arbeiten und ficken

Ich bin immer wieder erstaunt, wie man Heterosexuellen die Zusammenhänge zwischen Arbeit und Sexualität erklären muss. Bei einem Schwulen haben sie den Fick viel schneller im Kopf als bei den Forderungen nach wirtschaftlichen Leistungen für ihre Familien. Da geht es doch „nur“ um Kinderzulagen, Betreuungsgelder, Familienvergünstigungen, etc. Seltsam, dass die „übrige Sexualität“ – auch Heteros sind nicht dauernd mit Fortpflanzung beschäftigt – einfach in ihrer Familie „verschwindet“.

Das ist bei vielen Homosexuellen leider auch so. Ich muss mich jetzt hüten, Verallgemeinerungen vorzunehmen, greife bei dem Thema aber trotzdem zu einigen Beispielen. Erst „ficken sie sich durch die Szene“ und wenn der Fick gross/geil genug ist, wollen sie dann gleich heiraten. Und dann verschwinden die ganzen Erfahrungen und Fähigkeiten (!) auch gleich mit in der individuellen Homo-Ehe. In Internetportalen suchen sie „nur nach Kontakten mit Freunden“, wünschen „keine sexuelle Anmache“. Dass jemand mit Partner vielleicht nicht mehr auf Klappen und in Parks cruisen geht, mag ich noch verstehen. Vor allem am Anfang einer Beziehung. Aber einfach seine Sinnlichkeit für den Rest des Lebens nicht mehr zu pflegen und einfach wegzustecken, ist meiner Ansicht nach ungesund. Nun, wie schrieb kürzlich einer auf gayromeo: „Ich habe einen Freund, aber über die Webcam ist keine Untreue!“

Wie das so geht mit dem „heterosexuellen“ Appetitholen auswärts und „zuhause essen“ können wir anhand der sehr häufigen sexuellen Übergriffe und Anmachen von Frauen am heterosexuellen Arbeitsplatz nur erahnen. Man könnte hier ein ganzes Kapitel aufmachen! (Die ach so verachtete „Homo-Szene“ mit ihrer Eindeutigkeit ist eine echte Alternative – und der Sex erst noch gratis!) Aber dass es einen Zusammenhang gibt, zwischen der monogamen Sexualität, die Frauen so gern fordern und der dann auswärts verströmten männlichen Sinnlichkeit, sehen nicht mal linke Frauen ein! Ich muss mich hüten, denen ihre Sexualität zu erklären, aber um ein paar Bemerkungen dazu, komme ich, wie bei den Schwulen, nicht herum!

Im 2011 erschienenen Buch „Die Linke und die Sexualität“ greifen die HerausgeberInnen auf historische Sexualforderungen von Revolutionären zurück!

„Die ursprünglich polygame Veranlagung ist zu stark im Menschen, als dass sie durch äußere und innere Gewalt gänzlich unterdrückt werden könnte (…). In der kommenden Zeit stürmischer, revolutionärer Entwicklung wird dieser Prozess sicher noch eine Beschleunigung und Intensivierung erfahren. Und in der von wirtschaftlichen Kämpfen befreiten glücklicheren Zukunft des Sozialismus wird die wilde Vermischung und Polygamie in allen Formen das Sexualleben des Menschen beherrschen.“   Elfriede Friedländer, Sexualethik des Kommunismus, 1920

Das sind keine Forderungen für die aktuellen Mai-Märsche überall auf der Welt! Dabei hat die russische Revolution die Familie abgeschafft, die Homosexualität entkriminalisiert und nicht nur das Eigentum am Kapital, sondern auch das sexuelle Eigentum an Frauen/anderen Menschen abgeschafft. Mann lese das bitte mehr als einmal durch!

Wir Schwule waren bis in die 70er Jahre „krankhafte Wesen“, psychisch gestört und angeblich unnütz für die Fortpflanzung. Doch weder haben die Heterosexuellen dafür eine Krankenrente bezahlt, noch haben sie zur Kenntnis genommen, dass sehr viele ihrer eigenen Männer sowohl an homosexuellen Kontakten beteiligt waren und sind, als auch nicht, dass viele Homosexuellen sich in Familien versteckten, um ihrer Repression zu entgehen, oder ihre Arbeit nicht zu verlieren. Das krasseste Beispiel war das schweizerische Militär. Bis 1991 wurden offen Schwule im Allgemeinen nicht akzeptiert. Sie durften aber einen Militärpflichtersatz dafür zahlen, dass sie politisch „nicht richtig fickten“. Obgleich es noch nicht so lange her ist, dass die Diskriminierung am Arbeitsplatz versteckt und offen systematisch betrieben worden ist. Jedenfalls die Rechnung für die Ersatzsteuer war bei mir immer vor allen anderen Steuerrechnungen im Briefkasten…

Für Heterosexuelle war es bis in die ausgehenden 60er unmöglich, als unverheiratetes Paar eine Wohnung zu bekommen. Und generell ist es bei den Heteros so eingerichtet, dass Mann entweder eine Freundin oder eine Frau (zum ficken) hat, oder eine Nutte besucht. Beides kostet und für beides muss Mann arbeiten…

Noch heute ist es für viele junge Nordafrikaner unmöglich, mit Frauen Sex zu haben, ohne verheiratet zu sein, oder eine Nutte zu besuchen. Aber Arbeit gibt es bekanntlich da nur für Wenige. Und ein besonderes Kapitel könnte man hier wieder aufmachen, was die Betreuung von Migranten aus jener Gegend betrifft.   (Eine Konfrontation habe ich kürzlich wieder selber erlebt in meinem Buchladen, und das hat mit dem unterschiedlichen Verständnis von Kultur und Wirtschaft tun. Als offen Schwuler war ich da eh auf der schwächeren Seite)

Wundern wir uns darüber, dass die homosexuelle Prostitution bis 1991 generell verboten war. Also auch über das beliebte „Jugendschutzalter“ – von damals 20 Jahren – hinaus? Mann könnte hier wieder ganze Kapitel aufmachen über die Rolle der Prostitution in den kapitalistischen Wirtschaftsstrukturen, insbesondere der „fortpflanzungsverhütenden“ homosexuellen Prostitution. Und worin besteht eigentlich der Unterschied zwischen Billigstarbeit und Billigstprostitution? Der ältere Mann bekommt zunehmend keine „qualifizierte“ Arbeit mehr und die ältere Frau senkt zunehmend ihren Tarif. Und die Wirtschaft findet immer Ausreden, um die Frauen weniger zu bezahlen als die Männer… (Es gibt in der BL-Mittelalter-Geschichtsforschung Zeugnisse über Frauen, die sich in Männerkleider warfen, um auf dem Arbeitsmarkt mehr Geld zu verdienen!)

HABS am 1. Mai 1979, Rittergasse (klick > A5)

Es wird also nicht nur im Bett oder sonst wo gefickt/Macht ausgeübt, sondern auch auf Baustellen und in den Firmenetagen. Das war den Pionieren der Sexualreform vor hundert Jahren durchaus bewusst (Wilhelm Reich u.A.)! Auch dass sich die Situation in der Arbeit und im Sozialleben auf die Familie und bis auf die Kinder auswirkt – und natürlich auch auf den Fick im Ehebett. Aber darüber wird nicht geredet…

Für die katholische Kirche sind Schwule „objektiv ungeordnet“. Statt sich darüber zu wundern oder sich zu empören, lohnt es sich, in die Bibel zu schauen. Mann solle nicht beim Mann liegen wie bei einem Weibe. Das unterminiert die Geschlechterordnung. Nicht nur im Islam, wie es immer scheinen möchte! Was die Linke als „Klassengesellschaft“ propagiert, ist bereits der wirtschaftliche Überbau. Denn die Urklassengesellschaft besteht aus dem Ficker und der Gefickten. Interessanterweise können nur die Männer beide Rollen spielen. Frauen werden das zunehmend, beim Erklimmen der wirtschaftlichen Hierarchie, darin symbolisch auch ausüben. Und natürlich gab es in allen Kulturen Möglichkeiten, die Rollen auch umzukehren, nicht nur im Matriarchat. Dieses übrigens steht unter dem Patriarchat. Das eine lebt nicht ohne das andere…

Hier sollte auch die Erkenntnis der „bewegten“ Schwulen langsam heranreifen, dass Frauen niemals generell unsere Verbündeten sein können. Schwule stören die heterosexelle Rollenverteilung, sie konkurrenzieren um die Männer – nicht nur um andere Schwule, wie das fälschlicherweise immer behauptete wird! Sie stören damit auch die Macht der Frauen, nicht nur die Seilschaften der Männer. Und auch gewisse Männer können die Rollen „vertauschen und in Begierde entbrennen“, um ihre Ziele zu erreichen. Denn schon die Bibel mutete jedem Mann das Laster des Sex mit einem anderen zu, darum wurde es auch mit dem Tode bestraft.

Es gäbe noch vieles dazu zu schreiben. Vielleicht an einem nächsten Ersten Mai! Jedenfalls ist das Thema noch völlig unbeackert.

Zumindest von den „lifegestylten“ Junghomos sind wohl keine weiterführenden Erkenntnisse zu erwarten. Und ihren Konsumismus wollen sie sich natürlich nicht „erklären“ lassen! ;)

Peter Thommen_62, Buchhändler und Schwulenaktivist, Basel

PS. Über ein Dutzend Referenten der SP werden in einem email vorgestellt mit ihren Referaten zum 1. Mai. Nirgendwo nur das Wörtchen Sex. Dabei gehört sexuelle Befriedigung genauso zum Leben und zur Arbeit wie alles andere! (ich leite die email gerne an Interessenten weiter!)

Zum Ersten Mai, 1996-1998

Erster Mai 2011

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