ‘schwule Ohren’? Oder beim Fotografieren nackter Männer einen ‘schwulen Kodakfilm’? Das „heimliche Auge“ (andere ältere Buchreihe desselben Verlages, pt) hat dem gegenüber doch eine sehr tiefsinnige Bedeutung.

Spontan kommt mir in den Sinn, dass Marienbildnisse ja auch nicht katholisch sein müssen, oder von Katholiken erstellt! Aber der Blick darauf ist unterschiedlich, ob jemand gläubig ist oder nicht!

(Fotograf) Die Akteure in meinen Fotos, unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung, die agieren, sind doch überwiegend Heteros. Die einfache Reduzierung auf eine ‘schwule Betrachtung’ führt zur völligen Auflösung der Konzeption, die Attraktivität und das Selbstverständnis eines Menschen allen zugänglich zu machen… Ein Hetero-Mann, dem derartige Fotos gefallen, müsste ja ebenfalls ein schwules Auge haben?

Nun, die meisten bildlich dargestellten ‘Models’ sind Heteromänner, die sich einem schwulen Auge darstellen und wissen meistens nicht genau, wofür ihr Abbild gebraucht wurde/wird. Der entscheidende Unterschied ist eben nur für Heteros wichtig, nicht aber für Schwule. Ich erinnere an Herlinde Koelbl (*1939), die als Frau 1984 den allgemeinen Durchbruch für die „Männerfotografie“ schaffte, mit ihrem schwarz-weissen Band. Vorher war das eine allgemeine „schwule Domäne“ gewesen. Weil sie eine Frau ist, waren die Fotos „unverdächtiger“.

Solche Fragen plagen eigentlich nur Heteros. Homosexuelle Männer haben sich selten um sowas gekümmert. Sie geniessen auch ohne genaue Angabe der Orientierung oder des „Auges“! Wir kommen der Sache näher: Die Rezeption ist eine unterschiedliche, während die Darstellung eine „unbeschränkte“ ist.

Der Fotograf schwadroniert von einem „unerträglichen Sprachgewäsch“, wenn es um schwule Kunst gehe. Und so wird aus dem Bild einer Liebesszene zweier schwuler Männer ein schwules Bild.

So einen Schluss zu ziehen ist aber unzulässig, wie Kathrin Geyh nachweist in ihrem Buch: Das Helle braucht das Dunkle, U-Verlg. Konstanz 2011, 175 S. Das einzig beschreibbare an einem Bild ist eine Assoziation mit Homosexualität, von Schwul noch gar keine Rede. Bei letzterem müssten die Dargestellten befragt werden. Allerdings vergleicht sie die Bilder des Films „Brokeback Mountain“ mit biblischen Ikonen und weist darauf hin, dass in dem Film die Natürlichkeit der Heterosexualität in den Lebensbereich der ‘unnatürlichen’ Stadt verweist und die Unnatürlichkeit der Homosexualität in die ‘natürliche’ Natur…

Es kann nicht die Rede sein von einem „schwulen Auge“, das von einem Körper zu sezieren sei, wie der Fotograf meint.

Aus der Antwort des Herausgebers: Ich stehe zwar sexuell auf Männer, bin aber doch heterosexuell sozialisiert und ordne mich auch nicht dem schwulen Mainstream zu, habe überwiegend heterosexuelle Freunde und sehe meine Sexualität nur als einen Teil meiner Persönlichkeit und definiere mich auch nicht ausschliesslich über sie.

Da sind wir beim Zitat von: „Ich bin ein ganz normaler Mann, habe aber da irgendwo so eine komische Sexualität“. (Ort gerade nicht zur Hand, pt)

Hier muss ich anmerken, dass es eine allgemeine Tendenz ist, sich „vom schwulen Mainstream“ zu distanzieren. Vom heterosexuellen Mainstream distanzieren sich im Vergleich nur wenige Hetero/as. Überhaupt ist interessant, wie sich die Distanzierung zwischen beiden Möglichkeiten immer wieder ähnlich begründen lässt! Auch von Männern, die behaupten, bisexuell zu sein und nur „den Menschen“ attraktiv zu finden…

Herausgeber: Ich möchte vor allem etwas Unterhaltsames machen, was schön anzuschauen ist, und es kann jeder sein schwules Auge aufmachen, jeder kann unabhängig von seiner Sexualität einen Beitrag machen, wenn er gut ist. Sicherlich gibt es einen „typischen“ Blick, der von schwulen Erfahrungen geprägt ist. Das Buch soll für Leute sein, die Männer erotisch finde und das werden Schwule, Bisexuelle und auch Frauen sein.

Die HerausgeberIn ist ihrerseits über den folgenden Satz des Fotografen gestolpert: „Ein Heteromann, dem derartige Fotos gefallen, müsste ja ebenfalls ein ‘schwules Auge’ haben.

Sie antwortet ihm: Ja, das hat er auch, wenn ihm die Bilder mit (s)einem erotischen Blick gefallen. Der Punkt ist doch nicht die -zuweisung, sondern die Abgrenzung, oder? Erotisches Begehren zwischen zwei Männern ist schwul. Das glaubt sie, das muss aber nicht so sein! Es kann nur für kurze Momente, für Fantasien.. bei einem sonst sich als Hetero verstehenden Mann auftauchen… Also kann auch ein Hetero ein schwules Auge haben, so wie ich als Lesbe ein Hetero-Auge habe… Und überhaupt kann der Mensch doch viele Augen haben oder? Hier denkt sie heterA-weiblich, zeigt sich ein Bestreben, alle Verschiedenheiten unter einen Mainstream zu versammeln.

Gerade finde ich beim surfen eine Bemerkung zu Prince und seiner Ikone: Da erinnert sich einer an eine Begegnung mit Prince, dessen sexuelle Masken alle Geschlechter und Schwarze wie Weisse verunsichern konnte, und: „Wie ein Blick in dessen Augen ihn für zwei Sekunden zu einem Schwulen machte: Aber ich war nicht der Unterliegende, ich war der Dominierende, verwechselt das nicht! I d’haved fucked the shit out of that motherfucker. That troublet me tough, man.“ (Perlentaucher, über Harper’s Beitrag vom 25.4.16)

Sie meint auch noch, dass das schwule Auge auch die Frau mit ihrem heterosexuellen Blick auf attraktive Männer nicht ausschliessen sollte.

Leider versteht der Fotograf nichts von sinnlichen Parallelen oder Übertragungen. Er nimmt es „mechanisch“: Die Vielfalt von Emotionen und erotischen Spannungen ist so komplex, dass ich eine Einteilung in sexuelle Kategorien als sehr ungeeignet empfinde. Das wäre etwa so, als würde man Kochrezepte ausschliesslich nach den Farben der Zutaten entwickeln… Ein erotisches Begehren zweier Männer ist sicherlich schwul – aber reduziert sich die Betrachtung und Gefälligkeit eines (wenn auch erotischen) Bildes – bei allem Respekt – nur auf erotisches Begehren? Eine Frage mit sehr weitreichenden Antwortmöglichkeiten.

Weiter unten: Wenn Behinderte neue und eigene Massstäbe für Sportveranstaltungen schaffen, ist das eine ganz klare und erforderliche Sache. Wenn jedoch Schwule eigene Massstäbe für Kunstschaffen und Kunstverständnis erfinden, führt das zur freiwilligen Ausgrenzung und geistigen Selbstbehinderung.

Wir sind an einem zentralen Punkt angelangt: Wer grenzt wen aus? Dazu gibt es noch immer die geniale Antwort, die Giovanni Dall’Orto schon 1994* gegeben hat: Wir ‘Ghettoisierten’ grenzen niemanden aus, wir lassen Heteros ebenso herein. Wir gehen auch an die Orte der Heteros. Es sind aber genau diese, die nie unsere Orte frequentieren würden, weil sie Angst haben, man würde sie „hier“ sehen und sie würden dann ebenso ausgegrenzt! (Sinngemäss)

Zum Schluss passt der neue Film von Andrè Téchiné: Quand on a 17 ans! Zwei Aussenseiter verschiedener Art im Gymnasium. Schon eine der ersten Szenen zeigt ihren Status in aller Härte: Im Sportunterricht sind sie die letzten, die in die Mannschaften gewählt werden. Thomas ist afrikanischer oder maghrebinischer Herkunft, etwas verstockt, etwas aggressiv, aber auch unverkennbar liebesbedürftig. Damien ist schwul und bis über beide Ohren verknallt in diesen hübschen Jungen. Jedes Wort, jeder Blick Damiens bringt Thomas zur Weißglut, sie prügeln sich, beleidigen sich, jede noch so schmerzhafte Nähe ist besser als gar keine Berührung. Um die Schläge besser aushalten zu können, lernt Damien boxen…

Als Drama in drei Trimestern erzählt Techiné seine Geschichte der jugendlichen Liebe und des erotischen Erwachens, mit einem feinem Gespür für die emotionalen Konfusionen, für die Sinnlichkeit und all die Schlichen, mit denen junge Menschen vom Leben kosten, wie bitter es auch schmecken mag. Mit großer Eleganz und Delikatesse zeigt er verstohlene Blicke, gestohlene Berührungen und die vor Verlangen berstenden Körper. (Thekla Dannenberg auf perlentaucher.de)

Wir zerstören alles, wenn wir über Feinheiten hinwegputzen. Wir sollten achtsam auf Verschiedenheiten sein, denn nur dann erlangen wir all die Feinheiten, die ein erfülltes Leben bieten kann. 

Wir sollten die grundsätzlichen Widersprüche, die sich aus der Hinwendung zum eigenen Geschlecht ergeben nicht ausblenden oder von anderen “Nebenwidersprüchen” zudecken lassen. 

Peter Thommen_66, Schwulenaktivist, Basel

* Babilonia Nr. 120, März, S. 59-61, italienisch > giovannidallorto.com

 Über die schwule Scham, vom Zaunfink

über Brokeback Mountain

Karfreitag und Ostern: Überleben wir die Homosexualität um heterosexuell zu werden?

Montag, 28. März 2016

Vor fast 25 Jahren schrieb ich in meinem Blatt „Thommens Senf“ eine erste „Osterpredigt“ (1) Mir haben von klein auf schon immer die „Gleichnisse“ und Bilder aus den biblischen Erzählungen gefallen. Diese Ikonen (eine Art zusammenfassende Abbilder) sind eine späte Form von Hieroglyphen der Altägypter und sprechen für sich und bilden zugleich eine Sprache/Aussage. Sie sind für die orthodoxen (ehemals oströmischen) Kirchen sehr wichtig und bilden eine Grundlage des „gläubigen Verständnisses“ in einer damals ziemlich bilderlosen Gesellschaft. Im Islam ist es wichtig, den Koran in der hocharabischen Version laut zu deklamieren (vorsagen), um dem Gott am nächsten zu kommen. So wie die Kirchen mit ihren Bildfenstern, nutzen wir auch am Computer „Icons“ um komplexere Befehle oder Zusammenhänge auszudrücken oder auszuführen. (Im Cruisermagazin vom April 2016 habe ich versucht, über verschiedene, für Schwule (2) wichtige Icons zu schreiben.)

Im Jahr 1993 war es für mich klar: Wir sterben an Karfreitag als Heterosexuelle, um homosexuell an Ostern aufzuerstehen! Jesus ist eine Ikone geworden, die, je nach Interpretation, sich gegen gesellschaftliche, ordnungspolitische oder religiöse Gesetze aufgelehnt hat. In zweitausend Jahren Kulturgeschichte haben wir es schon lange nicht mehr mit historischen Fakten oder Zeugnissen aus erster Hand zu tun. Es hat Jahrhunderte gedauert, bis Männerliebende selber sich äussern konnten, oder Homosexuelle in den Medien (Telearena 1978!). Jahrhunderte, bis überhaupt religiöse Texte in der Sprache von „Gläubigen“, oder Verehrungskulte (Gottesdienste/Messen) nicht mehr in Hochlatein abgehalten wurden.

Im Cruisermagazin vom März 2016 (S. 26) habe ich darauf hingewiesen, dass Homosexuelle sehr heterogene Sexualwesen sind und dabei – vor allem im sexuellen Erlebnisbereich – ganz einfach gestrickt, wenig differenziert und hier meine ich auch stark von den herrschenden und frauschenden Machtverhältnissen geprägt (> zahllose Fetische!). Da erweisen sich Bildsprache und Bilder als wirkungsvollere Informationsträger als alle hochintellelen Vorträge. In diesem Spannungsbereich bewege ich mich also als „Bildsteller“. Nun also zu meiner ersten Predigt (3).

Das Osterritual gilt als das höchste christliche Fest um Männer. Logisch dass Männerliebende das nicht ignorieren können. Da wo sich alles – auch die Frauen – um Männer dreht, werden nicht nur Gläubige davon betroffen. In unserer Gegenwart dreht sich ja alles um Frauen! Da bleibt also doch noch Raum für einen „schwulen Blick“ auf das Ritual, die Vorgänge und Deutungsmöglichkeiten (Icons). Der Freitag als Tag der Strafe für das „nicht ausschliesslich heterosexuell sein wollen“ (4). Ohne dieses gewaltsame „coming out“ in der Öffentlichkeit wäre eine Auferstehung in der christlichen Ideologie undenkbar!

Freitag – ein Tag der Selbsterkenntnis, statt des Verrats. Gleichzeitig wird Dein Normalleben zerstört . Du hängst am Kreuz der Vorurteile (und auch der heimlichen Wünsche der Normalos). Es hat aber Mitschwule/sich erbarmende Hetis, die Dich bald vom Kreuz herunter holen (weil sie sich davon anrühren lassen werden).

Eingewickelt in weisse Linnen der Zuwendung, in der (mütterlichen) Grabhöhle kommst Du dem Tag der Auferstehung näher. Plötzlich erscheinst Du Deinen Freunden wieder: Als Schwuler, als Individuum, als bunter Schmetterling (frei vom Cocon). Sie werden Deine Wunden betasten und nicht glauben wollen, dass Du schwul bist! Andere, die auf Distanz zu Dir gehen, können Dich nicht begreifen/erfassen. Du kannst sie ruhig gehen lassen. Du bist auch ein Angenommener ohne dieselben!“

Wenn ich sehe, wie viel Kraft es zu einem coming out braucht, wie finster vorher alles gesehen wird von Homosexuellen, wie fest sie sich an ihre „heterosexuelle Unschuld“ klammern, dann fühle ich Karfreitag. Der totale Anspruch an die eigenen Kräfte. Der Becher geht nicht vorbei. Ein solches coming out ist ein Reifeprozess wie eine beendete Verliebtheit oder eine lange Beziehung. Und das was viele fast wie einen „Tod“ erleben, ist erst eine Fühligkeit, die uns bei unserem Tod helfen wird. Und auch der Tod ist eine Bedingung für das, was Auferstehung genannt wird. Wir wissen genausowenig, was nach dem Tode kommt, wie wir je wussten, was nach dem coming out kommen würde, oder woher wir gekommen sind.“ (5)

Interessant auch eine Nachbemerkung von damals: „Zum Judaskuss: Dass der Akt der Befreiung/Enthüllung in einer alltäglichen, unauffälligen (und typisch orientalischen) Handlung enthalten ist, zeigt uns, dass nur die Sichtweise der Umgebung das ganze zum Drama hochstilisiert. Die Küssenden haben ja kein Problem. Judas tut es für die “Hofschranzen der Mächtigen” (30 Silberlinge) und Jesus “tut es dem obersten Gott zu Gefallen”. (Aber haben sie es auch je für sich beide getan?) (1)

Wir Schwulen sind zwar durch Heterosexualität in diese Welt gekommen, aber uns wurde auch bestimmt, ein „neues Verhältnis“ mit den Menschen einzugehen, das diese vor uns anscheinend noch nicht kannten. Wir kennen unsere übergeordnete Bestimmung auch nicht und wehren uns verzweifelt gegen unser Anderssein. Wir werden von der übergeordneten Heterosexualität verstossen, die sich den Anschein der totalitären Absolutheit gibt. Wir sind gezwungen, unsere herkömmliche Biografie aufzugeben, oder die wirkliche Biografie zu verleugnen. Ob dieser Leistung kräht aber kein Hahn! Und gar mancher Hetero wird zum Judas eines Schwulen in dieser Gesellschaft.“ (5)

Heute ist alles ganz anders! Es gibt keinen Karfreitag mehr, coming outs werden nicht mehr gebraucht! LondonJames (Lifestyleberater und Dating-Experte) zur Öffnung der Ehe für alle: „ … heisst es in den Akten schlicht und einfach: verheiratet. Dann braucht es weder ein Coming out am Arbeitsplatz oder sonst wo. Man(n) wird nicht blossgestellt. (6)

Der oben „ikonosierte“ Akt der Individuation verkommt zum blossen Akt auf dem Standesamt! Und heraus kommt? Eine Homo-Ehe! Shereen El Feki schreibt hingegen von nordafrikanischen Männerliebenden und zitiert Hassen: „Ich kenne die tunesische Gesellschaft. Wir werden garantiert nie die Schwulenehe fordern, weil die meisten von uns den klassischen Rahmen einer Beziehung, die Ehe, ablehnen; daran denken wir nicht.“  (7)

Die jungen Männer in der orientalischen Gesellschaft wollen „nur“ ein normales Leben führen und nicht mehr diskriminiert werden. In dieser „schweigenden oder verschwiegenen“ Kultur ist ein coming out/eine Individuation gar nicht möglich. Die meisten führen eine hetero Ehe, ja müssen sie führen, falls sie genügend Geld verdienen können.

Wie wir sehen gibt es Ausnahmen, die früher politisch und heute religiös motiviert werden. Statt ans Kreuz genagelt zu werden, sprengt man sich in die Luft – für den grössten aller Männer, oder der Ikone, die die grösste Autorität auf sich versammelt…

Das Gemeinsame liegt eben im Widerspruch! In den Fussballstadien wird Männerfussball gespielt und spielen sich formal „Männerorgien“ ab. Draussen vor aber herrschen die Gesetze der Männlichkeit: Gewalt und Vergewaltigung. So, wie sie es alle in dieser Kultur gelernt haben. Wer homophobe Lieder singt im Stadion, der bestätigt auch gleich das, was er mit Liedern weit von sich weist!

Christliche Ostern, das ist für mich die Sehnsucht des Mannes nach dem Mann. In einer total heterrorisierten Gesellschaft. Es lohnt sich, darüber zu meditieren und Icons zu formulieren!

Peter Thommen_66, Schwulenaktivist, Basel

 

1)  Damals „für Schwule und Lesben“, in der 14. Ausgabe des 2. Jahrganges vom 9. April 1993. Es ging – und geht bis heute – aber nur um Schwule.

2)  Schwule sind für mich Männer, die nicht einfach nur mit anderen Männern Sex haben, oder sie lieben, sondern sich auch mal Gedanken darüber machen!

3)  Ein Text, der meist mündlich vorgetragen wird und auf einen bestimmten Zweck hin verfasst worden ist.

4)  Man/frau beachte, dass es NICHT nur um das „ausschliesslich homosexuell sein wollen“ geht!

5)  Thommens Senf, 3. Jg. Nr. 13, 1. Apr. 1994/online ThS 22.03.2008

6)  GH *1985, irgendwo im Internet

7)  El Feki, Shereen: Sex und die Zitadelle. Liebesleben in der sich wandelnden Welt, Hanser 2013, S. 340

Homophobie – was ist das genau?

Sonntag, 26. April 2015

Nicht alle Leute, die gegen Homosexualität und gegen Schwule an rennen, sind wirklich homophob. Es gibt andere gute Gründe, vor allem die derjenigen Leute, die Verachtung empfinden und glauben, uns wie Minderwertige bekämpfen zu müssen.

Dabei ist das wesentliche Element der Homophoben ihr GLAUBE! Der Glaube ist der Grund, warum diese sich nicht mehr in der Gesellschaft spiegeln, sehen und sich relativieren können!

Es gibt übrigens sehr viele Erscheinungweisen von Antihomosexualismus in den Medien, die im Zusammenhang mit Juden, Schwarzen und anderen Minderheiten UNDENKBAR wären, aber mit den Schwulen (vor allem) wieder NEU denk- und aktivierbar sind!

Die Frontseite des Kirchenboten zum Thema „Trauung gleichgeschlechtlicher Paare“ hat mich verärgert und traurig gestimmt. M. schreibt, dass es vor rund 20 Jahren mutig war, Segnungsfeiern für gleichgeschlechtliche Paare in unsere Kirchenordnungen aufzunehmen.

Ich fand das damals gar nicht mutig, sondern schwach. Mutig wäre es, wenn wir als reformierte Kirche Gottes Wort die Bibel mit ihren Aussagen als verbindlich betrachten würden. Segnungsfeiern und eingetragene Partnerschaft sind als Etappenziel schon längst erreicht. Jetzt geht es um die Ehe, morgen dann um das Recht auf Adoption von Kindern und übermorgen werden Firmen wohl boykottiert, die nicht mindestens einen Quotenanteil von 30% an schwul-lesbischen Mitarbeitern nachweisen können.“ A. A. Pfarrer

Hier wird drastisch sichtbar und „erfahrbar“, wie ein Mensch sogar seine Ängste über die Verhältnismässigkeit hinaus mobilisieren kann. Gleichermassen könnte er mit Farbigen – oder wieder mit jüdischen Menschen – argumentieren.

Diese Homophobie ist allgemein verbreitet und lässt sich auch immer wieder mobilisieren. Wir Schwulen und auch die Lesben haben ein grosses Interesse, alle Minderheiten im Auge zu behalten. Denn überall da, wo keineR seinen Mund auftut, glauben solche „Gläubigen“, es sei wieder alles erlaubt: „Man wird doch noch sagen dürfen…“

Was mich am allermeisten ärgert, ist die Tatsache, dass immer wieder Schwule glauben, sie müssten den Mehrheiten gegenüber brav und ruhig bleiben, um diese nicht zu brüskieren. Denn nur dann würden wir endlich akzeptiert. Meine – und anderer Minderheiten – Erfahrung ist, dass genau dann es immer „Wichtigeres“ als Schwule und Lesben gibt und keine Gründe bestehen, sich mit uns auseinanderzusetzen, geschweige zu akzeptieren, dass es uns auch gibt! Und wenig wissende und geschulte Schwule „verwandeln“ sich dann auch in so einen Pfarrer A.A. – ohne dass sie es merken!

Und das genau ist das Ziel von Gläubigen – sie haben uns dann auch indirekt in ihrem Glaubenszirkel mit drin! Es kommt dann so eine Atmosphäre auf wie: Nicht dem Schuldigen muss bewiesen werden, sondern er muss seine eigene Unschuld beweisen! ;)

Peter Thommen_65

Schwule heilen!

Donnerstag, 25. Dezember 2014

Gerade um Weihnachten herum können wir dieses Wort am besten verwenden. Wenn der „Heiland“ kommen soll, dann soll derjenige kommen, der alles wieder „ganz“ macht. Daher sollten wir das Wort in richtigem Sinne verwenden: Schwule wachsen so fragil und mangelhaft auf, dass sie der Heilung, also des Ganzwerdens bedürfen!

In diesem Zusammenhang erinnere ich mich auch an „Reparativtherapien“, bei denen mir letztlich klar geworden ist, dass sie für Schwule durchaus einen Sinn machen können! Natürlich geht es nicht darum, sie von Homosexualität zu „heilen“, oder sie zu einer Heterosexualität zur „reparieren“. Aber es geht darum, eine Heilung zum ganzen Schwulen und eine Reparatur von der Beschädigung als Nur-Heterosexueller zu erreichen. Dies gilt natürlich auch für Bisexuelle und Heterosexuelle.

Auch unter Fortpflanzungs-Sicht wird der nur hetero Mann von der Mutter alleine ja nicht zum ganzen Mann gemacht. Aber bedarf ihrer lebenslang und sucht daher immer nach einer Frau, die ihn „ganz“ machen soll. Das könnte man die „heterosexuelle Gefangenschaft“ nennen. Das was als „Ganzheit“ begriffen wird, weil für die Fortpflanzung absolut notwendig, wird uns als Natürlichkeit und in hervorragender Absolutheit dargestellt. Nun aber „pflanzt“ sich der Mensch nicht andauernd „fort“, wie wir heute alle wissen. Die Arbeit ist genauso wichtig. Denn ohne Arbeit ist die erfolgreiche Fortpflanzung und Aufzucht von Kindern nicht möglich. Wir leben nicht mehr im Paradiesesgarten. Und in dieser alten Geschichte wurde ja auch nicht fortgepflanzt, sondern gearbeitet, erschaffen. Dies wird immer einfach vergessen. (Mir geht es hier nicht um Tatsachen, sondern um kulturelle Träume, die unhinterfragt propagiert werden!)

Die Fortpflanzung mussten die Menschen ausserhalb bewerkstelligen und auch erst lernen. Und um dies anzuregen, war sie mit Lust verbunden. Der „Preis“ war die Mühsal der Arbeit. Doch vorerst blieb die Lust den Männern vorbehalten! Bis vor hundert Jahren wurde den Frauen keine Lust zugestanden. Das störte die Fortpflanzung und leugnet noch heute die allgemeine und körperliche Lust von Kindern, die ja gerade das Produkt davon sind! Also nicht nur der Lust des Mannes!

Interessant an der Diskussion um die Sexualinformationen an Kindern ist die Einstellung von Eltern, die ein persönliches Recht darauf beanspruchen, was eh die wenigsten einlösen – und besonders von Müttern, die soweit gehen, dass die allgemeine Lust der Kinder solange wie möglich „unter Kontrolle der Mutter“ bleiben soll. Kürzlich hat eine solche in einer Zeitung von „der Intimität mit der Mutter“ schwadroniert, die solange wie möglich nicht „aufgebrochen“ werden soll…

In der gleichgeschlechtlichen Kombination mit Töchtern kann ich mir so etwas vielleicht noch vorstellen. Aber was diese Intimität mit ihren Söhnen soll, die möglichst lange, nämlich bis zur Partnerinnenwahl aufrechterhalten werden solle, das ist nicht einsichtig.

Ich frage mich schon lange, woraus die Gewalt gegen Frauen gespiesen wird. Die Schwulen mussten sich – zwangsläufig – mit der Gewalt gegen deren Formen von Weiblichkeit auseinandersetzen, um sie wenigstens ein wenig steuern, oder um sie sogar überleben zu können. Eine Diskussion darum mit den Frauen hat so recht eigentlich nie stattgefunden. Dieses Tabu hält sich trotz „Schwulenfreundinnen“ hartnäckig bis heute. Ja, in der Genderdiskussion wurde schon kritisiert, wie Tunten die Weiblichkeit verhöhnen würden…

Meine Eindrücke von allen Seiten lassen mich vermuten, dass durch das stete nicht Loslassen von Seiten von Müttern, Freundinnen und Ehefrauen, die Männer nicht heil oder ganz werden können. Die ewige Abhängigkeit von ihnen in zentralen Lebensbedürfnissen im Sex, muss zu gewaltsamen Abtrennungen, zur Revolten führen. Gleichzeitig wird das „schlechte Gewissen“ aufgebaut, das diese Befreiung verurteilen und verhindern soll. „Verschleierte Abhängigkeiten“ hat das mal eine Frau genannt, ohne direkten Bezug hierauf zu nehmen. (1)

Die Intimität, die gewisse Mütter wünschen, mit ihren Kindern und Söhnen, zeigt auch die Abhängigkeit von Frauen von ihren Kindern an. Aber wann sollen sie denn selbständig werden und auf eigene Füsse kommen – wie die Schwulen? Ist es nicht so, dass Mütter nicht mehr eigenständig und auf eigene Füsse kommen wollen? Und woher nehmen sie sich dieses Recht auf die Söhne, was sie als Naturrecht für sich beanspruchen? Am Punkt, an welchem die Mütter von ihren Söhnen (vor allem) geliebt werden wollen, bauen sich bei Schwulen einige Probleme auf. Denn noch deutlicher als die heterosexuell Ausgerichteten, wollen diese mit der Homosexualität auch weg von der Frau als der Leitfigur ihres Lebens! Bei den „Schwulenfreundinnen“ ist die Grenze nämlich dann erreicht, wenn der Schwule auch der Ehemann oder der Sohn ist!

Vergessen sind die Zimmermänner und Handwerksburschen, die auf Wanderschaft gehen mussten und sich von Müttern und Familien trennten! Auch schon bald vergessen ist die Schwulengruppe der 80er Jahre, die den Mann von seiner Frauenabhängigkeit befreien und ihn in der Männergruppe heilen wollte. Die Junghomos von heute werden mit den üblichen „heterosexuellen“ Ängsten beladen und in den Konsum gezwungen, um Aussicht auf einen anderen Mann zu haben. Speziell geschulte Psychotherapeuten und Coachinghelfer sollen die Probleme aus den bürgerlichen Widersprüchen individuell lösen helfen. Gegen gutes Geld natürlich.

Wenn das Geld im Kasten klingt, die arme schwule Seele in Therapie und Luxusferien entspringt. Frei nach Martin Luther. Amen

Peter Thommen_64, Schwulenaktivist, Basel

Über Konversions-”Therapien”

1) Hedda Herwig: „Sanft und verschleiert ist die Gewalt“, Rowohlt 1992. Herwig weist auf  S. 40 auf Verschleierungstaktiken von zwei Frauen gleichzeitig hin. Die erste ist Alice Miller, in einem Bezug auf das Verhältnis von Franz Kafka zu seinem Vater, sowie Kafkas Mutter, die einen Brief an den Vater an dessen Sohn zurückschickt und sich weigert, die Botin zu spielen. Seilschaften, die wohl erst noch aufgedeckt werden müssen.

Wie Millers Sohn kürzlich enthüllt hat, war Alice selber privat weitgehend fern von den Prinzipien, die sie nach aussen vertreten hat!

P. S. Was die Sexualität von Kindern betrifft, sollen mir keine Heteros/as was vormachen!  Und die Erwachsenen machen da voll mit – beim Spielen…

Schon Kinder können wissen, wie fabelhaft  sie werden können! :P

“Spermiquien”

Sonntag, 01. Dezember 2013

Oder wie der Heterror das Denken von Schwulen und Homosexuellen beeinflussen kann. Heute ist wieder Welt-AIDS-Tag und die Aidshilfekampagne läuft wie immer: „ … zum zweiten behandelt diese Kampagne, die einen unvergleichlichen Erfolg aufweist, das Problem des Safer Sex und nicht die schwule Revolution.“ (Ruthmann, 1998)

Reliquien, das lernte ich kürzlich auf Deutschlandradio, sind ,verehrbare’ materielle Gegenstände, die den Gläubigen in einen meta-Zustand versetzen können. Entweder als einzelnes Glied in einer Kette von Traditionen, oder dann als greifbares metaphysisches Erlebnis, an dem teilzunehmen der Glaube oder die Pflicht besteht…

Die Hetero-Ehe partiziert insofern vom Spermiqium, als der Glaube an das genetisch „richtige“ Kind sie ideologisch überhaupt sinnvoll macht! Egal, dass Abraham seiner Sarah nicht fruchtbar beiwohnen konnte, weil sie im Schosse „trocken“ geblieben ist. Also durfte ihre Magd den Urvater in ihrerseits empfangen und ihm den ersten Sohn „schenken“. Dabei muss man/frau verstehen, dass die Magd der Ehefrau sozusagen als vollwertige Stellvertretung in Sexualangelegenheiten der Familie galt. Insofern verstehe ich weder die katholische Kirche, noch die CVP-Initiative, die heute „Familie“ auf „Mann und Ehefrau“ beschränken will. Der Ismael gilt übrigens als Stammvater der Araber…

Die jüngste zu verehrende Reliquie ist übrigens ein Tropfen Blut von Johannes Paul II. Der soll vom Privatsekretär des verstorbenen Papstes auf das Bistum Köln übergekommen sein. Er kann keine Verwandtschaft zum zukünftigen Heiligen gewähren, aber immerhin eine Verehrung für den Verstorbenen. Wie es ja auch in der Eucharistie und im Abendmahl zum Ausdruck kommt. Wir werden Teil eines mystischen Leibes, indem wir entweder das verwandelte Blut, oder einen Schluck Wein oder Traubensaft als Symbol trinken.

Soweit also Hetero-Tradition und Hetero-Ideologie. Zusammengefasst im Ausdruck „Heterror“, den K.E. Erstmals 1990 verwendet hat.

Ich kenne Sperma und seine Bedeutung für den Männersex auch aus eigener Erfahrung! Die ersten Male, bei denen ich im Twen-Alter das Unaussprechliche hinunterschlucken sollte, hätte ich mich fast übergeben. Dann war ich einige Zeit süchtig und lernte die verschiedenen Geschmäcker, wie süsslich, bitter und andere Varianten kennen. Es gibt Leute, die können bis heute nicht darauf verzichten…

Es stellt sich nun die geistreiche Frage: „Wie kann einer auf das Schlucken fremden Spermas verzichten?“

Dazu müssen wir uns an das homosexuelle coming out erinnern, das oftmals sehr mühsam, verklemmt und langwierig gewesen ist. Ebenso orientieren sich Männer, die mit Männern Sex haben (also egal wie sie längerfristig orientiert sind!) am virilen und potenten Mann, von dem sich damit etwas einzuverleiben gilt. Und nun könnt Ihr Euch selber vorstellen, was das in Bezug auf Sperma alles bedeutet!

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich mit zunehmendem Bewusstsein und vermehrter Reflexionsmöglichkeit in der Schwulenbewegung, auf das Unaussprechliche nach und nach verzichten konnte. Meine Identität hängt nicht am Sperma, nicht an einer Frau und beides kann auch meine Persönlichkeit grundsätzlich nicht verändern. (Hier ist Gelegenheit, auf ein wichtiges Buch zu diesem Thema hinzuweisen: Phil Langer: Beschädigte Identität)

Aidshilfekampagnen richten sich seit einiger Zeit strategisch und informativ auf die Heteronormativität. Nach dem coming out-Management haben sie sich nun an ein „Risikomanagement“ herangewagt, welches versucht, die Abwehrreflexe von Betroffenen elastisch aufzufangen und den Leuten zu suggerieren, sie könnten tatsächlich „managen“, also Situationen einschätzen, Chancen ausrechnen, etc. Dazu kommt ein starker Druck zum Test. Denn je früher ein Test nach der Infektion gemacht wird, desto aussichtsreicher das Leben mit HIV-AIDS und den immer „besser werdenden“ Medikamenten. „Management“ setzt keine klaren Grenzen und bleibt offen „für alle Betroffenen“.

Die zweite geistreiche Frage: „Wieso müssen Männer sich ohne Kondom anal penetrieren?“

Da schauen wir doch erstmal bei den Heteros!

Wenn der Sex sinnlich ist, ist das was frau ohne Kondom spürt viel intensiver und befriedigender… Aber nur mit dem festen Partner, wenn man genug Vertrauen hat, dass er/sie ausshalb der Beziehung auch nur geschützt verkehrt.“ (weibl, 22, bi)

Kondome beengen mich schon am Schwanz. Daher habe ich gar kein Gefühl von Freiheit damit.“ (männl. 23, bi)

Nach einem gemeinsamen Test ist es ohne Kondome viel geiler und im gegenseitigen Vertrauen das höchste der Gefühle“. (männl. 24, bi)

Also ich steh nicht drauf und werde das wahrscheinlich nie. Ich bin jetzt in einer längeren festen Beziehung und da benutze ich keine.“ (männl. 23, bi)

Die Zitate sind aktuell von 2013, nicht repräsentativ, aber dafür beispielhaft! Die höchsten Gefühle werden also nicht in der Beziehung an sich, sondern im Sex in der Beziehung erlebt. Und dieser Sex sollte möglichst „grenzenlos“ sein – auch zu zweit. Es ist also der Glaube an das alte Versprechen unserer Vorfahren, dass Sex erst in der Ehe erlaubt sei und dann das Paradies sein würde…

Während Heterosexuelle sich nur indirekt über eine Frau (die sie natürlich ficken) eine „Fassaden-Identität“ konstruieren, zeigen die soziologischen Informationen und Umfragedaten, dass diese Fassade zunehmend verwittert und zerfällt. Hohe Scheidungsraten und Enttäuschungen über das erlebte „sexuelle Paradies“ – auch nicht mit Beate-Uhse-Hilfsmitteln – ändern offensichtlich nicht die Tradition und Ideologie des Heterrors. Das traditionelle Homosexualitätsverbot ist vor allem – und war schon immer – für „Heteros“ gedacht und funktionalisiert worden – mit dieser indirekten Identität – schon in der Bibel.

Wen wundert es, dass sich auch Schwule, Homosexuelle und andere Männer unter sich, an diesen Hetero-Normen orientieren? Ich darf nochmals auf Phil Langer und seine Untersuchung hinweisen, die über die entsprechenden Beschädigungen in der Männerpsyche berichtet. Und von den verschiedensten legalen und illegalen Drogen will ich hier gar nicht referieren. Aber die Aidshilfen sollten eigentlich zur Kenntnis nehmen, dass unter solchen Bedingungen ein „Risikomanagement“ sehr schwer oder gar nicht zu „managen“ ist. Aber vielleicht ist ihnen das auch gar nicht so wichtig.

Junge Homos erleben sich vor allem unter dem Familiendruck und anschliessend auf den Parties und im Internet unter dem Konkurrenzdruck, als „männerliebend“. Ein geschützter sozial-familiärer Freiraum ist nicht mehr in Sicht. Es kann unter diesen Bedingungen keine „schwul-normale“ Identität heranwachsen, aber meistens eben nur eine Art „Heteroabklatsch“. Aber die Homo-Ehe, das risikovolle Vertrauen und die Monogamie, die nur wenige „Mönche in ihrem Glauben“ erleben dürfen, schaffen die Verhältnisse, die dann auch heterosexuelle Probleme ergeben…

Es kann auch keine Solidarität als Gruppe mehr entstehen, die eine kollektiv „abgesicherte“ Identität herauszubilden erlaubt. Jeder ist für sich selbst verantwortlich? Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied – und was dergleichen ideologischer Sprüche mehr sind.

Die Identität klebt am Glauben – an Treue, Monogamie und den supergeilen Sex, der dann nur noch mittels Drogen gesteigert werden kann. Da gab es noch Beziehungen? Die spielen doch nur als äussere Form eine Rolle. Die richtige Form verspricht die richtige Geilheit.

Ich bin jetzt über 10 Jahre im Internet und in schwulen Portalen unterwegs. Also in der parallelen Welt von Junghomos, Bisexuellen und Althomos, sowie Altbisexuellen. Da findet man die Geilheiten und Fetische, die wichtiger als alles andere sind.

2013 heisst es zum Weltaidstag: „Eine Schweiz ohne AIDS“. Auch so ein Glaubenssatz. JedeR weiss, dass das unmöglich ist – besonder mit dem bekannten „Risikomanagement“. Aber das Unmögliche war schon immer religiös inspiriert und auf die Glaubensebene geschoben. Jedenfalls wollte ich mit diesem Essay darauf hinweisen, was alles vorgegeben wird und was tot geschwiegen wird.

Denn – wie Sirko Salka in seinem neuen Buch im Untertitel schreibt: „Wieso schwules Leben harte Arbeit ist.“ Sicher nicht stundenlanges Ficken ohne Kondom – um den Mann zu spüren. Oder weil er dann schmerzt, oder gar reissen könnte…

Der Kondom sollte dagegen eine Reliquie sein, die nicht den Glauben an die Spermiquie befördert, sondern das Gehirn rein wäscht vom Heterror. Aber wie oben schon angeführt: Aidshilfen kümmern sich um – äh neustens – das Risikomanagement und eben NICHT um die schwule Revoluton. Amen.

Peter Thommen_63, Schwulenaktivist, Basel

P.S. Wer sich jetzt über meine ideologische Auseinandersetzung mit der “Aidsprävention” ärgert und gar schon an “die Tablette statt das Kondom” glaubt (!), der vergisst, dass es noch andere sexuell übertragbare Krankheiten gibt und neue geben wird!

 

Ich erinnere an Siegfried Rudolf Dunde (1953-1993) und an zwei seiner Bücher:

Vater im Himmel – seine Söhne auf Erden. Männer und Religion, roromann 8203, 1986 (als Hg.)

Wenn ich nicht lieben darf, dürfen’s andere auch nicht. Vom Umgang der Männer mit sich und anderen, roromann 8227, 1987 (als Hg.)

Zudem werden Männer nur dann frei sein, mit ihrem Körper, ihrer Lust, ihrer Begeisterung über andere spielerisch und lebendig umzugehen, wenn sie die Fülle von Liebes- und Begehrensmöglichkeiten sehen und sich über diese Fülle freuen. Vielleicht müssen sie dann anderen nicht mehr die Liebe vermiesen oder untersagen, wenn sie ihnen selber (noch) zugänglich ist…“ (S. 10)

Ihm verdanke ich erste Einsichten über die Verhältnisse, unter denen Schwule nicht normal werden können.

Heterosexualität – der reine Sexismus!

Dienstag, 29. Oktober 2013

Aus langer Tradition gibt/gab es immer 95 % Heterosexuelle und „vielleicht höchstens“ 3-5 % Homosexuelle – beiderlei Geschlechts. Und obwohl Kinsey schon nach dem 2. Weltkrieg sehr viel mehr homosexuelle Aktivitäten abfragen konnte, wir das bis heute als unveränderbar aufrecht erhalten. Doch  Kinsey fragte nicht nach der Orientierung, sondern nach den Aktivitäten. Dabei ist er auf einen „sehr hohen“ Anteil gekommen, sodass viele Heteros meinten, dieser Kinsey müsse doch selber schwul sein – derweil sie unbekümmert „Lesbenpornos“ als zusätzliches Vergnügen konsumierten…

Seit über vierzig Jahren hat sich eine Homosexuellenbewegung (beiderlei Geschlechter) etabliert, die sich organisiert und rechtlich abgesichert hat. Dabei sind die „Schwulen“ immer mehr zur Minderheit geworden. Aber was sind „Schwule“ eigentlich? Keiner weiss das mehr so recht! Die Gruppen und Vereine sind zunehmend ein Teil des Mainstreams und des Warenmarktes geworden, der Ferienindustrie und der Immobilien…

Doch neben den selbständigen Formationen der Lesben haben sich in den letzten zwanzig Jahren neue Gruppen und Grüppchen gebildet, die von der „reinen Heterosexualität“ quasi „abgefallen“ sind. Und bemerkenswerterweise hat die Heterosexualität davon bis heute keine Notiz genommen! Wozu auch? Sie steht ja da mit felsenfesten 95 %!

Unter der „Verwaltung“ der Homosexuellenbewegungen und der Schwulen, die ja meistens sich selber finanzieren und ohne grosse staatliche Unterstützung auskommen müssen, obwohl sie ja eigentlich „leibliche Kinder“ der Heterosexuellen sind, hat sich nun ein interessanter „Abfall“ der Heterosexualität angesammelt. (Für die politische Korrektheit: Abfall kommt von abgefallen!)

Das sind nun also – neben den Schwulen und Lesben – noch die Bisexuellen, die Trans*was-auch-immer, Intersexuelle (und Hermaphroditen), des weiteren die Queers* , die Questionning (1) und die Asexuellen. Und ganz aktuell nun auch noch die Pansexuellen (2), wie ich mir habe erklären lassen. Somit sieht die „Familie des Abfalls“ – in Abkürzungen – zur Zeit wie folgt aus: LGBTIQQAP.

Das erinnert mich an die berühmte Formel des „Schwulen-Gens“ XQ28 oder so ähnlich! Nun sind wir also von einer ursprünglichen „Krankheit“ bei einer immer länger gewordenen „Formel“ gelandet. So etwas habe ich mir aber nie unter „Schwulenemanzipation“ vorgestellt. Auch nicht die Schwulen-Ehe. Und ich denke ganz politisch unkorrekt, dass ich als Schwuler mit allen anderen eigentlich nichts am Hut habe. Und was die Bisexuellen (was immer das auch für sie selber bedeutet) betrifft, so ist wohl der kleinste gemeinsame Nenner die Sexualität miteinander. Damit hat sich’s aber schon.Wir Schwulen hätten da also von denen noch sehr viel zugut – denn wir sind AUCH für sie auf die Strasse gegangen!

Peter Thommen_63, Schwulenaktivist, Basel

 

1) Das sind diejenigen, die selbst nicht wissen, wohin sie gehören!

2) Dass mit dem neuen P nicht die Pädophilen oder gar Pädosexuellen gemeint sein können, habe ich sofort begriffen. Aber wenn man das Wort Pan*… betrachtet, dann könnte man auch diese da drin noch mitnehmen! :P

P.S. Die Gerontophilen werden natürlich vergessen, denn das ist dann – politisch korrekt – „Vergewaltigung von alten Senioren“ oder so…

Es gibt auch sexuelle Menschenrechte (DGSS)

Das Bekenntnis an den Mann

Sonntag, 19. Mai 2013

Wir dürfen in der heterosexuellen Presse immer wieder davon lesen, dass wir Männer uns „zur Homosexualität bekennen“ würden. Das tönt immer ein wenig nach Religion. Dabei vergessen diese Heterosexuellen, dass sie sich in ihren monotheistischen Religionen dauernd oder ausdrücklich zum Mann – nämlich ihrem Gott und seinen Propheten bekennen…

Das Bekenntnis zum Mann muss irgendwie eine Art Religion darstellen. Auch dasjenige der Frauen zum Mann. Denn die Ehe steht unter dem besonderen Schutz, vom Glauben – bis zum Staat. Zur Mutter bedarf es keines Bekenntnisses, denn sie hat ein reales Verhältnis zu ihrem Kind. Nur über den jeweiligen Vater kann spekuliert werden…

So wie das Vaterschaftsverhältnis von Jesus zu Gott über ein Bekenntnis (durch den Heiligen Geist) ‚im Ohr Marias’ hergestellt wird, so wird auch das Verhältnis von Jesus zu seinem Vater wiederum über ein öffentliches Bekenntnis zu ihm hergestellt.

Zugleich ist das Verhältnis ein „weibliches“, denn der eifersüchtige Gott usurpiert die Bekennenden und lässt keinen Platz für weitere Männer neben ihm. Es ist eine spezifisch kulturelle – eben monotheistische – Moral, denn es gibt Frauen auf unserem Planeten, die ihre Männer selber wählen und sich nicht auf einen beschränken. So wie es auch immer Männer gab, die kulturell geprägt dasselbe umgekehrt taten…

Fünfzig Tage nach Ostern (dem öffentlichen Bekenntnis der Wiedererscheinung Jesu) folgt das öffentliche Bekenntnis des Verhältnisses von Gott zu seinen Jüngern, in symbolischer Form von „Wärme“ unter ihnen, oder als „Flammen über ihnen“. (Zur Zahl 50 siehe unten, Auszug aus Wikipedia!)

Penta (Pfingsten) ist hier also eine „Bekenntniszahl“. Pfingsten ist quasi der Gründungstag der Gemeinschaft von gläubigen Männern (und im Hintergrund dieser Lehre auch Frauen).*

Sosehr usurpieren diese Bekenntnisse von Juden, Christen und Moslems zum „Idealmann“ (Alter Ego) in irgendwelchen ideologischen Wolken (Gläubige/Ungläubige), dass Bekenntnisse zu realen Männern auf Erden sogar verfolgt worden sind. Historisch betrachtet haben eigentlich nur diejenigen Männer gesellschaftliche Probleme gemacht, die sich den Frauen völlig enthalten haben. Denn wer mit Frauen konnte, oder wollte, der hatte eigentlich kein Problem mit dem Sex mit Männern – ja ist eigentlich gar nicht aufgefallen… (2. Sam. 1, 27 – David und Jonathan)

Umgekehrt haben viele Frauen sehr wohl ein Problem mit Nebenmännern ihrer Ehepartner, eher noch als mit Nebenfrauen. (Siehe oben das „weibliche Verhältnis“!) **

Ich denke nun, dass es ziemlich verbreitet ist unter Männern, dass man zwar nur eine Mutter haben kann, aber durchaus – ausser dem Gott – mehrere Männer. Auch für die Frauen spielt es weniger eine Rolle, selber mehr als einen Mann im Leben zu haben…

Es kann also darüber spekuliert werden, wie religiös, oder welche religiöse Dimension die „Homo-Ehe“ ist, oder hat! Die Gemeinschaft der Männer um Jesus bildete jedoch auch eine Art Familie, oder „Lebensgemeinschaft“. Sie wurde an Pfingsten „gesegnet“ und initiiert.

Morton Smith (1915-1991) hat in seinen Veröffentlichungen auf die magischen Rituale in ihren Kreisen hingewiesen. (>Das geheime Markusevangelium)

Jedenfalls ist die orientalische Kultur nicht so fortpflanzungsreduziert, wie sie uns vermittelt wurde und noch wird. Die Männerliebe hatte immer ihren Platz neben der „Frauenliebe“ und ist uns – nach meiner Ansicht – historisch in Form der monotheistischen Religionen überliefert worden.

Vor vielen Jahren hat man mir ein Geburtshoroskop geschenkt. Darin konnte ich lesen, dass ich „zur Bildung religiöser Gemeinschaften neige“. Nun, wenn Männergesellschaft und Männerfreundschaft eine religiöse Dimension haben, dann trifft das wohl zu! (schmunzel!)

Peter Thommen_63, Schwulenaktivist, Basel

Frühere Pfingsttexte (2010, 1997)

* Interessante Bemerkung im Lexikon der Symbole. Dort finde ich den Hinweis, dass es am Anfang auch Kreise gab, die Gott als Einheit von Vater und Mutter sehen wollten. „Dass eine solche Meinung selbst heutzutage mitunter gefährlich sein kann, zeigt der frühe Tod Johannes Paul I. kurze Zeit nachdem er behauptet hatte: „Gott ist Vater. Noch mehr ist er Mutter.“ (Bauer/Dümotz/Golowin: Lexikon der Symbole, 1987/Heyne TB 1989, S. 185)

** (Es geht um den unerfahrenen Mann) “Nun verlangt aber auch gar kein vernünftiges und heil gebliebenes Weib solch Nonsens von ihrem Manne. Im Gegenteil wird sie bei der Sicherheit ihres Liebesinstinktes sehr misstrauisch sein gegen einen Mann, von dem sie das annehmen dürfte. Sie wird einen Geschlechtsinvaliden oder einen Narren in ihm wittern und ihn sicher bald zum Hahnrei machen. Ihr Ergeiz ist nämlich, gar nicht die Erste, sondern die Letzte zu sein, die Triumphatrix seines Geschlechtslebens… Während des Mannes Geschlechtsehrgeiz umgekehrt ist, der Erste zu sein, will sie gerade auf der letzten Sprosse seiner Liebesleiter thronen.” (Leo Berg, Das sexuelle Problem, 1901)

Zur Zahlenmagie:

50  Die erste biblische Schöpfungserzählung wird in Gen 2,3 abgeschlossen mit der Wendung ‚da diese geschaffen wurden’, hebr. behibaram, 2-5-2-200-1-40. Das sind dieselben Wort-/Zahlkomponenten wie bei Abraham, nur in anderer Reihenfolge: „Der neue Name Abraham war schon in der Struktur dieses Wortes ‚behibaram’ enthalten, womit die Schöpfung von Himmel und Erde ausgedrückt wird, und zwar schon so, wie er dann zustande kommen sollte. Erst ohne die 5, dann mit der 5, darum mit dieser kleinen He, der erst nur im Keim anwesenden He darin.“

„Der besondere Charakter dieser 5 an dieser Stelle bewirkt nun, dass diese Passage [Gen 2,3] in der Überlieferung gelesen wird als ‚mit der 5 schuf er sie’“ (die Welt). Die irdisch-materielle Welt und Zeit wird aber durch die Zahl 4 (40, 400) ausgedrückt (vgl. die 4 Mondphasen): „Die Zahl Fünf ist dann bereits von anderer Ordnung“, nämlich Zahl des Geistes und des Jenseitigen. Um die 5 hier auszudrücken, bedarf es des ‚Bundes’ als Verbindung der ‚weiblichen’ 4 (Welt, Nacht) mit der ‚männlichen’ 1 (Gott, Sonne). Daraus ergibt sich die für die Bibel zentrale Bedeutung der Zahl 5 sowie dann auch der Zahlen 50 und 500.

fünfzig = Mehr als die 49, => 7² als Zahl der 7-Tage-Schöpfung (die Arche Noah steigt bei der Flut auf 49 Ellen, die Öffnung der Dachluke = 1 Elle führt zur 50 – vgl. Gen 6,16). Josua, der Sohn des Nun (= 50), führt das Volk in das Gelobte Land der Einheit (Num 27,18.23); Jobeljahr (Jubeljahr, Gnadenjahr): Jedes fünfzigste Jahr soll die Freilassung für alle Bewohner des Landes ausgerufen werden (Lev 25,10; vgl. Lk 4,19); ähnlich das Sabbatjahr. Offenbarung der Thora mit den Zehn Geboten und der Erneuerung des Bundes am 50. Tag Schawuot nach dem Auszug aus Ägypten; an Pfingsten (= ’50. Tag’ nach Ostern) wird der Heilige Geist auf die Gläubigen ausgegossen, Beginn der Mission der Apostel (Apg 2). Die erzählte Zeit des öffentlichen Lebens Jesu im Markusevangelium (von Mk 1,15: „die Zeit ist erfüllt“) dauert 7 Wochen mit der Auferstehung am 1. Tag der 8. Woche oder am 50. Tag.

Gerontophilie – die Liebe zu und der Sex mit älteren Männern *

Freitag, 19. April 2013

Eigentlich sollten wir alle „gerontophil“ sein, denn es ist unser Lebensziel, älter zu werden. Aber das ist nicht gemeint. Wer gemeinsam alt wird, ist nicht in dem Sinne „gerontophil“.

Die Gerontologie ist die Lehre vom Altwerden und  die Geragogik oder Gerontogogik ist ein junges Forschungsgebiet, welches die Pädagogik und die Erwachsenenbildung um die. Bildung der Älteren erweitert.

Unsere Kultur muss lernen zu akzeptieren, dass nicht alle Menschen über 70 „Pflegefälle“ sind und werden! Zudem haben nicht wenige Männer ein Sexualleben bis zum Todestag.

Beim Recherchieren im Internet stösst man auf „furchtbare“ Sachen. Da war eine Krankenschwester in einem Frage-Blog, die sich in eine Patientin verliebt hatte und nach Pflege-Ende völlig verzweifelt war.

Ich stiess auch auf einen jungen Mann, der auf Ältere steht und entsetzt darüber war, ob er sich jetzt „so einen Pädophilen“ suchen müsse. (Hier möchte ich klarstellen, dass ein solches Verhältnis nicht gleich gegensätzlich gesehen werden kann, wie zwischen „Mann“ und „Frau“ – in dieser typisch hetero/a Denkweise! Ein Heterosexueller sucht ja auch nicht einen Homosexuellen…)

Verlieben können wir uns lebenslang und nicht nur in „alters-adäquate“ Personen. Ich habe mich als Schüler auch in zwei meiner Lehrerinnen verliebt – und bin trotzdem, aber nicht deswegen, schwul geworden! ;)

Es stimmt mich sehr nachdenklich, wenn ich im Internet Texte finde wie folgt: „So wie man Pädophilie nicht mit Kinderliebe definieren kann, so hat auch Gerontophilie nichts mit Liebe zu tun. Gerontophilie steht am häufigsten mit Sadismus, Vergewaltigung und Nekrophilie in Verbindung. Sexuelle Erregung durch Geschlechtsverkehr mit einer älteren Frau oder einem älteren Mann ist lediglich ein liederlicher Wunsch nach Bestrafung, Rache und Anerkennung. Viele an Gerontophilie leidenden Menschen haben in ihrer Kindheit seitens strenger Eltern oder Grosseltern Gewalt erfahren müssen.“

Ich meine, wer so etwas schreibt, der hat nun wirklich nicht mehr alle Tassen im Schrank! Um das auf Homosexualität zu übertragen, würde das heissen: Es werden immer wieder Männer vergewaltigt, besonders auch im Krieg – und das nennt man dann Homosexualität. KeineR kommt auf die Idee, den Ort der meisten Gewalt, also das Ehebett oder eben die Ehe pauschal als Vergewaltigung zu bezeichnen. (Aber es ist bezeichnend, dass die gesellschaftspolitisch korrekte Sexualität von jeglicher Kritik ausgenommen wird.)

In der sogenannten Fachliteratur gibt es die Liebe zum Älteren gar nicht. Entweder hat man sie mit einer Ehefrau gehabt, oder ist ledig geblieben. Es ist aber bekannt, dass sich in Altersheimen auch ältere Pensionäre noch verlieben können. Doch sind auch ältere Schwule über 70 zu mir gekommen, die sich beklagten, dass sie sich von den „älteren Damen“ belästigt fühlen und ständig zum Kaffee eingeladen würden! ;)

Die genannte sexuelle Neigung ist Thema des Buches Pyromalion (2006) von Hugo Hammerfest, in dem ein 25-jähriger Mann nur Beziehungen mit weitaus älteren männlichen Partnern haben kann.

van Sant, Geron

Demnächst im Kino!

Einen einzigen fachwissenschaftlichen Artikel zum Thema habe ich bei Arnold Kutzinski 1879-1956) gefunden. „Über Gerontophilie“, (Mschr Psychiat Neurol 1930;74:86–94, S. Karger, Berlin) Doch der ist wenig hilfreich. Kutzinski hangelt sich neurotischen Befunden entlang. Aber Krankheiten fand man immer auch bei den Homosexuellen. Und die Fachärzte sahen immer nur die „kranken Homosexuellen“ in ihrer Sprechstunde!

(Otto)„Juliusburger spricht erst dann von Gerontophilie, wenn die Beziehungen zwischen Älteren und Jüngeren über das normale Mass der Achtung und Sympathie hinaus geht.“ (Kutzinski, S. 87)

Es gibt verschiedenste Kulturen, die die Achtung und den Respekt vor den Älteren/Ältesten kultivieren, so zB in Japan, Südamerika, Asien, Arabien und Afrika…

Das wird bekanntlich unter dem „Vaterkomplex“ diskutiert. Allerdings muss ich anmerken, dass Jungs und junge Männer dann eben KEINEN Komplex haben, wenn sie ungezwungen mit älteren Männern umgehen oder sogar Sex mit ihnen haben können. Ein Komplex besteht dann, wenn dies unmöglich ist, oder zu Konflikten führt.

Es gibt aber auch Kulturen, in welchen der Vater generell unbekannt oder unwichtig ist. Z.B. in Südchina. Die Familie definiert sich über die Mütter und Tanten. Zudem gibt es die „Alternativwahl der fehlenden Familienrollen“ ausserhalb. Ein Junge findet keinen Zugang zum leiblichen Vater, oder lehnt ihn ab. Also sucht er sich jemanden ausserhalb. Das kann die familiäre Struktur stören, finde ich aber legitim. Ein Junge konnte nicht mit dem Vater über seine Homosexualität reden – also bezeichnete er mich als „schwulen Vater“.

Ich erinnere an die Paten-Funktion innerhalb der Verwandtschaft. Bei den Griechen wurde ein einflussreicher Mann als Paten gewählt, damit er bei Verlust des Vaters für das Patenkind und die Familie sorgen konnte.

„So glaubt Steckel in einzelnen Fällen die Gerontophilie in einzelnen Fällen auf das Gefühl der Minderwertigkeit zurückführen zu müssen. Diese Individuen fühlen sich den Aufgaben der Liebe nicht gewachsen. Sie müssen unbedingt ein Gefühl der Überlegenheit haben, um sexuell empfinden zu können. Sowohl beim Kinde, als auch beim Greise sei es das Moment der Schwäche, welches in ihnen das Erhebende Bewusstsein der Überlegenheit ihrer Kraft hervorruft. (Kutzinski, S. 87)

Das kommt mir aber an anderer Stelle wieder bekannt vor. Männer sind Frauen auch überlegen und können sich in Schuldgefühlen gegenüber ihrer Mutter befinden. Der Vergleich mit dem Kinde hinkt, denn Frauen spielen in unserer Sexualkultur „das Kind“ und sie locken auch „das Kind im Manne“ hervor. Sonst könnte das Spiel mit der Heterosexualität gar nicht funktionieren. Als ich erstmals in hetero Chats eingetreten bin, hat mich das total verwirrt, wie kindisch und kindlich da miteinander umgegangen wurde: „Mausi, Schatzi, Süsser, etc.“

„Endlich gibt es Formen, in denen die Gerontophilie nur eine verkleidete Form der Homosexualität darstellt. So spricht Magnus Hirschfeld davon, dass homosexuellen Männern ältere Frauen häufig sehr sympathisch sind.“ (Kutzinski, S. 87)

Ich kann mir gut vorstellen, dass es ihnen dann wie den Mädchen und Frauen („fag hags“) ergeht, die sich unter Schwulen nicht ständig sexuellen Anforderungen ausgesetzt fühlen. ;)

Im Weiteren bietet Kutzinski in seinem Artikel einen Fall und dessen Darstellung, der überhaupt nicht als repräsentativ betrachtet werden kann. Er weist dann auf Freuds Vermutungen hin, dass sich „Invertierte“ mit der Mutter zu stark identifizieren können und dann einen Sexualpartner wählen, der ihr entsprechen könnte. Das ist die Theorie des Muttersöhnchens, das mit den möglichen Sexualpartnern der Mutter sexuell verkehrt, um SIE vor „diesen“ zu schützen! Eine typisch heterosexuelle Interpretation – aus dem traditionellen Ödipuskomplex! ;)

In den 30er Jahren spielten nicht nur pathologische Betrachtungen um sexuelle Abweichungen eine Rolle. Die sogenannten konstitutionsbiologischen Gesichtspunkte wurden stärker berücksichtigt, weil sie auch besser erkennbar waren. Letzter Vertreter dieser Theorie war Willhart S. Schlegel (1912-2001). Er versuchte, Homosexualität, oder „Weiblichkeit“ anhand des Beckendurchmessers „abzulesen“…

In der neueren Fachliteratur habe ich bei Peter Fiedler, 2004 (1) den Begriff „Gerontophilie“ nur in einer Aufstellung erwähnt (S. 47) gefunden, er schreibt aber nichts weiter dazu.

Brigitte Vetter schreibt noch 2007: „Tiefenpsychologisch kann die Ursache der Gerontophilie neben der allen Perversionen, gemeinsamen Angst vor der Frau und der erwachsenen Sexualität in einer Regression (Zurückfallen), bzw. in einem Festhalten an Triebwünschen der kindlichen Entwicklungsstufen gesehen werden.“ (2)

Die Tiefenspychologie wurde von C.G. Jung und Alfred Adler weiterentwickelt. Sie steht auf der heterosexuellen Dualität von Animus und Anima. Die Diplompsychologin und psychologische Psychotherapeutin ist langjährige Fachdozentin für Pflegeberufe. Vetter referiert zwar Homosexualität als „nicht behandlungsbedürftig“ (solange es wohl unter gleichaltrigen vorkommt), aber bei der Gerontophilie hat sie offenbar nur die Heterosexualität im Blick:

„ … dass der Sexualpartner entweder durch sein Alter wehrlos oder durch Behinderung, Schlaf oder Tod, bewegungs- und reaktionsunfähig ist. Vermutlich verbirgt sich hinter diesen Präferenzstörungen die Angst vor einer ebenbürtigen Sexualität mit aktiven Partnern.“ (3) S. 269.

Mit Verlaub, Frau Vetter, inwiefern ist denn die Heterosexualität in sich „ebenbürtig“? (4) Von der Kindersexualität, über die Jugendsexualität, bis in die hetero Familie hinein wird immer nur in hetero Kombinationen gedacht und diskutiert – und auch straf-gerichtet! Gleichgeschlechtliches Zusammensein wird nicht einmal „mitgedacht“ – es fällt unter den Tisch – die Partner sind aber auf gleicher Augenhöhe zueinander!

„… altersbedingte Merkmale wie Weisshaarigkeit, greisenhafte Magerkeit, Hirnleistungsschwäche, aber auch klimakteriumsbedingte Veränderungen (können) Auslöser für das sexuelle Verlangen“ (sein). (S. 270) ) – [Im Pschyrembel© Sexualität Verweis auf Fetischismus!]

Es ist klar, dass die Fachleute/frauen immer nur in ihrem Bereich etwas von sexuellen „Präferenzen“ mitbekommen, dann wenn sie sich als Störungen manifestieren! Aber es gibt auch „harmlose“ Gerontophile mitten unter uns.

Wir sollten in der Geschichte und in der Psychologie auch generell nicht immer nur von der neueren Kleinfamilie ausgehen, die sich durch die Industrialisierung herausgebildet hat. Und auch nicht nur von der Romeo/Julia/ -Julius Beziehung zu zweit…

„Die frühesten “Familien” waren keine “heterosexuellen” Kleinfamilien, wie wir sie kennen, sondern schlossen Mutter, Schwestern, Brüder, Tanten Onkel usw. in einer losen Gruppe zusammen. Es gab keinen “Vater”, und die Beziehungen zwischen Mutter und Kind waren keineswegs so elementar, wie wir heute annehmen; Tatsache ist, dass Kinder, Mütter und Schwestern oftmals nicht wussten, wem welches Kind gehörte… Das frühe Indogermanisch verfügte über kein Wort für “Vater” und Jahrhunderte lang war es nicht bekannt, dass Geschlechtsverkehr die Ursache für Schwangerschaft ist. Während dieser Jahrhunderte war die Grossfamilie eine überlebensfähige soziale Einrichtung…” (Shere Hite: Das sexuelle Erleben des Mannes [2], 1978/1991, S. 290)

In Zentralafrika gab es Jahrzehnte lang Minenarbeiter, die weit weg von ihren Angehörigen und ihren Ehepartnern und Familie lebten. In der Zeit der Abwesenheit bildeten sich unter den Männern neue Formen des Zusammenlebens am Arbeitsort. Meistens ergaben sich gleichgeschlechtliche eheähnliche Verhältnisse zwischen Älteren und Jüngeren, mit entsprechender Rollenteilung im Haushalt.

Ich habe aber auch schon von gleichgeschlechtlichen Verhältnissen unter Frauen in Afrika gelesen, bei denen die Eine die Männerrolle übernahm, die auch sozial wie bei einem richtigen Mann anerkannt wurde. **

Die Ethnologie könnte der Psychologie und Psychoanalyse Beispiele liefern, die deren Beschränktheit auf die Kleinfamilie aufbrechen und neue Zusammenhänge eröffnen würde.

Ich referiere nun aktuell einen 30jährigen, der im Internet aktiv nach älteren Männern sucht. Die meisten von ihnen kennen das Wort Gerontophilie gar nicht! ;)

„Mit 13 habe ich gemerkt, dass ich auf ältere Lehrer stehe. Das zog sich weiter bis jetzt. Bei mir fängt ein Mann erst an interessant zu werden ab 55-70. In diesem Alter waren auch all meine Partner, und ich genieße es … Da ich nur Sex mit Älteren habe, brauchte ich mich nie umzustellen. Ich bevorzuge eh die Zärtlichkeit und nicht das Rammeln. Mir geht’s ums Küssen, Kuscheln und auch etwas um Sex, aber nur so, dass es beiden Spass macht. Ich bin nie gross von diesem Alter weggekommen. Meine Vorliebe zu Männern hat sich über die Jahre nicht verändert.“

Ein 19jähriger verriet mir, dass er mit 18 zum erstenmal in eine Gaysauna gegangen sei und dort seine Anziehung zu älteren Männern erlebt habe: „ich lasse mich einfach gern unterwerfen… Es muss nur ein Mann sein.“ Auf meine Frage, wie er’s denn mit Frauen habe: „Ich find die zwar geil, aber überzeugt war ich selbst von keiner, die ich ficken konnte oder so…“

Ein weiterer: „Bin 19 Jahre jung und unerfahren! Suche Erfahrungen mit älteren Herren zwischen 50 und 80. Suche Lehrer! Möchte dein Schüler sein! Bin gehorsam und willig!“ ***

Mann kann auch bis in die Dreissiger und Vierziger Jahre auf noch ältere Männer stehen: „Am Anfang fand ich (14) es komisch, dass mich dieser “Daddy” scharf macht. Danach, bzw. gleichzeitig fingen die Fantasien an. Hatte leider nie den Mut ihn anzusprechen… wäre zu gerne nochmals in dieser Situation… wüsste ich doch heute was zu tun ist. Naja, die Situation war für mich geil damals. ER würde sich strafbar gemacht haben, daher er auch nichts mit mir anfangen würde. Obwohl ich es mir damals gewünscht hätte.“ (29)

Das Motivationsspektrum ist also ein weites, genauso wie üblicherweise auch zwischen Mann und Frau, oder umgekehrt! In Wikipedia wird Magnus Hirschfeld erwähnt, der von einem Altersunterschied von mindestens 50 Jahren zwischen Beteiligten ausgegangen ist. Nun, damals wurden die Menschen selten so alt wie heute! ;)   Und da wir heute immer häufiger „hochbetagt“ werden, wird es die Gerontophilie auch öfter geben…

Hier könnten jetzt noch andere biografische Texte stehen. Ich würde sie gerne sammeln für einen Überblick. Es gibt nach meinen Recherchen zwei Hauptgruppen von Gerontophilen. Diejenigen, die sich mit Älteren identifizieren und deren Nähe suchen, sowie diejenigen, die nur „spielen“ wollen: Daddies, Masters, Lehrer-Schüler, etc.

Spielen können wir vieles, sogar Windelbaby. Aber diese sind hier nicht gesucht, weil es sich dann lediglich um eine Art Fetisch handelt. Beim Fetisch wird das Personale, die Person unwichtig.

Peter Thommen_63

Letzte Ergänzung am 26.4.13

thommen(at)arcados.ch

 

1) Peter Fiedler: Sexuelle Orientierung und sexuelle Abweichung, Beltz 2004 (bisher keine NA!

2) Zitat aus: Psychiatrie – ein systematisches Lehrbuch, Schattauer 2007, S. 147.

3) Brigitte Vetter: Pervers, oder? Sexualpräferenzstörungen. 100 Fragen…, Huber Bern, 2009

4) Das Wort ebenbürtig kommt aus der Zeit der unterschiedlichen sozialen „Stände“ vergangener Jahrhunderte. Es bezog sich auf die Geburt in einem bestimmten Stande, in welchem, oder nächst höherem dann auch geheiratet werden musste!

 

* Diejenige mit einer jüngeren/älteren Frau als Partnerin ist bei Heteros ein ziemlich beachtetes Thema. Die schwule/lesbische Kombination hingegen nicht.

** Die Amerikanerin Denise O. Brien von der Temple Universität fand bei mindestens 20 afrikanischen Bevölkerungen den höchst eigenartigen Brauch der Frauenehe. Dabei handelt es sich um eine sozial und wirtschaftlich begründete Einrichtung und nicht etwa um gleichgeschlechtliche Beziehungen. Vielmehr hat die Ehefrau das Recht oder sogar die Pflicht zur Wahl männlicher Partner, und als Vater der von ihr zur Welt gebrachten Kinder gilt – rechtlich wie sozial – ihr weiblicher “Ehemann”. …

O’Brien, Denise and Sharon W. Tiffany: Rethinking Women’s Role Perspectives from the Pacific, University of California Press 1984, 236 S.  (zvab.de)

*** (Gewisse Leute vermeiden das Wort „ich“ am Anfang eines Satzes! ;)

 

Die “queere Version” von Harald and Maude!

Gerontophilie bei Wikipedia

GERONTOPHILIA, ein Projekt von Bruce La Bruce

Über Dreharbeiten in Kanada

Preview aus dem gedrehten Film

Bilder aus dem Film

Was denken alte Schwule und Lesben über gaysex?

Rechtliche Probleme bei körp. oder geistiger Behinderung (BRD)

Der homosexuelle Mann im Alter (Wilfran Nicols, Kreis 1/1958)

Schwule Männer im Alter, Fachkongress 2008

Eine Schwulensauna als Rückzugsbiotop für ältere Männer

Kinder dürfen SO und “anders” lieben!

Freitag, 22. Februar 2013

Udo Rauchfleisch ist ein ausgewiesener Fachmann im Bereich sexueller Orientierung und Psychotherapie. Seine Bücher sind Marksteine in der Diskussion um die Entpathologisierung von Homosexualität. Aber auch zur Transsexualität trägt er wichtige Informationen bei.

Ich selbst bin schwuler Buchhändler und ein Kind der neueren Schwulenbewegung. Es ist für mich wichtig, Fachliteratur in gesellschaftliche Zusammenhänge zu setzen und sie auch zu kritisieren. Weniger vom Fachlichen her, als vielmehr von den gesellschaftspolitischen Wirkungsmöglicheiten ausgehend. Ich bin daher mit meiner ersten Kritik auf gaybasel.ch beim Autor auf Erstaunen gestossen.

Es gibt zwei grundlegende Prinzipien sich mit Homosexualität zu befassen. Das eine sind Fachleute, die über das Thema und die daran Beteiligten* schreiben oder referieren und das andere ist das direkte Gespräch mit ihnen. Fachleute wie Rauchfleisch haben geholfen, das Thema aus der Krankheits-Ecke herauszuholen und die Schwulenbewegung hat es fertiggebracht, dasselbe aus den Toiletten auf die Strasse und in die Medien zu holen. Das reicht aber überhaupt noch nicht aus! Wir sind heute an dem Punkt, an welchem es klar werden muss, dass Homosexualität nicht allein eine „Orientierung“, „ein Fetisch“, oder eine „sexuelle Praktik“ einer vernachlässigbaren Minderheit ist. Denn damit sind Schwule das Stigma noch nicht los!

Ich bin 1950 geboren und somit in einer Zeit, in welcher „die homosexuelle Phase“ ganz normal der Kindheit und Jugend zugestanden worden ist, indem man/frau hoffte, diese sei eine „vorübergehende“. Die strafrechtliche Verfolgung und die gesellschaftliche Verfemung setzten ein, wenn diese „Phase“ definitiv bis ins Erwachsenenalter beibehalten wurde. Dann begann sie zu „stören“. Das frühere „Schutzalter“ von 20 Jahren – von 1942-1992 – brachte dies auch kriminalpolitisch zum Ausdruck! (Jungs und Mädchen durften damals schon ab 16 Jahren miteinander!)

Der erste Schritt bestand also darin, die homosexuellen Erfahrungen der Heranwachsenden zu entkriminalisieren und dieses Schutzalter für Sexualität allgemein und für alle Beteiligten, also die einverständliche „Jugendsexualität“, auf 16 Jahre herabzusetzen. Doch wir haben nicht damit gerechnet, dass sich die Politik und Justiz noch längere Zeit für den „politisch korrekten“ (hetero) Sex engagieren würde! Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass der Jugendschutz nach wie vor ein wichtiges Anliegen in weiten Kreisen der „korrekten“ Bevölkerung ist, während das Alter der sexuellen Aktivitäten stetig sinkt! Gleichzeitig sind die Grenzen zwischen den hetero und homosexuellen Aktivitäten ebenfalls gefallen und können nicht nur mit Orientierung und Identität verbunden werden!

„Es gibt viele heterosexuell orientierte Menschen, die ebenfalls homosexuelle Bedürfnisse haben und diese unter ebenso schwierigen Bedingungen befriedigen müssen, wie Schwulis. Es geht eben nicht nur darum, dass heterosexuell lebende Menschen sich plötzlich in einen des gleichen Geschlechts „verlieben“ können. Sie können gelegentlich, oder regelmässig, mit dem gleichen Geschlecht auch Sex machen. Und nach über zehn Jahren Internet behaupte ich, dass dies mindestens ein Drittel der Männer auch tut.“ (Th.)

„Aber was nützt einer Mutter der Begriff der „Kern-Geschlechtsidentität“, wenn sie Angst hat, ihr Sohn werde anal vergewaltigt? Diese Angstbilder vermeidet er geflissentlich. Frauen haben keine Prostata und kennen die anale Lust nicht aus dieser Erfahrung!“ (Th.)

Mit dem Titel „Mein Kind liebt anders“ wird für Eltern niemals klar werden, dass es auch eine Homosexualität „jenseits“ einer „Fixierung“ darauf gibt und dass das Kind die Freiheit haben sollte, sie auch „neben seiner heterosexuellen oder bisexuellen Orientierung“ zu nutzen. Es gibt sehr viele Schwule, die öfters und regelmässig sexuelle Erfahrungen mit Heterosexuellen machen, diskret und anonym natürlich. Und der bekannteste Spruch der Bisexuellen lautet: „Ich bin verheiratet.“ Oder „Ich habe eine Freundin.“ – „und das soll sich auch nicht ändern.“

Mit der Einschränkung der Homosexualität auf eine „Orientierung“ und deren Fixierung auf ein ganzes Leben, wie bei der Heterosexualität, werden gesellschaftliche Tatsachen ignoriert. Ganz zu schweigen davon, dass es viele hetero orientierte Männer gibt, die sich tatsächlich nach 20 bis 30 Jahren „umorientieren“, aber damit nicht plötzlich zu „Schwulen“ werden.

Ich möchte dem Autor die Anregung geben, die Joachim Braun und Beate Martin schon im Jahr 2000 im Rowohlt Verlag umgesetzt hatten, mit ihrem Buch „Gemischte Gefühle“. Darin bekommen Heterosexuelle vorgesetzt, dass sie selber auch ein „coming out“ haben, eine „Szene“ und eine „Orientierung“. Und nicht wenige homosexuell Orientierte können oder wollen sich auch fortpflanzen…

Nun, inzwischen haben wir ein Gesetz über die „eingetragene Partnerschaft“, Forderungen nach Adoptionsmöglichkeiten wie bei der Hetero-Ehe und sind an einem öffentlich wahrnehmbaren Punkt angelangt, der die faktische Durchmischung von Heterosexualität und Homosexualität aufhebt und sie jeweils in eine Ausschliesslichkeit zwingt, die jenseits aller empirischen Daten ist! Naiv ist, der sich nichts dabei denkt…

„Im Allgemeinen haben Frauen mit Homosexualität wesentlich weniger Probleme als Männer.“ (Rauchfleisch)

Es gibt keine realen Befunde, die das erhärten würden, nur Äusserungen. So manche Frau gibt sich „tolerant“, wenn es aber um ihren Ehemann oder ihren Sohn geht, sieht alles wieder anders aus. Das habe ich an einigen Beispielen, die ich hier nicht referieren kann, schon sehr eindrücklich erlebt!

„Die Ergebnisse dieser Untersuchung verdeutlichen, dass die Formen, in denen sich die mütterliche Einstellung ausdrückt, dem Einfluss eines gesellschaftlichen Stigmas unterliegen. … Entscheidend ist dabei nicht immer die Homosexualität an sich, sondern die Bedeutung, welche die einzelne Mutter der gesellschaftlichen Meinung und Erwartung beimisst.“ (1)

Dies der Befund von Claudia Müller in ihrer nichtrepräsentativen Arbeit „Mein Sohn liebt Männer“, eine qualitative Studie über einige Mütter. Nicht zuletzt habe ich die Erfahrung gemacht, dass sehr viele Jungs es nicht wagen, mit ihren Müttern über Sexualität zu reden und sich – gemäss einer vergangenen Studie – 30 % der Bisexuellen eher das Leben nehmen würden, als mit ihren Frauen über ihre homosexuellen Bedürfnisse zu sprechen.

Nehmen wir also die „Homosexualität“ aus der „Orientierung“ heraus und stellen sie ALLEN Männern zur Bedürfnisbefriedigung zur Verfügung, dann enthält dies erheblichen gesellschaftspolitischen Sprengstoff. Von der Reaktion von Frauen ganz zu schweigen. Ich habe einige kulturgeschichtliche Werke zur Sexualität gelesen und dabei gelernt, dass es immer das Bestreben der Gesellschaft war, erstens die Frauen zu „versorgen“, denn früher gab es für Unverheiratete, ledige Mütter und Geschiedene oft nur niedrige Arbeit, schlechte Bezahlung, oder die Prostitution, und zweitens die Männer unter „die Haube“ ** zu bringen, damit sie sexuell versorgt und keine Gefahr mehr für andere Frauen seien…

So erscheint mir die „Schwulen-Ehe“ historisch den gleichen politischen Weg zu nehmen, obwohl eigentlich alle wissen, dass diese Ideologie im Leben für die Allgemeinheit nichts taugt! Und schon sind PolitikerInnen daran, die MigrantINNen-Prostitution zu instrumentalisieren und die sexuelle Freiheit ab 16 Jahren für beide Geschlechter weiter einzuschränken. Dabei werden die aktuellen wirtschaftlichen Probleme galant unter den Tisch gewischt!   Peter Thommen_63, Schwulenaktivist, Basel

P.S. Eine detaillierte Rezension von Rauchfleischs Buch auf arcados.ch

 

* Ich schreibe hier absichtlich nicht „Betroffenen“

** kann übrigens auch in Zusammenhang mit der Kopfbedeckung von Muslimas gesehen werden! Wir hatten auch solche Traditionen.

1)  Claudia Müller (Pädagogin): Mein Sohn liebt Männer, 2008, eine qualitative Studie über 5 Mütter)

der “schwulentest” zum neuen jahr

Montag, 31. Dezember 2012

Nein, ich will nicht mit Fragen Eure Zeit verbrauchen! Ich habe hier einige interessante Reaktionen auf Testresultate gesammelt. Der eine oder andere wird sich darin wiederfinden!

50 %  was mache ich mit dem Rest von mir? will ihn jemand haben?

40% ! Aber immerhin: Ein bisschen Bi schadet nie!

ich habs schon länger geahnt, ich bin 95% schwul! also nicht mehr wirklich bi….

Überraschende 60%  -  Hehe, 60% gar nicht so abwegig :-)

huch 100 % – das dachte ich jetzt nicht  ;)

Huch – 90%! Wenn das meine Frau sieht *lach*

Ich bin auf  75 % gekommen. Trifft genau den Kern für mich als Hetero mit Neigung zum eigenen Geschlecht!

Hi – also ich bin 60%, aber wenn ich einen Schwanz im Mund habe kommt es mir doch deutlich mehr vor????!!!!

Bei mir lautete das Ergebnis 30 %. Kann aber nicht stimmen. Fühle mich 100 % schwul – und das schon sehr lange.

Sind doch 70% geworden ;)

also ich habe 45 % und bin schwul, jedoch lebe ich ganz normal, bin keine Tunte und nichts. Ich denke daher “nur so wenig?“, auch wenn ich schwul bin. Der Test passt halt eher zur rosaroten Tucke :- p

hi – bei mir sind es 25%…………na ja…..

Gratuliere, ist ja echt toll, du und ich in einem Zimmer mit/in nur einem Bett, wow das ergibt 100% Schwulität! Frag jetzt aber ja nicht, mit welchem Ergebnis ich aus dem Test kam!

Ich soll nur 20% sein. Aber wenn ich einen Schwanz lutsche, den aber zu 100%

Nach dem Test 55%. Was dann der Rest? Homo-asexuell wohl

Bin enttäuscht, nur 75%

40 % aber bei bi ist das kein Problem

Ich habe Glück gehabt 60%

Nach 2,5 Monaten den nächsten Versuch gemacht. Es bleibt bei 40 %.

Ich hab’s mir doch gedacht, der Test ergab 95% ! Geil….

Hab den Test noch mal gemacht, komme jetzt auf 90%! Also doch langsam eher schwul als bi?

70 %, schau schau

Ich bin gerade mal auf 55 % gekommen und das obwohl ich stockschwul bin!

Toll, 50%! Und jetz? :-D

85% – Oh… – ich hätte eher gedacht so um die 70%…

bei mir kamen 40 % raus als bi Typ perfekt

10%… bin ich krank?? :-)

60%… so habe ich’s erwartet.. :)

70 % und das ist gut so

85%  Bin Hetero ohne Berührungsängste zu Männern  (Masseur)

wie nicht anders erwartet: 100 %

Haha!  100% und das, obwohl ich bi bin.

funny test! Habt ihr mehr davon?

habs nur auf 25% gebracht, na ja reicht ja auch.

40 %. Bin aber in Wirklichkeit zu 95 % schwul. Man sieht halt, wie unsinnig Klischees sind.

Liege bei 85% mann, war mir gar nicht bewusst ;-) Ist aber schon etwas neurologisch auffällig der test

bei mir sind es 50% also passt es ganz gut, denn ein bisschen Bi schadet ja nie

So ein “Schwulentest” ist das letzte, was mann sich antun kann, im doppelten Wortsinne! Es tun ja hier oft Männer so, als ob das alles keine Bedeutung hätte und jeder so tun könne, wie ihm beliebt, aber einigen scheint die Versicherung der eigenen Einschätzung doch wichtig zu sein! Wer sich ernsthaft mit dem Thema befasst, der sollte sich klar sein, dass homosexuelle Lust, sexuelle Orientierung und Lebensweise nicht miteinander übereinstimmen müssen!

Diese Widersprüche zeigen sich vor allem an den Kommentaren. Weder können Männer und Frauen so locker mit ihren Sexualbedürfnissen umgehen, wie Schwule unter sich, ich meine jetzt diejenigen Homosexuellen, die nicht immer nur mit dem Schwanz oder dem Arsch dabei sind, noch können Männer aus einer/m heterosexuell bestimmten Welt oder Leben so locker mit Männerkontakten umgehen wie ein Masseur (85 % hetero), der aus beruflichen Gründen wohl seine Homophobie verloren hat.

Zwar sind nicht mehr alle Homosexuellen und Schwulen in einem Ghetto eingesperrt, aber die Homosexualität an sich ist für viele Männer ein Ghetto, oder ist eben für Heteros/as so bedrohlich, dass sie hartnäckig ghettoisiert wird und nicht an jeder Ecke zu finden ist, wie die Kleidershops für Frauen…

Ein italienischer (die haben’s erfunden!) Schwuler schrieb dazu einmal sinngemäss: Wer ist denn im Ghetto? Homosexuelle (ich meine jetzt diejenigen, die nicht “auf Frau machen”) können sich ziemlich locker bei den Heterosexuellen und mit Frauen zusammen bewegen, ohne dass sie dafür diskriminiert werden.

Heteros hingegen können sich nicht so einfach in das Ghetto hinein begeben, das sie selbst dauernd verursachen (!), ohne “in irgendeinen Verdacht” zu kommen. Und die meisten Heteros/as kapieren gar nicht, dass sie selbst letztlich die Ursache von dem allem sind. Es gibt allerdings immer wieder “Normale”, die sich darüber wundern, wie leicht und angenehm man sich in dem vorher gefürchteten Ghetto bewegen kann, wenn man alle die heterosexuellen Ängste vergisst. Und sehr viele homosexuelle Männer erleben das sogar auch so…

Giovanni dall’Orto, so heisst dieser schlaue Mann und am Schluss seiner Überlegungen steht die sehr wichtige Frage: “Wer ist denn hier in einem Ghetto?” Derjenige, der immer wieder raus und rein kann, oder derjenige, der sich nicht wagt, seines zu verlassen? Unter anderem bildet das Internet für diese Angsthasen eben oft das einzige Türchen, durch das sie schlüpfen können! ;)

Im Weiteren hatte das jüdische Ghetto (das in Italien ausgeprägt war) immer zwei Schlüssel für die Tore bereit. Einmal um die Christen auszuschliessen und einmal für die Christen, um die Juden einzuschliessen, oder eben auszuschliessen aus dem eigenen christlichen, das nicht als Ghetto begriffen wurde.

Und wer mir folgen kann, wird den Satz “Ein bisschen bi schadet nie” vielleicht mit anderen Augen lesen. Denn in dem Wort bi ist sowohl das Ghetto der Heterosexuellen angedeutet, aber auch das Wort homosexuell, aber unsichtbar, eingeschlossen. Logischerweise sollte es heissen: Ein bisschen gay macht fray – oder so ähnlich! ;)

Dieser bi-Satz ist so typisch “schwul”, dass er mir wie eine Pirouette im Ballett, oder ein gedrechselter Handgriff an der Kellertreppe vorkommt, mit dem mann sich dem Fallbeil der Diskriminierung zu entwinden sucht. Ziemlich stümperhaft, wie ich finde und eines “richtigen” Mannes unwürdig, der sich grossmäulig sonst so seine Freiheiten bei Frauen nimmt…

Ich möchte diejenigen trösten, die von ihren Prozentzahlen enttäuscht waren: Egal welche Zahl sich ergibt, Homosexualität steht allen Männern zu und nicht wenige Schwule pflanzen sich mit Frauen fort…

Peter Thommen_62, Schwulenaktivist, Basel

2 doctors 78

Mütter sind be-rechnend, USA 1978

P.S. Ein witziger Text über das Schwulsein in der Familie