Auffahrt und ihre Symbolik für die Männerliebe

Ich habe in den neunziger Jahren in meinem Szenen-Blatt jeweils zu christlichen Feiertagen „schwule Predigten“ geschrieben. Kurze Texte zur Besinnung oder Anregung.

Damit will ich zeigen, dass auch die Männerliebe in dieser „abendländischen Kultur“ eine “furchtbar morgenländische“ ist und nahe verwandt mit der „muselmanischen“.

Ich wählte jeweils sehr persönlich-psychologisches, aber auch historisch-ethnologisches Material für meine spezielle Sicht und Reflexion darauf. „Wer es fassen kann, der fasse es!“ 😉

 

Wenn der Geliebte entschwindet!

Die Zwölf im Neuen Testament waren vielleicht nicht schwul (im heutigen Sinne!), aber sie hatten eine enge Gefühlsbeziehung zueinander. Da gab es Eifersucht (Judas) und zärtliche Liebe (Johannes) zum „Meister“ Jesus.

Diese Dreizehn bildeten also eine Art Familie, die sich im wahrsten Sinne des Wortes durchs Leben schlug! Mal mit Zuwendungen von vermögenden Frauen, oder mal von begüterten Männern. Schliesslich mussten sie ja auch essen und ein Dach über dem Kopf haben – zwischendurch.

Orientalische Männer lieben Männer und gehen mit Frauen ins Bett. Das ist die traditionelle Kultur. Die „Romeo und Julia-Liebe“ (auch „religiöse“ oder romantische „Missionarsstellung“ genannt) hat sich heute aber auch in anderen Kulturen verbreitet, obwohl noch Millionen von Kindern durch ihre Eltern verheiratet oder „versprochen“ werden. Heirat macht(e) mündig – juristisch, politisch, gesellschaftlich und wirtschaftlich…

Wenn einer Gemeinschaft der Führer/Oberste/Vater/Geliebte/Gott genommen wird, sei es durch Tod, Verschwinden oder Selbstmord, kann das für Tausende von Gläubigen die Katastrophe sein. Die Geführten stürzen in eine Krise von existenziellem Ausmass. So erging es auch den Jüngern Jesu. Aber auch Eltern können „stürzen“, wenn ihnen ihre älter gewordenen Kinder „entlaufen“. Es funktioniert also auch umgekehrt!

Auch uns Schwulen geht es so, wenn wir „unseren Mann fürs Leben“ verlieren. Nicht nur durch Folgen von AIDS. Auch wenn der Mann uns aus eigenem Entschluss und freiwillig verlässt. Das Ausmass der Katastrophe, das sich in und um uns breit macht, ist das Barometer für unseren „realen Zustand“. Der Riss aus Gewohnheiten/Aufgehobenheiten aus dem „sozialen Fruchtwasser“, kann ein wesentlicher Faktor für Depressionen und Rachegedanken des Zurückgelassenen sein. Das wichtigste aber scheint mir, unsere sexuelle und emotionale Abhängigkeit von „ihm“ zu erkennen!

Wir Schwulen sind so „heterosexuell“ erzogen worden, dass es uns nur „natürlich“ erscheint, eine möglichst grosse gegenseitige „emotionale Liebe“ oder sexuelle Abhängigkeit/Treue – wie bei Mann und Frau – zu erreichen. Natürlich streben wir auch Ewigkeit an! (oder: bis dass der Tod uns scheidet!)

Jede Gegenwehr eines Partners (und sei es nur der nackte Selbsterhaltungstrieb!) erscheint in der bürgerlichen Moral als Verrat (= Judas). Die Brust/Sexualität des Meisters/Freundes soll Johannes/uns immer zur Verfügung stehen und nach einer gewissen Zeit leiten wir auch Rechte darauf ab. Erstaunlich, dass in den meisten „bürgerlichen“ Beziehungen eigentlich niemals über diese „gewissen Dinge“ geredet wurde. Jeder Partner phantasiert für sich allein – oder zieht Schlüsse aus dem Verhalten seines Freundes. Sei es der regelmässige, heftige oder häufige Fick, seien es Geschenke/gemeinsame Wohnung, oder Liebesschwüre, Treuegelöbnisse, Eifersucht, Seitensprünge, etc. Da entwickeln sich dann zwei Freunde nebeneinander her und wenn in den jeweiligen Welten durch die Realität „geputscht“ wird, folgt die grosse Ent-Täuschung.

Weil aber Illusionen sich fest in den Köpfen versteinern, das Prestige/Image einer Freundschaft einem erdrückt, oder die mögliche Häme der Gay-Community Angst macht, ist diese andere Realität fast nicht auszuhalten. Entweder kommt das grosse Eifersuchtsdrama und die Rückholungsvorstellung (eignet sich weniger für eine Weltreligion) – oder dann kommt das heroische Opferbewusstsein für eine Therapie zum Zug. Die christliche Religion hat es eher mit den Opfern, den Wunde(r)n und den Illusionen (er kommt ganz gewiss wieder zurück!).

Wie sollen wir anders handeln und denken lernen? Der ehemals Geliebte „erscheint uns“ in der Szene oder in der Stadt. Und er blockiert unsere nächsten Sexkontakte/Beziehungen.

Ist Euch schon aufgefallen, dass „verlassene“ Freunde oft die ähnlichen Symptome aufweisen wie Alkoholiker oder Drogenkonsumenten auf dem kalten Entzug? Halluzinationen, Bekehrungen, Reue, Schwüre oder meist Verwünschungen…

Es fehlt uns eine Anleitung zum „humanen“ Auseinandergehen!

Und viele Schwule verzehren sich an der Sehnsucht nach einem/dem Freund. Dabei lebten sie recht gut in der Zeit vorher – und könnten es lernen, gut zu leben in der Zeit nachher! (Senf, 7. Jg. Nr. 21, 22. Mai 1998)

 

Auffahrt – mit rosarotem Raumanzug

Auffahrt in christlicher Symbolik, so haben wir gelernt, bedeutet, dass Gott seinen Sohn heim geholt hat zu sich. Nun ist er wieder mit ihm vereint und sitzt, glaub’ ich zu seiner Rechten. Der Heilige Geist macht noch seinen Dritten Teil dazu. Aller Guten Dinge sind drei…

Auffahren in den Himmel ist eine geistige oder ideologische Vorstellung. Wir haben gelernt, dass die Erdkugel rund ist und somit: oben auch zugleich unten und rechts zugleich links ist, je mehr wir uns von ihr entfernen und einen möglichen Standpunkt ausserhalb, ähnlich wie Gott, einnehmen. Während unsere Vorfahren noch von Wolkenpalästen und Windstuben träumten, haben wir die Mondfahrt erlebt und sehen die Erde mit den Augen von Gott, mit Hilfe von technischen Apparaten. Seit die Flugapparate zu unserem Alltag gehören, können wir uns auch das körperliche Auffahren gut vorstellen.

In der Symbolik unserer christlichen Vorfahren spielt aber die Auffahrt auch eine wichtige ideologische Rolle. Die Einteilung unserer Sphäre in gut und böse, in Himmel und Hölle, oben und unten, gibt heute noch einer „Auffahrt“ ihren ethischen Sinn: Eingehen ins Gute, ins Vollkommene, in die Ewige Ruhe, oder ins Paradies, auf die andere Seite von Alltag, Kümmernis und Qual.

Auch die männliche Vaterfigur, die uns zu sich holt, aufnimmt, akzeptiert und uns seiner Vollkommenheit anteilhaftig werden lässt, spielt eine wichtige Rolle. Rückkehr zur Ent-Schuld-ig-ung. Rückkehr in die Unschuld. Dabei spielt Jesus als Sohn Gottes eine wesentliche Rolle als ent-schuldender Schleusenmechanismus, um eine Einrichtung der Raumfahrt beizuziehen.

Wir Schwulen wissen von Kindsbeinen an, von dem Moment, wo wir uns als anders empfinden, dass wir in Schuld gestossen werden. Noch bevor jemand zu uns „du schwule Sau“ gesagt hat, ahnen wir uns als Schuldige. Stärker noch wie die Heterosexuellen, die zwar innerhalb der Norm bleiben, aber auch ihre körperliche Unschuld verlieren, verstossen wir grundsätzlicher gegen – ja gegen was denn?

Wir verstossen gegen die Norm, das allgemein Übliche, Sichtbare. In Formulierungen wie „Sodomisten, Perverse“ und solche mit der Vorsilbe „Hinter-“…  finden wir uns später wieder – unsichtbar, unausgesprochen. Und es ist klar, dass wir im abendländischen Kastensystem zu den Untersten gehören. Mehrfach wurden die Schwulen in der sozialen Wertskala noch unterhalb der Nutten angesiedelt. Dies in den Umfragen vergangener Jahre.

Da ist es geradezu lebenswichtig, aufzufahren! Wenn wir es sexuell nicht können, so denn sozial oder ökonomisch. Wir hungern gerade danach, zum Vater aufzufahren, oder des heiligen Geistes teilhaftig zu werden.

Schwule bezahlen noch mehr wie Flüchtlinge aus Sri Lanka, oder anderen Teilen der Welt, um ins gesellschaftliche Paradies zu kommen. Unser „Ausländer-Gefühl“ beginnt in der Kindheit und lange bevor wir unseren ersten Ausweis oder Pass bekommen! Die „gesellschaftliche Auffahrt“ ist neben der „sexuellen Fahrt“ das wesentliche Antriebsmoment im Leben vieler Schwulen. Doch während es bei den Heteros um den Aufstieg aufs Matterhorn geht, bleiben die Schwulen auf halbem Wege stecken: Unser möglicher Aufstieg ist erst ein Ankommen auf Meereshöhe. Und bevor wir das soziale Matterhorn erklimmen, werden wir entweder zum Schweigen übers Private gezwungen, oder mit dessen „Unaussprechlichkeit“ diszipliniert.

Unser Streben nach Auffahrt ist mit einer grundsätzlichen Entscheidung verknüpft: Fahren wir mit der Ehe und den ganzen bürgerlichen Grundsätzen in die gesellschaftlichen Höhen? Oder tragen wir einen bunten, rosaroten Raumanzug?

Während die Heten zu einer verklärten männlichen Gemeinschaft „auffahren“, haben viele Schwulen das Gefühl, bei den christlichen Männerfiguren in eine homosoziale Gemeinschaft „zurückzukehren“.

Letztlich sehnen wir uns danach, vom grossen gütigen heterosexuellen (?) Vater in die Arme genommen und so geliebt zu werden, wie „die Andern“. Ich frage mich hier ganz überrascht: Wer hat uns denn in diese heterosexuelle Hölle fallen lassen?

Drehen wir das ganze um: Die Gesellschaft ist von den homosozialen Göttern in die Heterosexalität geworfen und zum konsequenten Fortpflanzen verdammt worden. Das Christentum birgt aber noch wenige Reste homosexueller Kultur, dies ist der Grund, warum es so heftig reagiert. Diese Reste könnten wir uns wieder aneignen. Damit und mit neu entwickelten Formen schwuler Kultur (nicht Subkultur), käme unsere Gesellschaft wieder ins sexuelle Gleichgewicht. Die Auffahrt der Schwulen hätte ein Ende.

Nicht in den Höhen der Heterosexuellen liegt unsere Zukunft! Toleranz uns gegenüber heisst nicht: Abstieg in die schwule Hölle!

Die sexuelle Lebensfahrt der Schwulen geht nicht in die Wolken und nicht in die Fortpflanzung – sie führt in eine soziale Zukunft!  (SENF, 5. Jg. Nr. 20, 17. Mai 1996)

 

Auffahrt – oder der entflogene Liebhaber!

Abgesehen davon, ob die Person Jesu jemals aufgefahren ist oder nicht (1), interessiert mich das Verhältnis Jesu zu den Jüngern (die das ganze in eine „biblische“ Geschichte gekleidet haben) und die Wirkungen seines „Verschwindens“ auf sie.

Meist wird vergessen, dass die Bibel aus einer Zeit stammt, in der ganz andere gesellschaftliche Verhältnisse herr-schten, als wir sie heute bei uns kennen. Von Soziologie wusste damals niemand etwas. Obwohl aus dem Judentum mutterrechtliche Elemente überliefert sind (jüdisch wird man nur durch eine jüdische Mutter!), herr-schten damals patriarchale Strukturen vor: Eine Männergesellschaft, die Frauen in die Winkel der Gassen und die Kühle der Häuser verbannte…

So war auch die „Liebe“ eine Männerangelegenheit, die an die „Öffentlichkeit“ gelangen durfte und das öffentliche Leben, die Politik, wie auch die Familienbeziehungen regierte. Vielleicht müssen wir sie in anderen Wörtern wie: Wohlgefallen, Gehorsam, Treue, Hingabe, Besitz u.a.m. suchen gehen.

In dem Buch „Ein Leben voller Fallgruben“ von Driss Charhadi (2) wird die Existenz eines arabischen Buben anschaulich ausgebreitet. Das Leben besteht aus lauter Abhängigkeiten! Vom Vater, weil er der Ernährer ist, auch im geistigen/informativen Sinne, von der Mutter, wenn sie einen zweiten Mann heiratet, von der Familie, weil sie ökonomisch-soziale Sicherung und Geborgenheit vermitteln kann.

Da bietet die Religion eine Alternative zu den traditionellen Blutsbeziehungen und der Fortpflanzungspflicht. Hier spielt der Glaube die Ver-Bindung unter den Menschen. Die Sohnesschaft Jesu ist eigentlich keine biologische Zwangsbeziehung. Der Sohn hat in Wirklichkeit seinen Vater selbst gewählt:

„Gerechter Vater – die Welt hat dich nicht erkannt, ich aber habe dich erkannt, und diese (Menschen um Jesus, PT) haben erkannt, dass du mich gesandt hast. Und ich habe ihnen deinen Namen kundgetan und werde ihn kundtun, damit die Liebe, mit der du mich geliebt hast, in ihnen sei und ich in ihnen.“ (Abschiedsgebet Jesu. Joh. 17, 25-26)

Der Sohn (an)erkennt (s)einen Vater. Und nicht der Vater bestimmt seinen Sohn! Die fleischliche Genealogie ist ausser Kraft. (Sie wirkt auch heute auf mich „theologisch konstruiert“!) Die Liebe (der Männer) ist also die Alternative zu den familiären und ökonomischen Abhängigkeiten und Gebundenheiten gesellschaftlicher Tradition. Was war denn das für eine Liebe? Es handelt sich um die Gewöhnungsliebe, die wir als erste aus der Familienbindung erfahren. Um die Gehorsamsliebe, die wir aus den Machtstrukturen erfahren. Und es handelt sich um die ökonomische Liebe, die wir aus den ökonomischen Strukturen erfahren! (Geliebt wird, wer Besitz hat oder Arbeit vergeben und damit eine Lebensexistenz garantieren kann, die Männer von ihrer Herkunftsfamilie unabhängiger macht.)

Die ganz persönliche Liebe nannte man auch Freundschaft. Das bekannteste Beispiel des Neuen Testamentes ist der Kreis Jesu und seiner Jünger! Einer lief von seiner Arbeit davon (Petrus), andere verliessen ihre Familie, ihre Ehen, ihren ererbten Besitz!

Sie hatten absolut keine ökonomische oder soziale Grundlage zum Leben wie die nomadisierenden (Tierherden) oder ansässigen Familien (Grundbesitz) in Palästina. Sie waren eine Schicksalsgemeinschaft, die auf Gedeih’ und Verderb einander ausgeliefert war. (Diese Ehemänner hatten also nicht so ein primäres Verhältnis zu ihren Frauen wie in der abendländischen Tradition entwickelt. Frauen waren Besitz, über den verfügt werden konnte, den man als Arbeitskraft verlieh, oder an die Verwandtschaft abgeben konnte.)

„Wer in mir bleibt und ich in ihm [wie der Schössling am Weinstock], der trägt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. Wenn jemand nicht in mir bleibt, wird er weggeworfen wie der Schössling [der keine Frucht trägt] und verdorrt, und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen.“ (Joh. 15, 5-6)

Was hielt sie zusammen? Was war ihre Stärke? Es waren alles Männer, die ihre bisherigen Grundlagen aufgegeben hatten, die so fasziniert waren, dass sie sich für eine Gefolgschaft Jesu entschieden! (Neues Gebot der Liebe:)

„Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr einander lieben sollt, wie ich euch geliebt habe, dass auch ihr einander lieben sollt. Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.” (Joh. 13, 34-35)

Ich denke, innerhalb absoluter Machtstrukturen kann nur derjenige individuellen Erfolg und Über-Leben haben, der diese Strukturen relativiert oder entfunktionalisiert.

Soziale „Wertschöpfung“, Zuwendung, Heilung in umfassendem Sinne und Weisheit für das Volk, bringen den Lohn für bescheidenes Leben, Anerkennung und eigene Wertschätzung eines solchen Aktivisten. In einer Gesellschaft patriarchalischer Struktur bildet natürlich die „Vater“-Figur das „Medium“ zur Anwendung, Erklärung und Annahmebereitschaft einer Lebensphilosophie bei Gefolgsleuten und den „Massen“.

(Ermahnung zum Bleiben in der Liebe Jesu und in der Liebe untereinander) „Wie mich der Vater geliebt hat, habe auch ich euch geliebt. Bleibet in meiner Liebe! Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben, wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe. Dies habe ich zu euch geredet, damit meine Freude in euch sei und eure Freude vollkommen werde.

Das ist mein Gebot, dass ihr einander lieben sollt, wie ich euch geliebt habe.“ (Joh. 15, 9-12)

Wenn ich als Schwuler mir diese Männer vorstelle, wie liebevoll und zärtlich sie miteinander umgingen, ja wie sie sogar Frauen beeindruckten, sodass diese sie aus ihrem Vermögen oder aus dem ihrer Ehegatten unterstützten, dann erinnere ich mich an Eindrücke von arabischen Männern aus Erzählungen und Literatur: An ihr Treueverlangen, ihre „kindliche“ Eifersucht anderen gegenüber, an ihren Wissensdurst und ihr Bedürfnis nach einfachen Regeln, das sich nach einiger Zeit einstellt.

Wir können uns heute schlecht ausmalen, was der Tod Jesu für seine „Hinterbliebenen“ bedeutete, welches Leiden, welcher „emotionale Entzug“ und welche Selbstanstrengung ihnen abgefordert wurde. (Siehe auch die Liebe von Gilgamesch und Enkidu!) Sie standen ja ausserhalb jeder Familienbindungen. (Vielleicht wurden aber auch „ideologische Kompromisse“ eingegangen.) Jedenfalls war der Hinschied Jesu ein gefährliches Gefühls-Abenteuer! Jesus hatte zu jedem seiner Jünger eine differenzierte Beziehung/Liebe entwickelt.

(Der zukünftige Hirte und der Lieblingsjünger) „Als Petrus sich umwandte, sieht der den Jünger nachfolgen, den Jesus liebhatte, der auch beim Mahle sich an seine Brust gelehnt und gesagt hatte: Herr, wer ist es, der dich verrät? Als nun Petrus dieses sah, sagt er zu Jesus: Herr, was wird aber aus diesem? Jesus sagte zu ihm: Wenn ich will, dass er bleibt, bis ich [wieder] komme, was geht es dich an? Folge du mir nach!“  (Joh. 21, 20-22)

Sein Lieblingsjünger war Johannes. Ihn hatte es wohl am tiefsten getroffen. ( > die Offenbarungen!) Erinnern wir uns bitte aber auch an die Eifersucht Judas’ und an den Preis der sechzig Silberlinge… In der Zeit der Wanderungen und der Gefolgschaft hatte jeder Jünger auch seine Identität als Mann/Liebender aufgebaut, mit der er den Forderungen der Welt entgegentreten konnte. In sozialer Wirklichkeit aber regierten die Gegenteile: Rache und Feindschaft im Zusammenleben. (Das Alte Testament ist voll davon!)

Gewöhnungsliebe, Gehorsamsliebe, Wohlgefallen haben an jemandem, etc.? Und wo bleibt die Sexualität? Es ist – zugegeben – schwierig, nach ihr zu suchen in einem Gesellschaftsbild, das sie verschweigt. Zumindest wird da und dort Zärtlichkeit sichtbar! Jedenfalls werden im palästinensischen Sittengemälde die „pervertierte Art von Sex“, nämlich die Gewalt – und die sexuelle Symbolik des Feuers oft beschworen!

Klar redeten Menschen in den kostbaren Büchern, soweit sie existierten, nicht von „ficken“, von Sex, von Geilheit, höchstens vom Beischlaf. Eine Art Sexualität wurde auch beschrieben mit dem Begriff: „und sie erkannten einander“ (Siehe oben, aus dem Abschiedsgebet Jesu!) Sich erkennen, meint eine Situation, in der wir unser körperlich-erotisch-sexuelles Verlangen dem andern übermitteln, oder in seinen/ihren Augen ein solches ‘erkennen’ können. (Vor allem für die Heteros sei hier erwähnt, dass es nicht vordringlich ums genitale Penetrieren geht, sondern ums Begehren- und Besitzenwollen einer Person!)

(Autobiographisch: Traumsequenz mit meinem Vater, der mich in meiner Kindheit auch schlug: Mein Vater hebt die rechte Hand zum Schlag und blickt mich an! Ich ‘erkenne’ körperliches Begehren in seinen Augen. Ich wache völlig verschreckt auf.)

Besitz, Abhängigkeit, Bedürftigkeit, Auflehnung, Abfallen. Das sind die Begriffe, die Spuren patriarchaler Liebe sind. Einer Liebe, die heute nicht mehr unser Ziel sein kann, aber noch immer eine grosse Rolle in unseren Sehnsüchten und Trennungserlebnissen spielt!

Wir dürfen aus den detailliert beschriebenen Genealogien (Familienstammbäumen) und den Verheiratungen in der Bibel und in der traditionell-patriarchalischen Gesellschaft rund ums Mittelmeer nicht endgültig folgern, das es keine „Männerliebe“ gegeben habe. Obwohl sie doch wichtiges Bindeglied war und ist, ist sie nur an ihren Folgen und Wirkungen an den Männern ablesbar.

Auffahrt löste einen – vielen Schwulen bekannten – Trennungsschock und Trennungsschmerz aus. Mit Verleugnung (Petrus), Ungläubigkeit (Thomas) und der (vielleicht späteren, reifen) Erkenntnis, dass „die Liebe“ des Liebenden eigentlich den Geliebten gar nicht braucht!

Nicht so braucht, wie der Liebende die Geliebte zur Fortpflanzung. Was also ist durch die Religionen und Schriften von der Männerliebe übrig geblieben? Existiert hat sie – und praktiziert wird sie – damals wie heute. Wir Schwulen sind anscheinend die einzigen, die sich dafür interessieren? Ist die traditionelle Männerliebe ein historischer Vorfahre des „Gay Pride“? Ist sie für uns heute nicht mehr ein Vorbild? Oder doch?

(Ermahnung zum Bleiben in der Liebe Jesu und in der Liebe untereinander)

„Grössere Liebe hat niemand als die, dass einer sein Leben hingibt für seine Freunde. Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch gebiete. Ich nenne euch nicht mehr Knechte, denn der Knecht weiss nicht, was sein Herr tut; euch aber habe ich Freunde genannt, denn alles, was ich von meinem Vater gehört habe, das habe ich euch kundgetan. Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und euch dazu bestimmt, dass ihr hingeht und Frucht tragt und dass eure Frucht bleibe, damit euch der Vater gebe, um was ihr ihn in meinem Namen bittet. Das gebiete ich euch, dass ihr einander lieben sollt.“ (Joh. 15, 13-17)

Es ist hier übrigens nicht von der „Frucht des Leibes“ die Rede! 😉

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(1) In Srinagar existiert angeblich ein Grab Jesu und es gibt auf dem Weg dahin (west nach ost) viele Stationen mit biblischen Namen. Sh. Erich von Däniken u.a.!

(2) Am Strand von Merkala lernt Paul Bowles 1960 den damals 21- oder 22-jährigen Café-Wächter und »geborenen Erzähler« Larbi Layachi kennen. Dessen Erzählungen und Erinnerungen, die Bowles auf Tonband aufnimmt, erscheinen erstmals 1964 unter dem Pseudonym Driss ben Hamed Charhadi. Larbi wandert später in die Vereinigten Staaten aus. Ein Detroiter Literaturlexikon vermerkt 1975, dass sich in Kalifornien aufhalte, um Lesen und Schreiben zu lernen. In den USA verlieren sich seine Lebensspuren. (Informationen des Unionsverlags, Zürich)

(SENF, 4. Jg. Nr. 21, 26. Mai 1995)

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*1950, Buchhändler, Sozialarbeiter, Schwulenaktivist, ARCADOS Archiv (bookseller, socialworker, gayactivist)
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2 Kommentare zu Auffahrt und ihre Symbolik für die Männerliebe

  1. Pingback: Auffahrt-Symbolik und Männerliebe | Thommens Senf online – auch 2018

  2. Max Krieg sagt:

    Wie sich unsere Gedanken und Interessen immer wieder kreuzen … Ich lese gerade (im Sinn des Aufarbeitens meiner vor Jahren für die Zeit nach meiner Pensionierung gekauften, aber noch nie gelesenen Bücher) : Der zensierte Jesus (Soziologie des Neuen Testaments), von Anton Mayer, Walter Olten 1983.
    Ich empfinde es als das Subversivste (im positiven Sinn), das ich bezüglich Christentum je gelesen habe (was vielleicht nur für meine Beschränktheit oder mein Desinteresse spricht).
    Jesus (bevor er zum Christus gemacht wurde) war ein Proletarier, dessen gesamte Sozialkritik von Lukas an, für die Oberschicht umgeschrieben (und “geläutert”) wurde. Zum Kapitel “Das Ergebnis”, Unterkapitel “Sexismus” bin ich noch nicht gekommen. Vielleicht melde ich mich dann wieder …
    Liebe Grüsse, Max

    http://www.arcados.com/wp-content/uploads/2013/05/Mayer-zensJ-83.jpg
    (antiquarisch erhältlich – über ARCADOS)

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