Archive for the ‘Th‘ s schwule Predigten’ Category

der schleichende „Homocaust“!

Sonntag, April 16th, 2017

Am Gründonnerstag bin ich an die Demo gegen die Verhaftungswelle von Queers in Tschetschenien nach Bern gefahren. Ungefähr 200 Leute standen da um eine „Kunstaktion“ mit Menschen, die am Boden des Waisenhausplatzes lagen. Kreuz und queer, nur mit Slips bekleidet und mit roter Farbe am ganzen Körper verschmiert. Ums ganze herum drapiert lagen Regenbogenfahnen.

Die Aktion mahnt an die weltweite Verfolgung von queeren Menschen, nicht nur an die aktuelle in Tschetschenien, einem mehrheitlich moslemischen Staat in der Russischen Föderation.

Vor Jahrzehnten schon erfuhr ich aus Südamerika von Überfällen und gezielten Morden. In den 80gern habe ich mit meinem damaligen Freund auf der Rückreise von Sylt auch das Lager Neuengamme bei Hamburg besucht und war 1989, anlässlich der ILGA*-Konferenz in Wien im Lager Mauthausen.

In Mauthausen hatten die Mitglieder der ILGA eindrückliche Begegnungen. Wir hielten, zusammen mit unseren jüdischen Mitkonferenten, eine Gedenkfeier bei der steinernen Gedenktafel für die ermordeten Schwulen.

Simon Nkoli, ein Gayaktivist aus Südafrika wollte nicht in die Gebäude hinein. Er war kurze Zeit vor seiner Anreise nach Wien aus einem Gefängnis in seinem Heimatland entlassen worden. Er sagte, er wolle sich das nicht ansehen, er komme ja grad aus so einer Einrichtung. Da schlug die Geschichte die Gegenwart platt…

Was wir also uns „ansehen“ können, ist für viele auf der Welt noch Realität. Ich habe schon grausige Bilder von malträtierten Schwulen gesehen: Tot am Boden und die Beine verbrannt bis zu den Hüften.

Auch Shereen El Feki schrieb in ihrem Buch „Zitadelle“ (1) über die Gays in Nordafrika, dass sie nicht von der Homo-Ehe träumten, sondern „einfach nur normal“ leben wollten. Die haben schon Probleme mit der Hetero-Ehe.

Zurück auf den Berner Waisenhausplatz! Es redeten Queeraktivisten, Politikerinnen und Politiker. Ich habe von der BDP Rosmarie Quadranti mitbekommen und zuletzt noch den JuSP Cédric Wermuth. Vermisst habe ich übrigens solidarische Frauen mit Pussyhats…

PolitikerInnen, so habe ich mitbekommen, reden sehr gerne an solchen Anlässen, besonders linke. Aber sie machen immer Propaganda für ihre hetera Politik und verlieren keine Gedanken (2) zur Lage der Schwulen zuhause und zu den Ursachen unserer Diskriminierung. Auch Ständerätin Anita Fetz (BS) hat am ZüriPride 2016 nichts besonderes verlauten lassen…

(„Der homosexuellste Hetero“, Moritz Leuenberger, hat sich über diese Bezeichnung vor Jahren sogar geärgert! Es wäre eine Ehre für ihn gewesen, wenn er etwas von dieser Bezeichnung begriffen hätte! Von ihm ist nur noch die Begrüssung in Erinnerung: „Meine Damen und Damen und meine Herren und Herren!“)

Noch nie hat ein Soziologe oder ein Historiker oder eine IN an solchen Anlässen oder am 1. Mai über Politik und Homosexualität referiert, oder das auch nur erwähnt. Es ist nur eine „Sparte“ in die man/frau tritt, wenn es dem eigenen Renommé nützt. Amen

Peter Thommen_ 67, Schwulenpapst fürs Kleinbasel

Betroffene der Übergriffe berichten

Bundesregierung der BRD und Hilfe

*ILGA = International Lesbian and Gay Association

1) deutsch bei Hanser, 2013, aber auch in englisch und französisch!

2) Wenn es etwas gibt, was Heteros stört, dann ist es vielleicht nicht so sehr der Akt, sondern dass sie darüber nachdenken sollen.“ Egbert Hörmann: Hurra ein Junge! 1997, S. 14

Consoli, Massimo: Homocaust. Il nazismo e la persecuzione degli omosessuali, 1984

Beispiel Zimbabwe

Warum Schwule und Lesben heiraten (Radio SRF)

Charity-Bingo für Jugendgruppe anyway (Regio-TV)

Karfreitag und Ostern: Überleben wir die Homosexualität um heterosexuell zu werden?

Montag, März 28th, 2016

Vor fast 25 Jahren schrieb ich in meinem Blatt „Thommens Senf“ eine erste „Osterpredigt“ (1) Mir haben von klein auf schon immer die „Gleichnisse“ und Bilder aus den biblischen Erzählungen gefallen. Diese Ikonen (eine Art zusammenfassende Abbilder) sind eine späte Form von Hieroglyphen der Altägypter und sprechen für sich und bilden zugleich eine Sprache/Aussage. Sie sind für die orthodoxen (ehemals oströmischen) Kirchen sehr wichtig und bilden eine Grundlage des „gläubigen Verständnisses“ in einer damals ziemlich bilderlosen Gesellschaft. Im Islam ist es wichtig, den Koran in der hocharabischen Version laut zu deklamieren (vorsagen), um dem Gott am nächsten zu kommen. So wie die Kirchen mit ihren Bildfenstern, nutzen wir auch am Computer „Icons“ um komplexere Befehle oder Zusammenhänge auszudrücken oder auszuführen. (Im Cruisermagazin vom April 2016 habe ich versucht, über verschiedene, für Schwule (2) wichtige Icons zu schreiben.)

Im Jahr 1993 war es für mich klar: Wir sterben an Karfreitag als Heterosexuelle, um homosexuell an Ostern aufzuerstehen! Jesus ist eine Ikone geworden, die, je nach Interpretation, sich gegen gesellschaftliche, ordnungspolitische oder religiöse Gesetze aufgelehnt hat. In zweitausend Jahren Kulturgeschichte haben wir es schon lange nicht mehr mit historischen Fakten oder Zeugnissen aus erster Hand zu tun. Es hat Jahrhunderte gedauert, bis Männerliebende selber sich äussern konnten, oder Homosexuelle in den Medien (Telearena 1978!). Jahrhunderte, bis überhaupt religiöse Texte in der Sprache von „Gläubigen“, oder Verehrungskulte (Gottesdienste/Messen) nicht mehr in Hochlatein abgehalten wurden.

Im Cruisermagazin vom März 2016 (S. 26) habe ich darauf hingewiesen, dass Homosexuelle sehr heterogene Sexualwesen sind und dabei – vor allem im sexuellen Erlebnisbereich – ganz einfach gestrickt, wenig differenziert und hier meine ich auch stark von den herrschenden und frauschenden Machtverhältnissen geprägt (> zahllose Fetische!). Da erweisen sich Bildsprache und Bilder als wirkungsvollere Informationsträger als alle hochintellelen Vorträge. In diesem Spannungsbereich bewege ich mich also als „Bildsteller“. Nun also zu meiner ersten Predigt (3).

Das Osterritual gilt als das höchste christliche Fest um Männer. Logisch dass Männerliebende das nicht ignorieren können. Da wo sich alles – auch die Frauen – um Männer dreht, werden nicht nur Gläubige davon betroffen. In unserer Gegenwart dreht sich ja alles um Frauen! Da bleibt also doch noch Raum für einen „schwulen Blick“ auf das Ritual, die Vorgänge und Deutungsmöglichkeiten (Icons). Der Freitag als Tag der Strafe für das „nicht ausschliesslich heterosexuell sein wollen“ (4). Ohne dieses gewaltsame „coming out“ in der Öffentlichkeit wäre eine Auferstehung in der christlichen Ideologie undenkbar!

Freitag – ein Tag der Selbsterkenntnis, statt des Verrats. Gleichzeitig wird Dein Normalleben zerstört . Du hängst am Kreuz der Vorurteile (und auch der heimlichen Wünsche der Normalos). Es hat aber Mitschwule/sich erbarmende Hetis, die Dich bald vom Kreuz herunter holen (weil sie sich davon anrühren lassen werden).

Eingewickelt in weisse Linnen der Zuwendung, in der (mütterlichen) Grabhöhle kommst Du dem Tag der Auferstehung näher. Plötzlich erscheinst Du Deinen Freunden wieder: Als Schwuler, als Individuum, als bunter Schmetterling (frei vom Cocon). Sie werden Deine Wunden betasten und nicht glauben wollen, dass Du schwul bist! Andere, die auf Distanz zu Dir gehen, können Dich nicht begreifen/erfassen. Du kannst sie ruhig gehen lassen. Du bist auch ein Angenommener ohne dieselben!“

Wenn ich sehe, wie viel Kraft es zu einem coming out braucht, wie finster vorher alles gesehen wird von Homosexuellen, wie fest sie sich an ihre „heterosexuelle Unschuld“ klammern, dann fühle ich Karfreitag. Der totale Anspruch an die eigenen Kräfte. Der Becher geht nicht vorbei. Ein solches coming out ist ein Reifeprozess wie eine beendete Verliebtheit oder eine lange Beziehung. Und das was viele fast wie einen „Tod“ erleben, ist erst eine Fühligkeit, die uns bei unserem Tod helfen wird. Und auch der Tod ist eine Bedingung für das, was Auferstehung genannt wird. Wir wissen genausowenig, was nach dem Tode kommt, wie wir je wussten, was nach dem coming out kommen würde, oder woher wir gekommen sind.“ (5)

Interessant auch eine Nachbemerkung von damals: „Zum Judaskuss: Dass der Akt der Befreiung/Enthüllung in einer alltäglichen, unauffälligen (und typisch orientalischen) Handlung enthalten ist, zeigt uns, dass nur die Sichtweise der Umgebung das ganze zum Drama hochstilisiert. Die Küssenden haben ja kein Problem. Judas tut es für die „Hofschranzen der Mächtigen“ (30 Silberlinge) und Jesus „tut es dem obersten Gott zu Gefallen“. (Aber haben sie es auch je für sich beide getan?) (1)

Wir Schwulen sind zwar durch Heterosexualität in diese Welt gekommen, aber uns wurde auch bestimmt, ein „neues Verhältnis“ mit den Menschen einzugehen, das diese vor uns anscheinend noch nicht kannten. Wir kennen unsere übergeordnete Bestimmung auch nicht und wehren uns verzweifelt gegen unser Anderssein. Wir werden von der übergeordneten Heterosexualität verstossen, die sich den Anschein der totalitären Absolutheit gibt. Wir sind gezwungen, unsere herkömmliche Biografie aufzugeben, oder die wirkliche Biografie zu verleugnen. Ob dieser Leistung kräht aber kein Hahn! Und gar mancher Hetero wird zum Judas eines Schwulen in dieser Gesellschaft.“ (5)

Heute ist alles ganz anders! Es gibt keinen Karfreitag mehr, coming outs werden nicht mehr gebraucht! LondonJames (Lifestyleberater und Dating-Experte) zur Öffnung der Ehe für alle: „ … heisst es in den Akten schlicht und einfach: verheiratet. Dann braucht es weder ein Coming out am Arbeitsplatz oder sonst wo. Man(n) wird nicht blossgestellt. (6)

Der oben „ikonosierte“ Akt der Individuation verkommt zum blossen Akt auf dem Standesamt! Und heraus kommt? Eine Homo-Ehe! Shereen El Feki schreibt hingegen von nordafrikanischen Männerliebenden und zitiert Hassen: „Ich kenne die tunesische Gesellschaft. Wir werden garantiert nie die Schwulenehe fordern, weil die meisten von uns den klassischen Rahmen einer Beziehung, die Ehe, ablehnen; daran denken wir nicht.“  (7)

Die jungen Männer in der orientalischen Gesellschaft wollen „nur“ ein normales Leben führen und nicht mehr diskriminiert werden. In dieser „schweigenden oder verschwiegenen“ Kultur ist ein coming out/eine Individuation gar nicht möglich. Die meisten führen eine hetero Ehe, ja müssen sie führen, falls sie genügend Geld verdienen können.

Wie wir sehen gibt es Ausnahmen, die früher politisch und heute religiös motiviert werden. Statt ans Kreuz genagelt zu werden, sprengt man sich in die Luft – für den grössten aller Männer, oder der Ikone, die die grösste Autorität auf sich versammelt…

Das Gemeinsame liegt eben im Widerspruch! In den Fussballstadien wird Männerfussball gespielt und spielen sich formal „Männerorgien“ ab. Draussen vor aber herrschen die Gesetze der Männlichkeit: Gewalt und Vergewaltigung. So, wie sie es alle in dieser Kultur gelernt haben. Wer homophobe Lieder singt im Stadion, der bestätigt auch gleich das, was er mit Liedern weit von sich weist!

Christliche Ostern, das ist für mich die Sehnsucht des Mannes nach dem Mann. In einer total heterrorisierten Gesellschaft. Es lohnt sich, darüber zu meditieren und Icons zu formulieren!

Peter Thommen_66, Schwulenaktivist, Basel

 

1)  Damals „für Schwule und Lesben“, in der 14. Ausgabe des 2. Jahrganges vom 9. April 1993. Es ging – und geht bis heute – aber nur um Schwule.

2)  Schwule sind für mich Männer, die nicht einfach nur mit anderen Männern Sex haben, oder sie lieben, sondern sich auch mal Gedanken darüber machen!

3)  Ein Text, der meist mündlich vorgetragen wird und auf einen bestimmten Zweck hin verfasst worden ist.

4)  Man/frau beachte, dass es NICHT nur um das „ausschliesslich homosexuell sein wollen“ geht!

5)  Thommens Senf, 3. Jg. Nr. 13, 1. Apr. 1994/online ThS 22.03.2008

6)  GH *1985, irgendwo im Internet

7)  El Feki, Shereen: Sex und die Zitadelle. Liebesleben in der sich wandelnden Welt, Hanser 2013, S. 340

Glaube und Wissen

Montag, Juni 9th, 2014

Pfingsten ist einer der wichtigsten Gedenktage der christlichen Religionen. Ein Tag für Glaubensbewusste. Nicht für Historiker oder Politiker.

Niemand muss glauben – aber wir sollten einiges wissen. Wir sollten vor allem zur Kenntnis nehmen, dass das Christentum niemals für 2000 Jahre vorgesehen war! Der Weltuntergang wurde bei den ersten Gläubigen als unmittelbar bevorstehend erwartet. Interessante sozio-historische Fakten habe ich bei Raphael Lenné in seinem Buch „Das Urphänomen Angst“ (1975) gefunden. Besonders das Kapitel „Frühchristentum als Angstkatalysator“ (S. 67-82) hat mich beeindruckt:

Ich kann nur am Rande bemerken, dass die Persönlichkeit nicht als Ideal betrachtet wurde. Ferner ist eine persönliche Tat meist rein negativer Art in Form eines Verzichtes; die kultischen Gebote sind ebenso zahlreich wie kleinlich. So lebt der Mensch unter der permanenten Angst vor potenziellen Übertretungen des Gesetze. Um der primitiven Angst vor einem gewaltigen, bisweilen launischen Gott zu entgehen, nimmt der Mensch komplexere, subtilere Ängste auf sich. Wir haben also eine Welt der Angst und der Busse vor uns, die auch noch mit göttlicher Ungerechtigkeit und damit verbunden mit der Aufforderung zur menschlichen Resignation überbeladen ist. (S. 70)

Dieser Anspruch Gottes auf die totale menschliche Unterwerfung und die Möglichkeit des Terrorisierens kennzeichnen ausreichend die psychische Situation des alttestamentlichen Juden. (S.71)

Den Juden winkt übrigens kein Paradies im Jenseits wie bei Christen und Moslems. Aber es gibt trotzdem einige Vorstellungen von etwas ähnlichem, die überliefert worden sind. Juden waren darauf ausgerichtet, im Diesseits von ihren guten Taten zu profitieren, oder für schlechte bestraft zu werden.

Das Urchristentum ist immer mehr weggekommen vom Weltuntergang und hat die Hoffnung auf das Reich Gottes nach und nach mit anderen Ängsten unterlegt. Paulus – der Konvertit vom Saulus – hat das ausgezeichnet theologisch begründet. Die Mormonen (Heilige der letzten Tage) und Zeugen Jehovas sind noch die letzten, die nach Weltuntergangs-Terminen in den Schriften suchen…

Ähnliches bewegt die afrikanischen Flüchtlinge, die übers Mittelmeer paddeln. Sie wissen praktisch nichts von Europa und den Verhältnissen hier, aber sie wollen weg, weil sie an irgendein Glück glauben, das sie hier finden würden. Vieles wurde ihnen erzählt, vieles haben sie von ferne gesehen…

Neuestens gibt es Leute, die an die Gitter der früheren Andachtsstätte auf der Mittleren Brücke in Basel ein Malschloss einklicken – sogar noch mit ihrem und ihres Freundes Namen darauf eingraviert. Der Schlüssel landet im Flussbett. Nun wird der Glaube ihre Beziehung steuern. Er darf nicht unterschätzt werden!

Peter Thommen_64, Schwulenaktivist, Basel

Penta – 50 – Pfingsten, 2012

Der Protest des Klerikalismus* vor sei- nem Untergang

Samstag, Dezember 28th, 2013

Worte des Schwulenpapstes vom Kleinbasel

Wir männerliebenden Männer sollten uns nicht über jeden Hirtenbrief der katholischen Kirche aufregen. Das taten wir im letzten Jahrhundert schon zur Genüge. Und das „Zentralkomitee für die Homo-Ehe“ beginnt sich auch immer mehr als Führungsriege fürs schwule Leben oder lesbische Leben einzuschätzen. Denn je mehr wir die heterosexuellen Lebensformen annehmen, desto mehr werden wir zur Zielscheibe unserer „Vorbilder“ werden! Diese haben Angst, dass wir ihn ihnen, oder sie in uns „untergehen“ werden.

Bürgerliche Homosexuelle – vor allem die Junghomos – glauben, wenn sie die heterosexuellen Vorgaben möglichst korrekt übernehmen, könnten die Kirche und die Frauen „ja nichts“ mehr gegen sie haben. Also der Fehlschluss: Wenn die äussere Form stimmt, kann jeder Inhalt „Akzeptanz“ erwarten! Deshalb ist ihre Empörung ja auch so gross. Da haben sie sich doch so grosse Mühe gegeben…

Halt! Haben wir uns nicht auch immer grosse Mühe gegeben, der Mutter und der Familie zu Gefallen und zu Diensten zu stehen? Und trotzdem waren, sind und bleiben wir immer der Kuckuck im Nest des heterosexuellen Vogelpaares! 😉

 

Weil der „Hirtenbrief“ zum 10. Dezember 2013 des Bischofs Vitus Huonder in Chur die gängigsten, aber am wenigsten diskutierten Vorurteile und Fehleinschätzungen zusammengewürfelt hat, möchte ich auf die „tiefen Unwahrheiten“ und Theorien dieses Klerikers eintreten.

Also liebe warmen Brüder und „Schwestern“! (1)

Aus Verantwortung gegenüber der vergangenen Schwulenbewegung und Neugier auf eine selbstbestimmte Zukunft, sollten wir mehr Alternativen für uns, und diese breiter diskutieren und ausprobieren! Die Schwulenbewegung hatte sich von Staat und Kirche emanzipiert. (2)

„Natürlich“ gibt es für die Kirche nur eine akzeptable Form der Sexualität. Von dieser Einstellung wird sie auch nie herunter kommen. Da ändern auch die jahrzehnte-alten HuK-Gruppen und schwulen Theologen nichts daran.

Vitus Huonder hat zwar ins Fremdwörterbuch geschaut und die Erklärung von „gender“ (3) gefunden. Allerdings hat er sich nur teilweise darin bedient, denn „auf der Ebene der öffentlichen Darstellung (bedeutet es) die soziale Geschlechtsrolle“

Wenn Kleriker öffentlich oder in der Kirche auftreten, dann haben sie heutzutage einen transvestitischen Habitus. Selber fordern sie aber geschlechtseindeutige Kleidung im Namen des Herrn. Während sich die Kleidung der Männer und Frauen früher nur wenig unterschieden haben und Männer noch bis in geschichtliche Zeiten Röcke trugen, so hält die „mater ecclesiae“ (Mutter Kirche) bis heute daran fest. Während sie also in männlichen Zusammenhängen und Ritualen auftreten, zeigen sie gleichzeitig ein weibliches Kostüm-Bild. Die Kirche muss ja auch Mutter spielen, damit die heterosexuellen Männer von ihr ideologisch „gut genährt“ werden und sie ihrerseits „begehren“.

Mir geht es darum, den Klerikern zu zeigen, dass auch sie eine Gender-Kultur betreiben!

„El Schaddaj“ ist ein uralter Name, mit dem Gott sich Abraham offenbart hatte. Er bedeutet zugleich: Gewalt und Mutterbrüste. Er weist auf matriarchale Spuren hin. Die Gläubigen benehmen sich auch folgsam, weibisch und unkritisch gegenüber dem Obermacho im Himmel. Sie „spielen“ also Frau gegenüber dem „stärksten Mann“. Das hat mit der sozialen Rolle von Männern im religiösen Bereich zu tun.

Bischof Huonder verschweigt in seinem Text auch, dass es verschiedene Schöpfungsmythen in der Bibel gibt. Während er von Bipolarität schwadroniert, finden sich in der Bibel noch ganz andere Verhältnisse und Zusammenhänge beschrieben. Lilith gilt in der jüdisch-feministischen Theologie als eine Frau, die sich nicht Gottes, sondern Adams Herrschaft entzieht und im Gegensatz zu Eva, sogar resistent gegen den Teufel ist. In einer anderen Version brachte Lilith als erste Frau Adams, Gott dazu, ihr seinen heiligen Namen zu verraten. Dass die Bibel eine Auswahl genehmer Schriften ist, wird spätestens klar, wenn wir Einblick in die jüdischen Schriften erhalten, die vom Christentum konsequent ignoriert werden.

Huonders biologischer Bipolaritäts-Appell findet spätestens da seine Grenzen, wo Eva angeblich aus der Rippe Adams gebildet wird. Wahrscheinlich war es sogar umgekehrt. Ganz zu schweigen, dass es da mit den X und Y-Chromosomen schwierig wird.

Die Zerstörung von Ehe und Familie hat nichts mit „Gender-Studies“ zu tun. Das gab es schon in altbiblischen Zeiten, in denen es unfruchtbare Frauen gab, die dann ihre Mägde oder die Sklavin für den biologischen Fortbestand einsetzten. (1. Mose 16, 3-4 – „Wort des Herrn“!) Dabei wurden zwar keine Geschlechter, sehr wohl aber die „Gebärmütter“ vertauscht. Das übersieht Bischof Huonder geflissentlich…

Der Bischof übersieht auch völlig, dass alle die künstlichen Reproduktionsformen ursprünglich für heterosexuelle Paare erfunden worden sind, die unbedingt sich biologisch fortpflanzen wollten. Dies jetzt den lesbischen und schwulen Paaren vorzuwerfen ist perfid!

Huonder fällt voll in die bürgerliche Sicht des Gleich-Begriffes. Die Bedeutung bezieht sich nicht auf das „gleich Sein“, sondern auf das „gleichwertig Sein“ des jeweils „anderen“ Mannes oder der „anderen“ Frau. Wenn denn beide gleichwertig sind, bedarf es auch keiner besonderen Belohnung für Mutterschaft und Kindererziehung mehr. Wenn der Staat für die Wirtschaft (!) die Produktion neuer Arbeitskräfte fördern und belohnen will, tut er das nicht wegen des „Mutterseins“, sondern wegen der Aufzucht solcher Arbeitskräfte. Wo ist da übrigens der finanzielle Beitrag der Kirche?

Nicht der „Genderismus“ schadet dem Manne, sondern die Macht, die er inne hat. Es ist aber folgerichtig, dass mit der Emanzipation der Frau ihre ausschliessliche Opferrolle verlorengeht und sie in entsprechenden Frauschaftsstrukturen immer mehr auch zur Täterin werden wird. Das war schon in der Bibel so.

Der Schaden für ein Kind ergibt sich nicht aus „Genderismus“, sondern aus der Machtstruktur einer Familie, besonders der unnatürlichen Kleinfamilie, die ein Produkt der Industrialisierung ist. Wir können froh sei, dass der Staat Ersatzstrukturen aufgebaut hat, in welchen Kinder aus den Fingern unfähiger Eltern herauskommen und sie mit anderen vergleichen können. Alles was er gleichgeschlechtlichen Paaren anhängen will, gibt es schon lange in den zerrütteten Verhältnissen heterosexueller Paare und Familien, oder durch wirtschaftliche oder kriegerische Verhältnisse.

Wenn sich der Klerikalismus in die Ecke gedrängt fühlt, dann beklagt er sich lauthals über die „totalitären Züge“ der Anderen. Seine eigene sieht er natürlich nicht – auch diejenigen Menschen nicht, die er seit Jahrhunderten selber bisher ausgegrenzt hat, als Ketzer, Sodomiter und Häretiker…

Wir erleben das heute aktuell am Islamismus. So wie nur ein Gott sein kann, so kann nur eine Ideologie herrschen oder frauschen – und die Glücklichen sind immer diejenigen, die grad die Oberhand haben und die meisten Gläubigen hinter sich wähnen – dank ihrem Gott.

Die weltlichen juristischen Sanktionen kennen in der Gleichwertigkeit der Menschen keine Sondergesetze für die Kirche und die Gläubigen, die selber Sondergesetze für Abweichler geschaffen hat.

Bischof Huonder vergisst auch, dass Maria den Jesus „durchs Ohr – also mit dem Wort“ vom heiligen Geist empfangen hat. Das entspricht einem Gender und gar nicht so der bischöflich verteidigten Biologie.

„Das Wort ward Fleisch“. Auch in der Abendmahlsfeier vertritt die katholische Kirche immer noch die Version, dass sich das Brot und der Wein in reales Fleisch und Blut von Jesus verwandeln würden.

Den Begriff „Genderismus“ gibt es gar nicht in der wisschenschaftlichen Diskussion. Den Begriff Klerikalismus aber in der Ideologie-Diskussion schon. Sehr schnell werden dabei auch deren Kampfmittel eingesetzt und Gender als „Ismus“ verunglimpft. Nur weil die traditionellen Ansichten um neue erweitert werden – und nicht ausgegrenzt.

Wenn es darum geht Beziehungen zwischen Kirche und Jesus zu „erklären“ greifen die Kleriker selber zum Gender („eheliche Liebe“) und zu symbolischen Vergleichen wie „Braut und Bräutigam“ bei Gott und den Gläubigen. Ich habe gelernt, das Nonnen massenweise mit Jesus „verheiratet“ werden, indem sie einen Ehering tragen und einen symbolischen Harem um Jesus bilden. Aber auch Mönche werden mit Jesus „verheiratet“, tragen einen Ehering und „der Vollzug der Ehe“(!), der soll dann symbolisch erst am Todestag erfolgen…

Letztlich, wenn Gott das Ebenbild des Menschen, also Mann und Frau, darstellen soll, ist das auch ein Gender in der Doppelgeschlechtlichkeit.

Im Kampf um die biologische Familie habe ich oben schon erwähnt, dass es da mit Ersatzmüttern und Ersatzvätern auch nicht so streng biologisch genommen wird. Oftmals werden Ersatzmütter „verwendet“ (Bei der anfangs unfruchtbaren Sarah hatte die ägyptische Magd Hagar die Fortpflanzung übernehmen müssen).

Wie oft wurde und wird der Satz von Huonder umgedreht! „dass dort, wo Gott geleugnet wird, auch die Würde des Menschen sich auflöst.“ > Indem dort, wo (noch) nicht geglaubt wird, erst gar keine Würde des Menschen anerkannt wird! AMEN

Peter Thommen_63, Schwulenaktivist und 1. Schwulenpapst des Kleinbasels

 

 

* Klerikalismus (von Klerus) bezeichnet das Bestreben, der Geistlichkeit einer Religion mehr Einfluss in einem Staat zu verschaffen (im Gegensatz zu Laizismus), oder das Bestreben, der Geistlichkeit innerhalb einer Religion im Vergleich zu den Laien mehr Gewicht zu geben. (Wikipedia)

 

1) Martin Dannecker auf einer Schwulendemo in Münster, 1972: „Brüder und Schwestern warm oder nicht, Kapitalismus bekämpfen ist unsere Pflicht!“

2) Die vergangene Schwulenbewegung der 70er bis 90er

3) Pschyrembel Wörterbuch Sexualität, de Gruyter 2003, S. 168 (gender)

 

 

Wie Magier zu Königen gemacht werden!

Freitag, Dezember 6th, 2013

„Nach den Drei Königen suchen wir in der Bibel umsonst. Es ist von „Magiern“ die Rede, die Jesus besucht haben. Das sind Sternkundige im Sinne von Astronomen und Astrologen.“ (1)

und gingen in das Haus und fanden das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe.“ (2)

Es ist seltsam, wie Pfarrer sich über Tatsachen hinwegsetzen, um der Theo-/Ideo-logie gerecht zu werden! Hürlimann geht einfach über zum Weihnachtsoratiorium von Bach und zitiert aus dessen Text: „Im Blick auf die Armut der Eltern schenkten die Könige Gold, Zur Entfernung des Gestanks aus dem Stall Weihrauch, für allfällige Wunden des Kindes Myrrhe.“ (1) Nun schreibt er völlig selbstverständlich nur noch von den Königen. So einfach ist das auf der Kanzel.

Die ersten Bibelübersetzungen in die deutsche Sprache fanden natürlich in einer Zeit von Königreichen statt, in der die Untertanen- und Obrigkeits-Ordnung völlig selbstverständ-lich war. Aber muss mann das in die heutige Zeit „herübernehmen“? Ideologisch interessant ist die historisch rückwärts korrigierende Methode, den späteren „König der Juden“ (Pilatus), schon als Kind nur von ihm ebenbürtigen anderen Königen anbeten oder huldigen zu lassen. Selbstverständlich ist das Gold der Weisen in Form von fertigen Kronen „zu Füssen von Mutter und Kind“ gelegt worden, womit sie dann ihren Lebensunterhalt bezahlen konnten? (1)

Wer hat jemals schon in der Geschichte von Königen gehört, die ohne Harem und Tross einsam durch die Wüste wandern? Sogar die Königin von Saba, die früher schon bei Salomo aufgetaucht war, kam nicht alleine…

Pfr. Christoph Hürlimann verabschiedet sich am Schluss mit dem Hinweis auf das „grosse Herz der drei Könige“, das er uns allen wünscht, um in unseren Mitmenschen Jesus zu entdecken. Bin ich denn in einer katholischen Predigt – oder was?

 

Bei dieser Gelegenheit kann ich auch mal darauf hinweisen, dass die Frauen im Königsverständnis schon immer auch eine wichtige Rolle gespielt haben, denn nur wer sie als Königstochter heiratete, konnte in den Märchen ein richtiger König werden! 😉

Es ist eine typisch hetero-pädophile Rolle, die den kleinen Mädchen die „Prinzessin“ zuschreibt. Die zukünftige Frau soll über ein Rollenbild „diszipliniert“ werden. Erst ist sie die Prinzessin für den Vater und gleicht so ihr sexuelles Defizit gegenüber ihrer Mutter in der Familie damit aus. Dann gibt es ja keine Prinzen in heterosexuellen Familien, denn die haben das ja schon, was kleine Mädchen von Geburt an nicht haben…  (Ich nenne das den „heterosexuellen Familienkomplex“)

In den letzten Jahren nun haben auch Jungs und junge Männer zu „königlichen“ Accessoires gegriffen. Ihre „aufgestellten Haare“ sollen ein „Krönchen“ darstellen. Damit wird die heterosexuelle, familiäre Hierarchie nun auch bei den Männern eingeführt. Ganz zu schweigen von der Unart, die Körperhaare – wie die Frauen – zu rasieren. Es findet also eine Verweiblichung von Söhnen unter der Krone des Vaters statt! Denn der „heterosexuelle Familienkomplex“ muss unter allen Umständen aufrecht erhalten werden! Und Frauen dürfen den Männern nicht zu „schwul“ rüberkommen! 😉

Solche Probleme hatten die Magier, die nach Bethlehem pilgerten nicht wirklich. Aber die Familie von heute versucht mit einer Art Magie ihre tieferliegenden Komplexe zu pflegen. Denn sie ist unnatürlich – weil zu klein! Das zeigt sich besonders an Weihnachten, anlässlich derer sie Schwule und Lesben zu heterosozialem Gehorsam zwingt. (Aus diesem Grunde findet seit 24 Jahren der Tuntenball am Weihnachtstag im Keller des Hirscheneck statt!)

Und natürlich soll der Glaube an alles auch erhalten werden. Keine Rede von einer Männerrunde im angeblichen Stall, die das Neugeborene besucht haben soll. Und der arme Josef, der schon seine Frau verlassen wollte, musste der Stimme Gottes den Vortritt lassen, weil der sie als heiliger Geist übers Ohr geschwängert hatte.

„als … Maria mit Joseph verlobt war,  fand es sich (!). ehe sie zusammengekommen waren, dass sie vom heiligen Geiste schwanger war. Weil indessen Joseph, ihr Mann, rechtschaffen war und sie [doch] nicht in Schande bringen wollte, gedachte er, sie heimlich zu entlassen. Doch als er dies im Sinn hatte, siehe, da erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum, der sprach: Joseph, Sohn Davids, scheue dich nicht, Maria, dein Weib, zu dir zu nehmen, denn was in ihr gezeugt ist, das ist vom heiligen Geiste. (Matth 1, 18-20, Zürcher Bibel)

Ich wünsche Euch erholsame Feiertage und dass Ihr mal über das alles nachdenkt, statt für die Sissy-Filme im Fernsehen Eure Taschentücher zu missbrauchen! 😛

Peter Thommen_63, Schwulenaktivist, Basel

 

(1) ref. Pfr. Christoph Hürlimann, im Kirchenboten vom Dezember 2013. Er zitiert in seinem Text aus dem Matthäusevangelium (Kapitel 25) und erwähnt auch hier den Titel „König“ statt „Herrn“. Er scheint eine ausgesprochene Freude am Königtum zu haben.

(2) Matth. 2.11 (Luther, 1912)

Homosexualität und Glaube

Montag, September 30th, 2013

Ich bin jetzt 63 Jahre alt und habe mich heute für die AHV-Rente ab 64 angemeldet. Das ist bei prekären Arbeitsverhältnissen auch schon ab 63 möglich.

Ich bin aufgewachsen in einer nicht frömmelnden Familie. Meine Mutter gab immer etwas an die Heilsarmee, hielt aber nichts von Tischgebeten und Kirchenbesuchen. Sie hatte in eine religiöse Familie hineingeheiratet, war aber damals von der Schwiegermutter von „Bibelstunden freigesprochen“ worden. Wir haben die wichtigen Feiertage gefeiert und sind an Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen gegangen…

Als sich mein Vater nach Scheidung und Tod meiner Mutter wieder verheiratet hatte, bin ich wirklich fast vom Stuhl gefallen, als beim Mittagessen das Tischgebet verkündet wurde…

Ich habe mich in meiner Jugend konfirmieren lassen und so ziemlich mit Religionen auseinandergesetzt – inklusive Mormonen und Zeugen Jehovas – und bin eigentlich immer etwas auf Abstand geblieben. Nach dem Motto von Karl May: Bleibe was Du bist und respektiere die anderen Religionen und Zeremonien…

Das hat sich natürlich mit meiner Homosexualität gründlich geändert! Statt zu einem alten Mann in einem Himmel zu beten, habe ich die Liebe und den Sex zum Mann entwickelt. Ich habe erkannt, dass die monotheistischen Religionen in etwa die Männerliebe/Homosexualität im Weltall „tief gefroren“ und zu einer Religion vereist haben…

Also wozu soll glauben? Ich habe gelernt an mich und meine Orientierung zu glauben und die anderen Gläubigen als „Glaubensverwandte“ zu verstehen! 😉

Ausserdem finde ich Religion ein wichtiges Kulturgut, das nicht bekämpft, sondern neu betrachtet werden sollte. Vor allem im historischen Zusammenhang.

Was Gläubige mit ihrem Glauben so erleben, kann ich nicht verstehen, denn es findet innerhalb ihres Glaubens statt. So ähnlich wie in einer Beziehungstherapie, unter Anleitung eines Therapeuten. Homosexuelle Glaubensgemeinschaften mit pietistischer Ausrichtung bereiten mir Unbehagen.

Ich habe in meinem Leben gelernt, Zufälle zu akzeptieren und nicht alles erklären zu können oder zu wollen. Es ist mir aber durchaus ein Bedürfnis, eine Religion in ihren historischen und kulturellen Zusammenhängen zu sehen und erkennen zu können.

Ich frage mich nur, wie können wir uns von alten Vorstellungen und Ritualen trennen und sinnvolle neue finden.  ZB anstelle von Gebeten und Sündenvergebungen. Was kann an Stelle von Eifern und Gehorchen treten? Wie können wir einer Gemeinschaft von Schwulen, oder mit Schwulen, Raum zur Entfaltung geben?

Wie können religiöse Glaubensvorstellungen im Zusammenhang mit realisierten Vorstellungen im Sex mit anderen Männern verarbeitet werden?

Dafür habe ich leider in hergebrachten kirchlichen und auch homosexuellen, religiös motivierten Kreisen, noch nicht viel überzeugendes gefunden. Amen.

Peter Thommen

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Das Bekenntnis an den Mann

Sonntag, Mai 19th, 2013

Wir dürfen in der heterosexuellen Presse immer wieder davon lesen, dass wir Männer uns „zur Homosexualität bekennen“ würden. Das tönt immer ein wenig nach Religion. Dabei vergessen diese Heterosexuellen, dass sie sich in ihren monotheistischen Religionen dauernd oder ausdrücklich zum Mann – nämlich ihrem Gott und seinen Propheten bekennen…

Das Bekenntnis zum Mann muss irgendwie eine Art Religion darstellen. Auch dasjenige der Frauen zum Mann. Denn die Ehe steht unter dem besonderen Schutz, vom Glauben – bis zum Staat. Zur Mutter bedarf es keines Bekenntnisses, denn sie hat ein reales Verhältnis zu ihrem Kind. Nur über den jeweiligen Vater kann spekuliert werden…

So wie das Vaterschaftsverhältnis von Jesus zu Gott über ein Bekenntnis (durch den Heiligen Geist) ‚im Ohr Marias’ hergestellt wird, so wird auch das Verhältnis von Jesus zu seinem Vater wiederum über ein öffentliches Bekenntnis zu ihm hergestellt.

Zugleich ist das Verhältnis ein „weibliches“, denn der eifersüchtige Gott usurpiert die Bekennenden und lässt keinen Platz für weitere Männer neben ihm. Es ist eine spezifisch kulturelle – eben monotheistische – Moral, denn es gibt Frauen auf unserem Planeten, die ihre Männer selber wählen und sich nicht auf einen beschränken. So wie es auch immer Männer gab, die kulturell geprägt dasselbe umgekehrt taten…

Fünfzig Tage nach Ostern (dem öffentlichen Bekenntnis der Wiedererscheinung Jesu) folgt das öffentliche Bekenntnis des Verhältnisses von Gott zu seinen Jüngern, in symbolischer Form von „Wärme“ unter ihnen, oder als „Flammen über ihnen“. (Zur Zahl 50 siehe unten, Auszug aus Wikipedia!)

Penta (Pfingsten) ist hier also eine „Bekenntniszahl“. Pfingsten ist quasi der Gründungstag der Gemeinschaft von gläubigen Männern (und im Hintergrund dieser Lehre auch Frauen).*

Sosehr usurpieren diese Bekenntnisse von Juden, Christen und Moslems zum „Idealmann“ (Alter Ego) in irgendwelchen ideologischen Wolken (Gläubige/Ungläubige), dass Bekenntnisse zu realen Männern auf Erden sogar verfolgt worden sind. Historisch betrachtet haben eigentlich nur diejenigen Männer gesellschaftliche Probleme gemacht, die sich den Frauen völlig enthalten haben. Denn wer mit Frauen konnte, oder wollte, der hatte eigentlich kein Problem mit dem Sex mit Männern – ja ist eigentlich gar nicht aufgefallen… (2. Sam. 1, 27 – David und Jonathan)

Umgekehrt haben viele Frauen sehr wohl ein Problem mit Nebenmännern ihrer Ehepartner, eher noch als mit Nebenfrauen. (Siehe oben das „weibliche Verhältnis“!) **

Ich denke nun, dass es ziemlich verbreitet ist unter Männern, dass man zwar nur eine Mutter haben kann, aber durchaus – ausser dem Gott – mehrere Männer. Auch für die Frauen spielt es weniger eine Rolle, selber mehr als einen Mann im Leben zu haben…

Es kann also darüber spekuliert werden, wie religiös, oder welche religiöse Dimension die „Homo-Ehe“ ist, oder hat! Die Gemeinschaft der Männer um Jesus bildete jedoch auch eine Art Familie, oder „Lebensgemeinschaft“. Sie wurde an Pfingsten „gesegnet“ und initiiert.

Morton Smith (1915-1991) hat in seinen Veröffentlichungen auf die magischen Rituale in ihren Kreisen hingewiesen. (>Das geheime Markusevangelium)

Jedenfalls ist die orientalische Kultur nicht so fortpflanzungsreduziert, wie sie uns vermittelt wurde und noch wird. Die Männerliebe hatte immer ihren Platz neben der „Frauenliebe“ und ist uns – nach meiner Ansicht – historisch in Form der monotheistischen Religionen überliefert worden.

Vor vielen Jahren hat man mir ein Geburtshoroskop geschenkt. Darin konnte ich lesen, dass ich „zur Bildung religiöser Gemeinschaften neige“. Nun, wenn Männergesellschaft und Männerfreundschaft eine religiöse Dimension haben, dann trifft das wohl zu! (schmunzel!)

Peter Thommen_63, Schwulenaktivist, Basel

Frühere Pfingsttexte (2010, 1997)

* Interessante Bemerkung im Lexikon der Symbole. Dort finde ich den Hinweis, dass es am Anfang auch Kreise gab, die Gott als Einheit von Vater und Mutter sehen wollten. „Dass eine solche Meinung selbst heutzutage mitunter gefährlich sein kann, zeigt der frühe Tod Johannes Paul I. kurze Zeit nachdem er behauptet hatte: „Gott ist Vater. Noch mehr ist er Mutter.“ (Bauer/Dümotz/Golowin: Lexikon der Symbole, 1987/Heyne TB 1989, S. 185)

** (Es geht um den unerfahrenen Mann) „Nun verlangt aber auch gar kein vernünftiges und heil gebliebenes Weib solch Nonsens von ihrem Manne. Im Gegenteil wird sie bei der Sicherheit ihres Liebesinstinktes sehr misstrauisch sein gegen einen Mann, von dem sie das annehmen dürfte. Sie wird einen Geschlechtsinvaliden oder einen Narren in ihm wittern und ihn sicher bald zum Hahnrei machen. Ihr Ergeiz ist nämlich, gar nicht die Erste, sondern die Letzte zu sein, die Triumphatrix seines Geschlechtslebens… Während des Mannes Geschlechtsehrgeiz umgekehrt ist, der Erste zu sein, will sie gerade auf der letzten Sprosse seiner Liebesleiter thronen.“ (Leo Berg, Das sexuelle Problem, 1901)

Zur Zahlenmagie:

50  Die erste biblische Schöpfungserzählung wird in Gen 2,3 abgeschlossen mit der Wendung ‚da diese geschaffen wurden’, hebr. behibaram, 2-5-2-200-1-40. Das sind dieselben Wort-/Zahlkomponenten wie bei Abraham, nur in anderer Reihenfolge: „Der neue Name Abraham war schon in der Struktur dieses Wortes ‚behibaram’ enthalten, womit die Schöpfung von Himmel und Erde ausgedrückt wird, und zwar schon so, wie er dann zustande kommen sollte. Erst ohne die 5, dann mit der 5, darum mit dieser kleinen He, der erst nur im Keim anwesenden He darin.“

„Der besondere Charakter dieser 5 an dieser Stelle bewirkt nun, dass diese Passage [Gen 2,3] in der Überlieferung gelesen wird als ‚mit der 5 schuf er sie’“ (die Welt). Die irdisch-materielle Welt und Zeit wird aber durch die Zahl 4 (40, 400) ausgedrückt (vgl. die 4 Mondphasen): „Die Zahl Fünf ist dann bereits von anderer Ordnung“, nämlich Zahl des Geistes und des Jenseitigen. Um die 5 hier auszudrücken, bedarf es des ‚Bundes’ als Verbindung der ‚weiblichen’ 4 (Welt, Nacht) mit der ‚männlichen’ 1 (Gott, Sonne). Daraus ergibt sich die für die Bibel zentrale Bedeutung der Zahl 5 sowie dann auch der Zahlen 50 und 500.

fünfzig = Mehr als die 49, => 7² als Zahl der 7-Tage-Schöpfung (die Arche Noah steigt bei der Flut auf 49 Ellen, die Öffnung der Dachluke = 1 Elle führt zur 50 – vgl. Gen 6,16). Josua, der Sohn des Nun (= 50), führt das Volk in das Gelobte Land der Einheit (Num 27,18.23); Jobeljahr (Jubeljahr, Gnadenjahr): Jedes fünfzigste Jahr soll die Freilassung für alle Bewohner des Landes ausgerufen werden (Lev 25,10; vgl. Lk 4,19); ähnlich das Sabbatjahr. Offenbarung der Thora mit den Zehn Geboten und der Erneuerung des Bundes am 50. Tag Schawuot nach dem Auszug aus Ägypten; an Pfingsten (= ’50. Tag‘ nach Ostern) wird der Heilige Geist auf die Gläubigen ausgegossen, Beginn der Mission der Apostel (Apg 2). Die erzählte Zeit des öffentlichen Lebens Jesu im Markusevangelium (von Mk 1,15: „die Zeit ist erfüllt“) dauert 7 Wochen mit der Auferstehung am 1. Tag der 8. Woche oder am 50. Tag.

Auffahrt und ihre Symbolik für die Männerliebe

Donnerstag, Mai 9th, 2013

Ich habe in den neunziger Jahren in meinem Szenen-Blatt jeweils zu christlichen Feiertagen „schwule Predigten“ geschrieben. Kurze Texte zur Besinnung oder Anregung.

Damit will ich zeigen, dass auch die Männerliebe in dieser „abendländischen Kultur“ eine „furchtbar morgenländische“ ist und nahe verwandt mit der „muselmanischen“.

Ich wählte jeweils sehr persönlich-psychologisches, aber auch historisch-ethnologisches Material für meine spezielle Sicht und Reflexion darauf. „Wer es fassen kann, der fasse es!“ 😉

 

Wenn der Geliebte entschwindet!

Die Zwölf im Neuen Testament waren vielleicht nicht schwul (im heutigen Sinne!), aber sie hatten eine enge Gefühlsbeziehung zueinander. Da gab es Eifersucht (Judas) und zärtliche Liebe (Johannes) zum „Meister“ Jesus.

Diese Dreizehn bildeten also eine Art Familie, die sich im wahrsten Sinne des Wortes durchs Leben schlug! Mal mit Zuwendungen von vermögenden Frauen, oder mal von begüterten Männern. Schliesslich mussten sie ja auch essen und ein Dach über dem Kopf haben – zwischendurch.

Orientalische Männer lieben Männer und gehen mit Frauen ins Bett. Das ist die traditionelle Kultur. Die „Romeo und Julia-Liebe“ (auch „religiöse“ oder romantische „Missionarsstellung“ genannt) hat sich heute aber auch in anderen Kulturen verbreitet, obwohl noch Millionen von Kindern durch ihre Eltern verheiratet oder „versprochen“ werden. Heirat macht(e) mündig – juristisch, politisch, gesellschaftlich und wirtschaftlich…

Wenn einer Gemeinschaft der Führer/Oberste/Vater/Geliebte/Gott genommen wird, sei es durch Tod, Verschwinden oder Selbstmord, kann das für Tausende von Gläubigen die Katastrophe sein. Die Geführten stürzen in eine Krise von existenziellem Ausmass. So erging es auch den Jüngern Jesu. Aber auch Eltern können „stürzen“, wenn ihnen ihre älter gewordenen Kinder „entlaufen“. Es funktioniert also auch umgekehrt!

Auch uns Schwulen geht es so, wenn wir „unseren Mann fürs Leben“ verlieren. Nicht nur durch Folgen von AIDS. Auch wenn der Mann uns aus eigenem Entschluss und freiwillig verlässt. Das Ausmass der Katastrophe, das sich in und um uns breit macht, ist das Barometer für unseren „realen Zustand“. Der Riss aus Gewohnheiten/Aufgehobenheiten aus dem „sozialen Fruchtwasser“, kann ein wesentlicher Faktor für Depressionen und Rachegedanken des Zurückgelassenen sein. Das wichtigste aber scheint mir, unsere sexuelle und emotionale Abhängigkeit von „ihm“ zu erkennen!

Wir Schwulen sind so „heterosexuell“ erzogen worden, dass es uns nur „natürlich“ erscheint, eine möglichst grosse gegenseitige „emotionale Liebe“ oder sexuelle Abhängigkeit/Treue – wie bei Mann und Frau – zu erreichen. Natürlich streben wir auch Ewigkeit an! (oder: bis dass der Tod uns scheidet!)

Jede Gegenwehr eines Partners (und sei es nur der nackte Selbsterhaltungstrieb!) erscheint in der bürgerlichen Moral als Verrat (= Judas). Die Brust/Sexualität des Meisters/Freundes soll Johannes/uns immer zur Verfügung stehen und nach einer gewissen Zeit leiten wir auch Rechte darauf ab. Erstaunlich, dass in den meisten „bürgerlichen“ Beziehungen eigentlich niemals über diese „gewissen Dinge“ geredet wurde. Jeder Partner phantasiert für sich allein – oder zieht Schlüsse aus dem Verhalten seines Freundes. Sei es der regelmässige, heftige oder häufige Fick, seien es Geschenke/gemeinsame Wohnung, oder Liebesschwüre, Treuegelöbnisse, Eifersucht, Seitensprünge, etc. Da entwickeln sich dann zwei Freunde nebeneinander her und wenn in den jeweiligen Welten durch die Realität „geputscht“ wird, folgt die grosse Ent-Täuschung.

Weil aber Illusionen sich fest in den Köpfen versteinern, das Prestige/Image einer Freundschaft einem erdrückt, oder die mögliche Häme der Gay-Community Angst macht, ist diese andere Realität fast nicht auszuhalten. Entweder kommt das grosse Eifersuchtsdrama und die Rückholungsvorstellung (eignet sich weniger für eine Weltreligion) – oder dann kommt das heroische Opferbewusstsein für eine Therapie zum Zug. Die christliche Religion hat es eher mit den Opfern, den Wunde(r)n und den Illusionen (er kommt ganz gewiss wieder zurück!).

Wie sollen wir anders handeln und denken lernen? Der ehemals Geliebte „erscheint uns“ in der Szene oder in der Stadt. Und er blockiert unsere nächsten Sexkontakte/Beziehungen.

Ist Euch schon aufgefallen, dass „verlassene“ Freunde oft die ähnlichen Symptome aufweisen wie Alkoholiker oder Drogenkonsumenten auf dem kalten Entzug? Halluzinationen, Bekehrungen, Reue, Schwüre oder meist Verwünschungen…

Es fehlt uns eine Anleitung zum „humanen“ Auseinandergehen!

Und viele Schwule verzehren sich an der Sehnsucht nach einem/dem Freund. Dabei lebten sie recht gut in der Zeit vorher – und könnten es lernen, gut zu leben in der Zeit nachher! (Senf, 7. Jg. Nr. 21, 22. Mai 1998)

 

Auffahrt – mit rosarotem Raumanzug

Auffahrt in christlicher Symbolik, so haben wir gelernt, bedeutet, dass Gott seinen Sohn heim geholt hat zu sich. Nun ist er wieder mit ihm vereint und sitzt, glaub‘ ich zu seiner Rechten. Der Heilige Geist macht noch seinen Dritten Teil dazu. Aller Guten Dinge sind drei…

Auffahren in den Himmel ist eine geistige oder ideologische Vorstellung. Wir haben gelernt, dass die Erdkugel rund ist und somit: oben auch zugleich unten und rechts zugleich links ist, je mehr wir uns von ihr entfernen und einen möglichen Standpunkt ausserhalb, ähnlich wie Gott, einnehmen. Während unsere Vorfahren noch von Wolkenpalästen und Windstuben träumten, haben wir die Mondfahrt erlebt und sehen die Erde mit den Augen von Gott, mit Hilfe von technischen Apparaten. Seit die Flugapparate zu unserem Alltag gehören, können wir uns auch das körperliche Auffahren gut vorstellen.

In der Symbolik unserer christlichen Vorfahren spielt aber die Auffahrt auch eine wichtige ideologische Rolle. Die Einteilung unserer Sphäre in gut und böse, in Himmel und Hölle, oben und unten, gibt heute noch einer „Auffahrt“ ihren ethischen Sinn: Eingehen ins Gute, ins Vollkommene, in die Ewige Ruhe, oder ins Paradies, auf die andere Seite von Alltag, Kümmernis und Qual.

Auch die männliche Vaterfigur, die uns zu sich holt, aufnimmt, akzeptiert und uns seiner Vollkommenheit anteilhaftig werden lässt, spielt eine wichtige Rolle. Rückkehr zur Ent-Schuld-ig-ung. Rückkehr in die Unschuld. Dabei spielt Jesus als Sohn Gottes eine wesentliche Rolle als ent-schuldender Schleusenmechanismus, um eine Einrichtung der Raumfahrt beizuziehen.

Wir Schwulen wissen von Kindsbeinen an, von dem Moment, wo wir uns als anders empfinden, dass wir in Schuld gestossen werden. Noch bevor jemand zu uns „du schwule Sau“ gesagt hat, ahnen wir uns als Schuldige. Stärker noch wie die Heterosexuellen, die zwar innerhalb der Norm bleiben, aber auch ihre körperliche Unschuld verlieren, verstossen wir grundsätzlicher gegen – ja gegen was denn?

Wir verstossen gegen die Norm, das allgemein Übliche, Sichtbare. In Formulierungen wie „Sodomisten, Perverse“ und solche mit der Vorsilbe „Hinter-“…  finden wir uns später wieder – unsichtbar, unausgesprochen. Und es ist klar, dass wir im abendländischen Kastensystem zu den Untersten gehören. Mehrfach wurden die Schwulen in der sozialen Wertskala noch unterhalb der Nutten angesiedelt. Dies in den Umfragen vergangener Jahre.

Da ist es geradezu lebenswichtig, aufzufahren! Wenn wir es sexuell nicht können, so denn sozial oder ökonomisch. Wir hungern gerade danach, zum Vater aufzufahren, oder des heiligen Geistes teilhaftig zu werden.

Schwule bezahlen noch mehr wie Flüchtlinge aus Sri Lanka, oder anderen Teilen der Welt, um ins gesellschaftliche Paradies zu kommen. Unser „Ausländer-Gefühl“ beginnt in der Kindheit und lange bevor wir unseren ersten Ausweis oder Pass bekommen! Die „gesellschaftliche Auffahrt“ ist neben der „sexuellen Fahrt“ das wesentliche Antriebsmoment im Leben vieler Schwulen. Doch während es bei den Heteros um den Aufstieg aufs Matterhorn geht, bleiben die Schwulen auf halbem Wege stecken: Unser möglicher Aufstieg ist erst ein Ankommen auf Meereshöhe. Und bevor wir das soziale Matterhorn erklimmen, werden wir entweder zum Schweigen übers Private gezwungen, oder mit dessen „Unaussprechlichkeit“ diszipliniert.

Unser Streben nach Auffahrt ist mit einer grundsätzlichen Entscheidung verknüpft: Fahren wir mit der Ehe und den ganzen bürgerlichen Grundsätzen in die gesellschaftlichen Höhen? Oder tragen wir einen bunten, rosaroten Raumanzug?

Während die Heten zu einer verklärten männlichen Gemeinschaft „auffahren“, haben viele Schwulen das Gefühl, bei den christlichen Männerfiguren in eine homosoziale Gemeinschaft „zurückzukehren“.

Letztlich sehnen wir uns danach, vom grossen gütigen heterosexuellen (?) Vater in die Arme genommen und so geliebt zu werden, wie „die Andern“. Ich frage mich hier ganz überrascht: Wer hat uns denn in diese heterosexuelle Hölle fallen lassen?

Drehen wir das ganze um: Die Gesellschaft ist von den homosozialen Göttern in die Heterosexalität geworfen und zum konsequenten Fortpflanzen verdammt worden. Das Christentum birgt aber noch wenige Reste homosexueller Kultur, dies ist der Grund, warum es so heftig reagiert. Diese Reste könnten wir uns wieder aneignen. Damit und mit neu entwickelten Formen schwuler Kultur (nicht Subkultur), käme unsere Gesellschaft wieder ins sexuelle Gleichgewicht. Die Auffahrt der Schwulen hätte ein Ende.

Nicht in den Höhen der Heterosexuellen liegt unsere Zukunft! Toleranz uns gegenüber heisst nicht: Abstieg in die schwule Hölle!

Die sexuelle Lebensfahrt der Schwulen geht nicht in die Wolken und nicht in die Fortpflanzung – sie führt in eine soziale Zukunft!  (SENF, 5. Jg. Nr. 20, 17. Mai 1996)

 

Auffahrt – oder der entflogene Liebhaber!

Abgesehen davon, ob die Person Jesu jemals aufgefahren ist oder nicht (1), interessiert mich das Verhältnis Jesu zu den Jüngern (die das ganze in eine „biblische“ Geschichte gekleidet haben) und die Wirkungen seines „Verschwindens“ auf sie.

Meist wird vergessen, dass die Bibel aus einer Zeit stammt, in der ganz andere gesellschaftliche Verhältnisse herr-schten, als wir sie heute bei uns kennen. Von Soziologie wusste damals niemand etwas. Obwohl aus dem Judentum mutterrechtliche Elemente überliefert sind (jüdisch wird man nur durch eine jüdische Mutter!), herr-schten damals patriarchale Strukturen vor: Eine Männergesellschaft, die Frauen in die Winkel der Gassen und die Kühle der Häuser verbannte…

So war auch die „Liebe“ eine Männerangelegenheit, die an die „Öffentlichkeit“ gelangen durfte und das öffentliche Leben, die Politik, wie auch die Familienbeziehungen regierte. Vielleicht müssen wir sie in anderen Wörtern wie: Wohlgefallen, Gehorsam, Treue, Hingabe, Besitz u.a.m. suchen gehen.

In dem Buch „Ein Leben voller Fallgruben“ von Driss Charhadi (2) wird die Existenz eines arabischen Buben anschaulich ausgebreitet. Das Leben besteht aus lauter Abhängigkeiten! Vom Vater, weil er der Ernährer ist, auch im geistigen/informativen Sinne, von der Mutter, wenn sie einen zweiten Mann heiratet, von der Familie, weil sie ökonomisch-soziale Sicherung und Geborgenheit vermitteln kann.

Da bietet die Religion eine Alternative zu den traditionellen Blutsbeziehungen und der Fortpflanzungspflicht. Hier spielt der Glaube die Ver-Bindung unter den Menschen. Die Sohnesschaft Jesu ist eigentlich keine biologische Zwangsbeziehung. Der Sohn hat in Wirklichkeit seinen Vater selbst gewählt:

„Gerechter Vater – die Welt hat dich nicht erkannt, ich aber habe dich erkannt, und diese (Menschen um Jesus, PT) haben erkannt, dass du mich gesandt hast. Und ich habe ihnen deinen Namen kundgetan und werde ihn kundtun, damit die Liebe, mit der du mich geliebt hast, in ihnen sei und ich in ihnen.“ (Abschiedsgebet Jesu. Joh. 17, 25-26)

Der Sohn (an)erkennt (s)einen Vater. Und nicht der Vater bestimmt seinen Sohn! Die fleischliche Genealogie ist ausser Kraft. (Sie wirkt auch heute auf mich „theologisch konstruiert“!) Die Liebe (der Männer) ist also die Alternative zu den familiären und ökonomischen Abhängigkeiten und Gebundenheiten gesellschaftlicher Tradition. Was war denn das für eine Liebe? Es handelt sich um die Gewöhnungsliebe, die wir als erste aus der Familienbindung erfahren. Um die Gehorsamsliebe, die wir aus den Machtstrukturen erfahren. Und es handelt sich um die ökonomische Liebe, die wir aus den ökonomischen Strukturen erfahren! (Geliebt wird, wer Besitz hat oder Arbeit vergeben und damit eine Lebensexistenz garantieren kann, die Männer von ihrer Herkunftsfamilie unabhängiger macht.)

Die ganz persönliche Liebe nannte man auch Freundschaft. Das bekannteste Beispiel des Neuen Testamentes ist der Kreis Jesu und seiner Jünger! Einer lief von seiner Arbeit davon (Petrus), andere verliessen ihre Familie, ihre Ehen, ihren ererbten Besitz!

Sie hatten absolut keine ökonomische oder soziale Grundlage zum Leben wie die nomadisierenden (Tierherden) oder ansässigen Familien (Grundbesitz) in Palästina. Sie waren eine Schicksalsgemeinschaft, die auf Gedeih‘ und Verderb einander ausgeliefert war. (Diese Ehemänner hatten also nicht so ein primäres Verhältnis zu ihren Frauen wie in der abendländischen Tradition entwickelt. Frauen waren Besitz, über den verfügt werden konnte, den man als Arbeitskraft verlieh, oder an die Verwandtschaft abgeben konnte.)

„Wer in mir bleibt und ich in ihm [wie der Schössling am Weinstock], der trägt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. Wenn jemand nicht in mir bleibt, wird er weggeworfen wie der Schössling [der keine Frucht trägt] und verdorrt, und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen.“ (Joh. 15, 5-6)

Was hielt sie zusammen? Was war ihre Stärke? Es waren alles Männer, die ihre bisherigen Grundlagen aufgegeben hatten, die so fasziniert waren, dass sie sich für eine Gefolgschaft Jesu entschieden! (Neues Gebot der Liebe:)

„Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr einander lieben sollt, wie ich euch geliebt habe, dass auch ihr einander lieben sollt. Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.“ (Joh. 13, 34-35)

Ich denke, innerhalb absoluter Machtstrukturen kann nur derjenige individuellen Erfolg und Über-Leben haben, der diese Strukturen relativiert oder entfunktionalisiert.

Soziale „Wertschöpfung“, Zuwendung, Heilung in umfassendem Sinne und Weisheit für das Volk, bringen den Lohn für bescheidenes Leben, Anerkennung und eigene Wertschätzung eines solchen Aktivisten. In einer Gesellschaft patriarchalischer Struktur bildet natürlich die „Vater“-Figur das „Medium“ zur Anwendung, Erklärung und Annahmebereitschaft einer Lebensphilosophie bei Gefolgsleuten und den „Massen“.

(Ermahnung zum Bleiben in der Liebe Jesu und in der Liebe untereinander) „Wie mich der Vater geliebt hat, habe auch ich euch geliebt. Bleibet in meiner Liebe! Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben, wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe. Dies habe ich zu euch geredet, damit meine Freude in euch sei und eure Freude vollkommen werde.

Das ist mein Gebot, dass ihr einander lieben sollt, wie ich euch geliebt habe.“ (Joh. 15, 9-12)

Wenn ich als Schwuler mir diese Männer vorstelle, wie liebevoll und zärtlich sie miteinander umgingen, ja wie sie sogar Frauen beeindruckten, sodass diese sie aus ihrem Vermögen oder aus dem ihrer Ehegatten unterstützten, dann erinnere ich mich an Eindrücke von arabischen Männern aus Erzählungen und Literatur: An ihr Treueverlangen, ihre „kindliche“ Eifersucht anderen gegenüber, an ihren Wissensdurst und ihr Bedürfnis nach einfachen Regeln, das sich nach einiger Zeit einstellt.

Wir können uns heute schlecht ausmalen, was der Tod Jesu für seine „Hinterbliebenen“ bedeutete, welches Leiden, welcher „emotionale Entzug“ und welche Selbstanstrengung ihnen abgefordert wurde. (Siehe auch die Liebe von Gilgamesch und Enkidu!) Sie standen ja ausserhalb jeder Familienbindungen. (Vielleicht wurden aber auch „ideologische Kompromisse“ eingegangen.) Jedenfalls war der Hinschied Jesu ein gefährliches Gefühls-Abenteuer! Jesus hatte zu jedem seiner Jünger eine differenzierte Beziehung/Liebe entwickelt.

(Der zukünftige Hirte und der Lieblingsjünger) „Als Petrus sich umwandte, sieht der den Jünger nachfolgen, den Jesus liebhatte, der auch beim Mahle sich an seine Brust gelehnt und gesagt hatte: Herr, wer ist es, der dich verrät? Als nun Petrus dieses sah, sagt er zu Jesus: Herr, was wird aber aus diesem? Jesus sagte zu ihm: Wenn ich will, dass er bleibt, bis ich [wieder] komme, was geht es dich an? Folge du mir nach!“  (Joh. 21, 20-22)

Sein Lieblingsjünger war Johannes. Ihn hatte es wohl am tiefsten getroffen. ( > die Offenbarungen!) Erinnern wir uns bitte aber auch an die Eifersucht Judas‘ und an den Preis der sechzig Silberlinge… In der Zeit der Wanderungen und der Gefolgschaft hatte jeder Jünger auch seine Identität als Mann/Liebender aufgebaut, mit der er den Forderungen der Welt entgegentreten konnte. In sozialer Wirklichkeit aber regierten die Gegenteile: Rache und Feindschaft im Zusammenleben. (Das Alte Testament ist voll davon!)

Gewöhnungsliebe, Gehorsamsliebe, Wohlgefallen haben an jemandem, etc.? Und wo bleibt die Sexualität? Es ist – zugegeben – schwierig, nach ihr zu suchen in einem Gesellschaftsbild, das sie verschweigt. Zumindest wird da und dort Zärtlichkeit sichtbar! Jedenfalls werden im palästinensischen Sittengemälde die „pervertierte Art von Sex“, nämlich die Gewalt – und die sexuelle Symbolik des Feuers oft beschworen!

Klar redeten Menschen in den kostbaren Büchern, soweit sie existierten, nicht von „ficken“, von Sex, von Geilheit, höchstens vom Beischlaf. Eine Art Sexualität wurde auch beschrieben mit dem Begriff: „und sie erkannten einander“ (Siehe oben, aus dem Abschiedsgebet Jesu!) Sich erkennen, meint eine Situation, in der wir unser körperlich-erotisch-sexuelles Verlangen dem andern übermitteln, oder in seinen/ihren Augen ein solches ‚erkennen‘ können. (Vor allem für die Heteros sei hier erwähnt, dass es nicht vordringlich ums genitale Penetrieren geht, sondern ums Begehren- und Besitzenwollen einer Person!)

(Autobiographisch: Traumsequenz mit meinem Vater, der mich in meiner Kindheit auch schlug: Mein Vater hebt die rechte Hand zum Schlag und blickt mich an! Ich ‚erkenne‘ körperliches Begehren in seinen Augen. Ich wache völlig verschreckt auf.)

Besitz, Abhängigkeit, Bedürftigkeit, Auflehnung, Abfallen. Das sind die Begriffe, die Spuren patriarchaler Liebe sind. Einer Liebe, die heute nicht mehr unser Ziel sein kann, aber noch immer eine grosse Rolle in unseren Sehnsüchten und Trennungserlebnissen spielt!

Wir dürfen aus den detailliert beschriebenen Genealogien (Familienstammbäumen) und den Verheiratungen in der Bibel und in der traditionell-patriarchalischen Gesellschaft rund ums Mittelmeer nicht endgültig folgern, das es keine „Männerliebe“ gegeben habe. Obwohl sie doch wichtiges Bindeglied war und ist, ist sie nur an ihren Folgen und Wirkungen an den Männern ablesbar.

Auffahrt löste einen – vielen Schwulen bekannten – Trennungsschock und Trennungsschmerz aus. Mit Verleugnung (Petrus), Ungläubigkeit (Thomas) und der (vielleicht späteren, reifen) Erkenntnis, dass „die Liebe“ des Liebenden eigentlich den Geliebten gar nicht braucht!

Nicht so braucht, wie der Liebende die Geliebte zur Fortpflanzung. Was also ist durch die Religionen und Schriften von der Männerliebe übrig geblieben? Existiert hat sie – und praktiziert wird sie – damals wie heute. Wir Schwulen sind anscheinend die einzigen, die sich dafür interessieren? Ist die traditionelle Männerliebe ein historischer Vorfahre des „Gay Pride“? Ist sie für uns heute nicht mehr ein Vorbild? Oder doch?

(Ermahnung zum Bleiben in der Liebe Jesu und in der Liebe untereinander)

„Grössere Liebe hat niemand als die, dass einer sein Leben hingibt für seine Freunde. Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch gebiete. Ich nenne euch nicht mehr Knechte, denn der Knecht weiss nicht, was sein Herr tut; euch aber habe ich Freunde genannt, denn alles, was ich von meinem Vater gehört habe, das habe ich euch kundgetan. Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und euch dazu bestimmt, dass ihr hingeht und Frucht tragt und dass eure Frucht bleibe, damit euch der Vater gebe, um was ihr ihn in meinem Namen bittet. Das gebiete ich euch, dass ihr einander lieben sollt.“ (Joh. 15, 13-17)

Es ist hier übrigens nicht von der „Frucht des Leibes“ die Rede! 😉

——

(1) In Srinagar existiert angeblich ein Grab Jesu und es gibt auf dem Weg dahin (west nach ost) viele Stationen mit biblischen Namen. Sh. Erich von Däniken u.a.! (Die Kritik an dieser Theorie ist so abenteuerlich wie sie selbst!)

(2) Am Strand von Merkala lernt Paul Bowles 1960 den damals 21- oder 22-jährigen Café-Wächter und »geborenen Erzähler« Larbi Layachi kennen. Dessen Erzählungen und Erinnerungen, die Bowles auf Tonband aufnimmt, erscheinen erstmals 1964 unter dem Pseudonym Driss ben Hamed Charhadi. Larbi wandert später in die Vereinigten Staaten aus. Ein Detroiter Literaturlexikon vermerkt 1975, dass sich in Kalifornien aufhalte, um Lesen und Schreiben zu lernen. In den USA verlieren sich seine Lebensspuren. (Informationen des Unionsverlags, Zürich)

(SENF, 4. Jg. Nr. 21, 26. Mai 1995)

Glaube und Vernunft

Mittwoch, Februar 20th, 2013

Der Mensch ist weitgehend ein „Glaubenstier“ und nur schwer zur Vernunft zu bringen. Dies zeigt die Geschichte der Zivilisationen ganz eindrücklich. Übrigens auch die Geschichte der Finanzwirtschaft und des Geldes. Nicht umsonst wurde letzteres im Rahmen von religiösen Riten, Tempeln und Führern entwickelt.

Wir sollten uns mehr darüber bewusst werden, dass wir nicht nur eine eigene und individuelle Kindheit haben. Auch die Zivilisationen und Kulturen haben eine Kindheit (gehabt). Wer nicht an ein Leben in einem stillstehenden Kreis glaubt, sollte annehmen, dass wir sowohl als Individuen, als auch als Gruppen die jeweiligen „Kindheiten“ verlassen und selbstverantwortlich werden.

Leider zeigt sich dasselbe Problem auch in der Sexualität. Hier frauscht und schwult der Glaube an irgendetwas Romantisches noch viel mehr! Nicht umsonst ist der mentale Missbrauch durch die religiöse Ideologie die Voraussetzung für sexuelle Übergriffe jeglicher Art, nicht nur bei Kindern. Und im Bereich der Sexualität ist zusätzlich der mentale Missbrauch durch die romantische Liebe (erst seit dem 18. Jh. sich verbreitendes Ideal!) die Voraussetzung für überhöhte Erwartungen an eine Zweierbeziehung.

Es gibt in der Bibel hunderte von Vorschriften über alles Mögliche, an welche heute niemand mehr glaubt. Einfach weil die Erfahrung und Vernunft anderes gelehrt haben! Im Zusammenhang von Männerbeziehungen will ich das Beispiel anführen, das immer „vergessen“ wird:

Die Liebe zwischen David und Jonathan* (1. Sam. 19.1 – 1. Sam. 14.42 – hier wird sie gegründet) Es steht nirgendwo was von sexueller Vereinigung. Aber immerhin wird diese Liebe klar abgegrenzt zur „Frauenliebe“, die sonst nie so benannt wird.

„Es ist mir Leid um dich, mein Bruder Jonathan: ich habe große Freude und Wonne an dir gehabt; deine Liebe ist mir sonderlicher gewesen, denn Frauenliebe ist.“ (2. Samuel 1.26)

Es ist historisch-kulturell eine Tatsache, dass orientalische Männer andere Männer lieben und mit Frauen Sex haben. Das eine schliesst das andere nicht aus. Und daraus erklärt sich auch, warum wir männliche Götter überliefert bekamen. Und es passt dazu, dass Frauen in diesen Religionen eine untergeordnete Rolle spielen. Daher kommt die strikte Geschlechtertrennung und deren unterschiedliche Bewertung – bis heute. In Gesellschaften mit strikter Geschlechtertrennung hat diese Liebe unter Männern am ehesten ihren Platz, weil sie nicht – wie bei uns heute – von der heterosexuellen Beziehung völlig dominiert wird!

Heute Morgen hörte ich im Deutschlandfunk interessante Interviews und Diskussionen zum Verfassungsgerichtsbeschluss über die Adoption in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften. Als besonderer Eiferer dagegen hat sich schon immer Norbert Geis (CSU) exponiert. Er beschwor die „natürliche Familie“ von Mann und Frau, die nicht vergleichbar wäre mit gleichgeschlechtlichen Elternpaaren…

Gerade anschliessend folgte ein Interview mit der FDP-Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger. Darin wurde kritisiert, dass die Hilfe für Opfer sexueller Übergriffe in der heterosexuellen Familie seit über zwei Jahren darauf warten, Entschädigung und Hilfe vom Staat zu bekommen. Verjährungsfristen sollen verlängert werden und es soll ein Fonds mit 100 Millionen €uro für Therapiekosten eingerichtet werden…

Da frage ich mich ernsthaft wie man/frau mental so gespalten sein kann, um beides nicht in einen Zusammenhang zu bringen. Heterosexualität und Glaube machen anscheinend schizophren!

Klar dürfte sein, dass Geis den Balken im eigenen Auge nicht sieht, aber dafür die Splitter bei den gleichgeschlechtlichen Partnerschaften!

Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt stille, Bruder, ich will den Splitter aus deinem Auge ziehen, und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuvor den Balken aus deinem Auge und siehe dann zu, dass du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehest! (Lukas 6.42)

Klar dürfte auch sein, warum Christoph Darbellay (CVP) dazu sagte  „Nur weil etwas existiert, heisst das noch lange nicht, dass es legalisiert werden muss.“

Wenn homosexuelle Kinder von Heterosexuellen adoptiert werden dürfen, dann sollten auch Gleichgeschlechtliche Paare heterosexuelle Kinder adoptieren dürfen. 

Ich ziehe die Vernunft dem Glauben weitgehend vor. Aber es wird weiterhin viele Leute geben, die das was sie nicht wissen (können/wollen), einfach mit dem Glauben füllen. Wie sie es als Kind gelernt haben. Und auch als Erwachsener kann man immer noch „Gottes Kind“ sein! Amen.

Peter Thommen_63, Schwulenaktivist, Basel

 

* Es gibt hier ein noch älteres Beispiel als in der Bibel!

Mein Hetero! — warum hast du mich verlassen?

Freitag, April 6th, 2012

KeineR sollte hier eine theologische Abhandlung erwarten. Aber im Rahmen von geschlechtspezifischem Verhalten unter Männern, gibt es noch viel zu entdecken. Und so wie Frauen die Welt anders sehen – und die Männer, so haben auch Schwule einen „anderen Blick“ auf die sexuell zweigeteilte Welt. Dabei geht es nicht immer nur um die gängigen Vorstellungen von „Homosexualität“, die wir in den letzten Jahrzehnten entwickeln konnten – trotz heftigem Widerstand der Mehrheit von hetero-gläubigen Frauen und Männern.

Es ist zwar allgemein bekannt, dass Frauen einen „fraulichen“ Umgang untereinander pflegen – in allen Kulturen. Wie der männliche Umgang unter Männern war und ist, muss erst hinter vielen Klischees und Geschichten hervorgeholt werden. Dabei ist zwar das sexuelle Verhältnis „überwichtig“ für die Einordnung in die hetero Sichtweise, aber für die Betrachtung von Männerbeziehungen eigentlich eher von minderem Rang. Besonders was die Penetration betrifft, die immer als die Messlatte von „richtiger Sexualität“ genommen wird.

Leider müssen wir auf ein wichtiges Element erzählerischer Technik aus vorgeschichtlicher Zeit verzichten: Wir können die geschilderten Personen und ihre Beweggründe nicht mehr befragen. Aber das konnten auch die ersten Aufschreiber talmudischer und evangelischer Geschichten schon nicht mehr, während uns deren Inhalt quasi noch immer als „Glaubenstatsachen“ serviert werden.

„Mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ (1), schrie Jesus, noch am Kreuz, bevor er das Bewusstsein aufgab. Dieser Satz wird in der Bibel auch noch andernorts zitiert oder verwendet.

Aber was sagt er einem Schwulen, der an die Männer glauben möchte und sich doch so verlassen unter den homophoben Heteros vorkommt? Für viele Jungs ist der Hetero das grosse „göttliche“ Vorbild. Je unmännlicher er sich vorkommt, desto grösser sein Glaube an die Heterosexualität. Für viele Jungs ist der Frauensex kein Problem, aber sie machen den Sex mit Männern zu einem. Andere Jungs wiederum blenden diesen Teil der Heterosexualität einfach aus.

Gewalt gegen Schwule ist immer auch Gewalt gegen Männer. Oft wird vergessen, dass immer wieder auch normale hetero Männer für schwul gehalten werden, was immer von den Fantasien und Zuschreibungen „normaler Täter“ abhängt und nicht von den von ihnen beschuldigten und verachteten Opfern…

Auch im Christentum ist die Gewalt ein göttliches Mittel, um die Ordnung der Geschlechter und ihrer Rollen zu garantieren. Abraham wurde von Gott „versucht“, indem er Gehorsam übte und seinen Sohn Isaak dafür opfern sollte. (1. Mose, 22) Das Opferfest hat bei den Moslems noch heute eine grosse Bedeutung und deswegen werden jährlich unzählige Schafe geschlachtet…

Interessant ist übrigens die Geschichte von Abrahams Knecht, der ihm einen Schwur „unter der Hüfte“ leisten musste. (1. Mose, 24) Das Ding das da unten hing oder stand (?) bekommt eine ungeheure Bedeutung für die beiden, denn es ging dabei um die Fortpflanzung der Ur-Familie nach dem Tod des Urvaters…

Nicht nur Frauen und Mütter tun alles für den Penis des Mannes und den Macker, der daran hängt. Und sie entwickeln meistens Gewaltfantasien, wenn es um (richtigen) Sex zwischen Männern geht. Wiederum aber ist Gewalt, die nicht „sexualisiert“ ist, für viele Feministinnen normal unter Jungs und Männern. Ich aber meine, dass Gewalt durch ehrliche Erotisierung zwischen Männern abgebaut werden könnte. Viele Männer können sich gar nicht näher als 15 Zentimeter kommen, ohne mit Gewalt zu reagieren. Der heutige Umgang von Jungs miteinander zeigt diese kumpelhafte Verklemmtheit mit Handschlag und Handdrehung, oder die polternde Schulterschlägerei anstelle ehrlicher Umarmung!

Peter I. Schwulenpapst vom Kleinbasel! 😉

Das hat alles nichts mit der heutigen Auffassung von Homosexualität zu tun. Das alles aber verhindert die freie Entfaltung von Homophilie und auch von Sexualität zwischen Männern. Die Schwulenbewegung hat für alle Männer gekämpft und auch darum, dass jeder Mann seine Sicht, seine Erfahrung und seine Freude an anderen Männern haben kann. Sehr zum gesellschaftlich verhohlenen Unmut der Frauen!

Ich nehme die Geschichte von Gilgamesch und Enkidu als Beispiel für den freien Umgang mit einer Männerbeziehung in vorhistorischer Zeit. Vor ca. 5500 Jahren wurde der Kampf der Zivilisation mit der Natur in eine Männergeschichte gekleidet, die als Episode innerhalb eines „heterosexuellen“ Epos, auf Tontafeln überlebt hat. So sensationell war sie. Als nämlich Gilgamesch gegen Enkidu kämpfte, „erkannten“ sie einander und verliebten sich. In der Folge nahm der Vertreter der Natur, zur rechten Seite des Vertreters der Zivilisation auf dem Thron Platz. Diese Formulierung erinnert wiederum an die Rolle von Jesus, der auch „zur Rechten“ des Vaters auf einem Thron sitzen sollte – vielleicht als Preis für die Aufgabe seiner Erdverbundenheit mittels gewaltsamem Tod? (Die Erde ist übrigens weiblich)

Mich bewegt die Tatsache der „normalen Gewalt“ zwischen Männern sowohl als Schwuler, wie auch als Mann. Denn ich lasse mich nicht einfach ausgrenzen. Weder zu den Frauen, noch zu den Kindern. Gleichzeitig erfahre ich Verdächtigungen und Schuldzuweisungen als „Gewalttäter“, der ich nun wirklich nicht zwangsläufig sein muss. Und – obwohl Christus der Halbgott oder Prophet von Zöllnern und Huren gewesen ist, meine Heteros haben mich immer verlassen, sobald sie um die erotische Dimension meiner Empfindung gewusst haben. (Natürlich von einigen Freunden mit Köpfchen mal abgesehen!)

Als ich selber in der Schule die Zielscheibe männlicher Aggressionen war, die sich vor allem auf dem Schulweg zeigte, hatte mein Vater keine heterosexuellere Empfehlung als: „Du musst Dich halt wehren“ parat. Nur: Wie konnte ich mich mit anderen Jungs prügeln, wenn ich denn lieber an ihren Schwanz gegriffen hätte?

Dies wurde bei mir kürzlich erneut aktualisiert, als sich über gaynet ein alter Schulkollege aus der Jugendzeit meldete, der den Kontakt zu mir suchte. Er habe eine Familie und zwei Kinder, aber in letzter Zeit hätten sich bei ihm so Gefühle entwickelt für Männer, für die er jetzt meine Hilfe suchte. Er ist zwar in all den Wochen seither nie wirklich bei mir aufgetaucht. Aber was zum Teufel kommt er jetzt zu mir, wo ich nie etwas mit alten Männern anfangen konnte?  Damals hätte ich wohl noch so gern mit einem Gleichaltrigen Sex gehabt. Aber damals war er eben homofeindlich und hetero. Ich fühlte mich damals auch schon verlassen!

Nun, mein Vater war zwar homophob, aber er gestand mir durchaus eine „Variante“ von Männlichkeit zu. Ich verlor sehr schnell das Bewusstsein (es übermannte mich), wenn ich geimpft wurde oder viel eigenes Blut sah. Er tröstete mich damit, dass es dem besten Metzger auch so gehen könne, wenn er sein eigenes Blut sehe…

Peter Thommen_62, Schwulenaktivist, Basel

1) „Eli, Eli lama asabthani?“ (u.a. Markus 15, 34)

Hier habe ich noch eine interessante Betrachtung gefunden (siehe weiter unten auf der verlinkten Seite 2.3). Sie bestätigt meine Vermutung, dass das heterosexuelle System (die Ordnung Gottes/Oberhetero) auf einem schlauen Diskriminierungssystem beruhen, das sich entlang des Penetrationsverbotes und der Penetrationspflicht (zur Fortpflanzung) etabliert hat. Frauen sind darin zur Passivität verurteilt und spielen die Rolle, zwischen den Männern Konkurrenz um sie zu erzeugen und aufrechtzuerhalten. Dabei sind sie über dieses – sie zwar selber diskriminierende – System indirekt an der Macht beteiligt. Woraus sich eine klare Gegensätzlichkeit zu Homosexuellen ableiten lässt, die dieses ausgeklügelte archaische Landwirtschafts-, Erb-, Macht- und Politsystem durch unerwünschte „Gefühle“ unterminieren könnten. Denn mit den Gefühlen – egal ob wahr oder vorgespielt – „politisieren“ ja bereits die Frauen – auch gegen andere Frauen!  PT

Eine der ersten, die „theologisches Verständnis“ zur Situation von Homosexuellen beitrugen war Else Kähler (1917-2011), mit einer Exegese (PDF 2 MB) zweier neutestamentlicher Stellen, in Bovet, Th: Probleme der Homophilie, Huber 1965