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Karfreitag und Ostern: Überleben wir die Homosexualität um heterosexuell zu werden?

Montag, März 28th, 2016

Vor fast 25 Jahren schrieb ich in meinem Blatt „Thommens Senf“ eine erste „Osterpredigt“ (1) Mir haben von klein auf schon immer die „Gleichnisse“ und Bilder aus den biblischen Erzählungen gefallen. Diese Ikonen (eine Art zusammenfassende Abbilder) sind eine späte Form von Hieroglyphen der Altägypter und sprechen für sich und bilden zugleich eine Sprache/Aussage. Sie sind für die orthodoxen (ehemals oströmischen) Kirchen sehr wichtig und bilden eine Grundlage des „gläubigen Verständnisses“ in einer damals ziemlich bilderlosen Gesellschaft. Im Islam ist es wichtig, den Koran in der hocharabischen Version laut zu deklamieren (vorsagen), um dem Gott am nächsten zu kommen. So wie die Kirchen mit ihren Bildfenstern, nutzen wir auch am Computer „Icons“ um komplexere Befehle oder Zusammenhänge auszudrücken oder auszuführen. (Im Cruisermagazin vom April 2016 habe ich versucht, über verschiedene, für Schwule (2) wichtige Icons zu schreiben.)

Im Jahr 1993 war es für mich klar: Wir sterben an Karfreitag als Heterosexuelle, um homosexuell an Ostern aufzuerstehen! Jesus ist eine Ikone geworden, die, je nach Interpretation, sich gegen gesellschaftliche, ordnungspolitische oder religiöse Gesetze aufgelehnt hat. In zweitausend Jahren Kulturgeschichte haben wir es schon lange nicht mehr mit historischen Fakten oder Zeugnissen aus erster Hand zu tun. Es hat Jahrhunderte gedauert, bis Männerliebende selber sich äussern konnten, oder Homosexuelle in den Medien (Telearena 1978!). Jahrhunderte, bis überhaupt religiöse Texte in der Sprache von „Gläubigen“, oder Verehrungskulte (Gottesdienste/Messen) nicht mehr in Hochlatein abgehalten wurden.

Im Cruisermagazin vom März 2016 (S. 26) habe ich darauf hingewiesen, dass Homosexuelle sehr heterogene Sexualwesen sind und dabei – vor allem im sexuellen Erlebnisbereich – ganz einfach gestrickt, wenig differenziert und hier meine ich auch stark von den herrschenden und frauschenden Machtverhältnissen geprägt (> zahllose Fetische!). Da erweisen sich Bildsprache und Bilder als wirkungsvollere Informationsträger als alle hochintellelen Vorträge. In diesem Spannungsbereich bewege ich mich also als „Bildsteller“. Nun also zu meiner ersten Predigt (3).

Das Osterritual gilt als das höchste christliche Fest um Männer. Logisch dass Männerliebende das nicht ignorieren können. Da wo sich alles – auch die Frauen – um Männer dreht, werden nicht nur Gläubige davon betroffen. In unserer Gegenwart dreht sich ja alles um Frauen! Da bleibt also doch noch Raum für einen „schwulen Blick“ auf das Ritual, die Vorgänge und Deutungsmöglichkeiten (Icons). Der Freitag als Tag der Strafe für das „nicht ausschliesslich heterosexuell sein wollen“ (4). Ohne dieses gewaltsame „coming out“ in der Öffentlichkeit wäre eine Auferstehung in der christlichen Ideologie undenkbar!

Freitag – ein Tag der Selbsterkenntnis, statt des Verrats. Gleichzeitig wird Dein Normalleben zerstört . Du hängst am Kreuz der Vorurteile (und auch der heimlichen Wünsche der Normalos). Es hat aber Mitschwule/sich erbarmende Hetis, die Dich bald vom Kreuz herunter holen (weil sie sich davon anrühren lassen werden).

Eingewickelt in weisse Linnen der Zuwendung, in der (mütterlichen) Grabhöhle kommst Du dem Tag der Auferstehung näher. Plötzlich erscheinst Du Deinen Freunden wieder: Als Schwuler, als Individuum, als bunter Schmetterling (frei vom Cocon). Sie werden Deine Wunden betasten und nicht glauben wollen, dass Du schwul bist! Andere, die auf Distanz zu Dir gehen, können Dich nicht begreifen/erfassen. Du kannst sie ruhig gehen lassen. Du bist auch ein Angenommener ohne dieselben!“

Wenn ich sehe, wie viel Kraft es zu einem coming out braucht, wie finster vorher alles gesehen wird von Homosexuellen, wie fest sie sich an ihre „heterosexuelle Unschuld“ klammern, dann fühle ich Karfreitag. Der totale Anspruch an die eigenen Kräfte. Der Becher geht nicht vorbei. Ein solches coming out ist ein Reifeprozess wie eine beendete Verliebtheit oder eine lange Beziehung. Und das was viele fast wie einen „Tod“ erleben, ist erst eine Fühligkeit, die uns bei unserem Tod helfen wird. Und auch der Tod ist eine Bedingung für das, was Auferstehung genannt wird. Wir wissen genausowenig, was nach dem Tode kommt, wie wir je wussten, was nach dem coming out kommen würde, oder woher wir gekommen sind.“ (5)

Interessant auch eine Nachbemerkung von damals: „Zum Judaskuss: Dass der Akt der Befreiung/Enthüllung in einer alltäglichen, unauffälligen (und typisch orientalischen) Handlung enthalten ist, zeigt uns, dass nur die Sichtweise der Umgebung das ganze zum Drama hochstilisiert. Die Küssenden haben ja kein Problem. Judas tut es für die „Hofschranzen der Mächtigen“ (30 Silberlinge) und Jesus „tut es dem obersten Gott zu Gefallen“. (Aber haben sie es auch je für sich beide getan?) (1)

Wir Schwulen sind zwar durch Heterosexualität in diese Welt gekommen, aber uns wurde auch bestimmt, ein „neues Verhältnis“ mit den Menschen einzugehen, das diese vor uns anscheinend noch nicht kannten. Wir kennen unsere übergeordnete Bestimmung auch nicht und wehren uns verzweifelt gegen unser Anderssein. Wir werden von der übergeordneten Heterosexualität verstossen, die sich den Anschein der totalitären Absolutheit gibt. Wir sind gezwungen, unsere herkömmliche Biografie aufzugeben, oder die wirkliche Biografie zu verleugnen. Ob dieser Leistung kräht aber kein Hahn! Und gar mancher Hetero wird zum Judas eines Schwulen in dieser Gesellschaft.“ (5)

Heute ist alles ganz anders! Es gibt keinen Karfreitag mehr, coming outs werden nicht mehr gebraucht! LondonJames (Lifestyleberater und Dating-Experte) zur Öffnung der Ehe für alle: „ … heisst es in den Akten schlicht und einfach: verheiratet. Dann braucht es weder ein Coming out am Arbeitsplatz oder sonst wo. Man(n) wird nicht blossgestellt. (6)

Der oben „ikonosierte“ Akt der Individuation verkommt zum blossen Akt auf dem Standesamt! Und heraus kommt? Eine Homo-Ehe! Shereen El Feki schreibt hingegen von nordafrikanischen Männerliebenden und zitiert Hassen: „Ich kenne die tunesische Gesellschaft. Wir werden garantiert nie die Schwulenehe fordern, weil die meisten von uns den klassischen Rahmen einer Beziehung, die Ehe, ablehnen; daran denken wir nicht.“  (7)

Die jungen Männer in der orientalischen Gesellschaft wollen „nur“ ein normales Leben führen und nicht mehr diskriminiert werden. In dieser „schweigenden oder verschwiegenen“ Kultur ist ein coming out/eine Individuation gar nicht möglich. Die meisten führen eine hetero Ehe, ja müssen sie führen, falls sie genügend Geld verdienen können.

Wie wir sehen gibt es Ausnahmen, die früher politisch und heute religiös motiviert werden. Statt ans Kreuz genagelt zu werden, sprengt man sich in die Luft – für den grössten aller Männer, oder der Ikone, die die grösste Autorität auf sich versammelt…

Das Gemeinsame liegt eben im Widerspruch! In den Fussballstadien wird Männerfussball gespielt und spielen sich formal „Männerorgien“ ab. Draussen vor aber herrschen die Gesetze der Männlichkeit: Gewalt und Vergewaltigung. So, wie sie es alle in dieser Kultur gelernt haben. Wer homophobe Lieder singt im Stadion, der bestätigt auch gleich das, was er mit Liedern weit von sich weist!

Christliche Ostern, das ist für mich die Sehnsucht des Mannes nach dem Mann. In einer total heterrorisierten Gesellschaft. Es lohnt sich, darüber zu meditieren und Icons zu formulieren!

Peter Thommen_66, Schwulenaktivist, Basel

 

1)  Damals „für Schwule und Lesben“, in der 14. Ausgabe des 2. Jahrganges vom 9. April 1993. Es ging – und geht bis heute – aber nur um Schwule.

2)  Schwule sind für mich Männer, die nicht einfach nur mit anderen Männern Sex haben, oder sie lieben, sondern sich auch mal Gedanken darüber machen!

3)  Ein Text, der meist mündlich vorgetragen wird und auf einen bestimmten Zweck hin verfasst worden ist.

4)  Man/frau beachte, dass es NICHT nur um das „ausschliesslich homosexuell sein wollen“ geht!

5)  Thommens Senf, 3. Jg. Nr. 13, 1. Apr. 1994/online ThS 22.03.2008

6)  GH *1985, irgendwo im Internet

7)  El Feki, Shereen: Sex und die Zitadelle. Liebesleben in der sich wandelnden Welt, Hanser 2013, S. 340

Internationaler Frauentag und Schwule?

Dienstag, März 8th, 2011

An diesem Tag geht es um die Rechte der Frauen und das ist auch gut so. Am internationalen Schwulentag geht es schon lange nicht mehr um die Rechte der Homosexualität. Schon gar nicht in einer bürgerlichen Gesellschaft. Und schon gar nicht gegenüber Frauen. Leider.

Rechte bedeuten auch Verantwortung. Aber nur zu oft scheuhen Frauen diese Verantwortung und verzichten stillschweigen auf Rechte. Das tun Männer mit der Homosexualität genauso!

Weniger Rechte heisst auch weniger Verantwortung. Da sollen bei den Frauen ihre Männer her und bei den Schwulen ist dann plötzlich keiner mehr da, weil sich eben alle Beteiligten aus dieser Verantwortung für die gemeinsamen Rechte hinausstehlen…

Es stimmt, dass auch heterosexuelle Männer sich aus der Verantwortung stehlen. ZB mit dem Geld für den Unterhalt des anderen Teils ihrer Familie. Es stimmt aber auch, dass heterosexuelle Männer oft auch unter dem Existenzminimum leben müssen, gerade deswegen. Und es gibt fast nur Frauen, die wegen der homosexuellen Bedürfnisse ihrer Ehemänner, die gemeinsame Familie hinschmeissen und sich für ihre „Enttäuschung“ dann bezahlen lassen, von einem „Schwulen“. Die meisten Männer entfliehen in eine gut gesicherte schwule Parallelwelt, wie andere mit den Prostituierten – damit ihre Frauen „dies nicht tun“!

Zurück zum Wort „Ent-Täuschung“. Womit, oder weswegen haben sie sich täuschen lassen? Die meisten Mütter merken, wenn ihre Söhne homosexuelle Bedürfnisse haben und nach Männern Ausschau halten. So viele Tussis, die zu dumm sind, gibt es einfach nicht. Aber darüber bewahren sie Stillschweigen. Damit es „das in ihrer Familie“ nicht geben soll.

Kürzlich hat mich eine sechzigjährige Frau angerufen, die ihren gleichaltrigen Ehemann bei homosexueller Pornografie (legaler!) im Internet „ertappt“ hat. Wo hat die Ehefrau in all den Jahren nur hingeschaut bei ihrem Mann? Und wie hat der Ehemann in all den Jahren nur seine homosexuellen Bedürfnisse weggesteckt?

Wir merken in der ganzen öffentlichen „Pädophilie“-Diskussion auch, wie Frauen ihre (auch männlichen) Kinder schützen wollen. Das ist wohl eine löbliche Absicht, aber für die gesellschaftliche Wirklichkeit untauglich. Während ihre (männlichen, und auch etliche weibliche) Kinder selber pornografische Photos ins Internet stellen, sollen die bösen Männer, die sich das anschauen, „für immer weggeschlossen“ werden.

Dabei zeigt sich immer mehr in chats und auf Profilen, dass sich sehr viele erwachsene Männer und auch Frauen, niemals aus ihrer kindlichen Sexualität heraus entwickelt haben, oder haben können – sie sind einfach nur den Jahren nach älter, oder erwachsen geworden. Warum?

Die Entwicklung einer verantwortlichen Diskussion über den Körper und die sexuellen Bedürfnisse findet in der Normalfamilie weder zwischen den Ehepartnern, noch mit den Kindern statt. Es wäre eine zu grosse Verantwortung – für die Eltern und auch für die Kinder! Das überlässt Frau lieber der Polizei im Internet…

Das Totschweigen der Homosexualität von Kindern und Ehemännern ist erdrückend. So hat es niemals eine „Bisexuellen-Bewegung“ gegeben. Nur Diskussions- und Beratungsrunden in homosexuellen Gruppen und im Internet. Gut, manche Bisexuellen suchen sich Partner für einen Dreier mit ihrer Freundin oder Ehefrau. Ähnlich dem amerikanischen „Swingen“ – also Sex immer nur zwischen zwei Ehepaaren. Löblich? Ich denke, die Frauen sind noch nie so erzogen worden, um sowas überhaupt „durchzuspielen“. Schon die bürgerliche Ehe kommt noch nicht ohne die vielen – heute internationalen – Fachfrauen aus dem Rotlichmilieu aus!

Mütter beschäftigen sich doch lieber mit ihren Söhnen als mit ihren Töchtern. Und die Väter sind meistens homophob und ihre Ehefrauen tun fast gar nix dagegen – schon gar nicht in für Schwule lebensbedrohenden Migrantenfamilien.

Ja. Alle Verantwortung liegt wieder mal bei den Frauen? Als Schwuler muss ich mich aber immer wieder fragen: Wieso schaffen es Frauen – auch mit ihren Ehemännern zusammen, oder gar mit anderen Frauen zusammen – nicht, ihre Töchter und Söhne zu verantwortlichen Beziehungspartnern heranzuziehen? Sie erziehen Söhne so, dass die Töchter anderer Frauen wieder unter denen leiden müssen. Und sie erziehen ihre Töchter nicht so, dass die Söhne anderer Frauen wenigstens dann bei ihnen Respekt vor dem weiblichen Geschlecht erlernen…

Gerade gestern habe ich mir von einer heterosexuellen Frau sagen lassen, dass es doch für Frauen nichts Schöneres gäbe, als in einem Manne aufzugehen – aber doch eigentlich er in ihr! 😉

Mitten in meinem schwulen Buchladen. Danke! Das war grad noch vor dem internationalen Tag der Frau! 😉

Seit dreissig Jahren steht in der Verfassung ein Satz, der zwingend schliessen lässt, dass Männer und Frauen den gleichen Lohn für gleiche Arbeit erhalten sollen. Doch viel aktueller werden Frauenquoten in der oberen Wirtschaftshierarchie öffentlich diskutiert. Und heftig wird diskutiert, den jungen Frauen (natürlich wegen der Ausländerinnen!) zwischen 16 und 18 Jahren ja bald zu verbieten, für ihre Liebesdienste nur einen Centime von jemandem zu nehmen… (Dabei geht schlichtweg vergessen, dass viele Jungs ihre erwachenden homosexuellen Bedürfnisse gerne mit Geld kaschieren, um es vor sich selber nicht „aus Lust“ zu tun!) Die blöden sind immer die Freier…

In der Diskussion um den Frauentag geht es auch immer wieder um die Gewalt gegen Frauen. Danke – es gibt auch homophobe Gewalt gegen Männer. Auch von Seiten der Frauen. Nur ist dann dies die Gewalt des Schweigens, die auch sehr oft bei sexuellen Übergriffen in heterosexuellen Familien (und auf die Töchter) eine grosse Rolle spielt, aber nicht in gleichem Masse bestraft werden kann. Dabei ist nichts traumatisierender für Opfer, als wenn die Mütter ihre Kinder im Stich lassen!

Gewalt hat etwas mit Eigentumsverhältnissen zu tun. Gerade auch da, wo Frauen von den homosexuellen Bedürfnissen ihrer Männer ent-täuscht werden. Die meisten geben dann das „Familieneigentum“ – eben meist gegen Bezahlung – auf. Aber nicht das Eigentum an den Kindern. Das tun übrigens auch heterosexuelle Männer bei echten homosexuellen Bedürfnissen ihrer Frauen (nicht). Während die „lesbischen Spiele“ von Frauen eher von beiden Geschlechtern als Unterhaltung konsumiert werden. Aber niemals umgekehrt.

Das ganze heterosexuelle System ist überlebt und bringt unter uns Alle sehr viel Leid! Während unwidersprochen behauptet werden kann, andere Kulturen mit anderen Verhältnissen würden ebendies tun. Doch keine Frau und Mutter und kein Mann und Vater möchte es ändern.

Und schleichend frisst sich die Heterrorsexualität auch in die schwulen Beziehungen und Verhältnisse hinein. Wir haben uns doch schon bisher mit diesen Verhältnissen herumgeplagt. Müssen wir sie unbedingt auch noch im schwulen Bett haben?  Peter Thommen61, Schwulenaktivist, Basel

 

warum bin ich kein „barebacker“?

Sonntag, Januar 30th, 2011

Zur realsexuellen Situation der Homosexualität 2010

Diesen Text widme ich:

Christen, Richi, 27.05.1959-12.02.1995,

Ratti, André, 08.10.1935-26.10.1986,

Brockel, Frank, 13.09.1969-01.12.1993

Bareback-ismus ist eine Form von eingebildeter Macht über andere Männer – zum Ausgleich von Ohnmacht (wie SM), ein schwuler Machismo sozusagen. Und wie bei diesem wird gemeinsame Verantwortung total abgelehnt.

Für alle, die noch immer nicht wissen, was das ist: Das englische „bare“ entspricht dem deutschen „Bar“-Fuss und back heisst auf deutsch „hinten“. Das Wort soll schon von den Cowboys verwendet worden sein, die ohne Sattel auf Pferden geritten haben/sind…;)

Inzwischen sollte klar sein, dass es um HIV/AIDS geht (und übrigens auch um Hepatitis – für C gibt’s noch immer keine Impfung!). Schon lange kommt es mir „schräg“ herein, wenn ich die vielen User im Internet sehe (und über die Vielen „höre“, die als Gäste in Saunen oder auch „outdoor“ ohne Kondom verkehren. Vor allem diejenigen, die „barebacking“ propagieren, virtuelle Clubs gründen und geile Versprechungen machen. Daneben sehe ich auch viele HIV-positive, die sich über Diskriminierung durch Männer beklagen, oder die mit ihren Männern Probleme bekommen, wenn auch in der Beziehung Kondome verwendet werden sollen/wollen.

Als Schwuler, der gelernt hat, oder hat lernen müssen, was „richtiger Sex“ (eindringen/ficken!) ist, genügt mir die „mechanische“ Prävention der AIDS-Hilfen schon lange nicht mehr. Und ein Schwuler ist jemand, der Homosexualität praktiziert und gelegentlich auch darüber nachdenken tut, was er macht, warum er es macht und wie er es macht. Zu vergleichen mit einem Hetero, der herumfickt und schliesslich mal Vater wird – und vielleicht dann gezwungen wird, über seinen Schwanz nachzudenken! 😉

Aus ganz bestimmten „schwulenpolitischen Gründen“ hatte ich 1997 der AHS einen Brief geschrieben, den ich als Dokument auf meinem Blog aufführe. Aus der Antwort der AHS vom 4. Februar 1998 zitiere ich:„Zum ersten haben wir uns 1997 entschieden, uns an die „jungen newcomers” und nicht generell an die “newcomers” zu wenden. Zum zweiten behandelt diese Kampagne, die einen unvergleichlichen Erfolg aufweist, das Problem des Safer Sex und nicht die schwule Revolution.“

Seit 1997 hat die Präventionskampagne der AHS einen „unvergleichlichen Erfolg“ – bei stetig steigenden Infektionszahlen. Punkt. Das sind jetzt über 10 Jahre, in denen es schlicht unterlassen wurde, über Sexualpolitik, Sexualkultur und Sexualethik öffentlich nachzudenken.

Ich führe im Internet gelegentlich „Gespräche“ mit HIV+ und Barebackern. Und ich habe den Eindruck gewonnen, dass die Einen, wie die Anderen je auf einem anderen Planet leben. Es ist dies wohl Ausdruck der grundsätzlichen Situation unter Männern heute, die miteinander Sexualität praktizieren. Über ein Drittel der User auf Plattformen sind hetero oder bisexuelle Männer. Und sie unterscheiden sich nur unwesentlich in ihrem Verhalten von den homosexuellen Männern – oder auch umgekehrt…

„Halt!“ rufen jetzt diejenigen, die sich auf die verbesserte medizinische Situation, auf die neuen Medikamente und die geringe Sterblichkeitsrate der Infizierten berufen. Ich zweifle das überhaupt nicht an! Aber wenn ich diese „schwule Revolution“ zitieren darf, dann frage ich mich wirklich – „=/%@#&/=“ – hängt die Homosexualität und hängen auch die Schwulen wieder nur am medizinischen Tropf oder was? Lassen wir uns „medizinalisieren“, wie es in den 50er Jahren üblich war, als man uns mit Hormonen und Kastrationen malträtierte?

Gut, ich gebe zu: Anders als in Kuba, hat man uns sonst nirgendwo „weggesperrt für immer“, wie es den „Pädophilen“ heute droht. Das konnte verhindert werden! Aber wie ich von den HIV+ lerne, ist die Infektion für viele eine – im wahrsten Sinne des Wortes – „lebenslängliche“ Traumatisierung, die nicht einfach mit ein paar Tabletten „überlebt“ werden kann. Nebenher behaupten Barebacker jeglichen Alters immer wieder, dass sie wüssten, was sie tun!?

„…hast du das gefühl, ich weiss nicht, auf was ich mich einlasse?“ (18 Jahre)

„ich steh nicht auf gummis, ganz einfach und wenn ich mir dabei was einfange, naja, mein pech, mir egal. ist ja sowieso nicht dein problem, wirst ja wohl eh nie mit mir rummachen…“ (derselbe)

Ich will nochmals zurück zur „schwulen Revolution“! Homosexualität wird noch immer getrennt zur heterosexuellen Kultur und Gesellschaft praktiziert. Vor allem von Hetero- und Bisexuellen! Historisch gesehen waren Gesellschaften immer um Normalität bemüht. Sie duldeten ein gewisses Mass von Abweichung – wie Prostitution, Homosexualität. Solange vor allem die Männer ihre Sohnes-Pflicht fürs Vaterland erfüllten (siehe Telearena von 1978!)

Erst als sich die „notorischen Homosexuellen“ dieser familiären Kontrollen entzogen und eigene Gemeinschaften gründeten, begann die uns bekannte Ausgrenzung wirksam zu werden. Aber diese Ausgrenzung wurde nicht auf „halb- viertel, achtel“-Homosexualität gegründet. Auch spielten die Vorfahren keine Rolle wie bei den Juden. Noch heute gilt jeder Mann, über den homosexuelle Aktivitäten bekannt werden, entweder als schwul, oder zumindest doch noch als bisexuell…

Worauf will ich hinaus? Die Homosexualität ist keine Exklusivität der Schwulen, sondern die gemeinsame Erfahrung von allen Männern, wenn auch bei den meisten in verschiedenen Lebensabschnitten. Was früher bei Sexualkontakten von Älteren mit unter 20jährigen achselzuckend als „Altershomosexualität“ bezeichnet wurde, oder bei der „mutuellen Onanie“ zwischen Jungs als „homosexuelle Phase“ akzeptiert war, stellt sich heute als integrierender Bestandteil der Heterosexualität heraus. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass mehr Homosexualität unter Männern praktiziert wird, die sich NICHT als schwul, homosexuell oder gar bisexuell verstehen! Die Unterschiede sehe ich vor allem in den Umgangsformen zwischen, und den Rollenzwängen über einander. Es gibt noch immer vorwiegend heterosexuelle Umgangsformen in der Homosexualität. Ich will das hier nicht weiter ausführen, sondern darauf hinweisen, dass – zumindest Schwule – ein Bewusstsein für gleichwertigen Umgang miteinander entwickelt haben! Das wäre vielleicht die Kernmotivation für diese – ahem – von der damaligen Leiterin der AHS belächelte „schwule Revolution“.

„Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt!“ (Rosa von Praunheim, 1971)

Ich denke, dieser Satz gilt – immer noch oder schon wieder – fürs Jahr 2011! Nach 40 Jahren sind wir mit AIDS und mit dem homosexuellen Ghetto im Internet am ähnlichen Punkt angelangt. „Na ja, mein Pech und mir egal“ ist eine Haltung, die von vielen Männern wieder eingenommen wird, wie eine Art „Sexualdarwinismus“ mit dem Recht des Stärkeren. Entweder bodybuildingsmässig, oder wirtschaftlich. Wer zu schwächlich ist, kommt eben um. Und es ist „natürlich“, wenn Schwule schwächlich werden (sollen!). Es ist weniger schlimm, wenn Männer schwach werden und es geht ja niemanden etwas an, wenn heterosexuelle Männer mal „auswärts“ gehen, Hauptsache die Gesellschaft bleibt der Familie treu…

Es scheint allen Bürgern willkommen zu sein, wenn die gay community ins Internet verschwindet, die Schwulen sich auf Parties verlustieren und ihr Geld für Drogen ausgeben und an anderen Substanzen „verrecken“. Ach, ich „bashe“ wieder gegen die Heteros?

„Toleranz ist, wenn man fragt statt flucht“, schrieb Marc Pfander über seine Abschlussarbeit zu einer „schwulenfreundlichen Erziehung“. Nur, wo bleibt diese Erziehung bis heute eigentlich? Und was haben alle unsere „homosexuellen PolitikerInnen“ eigentlich getan/tun können?

Von wegen Hetero-Bashing: Ich sehe sehr viele Männer, Schwule und Bisexuelle, die sich selber „hetero bashen“. Das heisst, sie warten gar nicht erst auf irgendwelche Schlägertypen. Sie glauben, dass sie Schläge „verdient“ haben und fügen sich diese gerade selber mittels mannigfaltiger „Fetische“ zu. Ich nenne so was seit Jahren schon den „Erlösungsmythos“! (mit dem klaren Bezug zur Bibel, deren Kultur noch viele von uns geprägt hat) Ich will von der Tunte Ratzinger gar nicht anfangen zu reden…

Ich bin der Überzeugung, dass das ewige Lästern über ein angeblich nicht notwendiges coming out (nämlich die Erlösung von der Geheimnistuerei und der Steinwurf ins heterosexuelle Schaufenster), die notorischen Forderungen von „nichtschwulen“ Männern nach Diskretion („ich bin verheiratet und will das auch nicht ändern!“) und der hetero Stress bei der Suche nach dem ultimativen Fick, eine Wieder-Integration der homosexuellen Bedürfnisse in die Normalität verhindern, weil dies die herr- und frauschende ideologische Normalität sprengen und die versteckt gelebte Realität offenbaren würde. Stattdessen verzettelt sich die öffentliche Diskussion in Patchworkfamilien, Transen, Gender, Transvestiten, Lesben, Bisexuelle, Doppelsexuelle, Ambisexuelle und Asexuelle… Neue Kategorien in alten Schubladen – wie oben angeführt!

Ich bin auch der Überzeugung, dass die so genannte heterosexuelle „Mehrheit“ genauso eine Minderheit ist, wie die Homosexuellen. Die Mehrzahl der Männer tut beides – aber nach heterosexuellen Regeln. Da hat eine „schwule Revolution“ keinen Platz, ist sowieso „politisch nicht korrekt“ und im aktuellen Femi-Sexismus haben Männer keine Lobby – die Schwulen schon gar nicht (weder links noch rechts).

Im Bewusstsein, dass dies alles zusammenhängt und die Infektionswege mit HIV vielfach verschlungen sind, bis weit in die heterosexuellen Familien, kann ich mir Barebacking einfach nicht vorstellen! Aber ich kann mir gut vorstellen, dass – wahrscheinlich die wichtigste „heterosexuelle Regel“, der nachgelebt wird – wie folgt heisst: „…bei euren Dates ist jeder für sich selber verantwortlich!“ (Barebacking-Club) – denn so haben es seit je die heterosexuellen Männer mit den Frauen „getrieben“ (sh. „ledige Mütter, Prostitution, Abtreibungen“)

Es ist also nicht die Tatsache, dass in Afrika keineR von Schwulen oder Homosexualität redet, wenn es um die vielen heterosexuellen infizierten Frauen und Männer geht. Es ist also nicht die Tatsache, dass ich wegen AIDS viele Bekannte und gute Freunde verloren habe! Aber ich habe in der Schwulenbewegung gelernt, dass wir ein Teil in der Gesamtgesellschaft sind und auch Einfluss auf diese haben können! Wenn jeder nur für sich selbst verantwortlich ist, dann pfeife ich – „=/%@#&/=“ – auf das ganze Partnerschaftsgesetz, worin eh nirgendwo das Wort Sexualität enthalten ist, auf die Adoptiererei und sämtliche Leihmütter der Welt für Christiano Rinaldo, Ricky Martin und Andere…

Mein Frage zum Schluss ist: Wann werden endlich die Probleme diskutiert, die Männer im Kopf haben, wenn sie unsafen Sex praktizieren, oder aktiv Barebacking betreiben oder suchen? Was bringt einen Mann dazu, sich von seinem Partner/Geliebten infizieren zu lassen, um „mit ihm eins“ zu sein? Was bringt HIV+ dazu, sich an Anderen dafür zu rächen? Warum gibt es – vor allem schwule – Männer, denen ihr Leben sozusagen „nichts wert (geworden) ist“?

Heterosexuelle Verhältnisse bringen heterosexuelle Probleme. Aber eben keine „schwule Revolution“ – und in welchen Augen ist das „gut so“?

Peter Thommen, Schwulenaktivist, Basel

Hier eine „wohlwollendere“ Meinung zum bb (PDF 1,8 MB)

P.S. Zur Illustration empfehle ich folgende Bücher zur Lektüre:

1. Airen: Strobo

2. Froehling: Langer Nächte Tag

3. Langer: Beschädigte Identität (Inhalt)

die heiligenbilder ehrlichkeit und treue

Dienstag, Mai 25th, 2010

Schon lange wollte ich darüber etwas schreiben. Kürzlich hatte ich wieder eine dieser typischen Diskussionen! 😉  Worum ging es? Um monogame Beziehungen und Treue…

Langsam komme ich meinen Reaktionen auf die Schliche! Und ich lerne, zu verstehen, warum es Leute gibt, die sich so gerne an diese Begriffe halten. Vorerst reagiere ich immer ablehnend und zurückweisend. Dies wiederum verstehen Andere nicht, weil sie ja „ihre Argumente“ auch einbringen möchten. Verständlich.

Nach Jahrzehnten der Erfahrung mit Schwulen und Heteros, sowie mit dem ach so hmhm Milieu, bin immer noch nicht bereit, Heiligenbilder an die Wand zu nageln. Andererseits sind viele Jungs dabei, sich an heterosexuelle Vorbilder zu halten, aber über die praktischen Konsequenzen dieser „Heiligen-Heterovorbilder“ nicht nachzudenken. Sie sehen jeweils auch nur an die Fassaden dieser Vorbilder, aber nicht durch sie hindurch. Dazu später mehr.

Ich gehe – übrigens schon sehr lange und seit den Anfängen der Schwulenbewegung – von praktizierbaren Verhaltensweisen aus. Mir ist wichtig, was für ALLE praktikabel und anwendbar wäre – und nicht, was Heilige und Mönche als Ideal propagieren! Alex Comfort, ein Engländer, schrieb mal ein Buch über eine „menschenfreundiche Sexualmoral“. Das war noch in den 70ern, der Zeit der menschen-feindlichen Religionsmoral.

In den Jahrzehnten vom Aufbruch bis zu Aids, wie auch in den Jahren des Internets habe ich eines von Männern und über die Homosexualität ganz klar gelernt: Die meisten wollen nicht schwul sein, aber Sex mit Männern haben. Viele haben ein niedriges Bildungsniveau – so 9. Schuljahr plus evtl. noch Lehre/Ausbildung. Aber dann stehen sie still. Wie viele Heteros auch, übrigens! Damit aber kann keineR einem „heiligen“ Vorbild nachleben – egal ob hetero oder homo!

Vielleicht denkst Du jetzt: Ach mann muss einfach Glück haben! Tja, wer baut sein ganzes Leben auf einem Glücksmoment auf??

Für eine hetero-orientierte, hetero-ideale, monogame Dauerbeziehung (Beim „Dauerfreund“ muss ich immer an einen Dauerkaffeefilter denken!) braucht es mehr als diese Grundlage! Gut, ich habe mich weitergebildet. In einem Sozialberuf. Anschliessend habe ich mich weiter-informiert. Dabei habe ich hinter Fassaden schauen können und ich habe – vor allem anhand der Sozialinstitutionen, gemerkt, dass diese Fassaden nur verlässlich funktionieren, wenn es „dazu noch“ Beratungsstellen, Einrichtungen, Hilfe, Renten, etc. gibt. Von alleine funktioniert diese Heterogesellschaft auch nicht. Und erst recht nicht die ach so vereinzelten und privaten Homosexuellen für welche „die Anderen ja nichts angeht“, was sie tun, oder wie sie orientiert sind. Das zeigt sich dann an den praktischen Lebensproblemen für homosexuelle Paare. Die werden einfach nur „heterosexuell verwaltet“, weil das Andere geht ja niemanden was an. Dafür gibt es bei den Heteros aber vieles für deren Kinder, was ja auch eine sexuelle Orientierung ausmacht, aber alle etwas angeht! 😉

Quentin Crisp, die grosse alte Tunte aus dem Vereinigten Königreich, die zuletzt in NY lebte und in einem Song von Sting verewigt wurde („An Englishman in NY“), redete in ihrer Biographie klar von den „Tatsachen des Lebens“. Und genau davon möchte ich auch immer wieder reden und schreiben. Nicht von den Aussenministern, den Präsidenten von Parlamenten, oder den Popstars, den Künstlern, Bischöfen, Päpsten und Genies! Da setz ich mich bewusst als „Schwulenpapst“ darüber.

Wir haben nun also ein heterosexuell orientiertes Gesetz über die eingetragene Partnerschaft „Gleichgeschlechtlicher“. Auch wieder so ein Wortmonstrum! Ich erinnere daran, dass in dem Gesetz nirgendwo ein Wort wie Sex oder homosexuell vorkommt. Auch schreibt es keine sexuelle Treue vor! Es hält sich also immerhin an eine Tatsache des Lebens! 😉

Ich bin nicht grundsätzlich gegen die eP, halte es aber für falsch, sein schwules Privatleben damit zu beginnen. Es sollte diese Möglichkeit für uns geben, in unserer Lebensmitte uns für eine Perspektive entscheiden zu können – sozial und materiell.

„Ehrlich und treu“ also wollen die vielen Junghomos sein – und es sogar auch versprechen. Die Absicht ist löblich. Aber was ist der tiefere Grund? Ich habe in Diskussionen mit Jungs viel Aggression erfahren, weil ich an diesen Begriffen „herumgezerrt“ habe. Letztlich ist mir klar geworden, dass vor allem das gesucht wird, was man selber nie in der Jugend erfahren hat, oder erfahren konnte. Will heissen: Nur wenige Jungs können in ihren Familien wirklich ehrlich sein und von ihrer Orientierung erzählen. Denn, würden sie dies einlösen, wäre ihnen ihre Familie, oder ihre Bezugspersonen nicht mehr treu! Tatsachen des Lebens! Diese Tatsache aber muss verdrängt werden und geleugnet. Denn im Grund wollten sie ja an ihre Familie glauben… Daraus hervor wächst ein Schuldbewusstsein, das völlig verkehrt und falsch ist!

Für Menschen, die nie eine Familie gehabt haben, mag es auch etwas Vielversprechendes sein, jemanden Treuen neben sich zu wissen. Und da mann nie eine Familie wie „die Anderen“ gehabt hat, möchte man es vielleicht jetzt mit einer homosexuellen „treuen und ehrlichen Beziehung“ versuchen. Aber wie in der Familie oben, schliessen sich allzu grosse Nähe und konsequente Ehrlichkeit und Treue meistens aus (Ausnahmen gibt’s eben nicht für alle!). Dazu mehr unten!

Wenn wir schon an Pfingsten sind, dann möchte ich erwähnen, dass gerade Jesus seinen Jüngern vorsagte, dass diese ihre Familien verlassen und ihr Hab und Gut zurücklassen würden, um ihm nachzufolgen. Jesus räumte auch auf mit der Vorstellung, dass wir unseren Eltern und anderen Vorfahren dankbar sein sollten für unser Leben. Er sagte einfach: Niemand kommt zum Vater, denn durch mich (Joh. 14,6). Durch den Glauben an einen „Freund“ also, wurde das Himmelreich „verdient“! Sehr un-heterosexuelle Tatsachen des Glaubens!

Wir müssen aus unseren Lebenszusammenhängen heraus erst stark werden können, um zu lernen, auch immer mehr ehrlich zu sein. Es nützt nichts, dies als Heiligenbild an die Wand zu nageln, oder in Profilen und auf Foren wie eine weisse Fahne (der Ergebenheit) voran zu tragen. Was ich sehe, so sind die meisten, die Ehrlichkeit in der Beziehung erwarten, dann gegen aussen und die Welt nicht mehr so ehrlich. Dafür wächst dann der Zwang in der Beziehung. Es geht nicht darum, einander zu betrügen, sondern einander auch ein Eigenleben zu lassen, um nicht in einer Beziehung zu verdorren. Keiner muss alles über den Anderen wissen, sonst hat man sich ja auch nichts zu erzählen. Aber wenn auch ein „unbekannter Raum/Bereich“ vorhanden ist, dann ist „die Beziehung“ wenigstens anders als die mit den eigenen Familienmitgliedern gelebte, über die man sehr viel weiss. Aber auch diese sagen einander nicht alles ehrlich, sonst würde diese Klein-Familie als Organisation auseinander fallen! Eine zwiespältige Praxis also, diese Ehrlichkeit. Tatsache des Lebens ist: Wir müssen lernen, sie umsichtig zu verwalten.

Viele vergessen beim Begriff der Treue, dass er auch Abhängigkeit bedeuten kann. Vor allem wenn es um sexuelle Handlungen geht, die man dann nur noch mit einer Person ausführen soll… Du erinnerst Dich sicher noch an Deine Kindheit und Jugend, wo Deine Sexualität völlig von Dir allein abhängig war. Du hattest vielleicht längere Zeit niemanden, mit dem Du Lust erleben konntest. Dann war vielleicht das erste Erlebnis so überwältigend, dass Du quasi gleich „lebenslang“ darauf abfahren wolltest. Damit hast Du auch erkannt, wie zentral die sexuellen Erlebnisse – besonders für junge Männer – sind. Und wie bei der Ernährung auch, ist es bei emotionalen und sexuellen Erlebnissen wichtig, Abwechslung und „Relation“ zu haben und zu erkennen, dass nicht ein einziger Mensch alle Deine Bedürfnisse lebenslang befriedigen kann. Mütter tun dies ja auch nicht! Das wäre eine Selbstüberschätzung und gegenüber den Anderen eine Anmassung. Ich meine jetzt nicht die anfängliche Treue, die in der „Uebereilung der Gefühle“ (alter Ausdruck für Verliebtheit) keinen Platz mehr lässt. Da ist die sexuelle Treue noch kein Thema. Erst da, wo mann wieder auf die eigenen Beine kommen soll! 😉

Männer, die in einer grösseren Familie aufgewachsen sind, haben auch ihre Lieblingscousins und Lieblingsonkels gehabt, die sie sich quasi selber gewählt hatten. Ohne es zu merken, haben sie ihren Horizont erweitert und das Fehlende ausserhalb der eigenen Kernfamilie gefunden. Dies fehlt völlig in der modernen Kleinfamilie. Gerade die Homosexuellen können unter sich ideale Familien bilden (oder Gemeinschaft), die sich nicht nach Enttäuschungen in Beziehungen richtet, sondern nach den guten und lockeren Kontakten, die man gerne hat. So pickt man sich wie ein Hahn (ahem), die nötigen Körner zusammen, die man im Leben braucht. Dazu können auch ehemalige Geliebte, oder ehemalige „Superficker“ gezählt werden. Und es muss nicht immer Sex sein…

Dazu braucht es die Erkenntnis, dass nicht jeder Kontakt anschliessend in den Abfallkübel geworfen werden kann, denn Erfahrungen – gute und schlechte – schleppen wir als Rucksack mit uns durchs Leben. Auch in jede neue Beziehung hinein!

In den Auffassungen von Treue und Ehrlichkeit, sollten wir nicht in Fundamentalismus verfallen, sondern auch diese „Ideale“ nach praktischen und sozialverträglichen Gesichtspunkten „verwalten“.

So entstehen also Denkmuster von Moral und Gesetzen. Ich sehe viele, die an irgendwelchen Idealen scheitern und sich an ihrem Erreichenwollen verzehren, oder kaputt gehen. Indessen gäbe es Möglichkeiten, es anders zu versuchen, einfachere Strukturen zu leben und AUCH glücklich zu werden – ohne den Richtigen, den „verheissenen Messias“, den Allesproblemlöser. So wie wir Menschen es ja auch tun, seit Tausenden von Jahren neben den Religionen – aber auf eigene Verantwortung! 😉

Peter Thommen60, Schwulenaktivist, Basel