Archive for the ‘Prävention’ Category

Der „Pädophilismus“ der Gesellschaft *

Mittwoch, Mai 21st, 2014

Unsere heterrorsexuelle Gesellschaft hat ein grundsätzliches Problem mit Kindern und Jugendlichen und deren Sexualerziehung. (Darüber gibt es Literatur!)

Der heutige hysterische Umgang mit der Sexualität von Kindern und Jugendlichen (Pädosexualität) ** hat eine bemerkenswerte Parallele zur Zeit vor hundert Jahren, als Sigmund Freud erkannte, dass diese auch ein Sexualleben haben. In der gleichen Zeit war klar geworden, dass Frauen in grossem Masse unwissend waren und Objekte sexueller Übergriffe geworden sind. Heutzutage ist klar geworden, dass Kinder – vor allem Mädchen, aber auch Knaben – sexuellen Übergriffen ausgesetzt sind und dass Frauen wiederum unwissend tun, oder Mitwisserinnen in der Familie sind! Da sie keinen Penis haben, werden sie ideologisch als Täterinnen einfach ausgeschlossen oder totgeschwiegen – ihre mehr oder mindere Mitbeteiligung ist aber erheblich.

Um auf die komplexen „familiären und ausserfamiliären Verhältnisse“ aufmerksam zu werden, müssen wir sowohl vom feministischen Vorwurf der „Tätersicht“, als auch von der sexistischen „Opfersicht“ los kommen! Beide Sichtweisen versuchen, die wahren Verhältnisse in der Familie und der weiteren Institutionen in der Gesellschaft zu verschleiern, um sie nicht verändern zu müssen! Verändern sollen sich immer nur „die Männer“.

Es gibt heute einen tief sitzenden Pädophilen-Komplex gegenüber den Kindern, der sich bis ins Erwachsenen-Alter hinein zieht.

Zum einen über die Sprache und darin den Bezeichnungen. Meist mit einem beseitzanzeigenden Fürwort: „Mein Kind.“ Auch wenn gar kein familiärer Bezug besteht. Als Schwuler fällt mir auf, wie Erwachsene gegenseitig auch von „Baby“ sprechen, wenn es um Sexualität geht. Dabei geht es nicht darum, sich fortzupflanzen, sondern sich einen Baby-Status zu geben. Wir kennen vielleicht noch die Bezeichnungen: „Lehrtocher, Serviertochter, Saaltochter“. Daraus wird klar, welchen Status diese Frauen in der gesellschaftlichen Hierarchie eingenommen haben und noch immer einnehmen. Auch Schwule, Bisexuelle und Lesben übernehmen das oft unhinterfragt. Ich empfinde es als unqualifiziert, wenn Erwachsene sich gegenseitig mit Verkleinerungsformen von Namen ansprechen, oder mit „Schätzli, Schnuggi“. Vermutlich macht diejenige Person sich quasi „zur Schnecke“, indem sie die andere so anspricht und sich in ihr spiegelt.

Zum anderen über die archaisch-tiefenpsychologische Ebene. Wir haben „vergessen“, dass Kinder in dunklen Vorzeiten als Abwehrzauber für Erwachsene gedient haben, in dem sie mannigfaltig geopfert wurden. (1) Das bis heute bekannteste „Kinderopfer“ ist Abrahams Sohn Isaak. Dieser Mythos markiert den Wendepunkt und Abschied vom Menschenopfer in dieser Kulturepoche.

Selbstverständlich mussten diese Kinder, oder auch die „Jungfrauen“ sexuell unberührt, also „unschuldig“ sein, um wirksam werden zu können!

Der Pädophilismus zeigt sich heute noch am Verhältnis zu den Frauen, die in vielfältiger Weise „kindlich“ sein sollten, und kindliche Rollen spielen gegenüber Männern. Daher mussten Frauen auch im Strafrecht geschützt werden. Doch je mehr Frauen in „männliche“ Tätigkeiten eintreten, so werden auch sie zu Täterinnen. Es ist zu vermuten, dass Quotenfrauen an der Tatsache scheitern, dass Frauen dies merken oder ahnen und entsprechend zurückhaltend sind.

Im heterosexuellen Familienkomplex ist aber auch ein Schamgefühl wirksam, das bei einigen Eltern wirkt, die verdrängen möchten, wie „sexuell“ sie waren, als sie ein Kind zeugten. Dr. Jeanne Stephani-Cherbuliez formuliert eine beispielhafte Antwort von Eltern in Bezug auf die Informationspflicht gegenüber ihren Kindern schon 1947 wie folgt (Scham und falsche Scham): „Ich weiss nicht warum, aber ich kann es einfach nicht“ (2)

Kindheit und Jugend sind historisch-kulturelle Konstrukte und relativ „neueren Datums“. In früheren Zeiten wurden Kinder und Jugendliche wie „kleine Erwachsene“ behandelt. Angesichts der Übergriffe heute, hat sich also nicht viel geändert! Auch daran, dass mit Kindern und Jugendlichen über sexuelle Dinge leider immer weniger unverkrampft kommuniziert werden kann. Aber eigentlich sollten emanzipationsbemühte Frauen wissen, dass dies sehr wichtig wäre. Und als emanzpierter Schwuler weiss ich, dass durch Kommunikation auch eine unbewusste Distanz zum Problem erreicht wird, woraus folgt, dass die Vernunft die Szene steuern kann.

Leider sind militante Kinderschützerinnen und Kinderschützer aber nicht in der Lage, die Erfahrungen der Frauen- und Schwulenbewegung aufzunehmen und für den Kinderschutz auszuwerten. Sie widersetzen sich jeglicher Prävention. Das erscheint mir als Schwuler paradox: Hinten werden „unschuldige“ Opfer produziert, mit denen vorne die „bösen Täter“(und Täterinnen) dann „für immer weggesperrt“ werden sollen. Dies aufzulösen wäre die Aufgabe der Politik und der Wissenschaften. Es stellt sich die gleiche Frage wie bei der Homophobie: Wem nützt das alles?

Peter Thommen_64, Schwulenaktivist, Basel

 

* Pädophilie und pädophil sind zuerst im heterosexuellen (und) familiären Kontext zu sehen, denn darin sollen ja Kinder geliebt und aufgezogen werden. Das ergibt heute den Hauptwiderspruch, dass erwachsene Männer und Frauen von ausserhalb der Familie auch so bezeichnet werden – aber nur wenn es um sexuelle Kontakte mit Kindern geht. Aber die Familie ist heilig und unkritisierbar!

Ich bin vom freudianischen „Ödipuskomplex“ abgekommen und bezeichne die sexuelle Familiensituation als „heterosexuellen Familienkomplex“ (Text in Arbeit). Die Kinder werden von den Eltern sexualisiert. Dann stimmt das auch wieder mit den Übergriffen. Eltern lernen nirgendwo, zu ihren Kindern eine fühlbare Distanz aufzubauen. Das müssen nur diejenigen lernen, die „mit Kindern arbeiten“. (Jetzt in der Verfassung!)

Das sexuelle Verhältnis von Erwachsenen zu Kindern wird allgemein den Vätern/Männern zugeschoben. Die Gründe bleiben dahingestellt. Daher nenne ich die aktuellen Diskussionen „Pädophilismus“, in Anlehnung an den Feminismus und Maskulinismus…

Aufgrund meiner klinischen Erfahrungen und der Gesamtschau der internationalen Untersuchungen, die mir bekannt sind, gehe ich von einem Täterinnen-Anteil von 20-35 % aus.“ (3sat/Arzt) „Das Ausmass der Gewalt von Männern und Frauen ist das gleiche.“ / „Drei bis fünf Prozent der Opfer werden von Professionellen überhaupt erkannt.“  (Frau auf der Beratungsstelle)

Mehr als 200’000 Kinder werden pro Jahr Opfer von Gewalt durch Erwachsene. (Tsokas/Guddat: Deutschland misshandelt seine Kinder, Droemer 2014, 255 S.

** Ich kann mich erinnern, dass Ernest Bornemann vor einem Vortrag in Zürich gesagt hat, er referiere nicht über Pädophilie, aber über Kindersexualität. Das war auch sein spezielles Forschungsgebiet, weswegen er später auch als „Pädophiler“ denunziert worden ist. In Anbetracht der Tatsache, dass er quasi ein Schüler von Freud und dessen Theorien war, eine komplette Fehleinschätzung.

1) siehe Nigel Davies: Opfertod und Menschenopfer. Glaube, Liebe und Verzweiflung in der Geschichte der Menschheit. Econ 1981 (später auch als Taschenbuch) Beide nur antiquarisch.

2) Dr. Jeanne Stephani-Cherbuliez. Dem Geschlecht sein Recht. Gedanken einer Mutter und Ärztin über sexuelle Aufklärung und Erziehung, Müller Rüschlikon, 1947 (vergriffen)

Thommen über die öffentliche Pädophiliediskussion (2011)

Thommen über die „Perversion eines Begriffs“, Senf 11/1995

 

Frauen als Täterinnen

David Signer: Der zärtliche Missbrauch. Rund ein Fünftel aller sexuellen Übergriffe auf Mädchen und Buben werden von Frauen begangen, nicht selten unter dem Deckmantel der Fürsorglichkeit. NZZaS 21.8.2011, S. 77

20min. 37-jährige Frau missbraucht 14-jährigen Schüler,   Hier das Urteil der ersten Instanz 2014

Alexander Markus Homes: Von der Mutter missbraucht. Frauen und die sexuelle Lust am Kind, 460 S. Pabst 2005

Homes, Alexander: Ein Heimkind packt aus, Patmos 1996 (Nonnen, Priester)

Homes, Alexander: Prügel vom lieben Gott, päd.extra buchverlag, 1981/82 (Nonnen)

Frauen als Täterinnen. Sexueller Missbrauch an Mädchen und Jungen (Michelle Elliott, Hg.), 337 S. Donna Vita 1995

 

allgemeiner

Claudia Heyne: Täterinnen. Offene und versteckte Aggression von Frauen, 360 S. Heyne TB 77212, 1996/Kreuz 1993

Wendy Lower: Hitlers Helferinnen, 336 S. Hanser 2014, ca. CHF 34.-

 

warum bin ich kein „barebacker“?

Sonntag, Januar 30th, 2011

Zur realsexuellen Situation der Homosexualität 2010

Diesen Text widme ich:

Christen, Richi, 27.05.1959-12.02.1995,

Ratti, André, 08.10.1935-26.10.1986,

Brockel, Frank, 13.09.1969-01.12.1993

Bareback-ismus ist eine Form von eingebildeter Macht über andere Männer – zum Ausgleich von Ohnmacht (wie SM), ein schwuler Machismo sozusagen. Und wie bei diesem wird gemeinsame Verantwortung total abgelehnt.

Für alle, die noch immer nicht wissen, was das ist: Das englische „bare“ entspricht dem deutschen „Bar“-Fuss und back heisst auf deutsch „hinten“. Das Wort soll schon von den Cowboys verwendet worden sein, die ohne Sattel auf Pferden geritten haben/sind…;)

Inzwischen sollte klar sein, dass es um HIV/AIDS geht (und übrigens auch um Hepatitis – für C gibt’s noch immer keine Impfung!). Schon lange kommt es mir „schräg“ herein, wenn ich die vielen User im Internet sehe (und über die Vielen „höre“, die als Gäste in Saunen oder auch „outdoor“ ohne Kondom verkehren. Vor allem diejenigen, die „barebacking“ propagieren, virtuelle Clubs gründen und geile Versprechungen machen. Daneben sehe ich auch viele HIV-positive, die sich über Diskriminierung durch Männer beklagen, oder die mit ihren Männern Probleme bekommen, wenn auch in der Beziehung Kondome verwendet werden sollen/wollen.

Als Schwuler, der gelernt hat, oder hat lernen müssen, was „richtiger Sex“ (eindringen/ficken!) ist, genügt mir die „mechanische“ Prävention der AIDS-Hilfen schon lange nicht mehr. Und ein Schwuler ist jemand, der Homosexualität praktiziert und gelegentlich auch darüber nachdenken tut, was er macht, warum er es macht und wie er es macht. Zu vergleichen mit einem Hetero, der herumfickt und schliesslich mal Vater wird – und vielleicht dann gezwungen wird, über seinen Schwanz nachzudenken! 😉

Aus ganz bestimmten „schwulenpolitischen Gründen“ hatte ich 1997 der AHS einen Brief geschrieben, den ich als Dokument auf meinem Blog aufführe. Aus der Antwort der AHS vom 4. Februar 1998 zitiere ich:„Zum ersten haben wir uns 1997 entschieden, uns an die „jungen newcomers” und nicht generell an die “newcomers” zu wenden. Zum zweiten behandelt diese Kampagne, die einen unvergleichlichen Erfolg aufweist, das Problem des Safer Sex und nicht die schwule Revolution.“

Seit 1997 hat die Präventionskampagne der AHS einen „unvergleichlichen Erfolg“ – bei stetig steigenden Infektionszahlen. Punkt. Das sind jetzt über 10 Jahre, in denen es schlicht unterlassen wurde, über Sexualpolitik, Sexualkultur und Sexualethik öffentlich nachzudenken.

Ich führe im Internet gelegentlich „Gespräche“ mit HIV+ und Barebackern. Und ich habe den Eindruck gewonnen, dass die Einen, wie die Anderen je auf einem anderen Planet leben. Es ist dies wohl Ausdruck der grundsätzlichen Situation unter Männern heute, die miteinander Sexualität praktizieren. Über ein Drittel der User auf Plattformen sind hetero oder bisexuelle Männer. Und sie unterscheiden sich nur unwesentlich in ihrem Verhalten von den homosexuellen Männern – oder auch umgekehrt…

„Halt!“ rufen jetzt diejenigen, die sich auf die verbesserte medizinische Situation, auf die neuen Medikamente und die geringe Sterblichkeitsrate der Infizierten berufen. Ich zweifle das überhaupt nicht an! Aber wenn ich diese „schwule Revolution“ zitieren darf, dann frage ich mich wirklich – „=/%@#&/=“ – hängt die Homosexualität und hängen auch die Schwulen wieder nur am medizinischen Tropf oder was? Lassen wir uns „medizinalisieren“, wie es in den 50er Jahren üblich war, als man uns mit Hormonen und Kastrationen malträtierte?

Gut, ich gebe zu: Anders als in Kuba, hat man uns sonst nirgendwo „weggesperrt für immer“, wie es den „Pädophilen“ heute droht. Das konnte verhindert werden! Aber wie ich von den HIV+ lerne, ist die Infektion für viele eine – im wahrsten Sinne des Wortes – „lebenslängliche“ Traumatisierung, die nicht einfach mit ein paar Tabletten „überlebt“ werden kann. Nebenher behaupten Barebacker jeglichen Alters immer wieder, dass sie wüssten, was sie tun!?

„…hast du das gefühl, ich weiss nicht, auf was ich mich einlasse?“ (18 Jahre)

„ich steh nicht auf gummis, ganz einfach und wenn ich mir dabei was einfange, naja, mein pech, mir egal. ist ja sowieso nicht dein problem, wirst ja wohl eh nie mit mir rummachen…“ (derselbe)

Ich will nochmals zurück zur „schwulen Revolution“! Homosexualität wird noch immer getrennt zur heterosexuellen Kultur und Gesellschaft praktiziert. Vor allem von Hetero- und Bisexuellen! Historisch gesehen waren Gesellschaften immer um Normalität bemüht. Sie duldeten ein gewisses Mass von Abweichung – wie Prostitution, Homosexualität. Solange vor allem die Männer ihre Sohnes-Pflicht fürs Vaterland erfüllten (siehe Telearena von 1978!)

Erst als sich die „notorischen Homosexuellen“ dieser familiären Kontrollen entzogen und eigene Gemeinschaften gründeten, begann die uns bekannte Ausgrenzung wirksam zu werden. Aber diese Ausgrenzung wurde nicht auf „halb- viertel, achtel“-Homosexualität gegründet. Auch spielten die Vorfahren keine Rolle wie bei den Juden. Noch heute gilt jeder Mann, über den homosexuelle Aktivitäten bekannt werden, entweder als schwul, oder zumindest doch noch als bisexuell…

Worauf will ich hinaus? Die Homosexualität ist keine Exklusivität der Schwulen, sondern die gemeinsame Erfahrung von allen Männern, wenn auch bei den meisten in verschiedenen Lebensabschnitten. Was früher bei Sexualkontakten von Älteren mit unter 20jährigen achselzuckend als „Altershomosexualität“ bezeichnet wurde, oder bei der „mutuellen Onanie“ zwischen Jungs als „homosexuelle Phase“ akzeptiert war, stellt sich heute als integrierender Bestandteil der Heterosexualität heraus. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass mehr Homosexualität unter Männern praktiziert wird, die sich NICHT als schwul, homosexuell oder gar bisexuell verstehen! Die Unterschiede sehe ich vor allem in den Umgangsformen zwischen, und den Rollenzwängen über einander. Es gibt noch immer vorwiegend heterosexuelle Umgangsformen in der Homosexualität. Ich will das hier nicht weiter ausführen, sondern darauf hinweisen, dass – zumindest Schwule – ein Bewusstsein für gleichwertigen Umgang miteinander entwickelt haben! Das wäre vielleicht die Kernmotivation für diese – ahem – von der damaligen Leiterin der AHS belächelte „schwule Revolution“.

„Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt!“ (Rosa von Praunheim, 1971)

Ich denke, dieser Satz gilt – immer noch oder schon wieder – fürs Jahr 2011! Nach 40 Jahren sind wir mit AIDS und mit dem homosexuellen Ghetto im Internet am ähnlichen Punkt angelangt. „Na ja, mein Pech und mir egal“ ist eine Haltung, die von vielen Männern wieder eingenommen wird, wie eine Art „Sexualdarwinismus“ mit dem Recht des Stärkeren. Entweder bodybuildingsmässig, oder wirtschaftlich. Wer zu schwächlich ist, kommt eben um. Und es ist „natürlich“, wenn Schwule schwächlich werden (sollen!). Es ist weniger schlimm, wenn Männer schwach werden und es geht ja niemanden etwas an, wenn heterosexuelle Männer mal „auswärts“ gehen, Hauptsache die Gesellschaft bleibt der Familie treu…

Es scheint allen Bürgern willkommen zu sein, wenn die gay community ins Internet verschwindet, die Schwulen sich auf Parties verlustieren und ihr Geld für Drogen ausgeben und an anderen Substanzen „verrecken“. Ach, ich „bashe“ wieder gegen die Heteros?

„Toleranz ist, wenn man fragt statt flucht“, schrieb Marc Pfander über seine Abschlussarbeit zu einer „schwulenfreundlichen Erziehung“. Nur, wo bleibt diese Erziehung bis heute eigentlich? Und was haben alle unsere „homosexuellen PolitikerInnen“ eigentlich getan/tun können?

Von wegen Hetero-Bashing: Ich sehe sehr viele Männer, Schwule und Bisexuelle, die sich selber „hetero bashen“. Das heisst, sie warten gar nicht erst auf irgendwelche Schlägertypen. Sie glauben, dass sie Schläge „verdient“ haben und fügen sich diese gerade selber mittels mannigfaltiger „Fetische“ zu. Ich nenne so was seit Jahren schon den „Erlösungsmythos“! (mit dem klaren Bezug zur Bibel, deren Kultur noch viele von uns geprägt hat) Ich will von der Tunte Ratzinger gar nicht anfangen zu reden…

Ich bin der Überzeugung, dass das ewige Lästern über ein angeblich nicht notwendiges coming out (nämlich die Erlösung von der Geheimnistuerei und der Steinwurf ins heterosexuelle Schaufenster), die notorischen Forderungen von „nichtschwulen“ Männern nach Diskretion („ich bin verheiratet und will das auch nicht ändern!“) und der hetero Stress bei der Suche nach dem ultimativen Fick, eine Wieder-Integration der homosexuellen Bedürfnisse in die Normalität verhindern, weil dies die herr- und frauschende ideologische Normalität sprengen und die versteckt gelebte Realität offenbaren würde. Stattdessen verzettelt sich die öffentliche Diskussion in Patchworkfamilien, Transen, Gender, Transvestiten, Lesben, Bisexuelle, Doppelsexuelle, Ambisexuelle und Asexuelle… Neue Kategorien in alten Schubladen – wie oben angeführt!

Ich bin auch der Überzeugung, dass die so genannte heterosexuelle „Mehrheit“ genauso eine Minderheit ist, wie die Homosexuellen. Die Mehrzahl der Männer tut beides – aber nach heterosexuellen Regeln. Da hat eine „schwule Revolution“ keinen Platz, ist sowieso „politisch nicht korrekt“ und im aktuellen Femi-Sexismus haben Männer keine Lobby – die Schwulen schon gar nicht (weder links noch rechts).

Im Bewusstsein, dass dies alles zusammenhängt und die Infektionswege mit HIV vielfach verschlungen sind, bis weit in die heterosexuellen Familien, kann ich mir Barebacking einfach nicht vorstellen! Aber ich kann mir gut vorstellen, dass – wahrscheinlich die wichtigste „heterosexuelle Regel“, der nachgelebt wird – wie folgt heisst: „…bei euren Dates ist jeder für sich selber verantwortlich!“ (Barebacking-Club) – denn so haben es seit je die heterosexuellen Männer mit den Frauen „getrieben“ (sh. „ledige Mütter, Prostitution, Abtreibungen“)

Es ist also nicht die Tatsache, dass in Afrika keineR von Schwulen oder Homosexualität redet, wenn es um die vielen heterosexuellen infizierten Frauen und Männer geht. Es ist also nicht die Tatsache, dass ich wegen AIDS viele Bekannte und gute Freunde verloren habe! Aber ich habe in der Schwulenbewegung gelernt, dass wir ein Teil in der Gesamtgesellschaft sind und auch Einfluss auf diese haben können! Wenn jeder nur für sich selbst verantwortlich ist, dann pfeife ich – „=/%@#&/=“ – auf das ganze Partnerschaftsgesetz, worin eh nirgendwo das Wort Sexualität enthalten ist, auf die Adoptiererei und sämtliche Leihmütter der Welt für Christiano Rinaldo, Ricky Martin und Andere…

Mein Frage zum Schluss ist: Wann werden endlich die Probleme diskutiert, die Männer im Kopf haben, wenn sie unsafen Sex praktizieren, oder aktiv Barebacking betreiben oder suchen? Was bringt einen Mann dazu, sich von seinem Partner/Geliebten infizieren zu lassen, um „mit ihm eins“ zu sein? Was bringt HIV+ dazu, sich an Anderen dafür zu rächen? Warum gibt es – vor allem schwule – Männer, denen ihr Leben sozusagen „nichts wert (geworden) ist“?

Heterosexuelle Verhältnisse bringen heterosexuelle Probleme. Aber eben keine „schwule Revolution“ – und in welchen Augen ist das „gut so“?

Peter Thommen, Schwulenaktivist, Basel

Hier eine „wohlwollendere“ Meinung zum bb (PDF 1,8 MB)

P.S. Zur Illustration empfehle ich folgende Bücher zur Lektüre:

1. Airen: Strobo

2. Froehling: Langer Nächte Tag

3. Langer: Beschädigte Identität (Inhalt)

risikomanagement – lebenslang?

Sonntag, September 12th, 2010

Die Sexualität – so denken viele Leute – sei der letzte Bereich, der noch ungeregelt und „frei“ sei. Wo sie sich „fallenlassen“ könnten und wo sie sich uralten Träumen und Fantasien hin (!) geben könnten…

Das erinnert mich an die Abenteurer vom letzten Jahrhundert, die Kolonien eroberten und unbekannte Länder besuchen wollten, oder Berge besteigen…

Beides war und ist wohl eine Flucht aus dem „überregelten“ Alltag! Fremde Länder, ungeregelte Sexualitäten, unerfüllte Sehnsüchte und Fantasien dirigieren aus dem Bauch herauf unser Verhalten.

In allen Fällen wird sorgfältige Risikoabwägung gegen den Verlust des Lebens oder Beschädigungen der Gesundheit angestellt. Keiner geht mit Turnschuhen aufs Matterhorn, oder ohne Rettungsboote in ein Schiff. Aber in der Sexualität – da soll alles anders sein?

Das Infektionsrisiko mit Aids ist hoch – und trotzdem wird es im eigentlichen Sinne verharmlost. Nicht mehr nur Pharmakonzerne versprechen „länger leben mit (!) AIDS“ (was auch missverstanden werden kann. Es gibt mehr Dumme als sogar Gott glauben kann!)

Ich habe kürzlich das Buch von Simon Froehling aus der Zürcher Szene (Langer Nächte Tag), sowie von Airen (Strobo) aus der Berliner Szene gelesen. Aus eigenen Beobachtungen und Informationen weiss ich aber auch, dass immer mehr Drogen, „Chems“ und andere ungesunde Lebensweisen für Männer eine grosse Rolle spielen, bei der Suche nach dem „jüngsten“ Kick in der „ungeregelten“ Homosexualität.

Irgendwie schräg kommt mir daneben herein, wie so viele „Regenbogenleute“ staatliche Regelungen, Gesetzesgleichstellungen für schwules Leben fordern – oder mit der ePartnerschaft erreicht haben. Das ist wie die zwei Seiten einer Medaille…

Es scheint mir, dass das Hauptziel der saferen Praktiken für eine schwule Gesundheit ziemlich aufgegeben worden ist – auch in der allgemeinen Prävention. Neues Hauptziel im Sexualleben zwischen Männern ist anscheinend der Fick ohne Gummi. Entweder wird das (hohe) Risiko verdrängt (mir wird das nicht passieren), oder es wird für Männer ebenso wichtig, ihren Saft auszutauschen, wie es für die Fortpflanzung der Heteros wichtig ist. Der „schwule Risikovorteil“ mit dem Kondom ist unwichtig geworden. Das Risikomanagement wird nach der Infektion einfach weitergeführt, indem die Virenlast mit Medikamenten gesenkt wird und damit – von den Aidshilfen – neue Hoffnungen genährt werden, „wieder ohne“ ficken zu können…

Es bleibt vorläufig dahingestellt, inwiefern diese „Heterosexualisierung“ auf die homosexuellen Akte einwirkt, welches die Motive und welche tieferen Sehnsüchte dafür verantwortlich sind. Phil Langer hat in seiner Studie jedenfalls sehr viele psychische Defizite ausgemacht, die sich im (späteren) Sexualverhalten auswirken. (Ich wage da auch den Vergleich mit der „Anpassungserziehung“ der Frauen!).

Die Erkenntnis aus der früheren Schwulenbewegung, dass heterosexuelles Verhalten auch heterosexuelle Probleme ergibt, wird hier tragisch-prophetisch erfüllt. Ich selbst erlebe immer wieder heterosexistisches Verhalten mir und meiner Homosexualität gegenüber. Zu meinem Glück habe ich eine schwule Identität (erwerben können), die sich dagegen stellen kann. Dafür zwei Beispiele: Viele bisexuell und hetero Orientierte betrachten die anale Penetration als „Homosexualität per se“. Sie identifizieren sich nicht mit ihrem Partner, sondern „nehmen“ ihn, wie bei Frauen, in Besitz, „brauchen“ ihn einfach für ihre Bedürfnisse. Aufgefallen sind mir auch junge Männer aus verschiedenen Ländern in Afrika, die sich in schwulen Kontaktplattformen an ältere Männer heranmachen, um sie für sich zu gewinnen. Sie behandeln mich wie sie Frauen behandeln: Antworte ich bestimmt, aber höflich, dann nehmen sie dies als Zeichen, mich „in Besitz“ zu nehmen: Ich soll sofort meine email hergeben und aus meinem Leben erzählen. Ich bin gleich ihr „Darling“ und bekomme diese üblichen Koseworte verpasst…

Es gibt nun auch Männer und Homosexuelle, die sich gleich in die weibliche Rolle werfen, um besser bei heterosexuell Orientierten zu landen. Dabei spielt das Angebot des Anus für deren Befriedigung eine grosse Rolle. Aus früheren Zeiten kenne ich bereits, dass es gewisse Männer gibt, die nicht mit Homosexuellen Sex haben wollen, sondern nur mit heterosexuellen Mackern…

Vielen jungen Männern erscheint es so, wie wenn sie nur zwischen diesen Rollen wählen müssten, oder darin einfach nur abwechseln könnten. (aus GR: „I am yours if u want ;-)“ (21 J.) Darüber hinaus scheint ihnen ihre eigene Gesundheit oder Psyche nicht besonders erhaltenswert.

Die „Auferstehung als „Infizierter“ macht den meisten Betroffenen grosse psychische und soziale Probleme. Dass die Furcht vor dem nun erlebten „Infektionsfick“ so klein war, kommt mir wiederum sehr schräg herein! In letzter Zeit habe ich persönlich auffällig viele Neuinfizierte (neu) kennengelernt. Was in den letzten Jahren so „herumgeboten“ wurde als unglaubliche Beobachtungen in Saunen, tritt jetzt persönlich an mich heran. Nun, ich habe keine Probleme mit AIDS. Für mich haben alle HIV und ich verhalte mich auch JEDEM gegenüber safe beim Sex. Aber muss ich jedem immer auch mein Mitleid schenken?

„Länger leben mit AIDS“ – „Besser leben mit HIV“? Wieso heisst es nicht: Länger gesund bleiben mit Safer Sex, geborgen sein in einer schwulen Gemeinschaft? Was nützt der Freund, der mich infiziert hat, wenn ich sonst keine Freunde habe? Was sollen nun die anderen Schwulen für eine Rolle spielen, wenn mann sie vorher „nie nötig“ gehabt hat? Alles Fragen, die mann sich meist auch hinterher nicht offen zu stellen mag…

Ich erinnere mich gerade an einen TV-Bericht über die 24 h-Apotheke in Zürich. Da würden – so wurde erklärt – am frühen Montagmorgen oft Girls und Frauen anrennen, um sich „die Pille danach“ zu besorgen… Von HIV war da gar nicht die Rede.

Ich bin mir auch nicht so sicher, ob „das Risikomanagement danach“ – also in der HIV-Infektion dann auch wirklich zu managen anfängt, wenn es doch vorher schon nicht geklappt hat! Was Risikomanagement vor der Infektion bedeutet, ist eigentlich ziemlich allgemein bekannt. Aber was bedeutet es NACHHER?

„So ist das Virus zwar (noch) nicht restlos kleinzukriegen, da es seinerseits Strategien entwickelt hat, um sich an der anti-retroviralen Therapie (ART) vorbeizumogeln, indem es sich in körpereigenen Reservoirs versteckt, etwa im Gehirn oder im Darm, wo Medikamente offenbar weniger effektiv wirken.“ (Heiko Jessen, HIV-Arzt und Internist in der Siegessäule 9/10, S. 88)

„Themen wie Arbeitslosigkeit, Frühverrentung, Altersarmut, Vereinsamung, aber auch Sorgen am Arbeitsplatz und Angst vor Diskriminierung im Alltag spielen dabei eine Rolle.“

„Relativ neuen Datums sind Erkenntnisse über die chronische Entzündung… Wahrscheinlich wird die Darmwand eines HIV-Positiven im Verlaufe seiner Infektion durchlässiger für bestimmte Biosubstanzen, die sonst im Darm verbleiben. Diese gehen über ins Blut und verursachen Entzündungen. Der chronische Entzündungsreiz führt zu einer Voralterung des Organismus. Alterserscheinungen, die Menschen mit 60 oder 70 Jahren haben, Entzündungen oder degenerative Erkrankungen, können bei HIV-Infizierten schon mit 40, 50 oder früher auftreten…“ (S.89)

Regelmässige Medikamenteneinnahmen, gehäufte Vorsorgeuntersuchungen gehören alle zum lebenslangen „Risikomanagement“. Doch wer ist bereit, in „seinem Unglück“ dann noch auf Alkohol und andere Drogen zu verzichten?

Alles Fragen, die nie öffentlich diskutiert werden und damit keinen „erzieherischen“ Einfluss auf das Verhalten von Infizierten und nicht Infizierten nehmen können.

Keikawus Arastéh (äussert sich zur Prävention. Sein besonderes Anliegen:) „Die Frage, wie gehen Jugendliche zu Beginn ihrer Sexualität mit dem Thema HIV um? Für mich ein eminent wichtiger Schwerpunkt. Gerade in dieser diversifizierten Gesellschaft haben wir verschiedene Anzusprechende: ältere Menschen mit und ohne HIV, die Mittelalten, die Jungen mit unterschiedlicher sexueller Ausrichtung. An der Stelle vermisse ich ein Gesamtkonzept. Wir können in einer Metropole wie Berlin keine Prävention machen wie in kleineren Städten…“ (S. 92)

Wir sollten aufhören, irgendwelchen Männern zu versprechen, sie könnten „dann mit reduzierter Virenlast“ wieder Sex ohne Kondom machen! Darauf ist mann nur bei der Fortpflanzung angewiesen – also bei Heteros! Im Männersex ist der Säftetausch vor allem verbunden mit Illusionen über Männlichkeitserwerb, Besitzansprüchen und anderen tiefenpsychologischen Vorstellungen, die es endlich öffentlich zu thematisieren und zu entmythologisieren gilt! Man hat früher den Heteros auch den sexuellen Himmel versprochen, wenn sie dann mal verheiratet seien. Das glaubt wohl heute keineR ernsthaft mehr!

Solange sich Aidshilfen, Mediziner und Psychologen weigern, setzen sie nur eine alte Tradition von Totschweigen über die Homosexualität als Lebensform fort. Wenn es dann um Jugendsexualität, Faschismus oder gar „Pädophilie“ geht, dann läuft den politisch und juristisch Verantwortlichen schon der Mund über – mit Behauptungen und Verdächtigungen die homophobe Fanatiker schon jetzt in kleinerem Kreise in Gebrauch haben.

Peter Thommen60, Schwulenaktivist, Buchhändler, Basel

Neuste Literatur: Positiv. Leben mit HIV und AIDS (Langer/Drewes/Kühner, Hg.), balance-verlag 2010, 220 S. CHF 24.50 (bei ARCADOS erhältlich)

siehe auch: Barebacking als Anzeichen einer gescheiterten Emanzipation

„Ich kenne die Risiken, ich will Sperma in meinem Arsch.“  (49) Gayromeo