wenn Türen zu gehen, sollen sich an- dernorts wieder welche öffnen…

Ich habe noch Zeiten erlebt, in welchen der Zutritt zu Räumen, in welchen Männer unter sich sind, strikt reglementiert und abgeschieden von der Gesellschaft war. Ausser den Pissoirs natürlich! 😉

Ich habe auch die Zeiten erlebt, in welchen Räume für uns erobert und belegt worden sind, die wir mit unserem Leben, unseren Attitüden und unserer Kultur füllen konnten. Dies ist unter anderem in meinen Publikationen dokumentiert.

Jetzt erlebe ich eine Zeit, in welcher viele Räume für uns wieder verloren gehen. Sei dies aus Gründen veränderter Bedürfnisse, oder Unachtsamkeit, Unfähigkeit der Bewirtschaftung, oder aus Bequemlichkeit.

Wir können jetzt überall schwul sein, so die etwas überhebliche Message junger Homos. Ich schliesse die Frage an, wie schwul können wir denn da jeweils sein? Martin Dannecker wirft die Frage auf, ob die in den letzten Jahrzehnten erreichte Toleranz nicht doch ziemlich brüchig sei: „Diese Toleranz war, wie sich jetzt herausstellt, für viele konservativ gestimmte Heterosexuelle nicht mehr als ein kündbares Duldungsverhältnis, das darauf baute, dass es die Schwulen und Lesben mit ihrem Anspruch auf Anerkennung nicht gar zu weit treiben würden. Jetzt aber, wo die Forderung nach einer völligen rechtlichen Gleichstellung immer entschiedener erhoben wird und die Toleranz durch Akzeptanz abgelöst werden soll, wird offenbar, dass diese Form der Toleranz die Anerkennung anderer Sexualitäten und Lebensformen nie im Sinn hatte.“ (1)

Ich habe mich in der letzten Zeit auch über „hysterische“ Schwule geärgert. Ihr Gekicher im Hals und ihre überschlagenden Stimmen. Ich kenne das aus eigener Erfahrung. Mir ist schon früher aufgefallen, dass ich in stressigen Zeiten einen etwas anderen Ton im Lachen hatte und auch viel häufiger lauter lachend reagiert habe. Während meiner Lehrzeit im Verlag (1968-1971), ist mir auch aufgefallen, dass ich manchmal nachmittags eine Tafel Schokolade verschlungen habe. Dies ist mir als Symptom aufgefallen, welches ich damals mit einem abendlichen Ausflug in den Schützenmattpark und dem Stillen meines Sexhungers unter Bäumen und in Sträuchern „behandeln musste“.

In früheren Zeiten (wars nicht besser, sondern anders!) öffnete das E&L bereits um 16 Uhr und die arbeitenden Schwulen konnten sich da wieder vom hetero Stress erholen, bevor sie zu abend assen, um dann „frischgemacht“ unsere Szene zu bevölkern. Bürgerliche Homosexuelle holten sich um diese Zeit auch Sexkontakte, bevor sie in ihre Familien oder ihr Leben zurückkehrten.

In den letzten Jahren haben wir uns Grossstädten im Ausland angepasst, in denen das „gaylife“ erst jeweils um 23 Uhr begann, wie wir in unseren Ferienreisen gelernt haben. Als es noch eine „Polizeistunde“ um Mitternacht gab, standen Schwule und Lesben bereits um 20 Uhr vor Lokalen Schlange. (Wobei die staatliche Liegenschaftsverwaltung der HABS im Volkshaus damals zur Bedingung machte, dass sich keine Gleichgeschlechtlichen draussen küssen durften!)

Das E&L39 öffnete zu immer späterer Stunde und die Leute kamen nicht mehr vor den Parties erst dahin. Das schwule Leben, sofern eines bestand, begann erst ab 23 Uhr bis in den frühen Morgen. Ein Leben teilt sich also in eines in hetero Umgebung und Infrastruktur und in ein weiteres, getrennt davon, in ein gay life um Mitternacht. Ich frage nur: Was tun denn alle in der ganzen langen Zeit dazwischen?

Damals sassen die „älteren Herren“ bereits am frühen Abend im Lokal und hielten Ausschau nach jungen Männern, egal ob gay oder nicht. Im Park war es ja erst später dunkel. Damals nahm ich mir vor, einmal ganz anders alt zu werden als diese Homosexuellen! Heute trennen sich die Generationen, denn welcher ältere Schwule hat noch Lust und Energie, um elf Uhr abends aus dem Haus ins high gay life zu gehen?

Es ist interessant, zu beobachten wie die damals jugendlichen Homos heute älter und alt geworden sind. Und wie sie das zu bewältigen versuchen. Es ist viel Bitternis und Enttäuschung bei Begegnungen mit ihnen festzustellen.

Martin Dannecker schreibt: „Wer heute als Mann 65 Jahre alt geworden ist, hat noch eine durchschnittliche Lebenserwartung von fast 20 Jahren.“ (2) Er wird also zwanzig Jahre als „alter Mann“ noch leben müssen. Er fragt auch, ob ein so alter Mann sich wirklich als ALT begreift, oder oder sich noch länger „jünger fühlt“.

(Dannecker) „Dieses schwankende Selbstbild könnte einer Organisation, die sich die Interessenvertretung schwuler Senioren zur Aufgabe gemacht hat, durchaus Widerstände vonseiten der von ihr Repräsentierten eintragen.“ (2)

Ich selbst verstehe mich als körperlich alter Schwuler, attraktiv nur für eine Minderheit von jüngeren Schwulen, die auf Ältere steht. Anfragen für eine „seriöse, lang andauernde Beziehung“ – haha, da muss ich einfach lachen! (Ich schreibe das bewusst in der ich-Form.)

Ich musste feststellen, dass ich mich in den letzten 30 Jahren mental und charakterlich weiterentwickelt habe, während viele jüngere Homos und auch die mittelalterlichen Schwulen irgendwie stehengeblieben sind. Sie stehen und warten immer noch auf den Prinz (vo Rieche! 😉

Andere alte Schwule nutzen ganz bürgerlich fernöstliche, südamerikanische oder andere Destinationen, um ihre meist nicht vererbbaren Guthaben an Männer zu bringen. Sie fahren nach Zürich oder anderswo, wo ihnen „etwas geboten“ wird dafür. Dann kehren sie wieder in ihre Wüsten-Heimat zurück, wo alles nur schlecht ist und am „verrecken“.!?

Ich begegne an jeder Ecke in Basel einer „Schwester“. Seien es Bekannte aus der Szene oder ehemalige Kunden. Aber diese Bitternis „schlägt“ mir immer wieder entgegen!

Ein aktuelles Beispiel: (51) „seit wann ist ein buch schwul? Interessant ist das 99% der Meinung sind das PLANETROMEO eine sexseite ist lach! Ich muss leider jeden aufklären das es sich um eine Gay Community handelt! obwohl heute fast alles in englischer sprache gesprochen wird hat keiner eine Ahnung! also verkehren 99% vollpfosten hier 🙂  nur leider hats hier keine schwulen sondern nur verheiratete heteros, stricher und drögeler! und hier geht’s nur um ficken 🙁   jaja herr thommen tut halt weh wenn man arcados zumachen muss!“

Der erste Satz war natürlich eine „Eingangsprovokation“! 😉 Und der letzte Satz war quasi die Faust in den Bauch. Keine Ahnung wer das war. Jedenfalls ist ein schwules Buch ein Buch, das Schwule interessieren könnte. Ganz einfach. Und es tut nicht weh, sondern ist etwas schönes, wenn man ein Lebenswerk selber beenden kann, das doch einigen Erfolg hatte. Amen

Peter Thommen_68, Schwulenaktivist

1) Dannecker, Martin: Faszinosum Sexualität. Theoretischem, empirische und sexualpolitische Beiträge, Psychosozial-Verlag 2017, S. 138  (1 und 2 S. 131)

Sie auch: Wie lieben ältere Schwule (1) 2007

Wie lieben ältere Schwule? (2)  2014

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