Ostern 2011 – „eswirdbesser“ ??

Eine schwulenpolitische Osterpredigt – von Peter Thommen

Die Religionen sind daran, politisch abzudanken. Sie bäumen sich dagegen auf und suchen sich Leute für ihre Feindbilder, um diese dann wie ein Lamm zu opfern. Egal ob es die Lämmer beim moslemischen Opferfest sind, oder der Wein und das Brot, oder die Oblate. Alles voller Blut und Symbolik. Der Lammbraten zum Osterfest.

Letztlich verwandelt sich das Symbolische oft wieder zurück ins Reale und viele Menschen müssen (von wenigen Führern) „geopfert“ werden für eine Idee (nicht ein Ideal!). Faschismus jeglicher Art kämpft immer bis zum eigenen Untergang. Dabei sollen immer viele für die eigenen Privilegien geopfert werden, wie wir das in Nordafrika aktuell erleben.

Es besteht eine kulturpolitische und sehr symbolträchtige Einigkeit der drei monotheistischen Religionen darin, dass Homosexualität (also anale Penetration) eine Todsünde sei. So ist es in ihren Schriften festgehalten, es wird nur verschieden interpretiert. Es geht dabei immer um Mächtige und Ohn-Mächtige. Also das klassische heterosexuelle Spiel von Ficker und Gefickten (Geopferten). Der Rollenwechsel der Männer muss dabei ausgeschlossen werden, denn sie dürfen die Opfersituation nicht selber erleben, um weiterhin Täter bleiben zu können.

Aber auch ausserhalb der Religionen und innerhalb der Gesellschaftspolitik spielt dieses Spiel der Spiele (nicht das Schach!) eine grosse Rolle. In den religiösen Auseinandersetzungen werden die Wurzeln mit Sand zugedeckt. Sand der auch in die Augen verstreut wird. Umso mehr geht es in der aktuellen Debatte um die Adoptionsmöglichkeit durch Schwule vor allem darum, dass diese Männer eine Gefahr für Kinder darstellen. Bei Lesben kommt das weniger zum Zuge. Sie stehen auch weniger unter dem hintergründigen „Pädophilie“-Verdacht. Lesben gehören im Allgemeinen zur Gruppe der Opfer (= Kinder und Frauen). Dieser Sexismus wird von ihnen auch nicht aufgedeckt.

Die Schwulen sollen selber schauen, wo sie bleiben. Und diese Schwulen sind auch nicht bereit, sich dieser femi-sexistischen Diskussion zu stellen. Sie zeigen lieber auch auf  „Pädophile“, um aus der medialen Schusslinie zu kommen. Etwa ähnlich der Situation vor 50 Jahren, als die homosexuelle Prostitution verboten war. Was unter den Frauen/Lesben lief, interessierte niemann-den. Aber die Männer duckten sich unter dieser Ungleichbehandlung im Strafgesetz, die auch vom Bundesgericht noch gedeckt worden ist.

Wenn es um Ungerechtigkeiten gegenüber Schwulen geht, dann wird meistens beklagt, dieselben würden sich zu sehr in ihrer Opferrolle gefallen. Aber gerade das Schweigen über all die Verletzungen zwingt uns in diese Opferrolle hinein. Wiederum – würden wir davon Zeugnis ablegen, wären wir nicht mehr die klassischen Täter und „Pädophilen“, die heute schon wieder kollektiv vor-verurteilt werden. Mit Schwulen und Pädophilen kann man reden. Mit TäterINNEN und Tätern nicht. Es ist aber ganz praktisch, diese Grenze zu verwischen, das erspart das Nachdenken über Sexismus. Und das ist ja so üblich „beim Volk“ und im allgemeinen Mainstream.

Die meisten sexuellen Übergriffe auf Kinder (nebst den vielen anderen Gewalttaten gegen sie) finden in der heiligen heterosexuellen Familie statt. Da ist es ganz praktisch, den Feind ausserhalb und bei irgendwelchen „Pädophilen“ zu finden. Die meisten gewalttätigen Übergriffe auf Jungs und Schwule finden in der heterosexuell geprägten und genormten Gesellschaft statt, da ja Männer aus der Familie hinaus gehen müssen und nicht einfach daheim behalten werden können, wie unschuldige Töchter. Aber auch Jungs werden in einer moralisch begründeten und sozial gefährlichen sexuellen Unschuld gehalten, so dass sie sehr schnell auch unter Übergriffen leiden können – auch von Müttern und Frauen.

Verantwortlich dafür sind aber die Eltern und Familien, die diese Kinder in der sexuellen Unschuld (auf)„bewahren“ wollen, bis dann Mami oder Pappi mal fragen, ob einer nicht eine Freundin habe. Von der pädagogischen Zwangsheterosexualisierung will ich hier gar nicht anfangen.

Unsere Gesellschaft ist ver-geilt auf irgendwelche Opfer. Religiöse, sexuelle oder soziale. Sie will die Verantwortung für die Prävention nie übernehmen, oder gar verantworten. Doch das hatten wir schon bei AIDS.

Die heterosexuellen Verletzungen zeigen sich bis in die letzten Lebensjahre eines Schwulen, oder zwangsheterosexualisierten Ehemannes. Davon nimmt keineR Kenntnis. Weil damit kann keineR grosse Politik machen, wie mit Unverjährbarkeits-Initiativen und Berufsverboten. Eigentlich müsste es heterosexuellen Eltern verboten werden, schwule Kinder zu erziehen. Aber – ach, ich habe wieder ganz vergessen, dass es homosexuelle Kinder gar nicht geben kann. Und daher braucht es auch keine Prävention und keine Hilfe für schwule Jungs und lesbische Mädels. So einfach ist das. Und wer das missachtet, ist ganz einfach einE PädophileR.

So funktioniert das heterosexuelle Spiel weiterhin und es stellt sich die berechtigte Frage, ob es dann wirklich besser werden soll!

Frauen sind längst aus der Opferrolle entwachsen und selber zu Täterinnen geworden. Und auch Männer sind ihrer Täter-Rolle entwachsen und selber zu Opfern geworden. Die Tatsache, dies zu verleugnen, lässt auf ein grosses Potenzial an Sexismus in unserer Gesellschaft schliessen! Ein Sexismus der auch tief in die Angehörigen – hier – des männlichen  Geschlechtes, und ganz kollektiv, hinein schneidet. Ohne Mitleid der Frauen und Mütter!

Die Welt leidet unter unverarbeiteten, historisch-tief-vergessenen Problemen. Die Religionen sind offensichtlich unfähig. Bei (sexuellen) Übergriffen in der Verwaltungshierarchie, wie auch zwischen den Glaubensrichtungen. Einig sind sie sich vor allem gegen Schwule. Und sie können offensichtlich auch gesellschaftliche Minderheiten-Probleme nicht lösen, weil sie die Menschen nicht in ihrem eigenen Interesse daran arbeiten lassen wollen, sie aber zum beten aufrufen. Es steht dafür aber kein Kommunikationssatellit am Himmel. Obwohl die drei monotheistischen Religionen immer ganz genau wissen wollen, was denn „der Herr dazu“ zu sagen habe.

Sexuelle und soziale Fremdbestimmung muss durch Eigenverantwortung, Bildung und Kultivierung abgelöst werden. Da reicht es nicht mit einer blossen Einbürgerung durch ein staatliches Partnerschaftsgesetz. Oder durch angeblichen strafrechtlichen Schutz. Und die homosexuellen Männer und auch die Frauen müssen sich dem Gespräch stellen, das die tieferen Motive der Heterosexuellen herausbringen kann. Und nicht nur immer auf die Vernunft spekulieren. Aber wir Schwulen wissen ganz genau, dass die heterosexuelle Familie keine vor allem vernünftige, sondern eine religiös idealisierte und gefühlsbetonte Einrichtung ist. Aber damit ist heute kein Staat (Familie als Grundlage des Staates) mehr zu machen. Auch nicht, wenn Frauen daran beteiligt sind.

Und wie ich sehe, wird zurzeit eine Schwulenpolitik des geringsten Widerstands und auf kosten eigener Leute gemacht. Völlig unbesehen darüber, wie Schwule in Vorurteile und strafrechtliche Massnahmen hineinverwickelt werden können! Oft ist die Tatsache der homosexuellen Orientierung schon „der Missbrauch“/die todeswürdige „Sünde“, egal um welche Alterskategorie es sich handelt.

Ich will keine zwangsheterosexualisierten Jungs haben, eben auch keine mit „straight action“ oder „Heterolikeness“. Ich will aber auch keine Kollektiverdächtigungen aufgebaut haben, wie Berufsverbote und Videokameras. Ich will starke Jungs haben, die „wissen was sie wollen“, in Abstimmung mit ihren Sexualpartnern, mit den Müttern und Heteros („Ich habe nichts gegen Schwule, solange die mich nicht anfassen!“ Karsamstag 2011) in der Gesellschaft.

Einer Gesellschaft, deren kaschierte „Pädophilie“ schon an Wörtern wie „mein Mädchen“, „mein Girlie“, „mein Kind“, „meine Tochter“, „ich fick‘ dich Baby“ (!)* und anderen Bezeichnungen der Männer für erwachsene Frauen erkennbar wird. Auch am besitzanzeigenden Adjektiv („mein Sohn!“ bei den Müttern).

Dann kann es garantiert besser werden. Auch für die heterosexuellen Jungs und Männer, die ja unter den Verdächtigungen genauso zu leiden haben und davon betroffen sind, wie die als Feindbilder aufgebauten „Pädophilen“ und Schwulen. Für Lesben sehe ich vorläufig noch keine solchen Feindbilder. Aber das kann ja noch kommen!

 

In anderen Ländern wird der „sexuelle Kultur-Kampf“ viel offener geführt. (10.07.01) „Traurige Meldung aus Rom: Die rechtsextreme Partei „Forza Nuova“ beschimpft weiterhin gezielt die italienische Schwulenbewegung. Jetzt diffamiert sie Schwule mit einer gross angelegten Plakataktion: „Hinter einem Homosexuellen steckt ein Pädophiler – stoppt den Gay Pride!“ (Wobei die Siegessäule politischkorrekt so formuliert, als richte sich das auch gegen Lesben, die sind aber nirgendwo erwähnt! PT)

(10.7.01) Das slowakische Parlament verabschiedete ein neues Arbeitsgesetz, sowie neue Regelungen über den staatlichen und öffentlichen Dienst. Danach bleibt Homosexuellen im öffentlichen Dienst die Arbeit mit Kindern untersagt. (siegessaeule.de)

Das war vor 10 Jahren schon. Die „Pädophilisierung“ der Schwulen geht systematisch weiter!

(31.8.09) Wedad Lootah, FamilienreferentIN am Gericht in Dubai erklärt ihre Einstellung zur Homosexualität. „Homosexualität zerstört die Männlichkeit.“ – „Wenn Frauen kommen und sich beschweren, dass ihre Männer nur Analverkehr wollen, schaue ich mir die Geschichte des Mannes genauer an. Meistens komme ich darauf, dass er vorher mit Männern Verkehr hatte.“ (Profil, Wien)

Dass Männer vor der Ehe nur mit Prostituierten gegen Geld – oder gar nicht – heterosexuellen Verkehr haben dürfen, unterschlägt diese FRAU bewusst! Auch die orientalische Art, Knaben unter 15 als Ersatz zu nehmen… Zudem hat sie eine sehr beschränkte ANalsicht von Homosexualität – eben unter heterror-sexuellen Bedingungen!

 

Ich unterstütze die Kampagne „eswirdbesser“, weil ich homosexuelle Jungs unterstützen möchte. Denn wir haben eine gemeinsame Biografie! Und natürlich auch Mädels. Aber ich verabscheue Wörter wie: „Kinderschänder“, „Kindesmissbrauch“ und „Pädophilie“ (bewusst in Anführungszeichen gesetzt). Die schwulen Jungs sind zwar nicht „meine Kinder“, aber ich will nicht, dass sie heterosexuell missbraucht werden und „in Schande“ aufwachsen müssen!

An diesem Punkt – und darauf will ich schon lange hinaus – misstraue ich Organisationen wie „Marche Blanche“ und Unterschriftenaktionen „gegen Pädophile“, für ein Berufsverbot und „das Wegschliessen für immer“. Es müssten nämlich sehr viele heterosexuelle Frauen, Kinder, Jugendliche und Männer dran glauben, wenn wir die Informationen von homosexuellen Kindern über Mobbing, körperliche Angriffe, Morddrohungen und die erhöhte Selbstmordgefährdung wirklich ernst nehmen würden! Urbi et orbi! Amen.

Peter Thommen, Schwulenpapst, Basel (61)

P.S. Ich unterstütze alle Bestrebungen, die das heterosexuelle System ändern wollen und nicht einfach nur diejenigen, die „Opfer schützen“ und „Täter für immer wegschliessen“ wollen. Das sollte nicht schwierig zu verstehen sein.

Nachtrag aus Österreich. Robert Waloch, (HELDinHAFT) (PDF) hat sich kürzlich Gedanken darüber gemacht, wie sich eine heterosexuelle Öffentlichkeit an einem Prozess gegen Kachelmann delektieren tut, und wie österreichische Medien nur widerstrebend eine „Missbraucherin in Haft“ setzen wollen.

Sophinette Becker findet die „Missbrauchsdebatte“ verlogen! (2010)

* Humphrey Bogart hat in dem Film „Casablanca“ gesagt „Ich schau Dir in die Augen, Kleines“ („Here’s looking at you, kid“)  – und NICHT: Schau mir in die Augen….

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*1950, Buchhändler, Sozialarbeiter, Schwulenaktivist, ARCADOS Archiv (bookseller, socialworker, gayactivist)
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3 Kommentare zu Ostern 2011 – „eswirdbesser“ ??

  1. Pingback: die katholische kirche schlägt zurück « Thommens Senf 2010/11

  2. Es wird leider nie besser, denn gegen Blödheit kämpfen Götter selbst vergeblich. Eh dünkt’s mich die Bigotterie dieser pseudoliberalen Edel-Gutmenschen-Sozietät feiert erfolgreich ihren Wahnsinn, kräftig unterstützt von selbst ernannten Gerechten in Amt und Würden aller couleur. Dem Verfasser dieses Artikels sei zugerufen: Danke für diese mutigen Zeilen und weiter so! Wenigstens ein Rufer in der Wüste, möge er nicht verdursten!

  3. Sehr lesenwert!
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