bitte nicht obligatorisch! ;)

In früheren Zeiten 😉 pflegten bürgerlich-tolerante Persönlichkeiten auf Anfrage nach ihrer Toleranz gegenüber Homosexuellen zu antworten: „Ich habe nichts dagegen, solange es nicht für obligatorisch erklärt wird.“

In derselben Lage fühle ich mich aktuell mit der „Ehe für alle“. Ich habe nichts dagegen, dass alle heiraten dürfen. Ich für mich will aber nicht müssen dürfen. Die Diskussion über – und unter vieleN – „Buchstabenmenschen“ läuft zurzeit über die angeordnete „politische Korrektheit“, dass nämlich keineR mehr etwas dagegen haben sollte.

Für mich hat die „Genderdiskussion“ seit einiger Zeit religiöse Dimensionen erreicht. Der Glaube an und für die Ehe ist als das höchste Ziel erklärt worden. Es tönt so, als ob nach dem Einverständnis der beiden Räte am folgenden Tag die Standesämter gestürmt werden könnten. Sehr wahrscheinlich wird eine Volksabstimmung angesetzt werden. Die Schweiz ist das einzige Land, in welchem die Eingetragen Partnerschaft per Volksabstimmung eingeführt worden ist. So wird es auch mit der „Ehe für alle“ sein. Also bitte etwas Geduld, bis die betroffenen Gesetze alle angepasst sind! Bei der eP dauerte es 2 Jahre!

Es gibt Frauen, die heute wieder angepflaumt werden, weil sie bis zum Ende ihrer Gebärfähigkeit weder geheiratet, noch Kinder geboren haben. Ich will nicht in Zukunft angepflaumt werden, warum ich nicht verheiratet sei!

Schwule sind immer wieder mit Forderungen nach Heirat konfrontiert, oder gar zwangs-heterosexuell verheiratet worden. Es war klar bei den Heteros: Alle Frauen mussten „unter die Haube“, damit sie geschützt waren. Möglichst viele Männer mussten verheiratet werden, damit sie keine Gefahr mehr für die Frauen waren. Es war eine kulturelle Forderung und sie besteht in gewissen Gebieten bis heute.

So sind eben Schwule die verheiratet sind, keine Gefahr mehr für andere (auch verheiratete, sowie junge) Männer – und soooo härzig!

Nach dem heterosexuellen kommen jetzt junge Schwule noch unter den homosexuellen Heiratsdruck. Ein Junghomo aus Zürich hat einmal geschrieben, wenn geheiratet werden könne, dann sei alles viel leichter, weil mann dann auf Fragen einfach antworten könne, man sei verheiratet. Punkt. Mit welchem schönen Mann denn die Ehe eingegangen wurde – diese normale Frage bei Heteros liess er einfach unter den Tisch fallen.

Ich wiederhole, ich bin nicht gegen die Ehe für alle. Aber mir fallen zuviele andere Probleme während dieser Diskussion unter den Tisch! Probleme, die sich schon in den Zeiten von HIV-AIDS gezeigt hatten. Also: Was kommt nach der Einführung der „Ehe für alle“? Werden alle Organisationen geschlossen und die Männerliebe „privatisiert“? (Wer schreit „Zwangsouting“ wenn Ehepartner angegeben werden müssen?) Wer „bereitet Schwule auf eine Ehe vor“? Wer kümmert sich um die Probleme ehelicher Schwuler? Sind dafür die heterosexuellen BeraterInnen zuständig? Viele Fragen sind offen…

Peter Thommen_70, Schwulenaktivist, Basel

siehe auch Rütli und „Weltschwulentum“! (vor 20 Jahren zum 1. August)

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*1950, Buchhändler, Schwulenaktivist, ARCADOS Archiv für schwule Studien
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