Archiv für die Kategorie ‘Sexualität’

“Spermiquien”

Sonntag, 01. Dezember 2013

Oder wie der Heterror das Denken von Schwulen und Homosexuellen beeinflussen kann. Heute ist wieder Welt-AIDS-Tag und die Aidshilfekampagne läuft wie immer: „ … zum zweiten behandelt diese Kampagne, die einen unvergleichlichen Erfolg aufweist, das Problem des Safer Sex und nicht die schwule Revolution.“ (Ruthmann, 1998)

Reliquien, das lernte ich kürzlich auf Deutschlandradio, sind ,verehrbare’ materielle Gegenstände, die den Gläubigen in einen meta-Zustand versetzen können. Entweder als einzelnes Glied in einer Kette von Traditionen, oder dann als greifbares metaphysisches Erlebnis, an dem teilzunehmen der Glaube oder die Pflicht besteht…

Die Hetero-Ehe partiziert insofern vom Spermiqium, als der Glaube an das genetisch „richtige“ Kind sie ideologisch überhaupt sinnvoll macht! Egal, dass Abraham seiner Sarah nicht fruchtbar beiwohnen konnte, weil sie im Schosse „trocken“ geblieben ist. Also durfte ihre Magd den Urvater in ihrerseits empfangen und ihm den ersten Sohn „schenken“. Dabei muss man/frau verstehen, dass die Magd der Ehefrau sozusagen als vollwertige Stellvertretung in Sexualangelegenheiten der Familie galt. Insofern verstehe ich weder die katholische Kirche, noch die CVP-Initiative, die heute „Familie“ auf „Mann und Ehefrau“ beschränken will. Der Ismael gilt übrigens als Stammvater der Araber…

Die jüngste zu verehrende Reliquie ist übrigens ein Tropfen Blut von Johannes Paul II. Der soll vom Privatsekretär des verstorbenen Papstes auf das Bistum Köln übergekommen sein. Er kann keine Verwandtschaft zum zukünftigen Heiligen gewähren, aber immerhin eine Verehrung für den Verstorbenen. Wie es ja auch in der Eucharistie und im Abendmahl zum Ausdruck kommt. Wir werden Teil eines mystischen Leibes, indem wir entweder das verwandelte Blut, oder einen Schluck Wein oder Traubensaft als Symbol trinken.

Soweit also Hetero-Tradition und Hetero-Ideologie. Zusammengefasst im Ausdruck „Heterror“, den K.E. Erstmals 1990 verwendet hat.

Ich kenne Sperma und seine Bedeutung für den Männersex auch aus eigener Erfahrung! Die ersten Male, bei denen ich im Twen-Alter das Unaussprechliche hinunterschlucken sollte, hätte ich mich fast übergeben. Dann war ich einige Zeit süchtig und lernte die verschiedenen Geschmäcker, wie süsslich, bitter und andere Varianten kennen. Es gibt Leute, die können bis heute nicht darauf verzichten…

Es stellt sich nun die geistreiche Frage: „Wie kann einer auf das Schlucken fremden Spermas verzichten?“

Dazu müssen wir uns an das homosexuelle coming out erinnern, das oftmals sehr mühsam, verklemmt und langwierig gewesen ist. Ebenso orientieren sich Männer, die mit Männern Sex haben (also egal wie sie längerfristig orientiert sind!) am virilen und potenten Mann, von dem sich damit etwas einzuverleiben gilt. Und nun könnt Ihr Euch selber vorstellen, was das in Bezug auf Sperma alles bedeutet!

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich mit zunehmendem Bewusstsein und vermehrter Reflexionsmöglichkeit in der Schwulenbewegung, auf das Unaussprechliche nach und nach verzichten konnte. Meine Identität hängt nicht am Sperma, nicht an einer Frau und beides kann auch meine Persönlichkeit grundsätzlich nicht verändern. (Hier ist Gelegenheit, auf ein wichtiges Buch zu diesem Thema hinzuweisen: Phil Langer: Beschädigte Identität)

Aidshilfekampagnen richten sich seit einiger Zeit strategisch und informativ auf die Heteronormativität. Nach dem coming out-Management haben sie sich nun an ein „Risikomanagement“ herangewagt, welches versucht, die Abwehrreflexe von Betroffenen elastisch aufzufangen und den Leuten zu suggerieren, sie könnten tatsächlich „managen“, also Situationen einschätzen, Chancen ausrechnen, etc. Dazu kommt ein starker Druck zum Test. Denn je früher ein Test nach der Infektion gemacht wird, desto aussichtsreicher das Leben mit HIV-AIDS und den immer „besser werdenden“ Medikamenten. „Management“ setzt keine klaren Grenzen und bleibt offen „für alle Betroffenen“.

Die zweite geistreiche Frage: „Wieso müssen Männer sich ohne Kondom anal penetrieren?“

Da schauen wir doch erstmal bei den Heteros!

Wenn der Sex sinnlich ist, ist das was frau ohne Kondom spürt viel intensiver und befriedigender… Aber nur mit dem festen Partner, wenn man genug Vertrauen hat, dass er/sie ausshalb der Beziehung auch nur geschützt verkehrt.“ (weibl, 22, bi)

Kondome beengen mich schon am Schwanz. Daher habe ich gar kein Gefühl von Freiheit damit.“ (männl. 23, bi)

Nach einem gemeinsamen Test ist es ohne Kondome viel geiler und im gegenseitigen Vertrauen das höchste der Gefühle“. (männl. 24, bi)

Also ich steh nicht drauf und werde das wahrscheinlich nie. Ich bin jetzt in einer längeren festen Beziehung und da benutze ich keine.“ (männl. 23, bi)

Die Zitate sind aktuell von 2013, nicht repräsentativ, aber dafür beispielhaft! Die höchsten Gefühle werden also nicht in der Beziehung an sich, sondern im Sex in der Beziehung erlebt. Und dieser Sex sollte möglichst „grenzenlos“ sein – auch zu zweit. Es ist also der Glaube an das alte Versprechen unserer Vorfahren, dass Sex erst in der Ehe erlaubt sei und dann das Paradies sein würde…

Während Heterosexuelle sich nur indirekt über eine Frau (die sie natürlich ficken) eine „Fassaden-Identität“ konstruieren, zeigen die soziologischen Informationen und Umfragedaten, dass diese Fassade zunehmend verwittert und zerfällt. Hohe Scheidungsraten und Enttäuschungen über das erlebte „sexuelle Paradies“ – auch nicht mit Beate-Uhse-Hilfsmitteln – ändern offensichtlich nicht die Tradition und Ideologie des Heterrors. Das traditionelle Homosexualitätsverbot ist vor allem – und war schon immer – für „Heteros“ gedacht und funktionalisiert worden – mit dieser indirekten Identität – schon in der Bibel.

Wen wundert es, dass sich auch Schwule, Homosexuelle und andere Männer unter sich, an diesen Hetero-Normen orientieren? Ich darf nochmals auf Phil Langer und seine Untersuchung hinweisen, die über die entsprechenden Beschädigungen in der Männerpsyche berichtet. Und von den verschiedensten legalen und illegalen Drogen will ich hier gar nicht referieren. Aber die Aidshilfen sollten eigentlich zur Kenntnis nehmen, dass unter solchen Bedingungen ein „Risikomanagement“ sehr schwer oder gar nicht zu „managen“ ist. Aber vielleicht ist ihnen das auch gar nicht so wichtig.

Junge Homos erleben sich vor allem unter dem Familiendruck und anschliessend auf den Parties und im Internet unter dem Konkurrenzdruck, als „männerliebend“. Ein geschützter sozial-familiärer Freiraum ist nicht mehr in Sicht. Es kann unter diesen Bedingungen keine „schwul-normale“ Identität heranwachsen, aber meistens eben nur eine Art „Heteroabklatsch“. Aber die Homo-Ehe, das risikovolle Vertrauen und die Monogamie, die nur wenige „Mönche in ihrem Glauben“ erleben dürfen, schaffen die Verhältnisse, die dann auch heterosexuelle Probleme ergeben…

Es kann auch keine Solidarität als Gruppe mehr entstehen, die eine kollektiv „abgesicherte“ Identität herauszubilden erlaubt. Jeder ist für sich selbst verantwortlich? Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied – und was dergleichen ideologischer Sprüche mehr sind.

Die Identität klebt am Glauben – an Treue, Monogamie und den supergeilen Sex, der dann nur noch mittels Drogen gesteigert werden kann. Da gab es noch Beziehungen? Die spielen doch nur als äussere Form eine Rolle. Die richtige Form verspricht die richtige Geilheit.

Ich bin jetzt über 10 Jahre im Internet und in schwulen Portalen unterwegs. Also in der parallelen Welt von Junghomos, Bisexuellen und Althomos, sowie Altbisexuellen. Da findet man die Geilheiten und Fetische, die wichtiger als alles andere sind.

2013 heisst es zum Weltaidstag: „Eine Schweiz ohne AIDS“. Auch so ein Glaubenssatz. JedeR weiss, dass das unmöglich ist – besonder mit dem bekannten „Risikomanagement“. Aber das Unmögliche war schon immer religiös inspiriert und auf die Glaubensebene geschoben. Jedenfalls wollte ich mit diesem Essay darauf hinweisen, was alles vorgegeben wird und was tot geschwiegen wird.

Denn – wie Sirko Salka in seinem neuen Buch im Untertitel schreibt: „Wieso schwules Leben harte Arbeit ist.“ Sicher nicht stundenlanges Ficken ohne Kondom – um den Mann zu spüren. Oder weil er dann schmerzt, oder gar reissen könnte…

Der Kondom sollte dagegen eine Reliquie sein, die nicht den Glauben an die Spermiquie befördert, sondern das Gehirn rein wäscht vom Heterror. Aber wie oben schon angeführt: Aidshilfen kümmern sich um – äh neustens – das Risikomanagement und eben NICHT um die schwule Revoluton. Amen.

Peter Thommen_63, Schwulenaktivist, Basel

P.S. Wer sich jetzt über meine ideologische Auseinandersetzung mit der “Aidsprävention” ärgert und gar schon an “die Tablette statt das Kondom” glaubt (!), der vergisst, dass es noch andere sexuell übertragbare Krankheiten gibt und neue geben wird!

 

Ich erinnere an Siegfried Rudolf Dunde (1953-1993) und an zwei seiner Bücher:

Vater im Himmel – seine Söhne auf Erden. Männer und Religion, roromann 8203, 1986 (als Hg.)

Wenn ich nicht lieben darf, dürfen’s andere auch nicht. Vom Umgang der Männer mit sich und anderen, roromann 8227, 1987 (als Hg.)

Zudem werden Männer nur dann frei sein, mit ihrem Körper, ihrer Lust, ihrer Begeisterung über andere spielerisch und lebendig umzugehen, wenn sie die Fülle von Liebes- und Begehrensmöglichkeiten sehen und sich über diese Fülle freuen. Vielleicht müssen sie dann anderen nicht mehr die Liebe vermiesen oder untersagen, wenn sie ihnen selber (noch) zugänglich ist…“ (S. 10)

Ihm verdanke ich erste Einsichten über die Verhältnisse, unter denen Schwule nicht normal werden können.

Gerontophilie – die Liebe zu und der Sex mit älteren Männern *

Freitag, 19. April 2013

Eigentlich sollten wir alle „gerontophil“ sein, denn es ist unser Lebensziel, älter zu werden. Aber das ist nicht gemeint. Wer gemeinsam alt wird, ist nicht in dem Sinne „gerontophil“.

Die Gerontologie ist die Lehre vom Altwerden und  die Geragogik oder Gerontogogik ist ein junges Forschungsgebiet, welches die Pädagogik und die Erwachsenenbildung um die. Bildung der Älteren erweitert.

Unsere Kultur muss lernen zu akzeptieren, dass nicht alle Menschen über 70 „Pflegefälle“ sind und werden! Zudem haben nicht wenige Männer ein Sexualleben bis zum Todestag.

Beim Recherchieren im Internet stösst man auf „furchtbare“ Sachen. Da war eine Krankenschwester in einem Frage-Blog, die sich in eine Patientin verliebt hatte und nach Pflege-Ende völlig verzweifelt war.

Ich stiess auch auf einen jungen Mann, der auf Ältere steht und entsetzt darüber war, ob er sich jetzt „so einen Pädophilen“ suchen müsse. (Hier möchte ich klarstellen, dass ein solches Verhältnis nicht gleich gegensätzlich gesehen werden kann, wie zwischen „Mann“ und „Frau“ – in dieser typisch hetero/a Denkweise! Ein Heterosexueller sucht ja auch nicht einen Homosexuellen…)

Verlieben können wir uns lebenslang und nicht nur in „alters-adäquate“ Personen. Ich habe mich als Schüler auch in zwei meiner Lehrerinnen verliebt – und bin trotzdem, aber nicht deswegen, schwul geworden! ;)

Es stimmt mich sehr nachdenklich, wenn ich im Internet Texte finde wie folgt: „So wie man Pädophilie nicht mit Kinderliebe definieren kann, so hat auch Gerontophilie nichts mit Liebe zu tun. Gerontophilie steht am häufigsten mit Sadismus, Vergewaltigung und Nekrophilie in Verbindung. Sexuelle Erregung durch Geschlechtsverkehr mit einer älteren Frau oder einem älteren Mann ist lediglich ein liederlicher Wunsch nach Bestrafung, Rache und Anerkennung. Viele an Gerontophilie leidenden Menschen haben in ihrer Kindheit seitens strenger Eltern oder Grosseltern Gewalt erfahren müssen.“

Ich meine, wer so etwas schreibt, der hat nun wirklich nicht mehr alle Tassen im Schrank! Um das auf Homosexualität zu übertragen, würde das heissen: Es werden immer wieder Männer vergewaltigt, besonders auch im Krieg – und das nennt man dann Homosexualität. KeineR kommt auf die Idee, den Ort der meisten Gewalt, also das Ehebett oder eben die Ehe pauschal als Vergewaltigung zu bezeichnen. (Aber es ist bezeichnend, dass die gesellschaftspolitisch korrekte Sexualität von jeglicher Kritik ausgenommen wird.)

In der sogenannten Fachliteratur gibt es die Liebe zum Älteren gar nicht. Entweder hat man sie mit einer Ehefrau gehabt, oder ist ledig geblieben. Es ist aber bekannt, dass sich in Altersheimen auch ältere Pensionäre noch verlieben können. Doch sind auch ältere Schwule über 70 zu mir gekommen, die sich beklagten, dass sie sich von den „älteren Damen“ belästigt fühlen und ständig zum Kaffee eingeladen würden! ;)

Die genannte sexuelle Neigung ist Thema des Buches Pyromalion (2006) von Hugo Hammerfest, in dem ein 25-jähriger Mann nur Beziehungen mit weitaus älteren männlichen Partnern haben kann.

van Sant, Geron

Demnächst im Kino!

Einen einzigen fachwissenschaftlichen Artikel zum Thema habe ich bei Arnold Kutzinski 1879-1956) gefunden. „Über Gerontophilie“, (Mschr Psychiat Neurol 1930;74:86–94, S. Karger, Berlin) Doch der ist wenig hilfreich. Kutzinski hangelt sich neurotischen Befunden entlang. Aber Krankheiten fand man immer auch bei den Homosexuellen. Und die Fachärzte sahen immer nur die „kranken Homosexuellen“ in ihrer Sprechstunde!

(Otto)„Juliusburger spricht erst dann von Gerontophilie, wenn die Beziehungen zwischen Älteren und Jüngeren über das normale Mass der Achtung und Sympathie hinaus geht.“ (Kutzinski, S. 87)

Es gibt verschiedenste Kulturen, die die Achtung und den Respekt vor den Älteren/Ältesten kultivieren, so zB in Japan, Südamerika, Asien, Arabien und Afrika…

Das wird bekanntlich unter dem „Vaterkomplex“ diskutiert. Allerdings muss ich anmerken, dass Jungs und junge Männer dann eben KEINEN Komplex haben, wenn sie ungezwungen mit älteren Männern umgehen oder sogar Sex mit ihnen haben können. Ein Komplex besteht dann, wenn dies unmöglich ist, oder zu Konflikten führt.

Es gibt aber auch Kulturen, in welchen der Vater generell unbekannt oder unwichtig ist. Z.B. in Südchina. Die Familie definiert sich über die Mütter und Tanten. Zudem gibt es die „Alternativwahl der fehlenden Familienrollen“ ausserhalb. Ein Junge findet keinen Zugang zum leiblichen Vater, oder lehnt ihn ab. Also sucht er sich jemanden ausserhalb. Das kann die familiäre Struktur stören, finde ich aber legitim. Ein Junge konnte nicht mit dem Vater über seine Homosexualität reden – also bezeichnete er mich als „schwulen Vater“.

Ich erinnere an die Paten-Funktion innerhalb der Verwandtschaft. Bei den Griechen wurde ein einflussreicher Mann als Paten gewählt, damit er bei Verlust des Vaters für das Patenkind und die Familie sorgen konnte.

„So glaubt Steckel in einzelnen Fällen die Gerontophilie in einzelnen Fällen auf das Gefühl der Minderwertigkeit zurückführen zu müssen. Diese Individuen fühlen sich den Aufgaben der Liebe nicht gewachsen. Sie müssen unbedingt ein Gefühl der Überlegenheit haben, um sexuell empfinden zu können. Sowohl beim Kinde, als auch beim Greise sei es das Moment der Schwäche, welches in ihnen das Erhebende Bewusstsein der Überlegenheit ihrer Kraft hervorruft. (Kutzinski, S. 87)

Das kommt mir aber an anderer Stelle wieder bekannt vor. Männer sind Frauen auch überlegen und können sich in Schuldgefühlen gegenüber ihrer Mutter befinden. Der Vergleich mit dem Kinde hinkt, denn Frauen spielen in unserer Sexualkultur „das Kind“ und sie locken auch „das Kind im Manne“ hervor. Sonst könnte das Spiel mit der Heterosexualität gar nicht funktionieren. Als ich erstmals in hetero Chats eingetreten bin, hat mich das total verwirrt, wie kindisch und kindlich da miteinander umgegangen wurde: „Mausi, Schatzi, Süsser, etc.“

„Endlich gibt es Formen, in denen die Gerontophilie nur eine verkleidete Form der Homosexualität darstellt. So spricht Magnus Hirschfeld davon, dass homosexuellen Männern ältere Frauen häufig sehr sympathisch sind.“ (Kutzinski, S. 87)

Ich kann mir gut vorstellen, dass es ihnen dann wie den Mädchen und Frauen („fag hags“) ergeht, die sich unter Schwulen nicht ständig sexuellen Anforderungen ausgesetzt fühlen. ;)

Im Weiteren bietet Kutzinski in seinem Artikel einen Fall und dessen Darstellung, der überhaupt nicht als repräsentativ betrachtet werden kann. Er weist dann auf Freuds Vermutungen hin, dass sich „Invertierte“ mit der Mutter zu stark identifizieren können und dann einen Sexualpartner wählen, der ihr entsprechen könnte. Das ist die Theorie des Muttersöhnchens, das mit den möglichen Sexualpartnern der Mutter sexuell verkehrt, um SIE vor „diesen“ zu schützen! Eine typisch heterosexuelle Interpretation – aus dem traditionellen Ödipuskomplex! ;)

In den 30er Jahren spielten nicht nur pathologische Betrachtungen um sexuelle Abweichungen eine Rolle. Die sogenannten konstitutionsbiologischen Gesichtspunkte wurden stärker berücksichtigt, weil sie auch besser erkennbar waren. Letzter Vertreter dieser Theorie war Willhart S. Schlegel (1912-2001). Er versuchte, Homosexualität, oder „Weiblichkeit“ anhand des Beckendurchmessers „abzulesen“…

In der neueren Fachliteratur habe ich bei Peter Fiedler, 2004 (1) den Begriff „Gerontophilie“ nur in einer Aufstellung erwähnt (S. 47) gefunden, er schreibt aber nichts weiter dazu.

Brigitte Vetter schreibt noch 2007: „Tiefenpsychologisch kann die Ursache der Gerontophilie neben der allen Perversionen, gemeinsamen Angst vor der Frau und der erwachsenen Sexualität in einer Regression (Zurückfallen), bzw. in einem Festhalten an Triebwünschen der kindlichen Entwicklungsstufen gesehen werden.“ (2)

Die Tiefenspychologie wurde von C.G. Jung und Alfred Adler weiterentwickelt. Sie steht auf der heterosexuellen Dualität von Animus und Anima. Die Diplompsychologin und psychologische Psychotherapeutin ist langjährige Fachdozentin für Pflegeberufe. Vetter referiert zwar Homosexualität als „nicht behandlungsbedürftig“ (solange es wohl unter gleichaltrigen vorkommt), aber bei der Gerontophilie hat sie offenbar nur die Heterosexualität im Blick:

„ … dass der Sexualpartner entweder durch sein Alter wehrlos oder durch Behinderung, Schlaf oder Tod, bewegungs- und reaktionsunfähig ist. Vermutlich verbirgt sich hinter diesen Präferenzstörungen die Angst vor einer ebenbürtigen Sexualität mit aktiven Partnern.“ (3) S. 269.

Mit Verlaub, Frau Vetter, inwiefern ist denn die Heterosexualität in sich „ebenbürtig“? (4) Von der Kindersexualität, über die Jugendsexualität, bis in die hetero Familie hinein wird immer nur in hetero Kombinationen gedacht und diskutiert – und auch straf-gerichtet! Gleichgeschlechtliches Zusammensein wird nicht einmal „mitgedacht“ – es fällt unter den Tisch – die Partner sind aber auf gleicher Augenhöhe zueinander!

„… altersbedingte Merkmale wie Weisshaarigkeit, greisenhafte Magerkeit, Hirnleistungsschwäche, aber auch klimakteriumsbedingte Veränderungen (können) Auslöser für das sexuelle Verlangen“ (sein). (S. 270) ) – [Im Pschyrembel© Sexualität Verweis auf Fetischismus!]

Es ist klar, dass die Fachleute/frauen immer nur in ihrem Bereich etwas von sexuellen „Präferenzen“ mitbekommen, dann wenn sie sich als Störungen manifestieren! Aber es gibt auch „harmlose“ Gerontophile mitten unter uns.

Wir sollten in der Geschichte und in der Psychologie auch generell nicht immer nur von der neueren Kleinfamilie ausgehen, die sich durch die Industrialisierung herausgebildet hat. Und auch nicht nur von der Romeo/Julia/ -Julius Beziehung zu zweit…

„Die frühesten “Familien” waren keine “heterosexuellen” Kleinfamilien, wie wir sie kennen, sondern schlossen Mutter, Schwestern, Brüder, Tanten Onkel usw. in einer losen Gruppe zusammen. Es gab keinen “Vater”, und die Beziehungen zwischen Mutter und Kind waren keineswegs so elementar, wie wir heute annehmen; Tatsache ist, dass Kinder, Mütter und Schwestern oftmals nicht wussten, wem welches Kind gehörte… Das frühe Indogermanisch verfügte über kein Wort für “Vater” und Jahrhunderte lang war es nicht bekannt, dass Geschlechtsverkehr die Ursache für Schwangerschaft ist. Während dieser Jahrhunderte war die Grossfamilie eine überlebensfähige soziale Einrichtung…” (Shere Hite: Das sexuelle Erleben des Mannes [2], 1978/1991, S. 290)

In Zentralafrika gab es Jahrzehnte lang Minenarbeiter, die weit weg von ihren Angehörigen und ihren Ehepartnern und Familie lebten. In der Zeit der Abwesenheit bildeten sich unter den Männern neue Formen des Zusammenlebens am Arbeitsort. Meistens ergaben sich gleichgeschlechtliche eheähnliche Verhältnisse zwischen Älteren und Jüngeren, mit entsprechender Rollenteilung im Haushalt.

Ich habe aber auch schon von gleichgeschlechtlichen Verhältnissen unter Frauen in Afrika gelesen, bei denen die Eine die Männerrolle übernahm, die auch sozial wie bei einem richtigen Mann anerkannt wurde. **

Die Ethnologie könnte der Psychologie und Psychoanalyse Beispiele liefern, die deren Beschränktheit auf die Kleinfamilie aufbrechen und neue Zusammenhänge eröffnen würde.

Ich referiere nun aktuell einen 30jährigen, der im Internet aktiv nach älteren Männern sucht. Die meisten von ihnen kennen das Wort Gerontophilie gar nicht! ;)

„Mit 13 habe ich gemerkt, dass ich auf ältere Lehrer stehe. Das zog sich weiter bis jetzt. Bei mir fängt ein Mann erst an interessant zu werden ab 55-70. In diesem Alter waren auch all meine Partner, und ich genieße es … Da ich nur Sex mit Älteren habe, brauchte ich mich nie umzustellen. Ich bevorzuge eh die Zärtlichkeit und nicht das Rammeln. Mir geht’s ums Küssen, Kuscheln und auch etwas um Sex, aber nur so, dass es beiden Spass macht. Ich bin nie gross von diesem Alter weggekommen. Meine Vorliebe zu Männern hat sich über die Jahre nicht verändert.“

Ein 19jähriger verriet mir, dass er mit 18 zum erstenmal in eine Gaysauna gegangen sei und dort seine Anziehung zu älteren Männern erlebt habe: „ich lasse mich einfach gern unterwerfen… Es muss nur ein Mann sein.“ Auf meine Frage, wie er’s denn mit Frauen habe: „Ich find die zwar geil, aber überzeugt war ich selbst von keiner, die ich ficken konnte oder so…“

Ein weiterer: „Bin 19 Jahre jung und unerfahren! Suche Erfahrungen mit älteren Herren zwischen 50 und 80. Suche Lehrer! Möchte dein Schüler sein! Bin gehorsam und willig!“ ***

Mann kann auch bis in die Dreissiger und Vierziger Jahre auf noch ältere Männer stehen: „Am Anfang fand ich (14) es komisch, dass mich dieser “Daddy” scharf macht. Danach, bzw. gleichzeitig fingen die Fantasien an. Hatte leider nie den Mut ihn anzusprechen… wäre zu gerne nochmals in dieser Situation… wüsste ich doch heute was zu tun ist. Naja, die Situation war für mich geil damals. ER würde sich strafbar gemacht haben, daher er auch nichts mit mir anfangen würde. Obwohl ich es mir damals gewünscht hätte.“ (29)

Das Motivationsspektrum ist also ein weites, genauso wie üblicherweise auch zwischen Mann und Frau, oder umgekehrt! In Wikipedia wird Magnus Hirschfeld erwähnt, der von einem Altersunterschied von mindestens 50 Jahren zwischen Beteiligten ausgegangen ist. Nun, damals wurden die Menschen selten so alt wie heute! ;)   Und da wir heute immer häufiger „hochbetagt“ werden, wird es die Gerontophilie auch öfter geben…

Hier könnten jetzt noch andere biografische Texte stehen. Ich würde sie gerne sammeln für einen Überblick. Es gibt nach meinen Recherchen zwei Hauptgruppen von Gerontophilen. Diejenigen, die sich mit Älteren identifizieren und deren Nähe suchen, sowie diejenigen, die nur „spielen“ wollen: Daddies, Masters, Lehrer-Schüler, etc.

Spielen können wir vieles, sogar Windelbaby. Aber diese sind hier nicht gesucht, weil es sich dann lediglich um eine Art Fetisch handelt. Beim Fetisch wird das Personale, die Person unwichtig.

Peter Thommen_63

Letzte Ergänzung am 26.4.13

thommen(at)arcados.ch

 

1) Peter Fiedler: Sexuelle Orientierung und sexuelle Abweichung, Beltz 2004 (bisher keine NA!

2) Zitat aus: Psychiatrie – ein systematisches Lehrbuch, Schattauer 2007, S. 147.

3) Brigitte Vetter: Pervers, oder? Sexualpräferenzstörungen. 100 Fragen…, Huber Bern, 2009

4) Das Wort ebenbürtig kommt aus der Zeit der unterschiedlichen sozialen „Stände“ vergangener Jahrhunderte. Es bezog sich auf die Geburt in einem bestimmten Stande, in welchem, oder nächst höherem dann auch geheiratet werden musste!

 

* Diejenige mit einer jüngeren/älteren Frau als Partnerin ist bei Heteros ein ziemlich beachtetes Thema. Die schwule/lesbische Kombination hingegen nicht.

** Die Amerikanerin Denise O. Brien von der Temple Universität fand bei mindestens 20 afrikanischen Bevölkerungen den höchst eigenartigen Brauch der Frauenehe. Dabei handelt es sich um eine sozial und wirtschaftlich begründete Einrichtung und nicht etwa um gleichgeschlechtliche Beziehungen. Vielmehr hat die Ehefrau das Recht oder sogar die Pflicht zur Wahl männlicher Partner, und als Vater der von ihr zur Welt gebrachten Kinder gilt – rechtlich wie sozial – ihr weiblicher “Ehemann”. …

O’Brien, Denise and Sharon W. Tiffany: Rethinking Women’s Role Perspectives from the Pacific, University of California Press 1984, 236 S.  (zvab.de)

*** (Gewisse Leute vermeiden das Wort „ich“ am Anfang eines Satzes! ;)

 

Die “queere Version” von Harald and Maude!

Gerontophilie bei Wikipedia

GERONTOPHILIA, ein Projekt von Bruce La Bruce

Über Dreharbeiten in Kanada

Preview aus dem gedrehten Film

Bilder aus dem Film

Was denken alte Schwule und Lesben über gaysex?

Rechtliche Probleme bei körp. oder geistiger Behinderung (BRD)

Der homosexuelle Mann im Alter (Wilfran Nicols, Kreis 1/1958)

Schwule Männer im Alter, Fachkongress 2008

Eine Schwulensauna als Rückzugsbiotop für ältere Männer

Junghomos leben in “Parallelwelten”!

Donnerstag, 14. März 2013

Viele Hetero- und Homosexuelle glauben, man könne “nur schnell ins Internet gehen”, um diese oder jene zu finden. Ausserdem bieten sich Menschen im Internet auch wie Waren an, was beim Kauf zu grossen Enttäuschungen und Missverständnissen führen kann.

Die meisten Hetero/as glauben auch, Homosexualität gehe nur “die paar Schwulen” etwas an, obwohl ihre hetero Männer mehr Homosexualität praktizieren als alle Schwulen unter sich! Dieser Eindruck hat sich bei mir nach 10 Jahren verfestigt.

Und die meisten Schwulen nehmen nicht zu Kenntnis, dass der grösste Teil der Darsteller in den Gaypornos gar nicht schwul ist. So viele Gays sind dafür gar nicht zu bekommen. Und es macht den Darstellern offensichtlich Spass… (auch schon bevor es Viagra gab!)

Es gibt Junghomos, die andere als “alte Säcke” bezeichnen und Angst haben. Wovor eigentlich? Vor deren Sexualleben? Dabei ist das Sexualleben der Alten das, was die Junghomos auch in ihrer Zukunft haben werden! Gut, es im Voraus zu wissen. Und jede Anmache kann man höflich oder doch bestimmt auch zurückweisen.

Menschen, die einem  ”nicht passen” werden im Internet einfach “blockiert”. Mit wem ein Junghomo nicht ficken kann/will, mit dem ist auch ein normales Gespräch nicht möglich. Aber zudringliche “alte Säcke” habe ich in meiner Jugend auch real “überlebt”. (Und heute gibt es auch zudringliche “junge Säcke” im Internet, die es auf Alte abgesehen haben. Dies sei auch erwähnt!)

Wenn ich vom “Internet” schreibe hier, dann denke ich an Kontaktplattformen, Foren und Chats. An den “schwulen Markt”, wie viele meinen. Und an die gay Pornos kommt mann auch kostenlos… Ich will aber auch von der Realität im Milieu und im Leben schreiben, von der viele Junghomos einfach nicht Kenntnis nehmen wollen. Dabei gefährden sie nicht nur sich selbst, sondern auch ihre Mitschwulen und dazu noch die “Boyschwulen” in der Zukunft… Doch eines nach dem andern.

Die Devise scheint zu sein: Wo keineR was sagt, wo nichts passiert, da ist ja auch keine Gefahr für die heimlich gelebte Homosexualität. Nach der Heterofamilien-Devise: Bei uns gibt es “sowas” nicht – und wir wollens auch nicht wissen. Schon in der “normalen” Gesellschaft gilt die bewusst gelebte Sexualität generell als “Anti-Kultur” und wird ins “private” Kämmerlein “zum spielen” verwiesen. Das geht ja Niemanden etwas an. Ich kann dem leider nicht zustimmen, denn ich muss in allen Medien über das Sexleben sehr vieler Heteros – ungewollt lesen und hören – ausser vielleicht auf der Börsenseite nicht!

Schon die Geschichte der Verfolgung von Homosexualität zeigt, wie öffentlich das ist und wie sehr sich Heteros dafür interessieren! Und selbstverständlich interessieren wir Schwulen uns auch für die Heterosexualität (?), denn noch selten sagt ein Schwuler zu Heten: “Interessiert mich denn das?” Umgekehrt dann schon eher!

Wir sind für die Gesellschaft nur interessant, wenn sie uns bestaunen, bestrafen oder uns diskriminieren kann. Ansonsten erwartet sie von uns eine “vorgelebte Asexualität” – von Kindsbeinen an. Früher nannten besonnene Männer sowas “Homophilie”. Interessanter-weise geht es dem verwandten Wort “Pädophilie” genau umgekehrt! Was als Begriff ohne Sexualität geschaffen wurde, wird gezielt “sexualisiert” und als Bezeichnung für sexuelle Übergriffe missbraucht. Im Strafgesetz finden sich aber ganz andere Begriffe – die keineR verwenden will. “Pädophilie” trifft gesellschaftspolitisch “besser”…

Nach gehäuften Morden an heimlichen Homosexuellen, die in den 60ern über Zeitungen an die Öffentlichkeit gelangten, kam in den 70er Jahren der Schritt von der “Homophilen-Organisation” zur Homosexuellen Arbeitsgruppe. Denn wer die Chance der damaligen Sexualstrafrechtsreform nutzen wollte, musste hart arbeiten und lobbyieren – auch öffentlich! (Schutzalter hetero: 16, homo: 20, von 1942-1992)

Auf dem Plakat, welches “homophobe Gewalt” thematisiert steht übrigens: “Was nicht gemeldet wird, ist nie geschehen. Und was nicht gemeldet wird, muss auch keineR zur Kenntnis nehmen. So einfach ist die Strategie des Heterrors.

Wenn ich darauf hinweise, dass Junghomos in Parallelwelten leben, dann meine ich auch, dass sie in einer Art “Anti-Realität” leben. Alles “Schöne, Gute, Liebe, Ehrliche und Treue” ist für sie reserviert und muss nur noch gefunden werden – im Internet. Der fiktiv Angebetete heisst “Mr.Right”. Dies hat eine religiöse Dimension – auch auf der “richtigen” Seite der Gesellschaftspolitik: Gewalt, Diskriminierung, Mobbing. Da braucht es weder Koran- noch Bibelverse dazu. Aber meistens dienen sie zur Rechtfertigung…

Aber das passiert Junghomos nicht – wenn sie nur genug “hetero-like” sind. Es heisst immer wieder auf Profilen: “Wer ficken will muss freundlich sein”. Ich sage aber, wer nicht mit Heteros “gesellschaftspolitisch ficken” will, muss freundlich sein und die eigene Anpassung perfektionieren. Aber ich kenne leider keinen Fall, bei dem sich die hetero Gesellschaft nachträglich als “dankbar” dafür erwiesen hätte…

Seltsamerweise erfahren wir aktuell nur übers Internet und schwule Medien über die Selbsttötungen schwuler Jugendlicher. Das passt nicht in die Vorstellungen von Heteros/as. Wie können Kinder schwul sein? Das können die noch gar nicht wissen, erhielt ich schon vor Jahren als Antwort auf dem Jugendamt, wo ich eine Studie über Jugendgewalt persönlich abgeholt hatte. Zurzeit ist das Thema in den USA aktuell. Nichts „wird besser“ – leider! Es nützt nichts, wenn “die Hoffnung zuletzt stirbt” – trotz ihr aber schon Dutzende sterben mussten.

Statt uns über irgendeine allgemeine Gewalt in der Gesellschaft – oder gar die von Migranten zu verbreiten, sollten wir uns erst mal über die eigene Gewaltgefährdung im Klaren werden. Wir können eben nur in theoretischen Überlegungen auf die Hilfe von Mitbürgern zählen. Denn so schnell sie uns diskriminieren können, so schnell verlässt sie der Mut, den man auch “Courage” nennt, einem Schwulen zu Hilfe zu eilen, weil jeder Hetero selber gefährdet ist, als Schwuchtel enttarnt zu werden. Ganz zu schweigen, dass Heteros auch in diesen falschen Verdacht kommen und quasi in ihrer eigenen Gewalt-Falle gefangen sind…

Dabei hat jede Art von Gewalt gegen Menschen etwas mit “Sexualität” zu tun. Nicht unbedingt mit den Genitalien, aber zumindest hat jedes Opfer ein Geschlecht und wird deswegen, oder gar damit geschädigt. Es gibt nicht nur “sexuelle Gewalt” (auch gegen Männer!), vielmehr gibt es auch “sexuell motivierte” Gewalt – auch ohne Einbezug von Genitalien (Penis wie Vagina!). Und weil die Genitalien da meist nicht direkt eingesetzt werden, wird das auch nur selten erkannt und benannt. Zudem ist es für Heteros/as “normal”, wenn sich Männer oder Jungs prügeln – aber nicht, wenn sie sich wixen oder küssen!

Ich bin bei einem wichtigen Punkt angelangt, der den Schlüssel zu vielen Problemen von Junghomos und Klemmschwestern bietet. Jeder Heimlichtuer wird gestresst dafür, dass er sich dauernd anpassen darf. Aber jeder gefährdet da auch andere Schwule mit. Dadurch, dass sich die einseitige öffentliche Wahrnehmung nur von Tunten und Schwuchteln für viele verstärkt – selbst auch für Homosexuelle. Daraus folgt die Homophobie, von vielen Schwulen sogar selber “verinnerlicht”. Die Gesellschaft kann durch angepasste Klemmschwestern niemals erfahren, wie viele Männer anderen Männern für Sex nachrennen und dass das alles mit Weiblichkeit sehr wenig zu tun hat.

Zudem fehlt damit den Junghomos auch ein “normales” Homo-Bild, mit dem sie sich, wie die Heteros, auch identifizieren könnten. Schwulsein bedeutet nicht, “so werden zu müssen” wie die, “die man eh schon sieht”. Schwulsein bietet auch eigene Entwürfe, auch ohne “hetero-like“-ness! Die ganze Vielfalt an schwulen Männern muss öffentlich sichtbar werden. Dann lernen vielleicht auch die Klemmschwestern, diese Vielfalt selbst zu akzeptieren. Denn nur derjenige, der weiss wer er selber ist, muss keine Angst haben, “so wie jener” zu werden. (P. Thommen)

Die Homosexuellen Arbeitsgruppen und die Schwulenbewegung insgesamt hat übrigens nicht nur gekämpft für die Homosexualität als Orientierung, sie hat auch gearbeitet dafür, dass alle Anderen auch mal schwul sein dürfen, oder auch nur Homosex praktizieren – ohne dafür bestraft zu werden. Die Dummis habens nur noch nicht gemerkt. Und wir Schwulen sind dann der Blitzableiter für ihre Gewissensbisse.

Und genau da drin sind auch Junghomos und Klemmschwestern verstrickt. Da ist auch der “heterosexuelle” Damm aufgebaut, gegen “das Aussterben der Menschheit” und gegen den “homosexuellen Missbrauch von Kindern”, wobei damit meistens Knaben gemeint sind, denn Mädchen und Frauen haben ja nix, womit sie einander oder die Männer missbrauchen könnten (?). (Drum blieben die homosexuellen Aktivitäten von Frauen weitgehend straffrei in vielen Kulturen.)

Und nach der heterosexuellen Logik sind “schwule” Kinder eh von homosexuellen Männern missbraucht worden und werden dann wiederum zu Tätern an anderen Kindern. Aber bei dieser feministischen, männer-zentrierten Missbrauchsideologie vergessen alle, dass wenigstens bei den hetero Männern, vorher sehr viele Frauen am Werk gewesen sein müssten. (Über einige davon gibt es auch Literatur, die man aber suchen muss.)

Wenn ich aus heterosexueller Sicht davon ausgehe, dass Frauen den Knaben nur die “richtige Sexualität” zeigen würden – und darauf lassen viele Leserbriefe auf entsprechende Meldungen in der Presse schliessen, warum fragt dann niemand, was Frauen den homosexuellen Knaben anzutun imstande sind? Der heterosexuelle Familienkomplex wird nie hinterfragt. So wie Mütter über die sexuelle Orientierung der meisten schwulen Söhne einfach hinwegsehen, in der Hoffnung, “das vergehe” schon wieder.

Da wurde über Tiziano Ferros coming out berichtet. Die liebende Mutter wurde erwähnt, die “endlich froh” gewesen wäre, “ihn nicht mehr leiden sehen zu müssen”. Bei sowas krieg ich die Wut in den Hals! Warum hat denn die “liebende Mutter” nur zugesehen und ist nicht wie eine sprichwörtliche Wölfin mit ihrem Sohn den notwendigen Weg “hinaus” gegangen? Ach, er hat halt für seine Mutter gelitten? Einen grösseren Schwachsinn kann ich mir gar nicht mehr vorstellen!

Ich habe nun versucht, die wichtigsten Zusammenhänge aufzuzeigen, die ich verantwortlich dafür mache, dass nachrückende Generationen von Schwulen – also die Junghomos – den öffentlichen Raum immer weniger selbstbewusst und solidarisch betreten und in ihm leben – als Schwule verschiedenster Ausprägung, ja auch als Tunten – oder von mir aus auch als “Queers”. Es ist üblich geworden, der Schwulendiskussion auszuweichen, indem das Wort Queer verwendet wird. oder Abkürzungs-Monster wie LGBT*Q… Das ist cooler. Aber wem nützt das?

Den fast ausschliesslich “sichtbaren” Tunten nicht. Und auch den unsichtbaren Klemmschwestern nicht. Dieser öffentliche Raum und die offenen/öffentlichen Diskussionen mit den Heteros müssen wieder erobert und belebt werden. Das geht über die nächsten Verwandten und Bekannten hinaus, die “eh schon tolerant” sind. Denn sonst hinterlassen diese “stummen” Räume Gewaltbetroffene oder sogar Tote! Jeder ist zuviel!

Der Überfall mit Baseballschlägern vom 5. Januar 2012 am Stachelrain/Solitude ist von der Polizei auch nicht als Gewalt gegen einen Schwulen kommuniziert worden, obwohl ihr bekannt sein muss, dass dort ein Schwulentreffpunkt ist. Hätte aber ein einzelner Jugendlicher da einen Schwulen zum wixen getroffen, wäre das Urteil sehr leicht gefallen…

Wir sollten auch zur Kenntnis nehmen, dass in allen „Räumen“ – und besonders in „immer mehr Frauenräumen“, wie das am Frauentag 2013 verlangt worden ist, kein Platz für Homosexualität – schon gar nicht von heterosexuellen Männern ist! (Man lese das bitte zweimal laut!)

Es gibt nachgerade EINE öffentliche Schwulenbar in Basel – und erst noch in einem hetero Puff. Die Parties finden in hetero Locations statt und diese Stadt hat schon sehr lange keine Schwulendemo mehr gesehen. Ganz zu schweigen von Schwulen, die an öffentlichen Diskussionen teilnehmen würden. Gut. Die öffentlichen Sex-Diskussionen drehen sich auch meist um den “Missbrauch” von Kindern. Und da fühlen sich – trotz den erwähnten Selbsttötungen – natürlich Junghomos und Klemmschwestern nicht davon betroffen.

Ich fürchte darum, dass irgendwann irgendwelche Klemm-Heteros vor dem L39 auftauchen werden – trotz dem Bordell im übrigen Haus. Dass sie vor den Clubs auf schwule Partygäste warten werden…

1985 fand ich in einer italienischen Modezeitschrift diese beiden…

Dies alles, weil Schwule immer mehr abtauchen und aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwinden – oder nur noch als”herzige Pärchen” in einträchtiger, äh eingetragener Partnerschaft, in Erinnerung bleiben. Wollen wir das?

Peter Thommen_63, Schwulenaktivist, Basel  (thommen(at)arcados.com)

Kommentare sind willkommen und werden auch anonym publiziert!

Thommen: Der ewige Abgesang auf die Szene, (dazu siehe auch Henschel, über Veränderungen in der Szene)

Thommen, schwules Leben in der  Stadt, 1977-97

Rückblick auf die Szenen-Entwicklungen des letzten Jahrhunderts: Verpass keine Party!

Gästebuch Th’Senf

der “schwulentest” zum neuen jahr

Montag, 31. Dezember 2012

Nein, ich will nicht mit Fragen Eure Zeit verbrauchen! Ich habe hier einige interessante Reaktionen auf Testresultate gesammelt. Der eine oder andere wird sich darin wiederfinden!

50 %  was mache ich mit dem Rest von mir? will ihn jemand haben?

40% ! Aber immerhin: Ein bisschen Bi schadet nie!

ich habs schon länger geahnt, ich bin 95% schwul! also nicht mehr wirklich bi….

Überraschende 60%  -  Hehe, 60% gar nicht so abwegig :-)

huch 100 % – das dachte ich jetzt nicht  ;)

Huch – 90%! Wenn das meine Frau sieht *lach*

Ich bin auf  75 % gekommen. Trifft genau den Kern für mich als Hetero mit Neigung zum eigenen Geschlecht!

Hi – also ich bin 60%, aber wenn ich einen Schwanz im Mund habe kommt es mir doch deutlich mehr vor????!!!!

Bei mir lautete das Ergebnis 30 %. Kann aber nicht stimmen. Fühle mich 100 % schwul – und das schon sehr lange.

Sind doch 70% geworden ;)

also ich habe 45 % und bin schwul, jedoch lebe ich ganz normal, bin keine Tunte und nichts. Ich denke daher “nur so wenig?“, auch wenn ich schwul bin. Der Test passt halt eher zur rosaroten Tucke :- p

hi – bei mir sind es 25%…………na ja…..

Gratuliere, ist ja echt toll, du und ich in einem Zimmer mit/in nur einem Bett, wow das ergibt 100% Schwulität! Frag jetzt aber ja nicht, mit welchem Ergebnis ich aus dem Test kam!

Ich soll nur 20% sein. Aber wenn ich einen Schwanz lutsche, den aber zu 100%

Nach dem Test 55%. Was dann der Rest? Homo-asexuell wohl

Bin enttäuscht, nur 75%

40 % aber bei bi ist das kein Problem

Ich habe Glück gehabt 60%

Nach 2,5 Monaten den nächsten Versuch gemacht. Es bleibt bei 40 %.

Ich hab’s mir doch gedacht, der Test ergab 95% ! Geil….

Hab den Test noch mal gemacht, komme jetzt auf 90%! Also doch langsam eher schwul als bi?

70 %, schau schau

Ich bin gerade mal auf 55 % gekommen und das obwohl ich stockschwul bin!

Toll, 50%! Und jetz? :-D

85% – Oh… – ich hätte eher gedacht so um die 70%…

bei mir kamen 40 % raus als bi Typ perfekt

10%… bin ich krank?? :-)

60%… so habe ich’s erwartet.. :)

70 % und das ist gut so

85%  Bin Hetero ohne Berührungsängste zu Männern  (Masseur)

wie nicht anders erwartet: 100 %

Haha!  100% und das, obwohl ich bi bin.

funny test! Habt ihr mehr davon?

habs nur auf 25% gebracht, na ja reicht ja auch.

40 %. Bin aber in Wirklichkeit zu 95 % schwul. Man sieht halt, wie unsinnig Klischees sind.

Liege bei 85% mann, war mir gar nicht bewusst ;-) Ist aber schon etwas neurologisch auffällig der test

bei mir sind es 50% also passt es ganz gut, denn ein bisschen Bi schadet ja nie

So ein “Schwulentest” ist das letzte, was mann sich antun kann, im doppelten Wortsinne! Es tun ja hier oft Männer so, als ob das alles keine Bedeutung hätte und jeder so tun könne, wie ihm beliebt, aber einigen scheint die Versicherung der eigenen Einschätzung doch wichtig zu sein! Wer sich ernsthaft mit dem Thema befasst, der sollte sich klar sein, dass homosexuelle Lust, sexuelle Orientierung und Lebensweise nicht miteinander übereinstimmen müssen!

Diese Widersprüche zeigen sich vor allem an den Kommentaren. Weder können Männer und Frauen so locker mit ihren Sexualbedürfnissen umgehen, wie Schwule unter sich, ich meine jetzt diejenigen Homosexuellen, die nicht immer nur mit dem Schwanz oder dem Arsch dabei sind, noch können Männer aus einer/m heterosexuell bestimmten Welt oder Leben so locker mit Männerkontakten umgehen wie ein Masseur (85 % hetero), der aus beruflichen Gründen wohl seine Homophobie verloren hat.

Zwar sind nicht mehr alle Homosexuellen und Schwulen in einem Ghetto eingesperrt, aber die Homosexualität an sich ist für viele Männer ein Ghetto, oder ist eben für Heteros/as so bedrohlich, dass sie hartnäckig ghettoisiert wird und nicht an jeder Ecke zu finden ist, wie die Kleidershops für Frauen…

Ein italienischer (die haben’s erfunden!) Schwuler schrieb dazu einmal sinngemäss: Wer ist denn im Ghetto? Homosexuelle (ich meine jetzt diejenigen, die nicht “auf Frau machen”) können sich ziemlich locker bei den Heterosexuellen und mit Frauen zusammen bewegen, ohne dass sie dafür diskriminiert werden.

Heteros hingegen können sich nicht so einfach in das Ghetto hinein begeben, das sie selbst dauernd verursachen (!), ohne “in irgendeinen Verdacht” zu kommen. Und die meisten Heteros/as kapieren gar nicht, dass sie selbst letztlich die Ursache von dem allem sind. Es gibt allerdings immer wieder “Normale”, die sich darüber wundern, wie leicht und angenehm man sich in dem vorher gefürchteten Ghetto bewegen kann, wenn man alle die heterosexuellen Ängste vergisst. Und sehr viele homosexuelle Männer erleben das sogar auch so…

Giovanni dall’Orto, so heisst dieser schlaue Mann und am Schluss seiner Überlegungen steht die sehr wichtige Frage: “Wer ist denn hier in einem Ghetto?” Derjenige, der immer wieder raus und rein kann, oder derjenige, der sich nicht wagt, seines zu verlassen? Unter anderem bildet das Internet für diese Angsthasen eben oft das einzige Türchen, durch das sie schlüpfen können! ;)

Im Weiteren hatte das jüdische Ghetto (das in Italien ausgeprägt war) immer zwei Schlüssel für die Tore bereit. Einmal um die Christen auszuschliessen und einmal für die Christen, um die Juden einzuschliessen, oder eben auszuschliessen aus dem eigenen christlichen, das nicht als Ghetto begriffen wurde.

Und wer mir folgen kann, wird den Satz “Ein bisschen bi schadet nie” vielleicht mit anderen Augen lesen. Denn in dem Wort bi ist sowohl das Ghetto der Heterosexuellen angedeutet, aber auch das Wort homosexuell, aber unsichtbar, eingeschlossen. Logischerweise sollte es heissen: Ein bisschen gay macht fray – oder so ähnlich! ;)

Dieser bi-Satz ist so typisch “schwul”, dass er mir wie eine Pirouette im Ballett, oder ein gedrechselter Handgriff an der Kellertreppe vorkommt, mit dem mann sich dem Fallbeil der Diskriminierung zu entwinden sucht. Ziemlich stümperhaft, wie ich finde und eines “richtigen” Mannes unwürdig, der sich grossmäulig sonst so seine Freiheiten bei Frauen nimmt…

Ich möchte diejenigen trösten, die von ihren Prozentzahlen enttäuscht waren: Egal welche Zahl sich ergibt, Homosexualität steht allen Männern zu und nicht wenige Schwule pflanzen sich mit Frauen fort…

Peter Thommen_62, Schwulenaktivist, Basel

2 doctors 78

Mütter sind be-rechnend, USA 1978

P.S. Ein witziger Text über das Schwulsein in der Familie

“schwule Prostitution” ?

Dienstag, 20. November 2012

Das Buch „Männer kaufen“ von Oliver Demont zieht durch die bürgerliche Presse, die sich genüsslich oder moralisierend daran delektiert. Wobei tunlichst verschwiegen wird, was die Prostitution unter Männern – die mit „homosexuell“ bezeichnet werden muss – in der Gesellschaft des Heterrors für eine Funktion hat. Mit der Bezeichnung „schwule Prostitution“ wird nämlich so vieles ausgeklammert, was diese Form der Prostitution aber beinhaltet.

Susann Sitzler, die sich schon mit dem Buch „Motherfucker“, von Dawson befasst hat, versuchte, sich auch diesem Thema anzunähern (Basler Zeitung vom 18. November 2012). Ich wundere mich immer wieder, wie wagemutig Frauen sich mit der männlichen Homosexualität befassen – das gilt vor allem für Vorträge und „Selbstvertiefungs-Arbeiten“ an Schulen.

Es frauscht das Vorurteil, dass Frauen Homosexuellen gegenüber „toleranter“ seien, als die Männer. Wenn ich aber bedenke, dass viel mehr Homosexualität unter Männern praktiziert wird als unter Schwulen überhaupt, dann wundert mich das nicht mehr – mit den Männern. Mich wundert auch nicht, dass die Toleranz der Frauen da plötzlich aufhört, wo es um ihre Ehemänner oder Söhne geht…

Bemerkenswert ist die Tatsache, dass bürgerliche Männer gerne totschweigen, was sie hintenherum so treiben und dass bürgerliche Frauen auch gerne totschweigen, wenn sie Männer heiraten, die homosexuelle Bedürfnisse haben – verharmlosend als „Neigungen“ apostrophiert, oder Söhne besitzen (!) die den Männern nachschauen, egal ob Kind oder Jugendlicher.

Während in der Heterosexualität die Täter-Opferinnen-Symmetrie schnell klar „auszumachen“ ist, wird das „unter Tätern allein“ schon etwas schwieriger. Die schweizer Justiz hat das Problem 1942 „elegant zu lösen versucht“: Mit einem höheren Schutzalter bei der Homosexualität der Männer (bis 20 statt nur bis 16 wie bei den Heteros/as). Von Frauen als Täterinnen unter Frauen war keine Rede. Das war unvorstellbar. Die gleiche Lösung liegt auch jetzt wieder Frau Sommaruga vor: Für Prostitution soll das „Schutzalter“ generell wieder bis 18 Jahre gelten – und bestraft werden sollen nur Männer…  (Was damals wie heute gegen die Verfassung verstösst/verstossen würde!)

Ich erinnere mich gerade an Henriette Kuhrts Interview mit Roy F. Baumeister (Zitat): „Männer gehen mehr Risiken ein als Frauen“ (NZZaS, 18. November 2012, S. 77) und über das Weinen: „Tränen sind in einer engen Beziehung sehr hilfreich, aber in der Öffentlichkeit sind sie ein Problem. Politiker, die öffentlich weinen, beschädigen ihre Karriere.“

Kuhrt verschweigt aber geflissentlich, dass es viele Frauen gibt, die sich keine solchen Tränen-Männer wünschen! Erstens sind die Tränen für die Mutter vorbehalten und nicht auch gegenüber den Vätern erwünscht. Und zweitens muss es für die intime Beziehung mindestens eine andere Technik der Macht und Beeinflussung geben, als für die öffentliche Politik. Ob Frauen öffentlich auch weinen würden, stelle ich mal dahin. Jedenfalls wäre die Wirkung eine völlig andere als bei Männern…

Zu meiner Verärgerung besteht heute eine Tendenz, „politisch korrekt“ antibürgerliche und subversive Verhaltensweisen, oder sogar Sexualbedürfnisse „zurechtzurücken“ bis sie „passen“ – nach dem Motto: Wir sind doch alle nur Menschen – statt ehrlich bemüht Widersprüche offenzulegen wie das die Schwulenbewegung vor 40 Jahren noch überzeugend getan hat.

Leider dürfen wir weder von Henriette Kuhrt, noch von Susann Sitzler erwarten, dass sie einen Blick durch die rosa Brille werfen. Eher sind wir Männer angehalten, auch mal den Standpunkt der Frauen einzunehmen, egal ob wir schwul oder hetero, oder beides zusammen sind. Aber ich schwöre, es gibt eher eine „eheliche Prostitution“ als eine „schwule“…

Peter Thommen_62, Schwulenaktivist, Basel

P.S. siehe auch Claudius Babst: Sexualität im Leben… (in Medien), NZ 1983 – als Anregung zum Thema!

P.S. vom 26.11.2012: Der Passus über die 2. Runde Regierungsratswahlen in Basel wurde entfernt.

P.S. Zum Buch von Demont:  Ich habe heute darin gelesen, aber nichts neues erfahren, was nicht schon in vergangenen Jahren und auch aus anderen Teilen der Welt geschildert wurde. Neu sind die einfachere Reisemöglichkeit in andere Länder und die zentralen Kommunikations-möglichkeiten der neuen Elektronik.

Man kann das Buch kaufen wegen der Fotos von Walter Pfeiffer. Man kann das Buch kaufen wegen der grafischen Gestaltung. Wegen des textlichen Inhalts muss keineR dieses Buch kaufen…

Ich bin immer wieder beeindruckt, wie selbstverständlich die darin geschilderten Verhältnisse der jungen Männer akzeptiert werden, wenn es nicht um Sex als Erwerb geht. Sei es in einer Lehre, auf wechselnden Jobs, oder in wechselnden Familien- oder Beziehungsverhältnissen. Da schreit kein Huhn und kein Hahn! Erinnern möchte ich nur an die sogenannten “Verdingkinder”, für die man/frau sich aus heutiger Distanz ja problemlos entschuldigen kann. Andere mögen in Büchern von Jeremias Gotthelf weiterlesen…

Aber weibliche und männliche Medienleute, PolitikerInnen und GesetzeshüterInnen sind ausgezeichnet im Ausblenden der realen gesellschaftlichen Verhältnisse. Der Heterror diskriminiert die Homosexualität, produziert  ”TäterInnen” und “OpferInnen”, die je nach Ansicht oder Regie ihre Rollen wechseln können. Der gleiche Heterror beutet dazu noch Freier und Escorts/Stricher gemeinsam aus – also beide, wiederum in wechselnden Rollen. Mit Vorschriften und Kontrollen und Mitleid mal mit den Einen oder den Anderen…

Nur über die wirtschaftlichen Verhältnisse wird einfach geschwiegen. Da muss dann das Sexualstrafrecht herhalten und sich von der Politik ficken lassen. Was das Strafrecht wiederum unbenommen an die Betroffenen weitergibt. Wie es sich im hierarchischen und monetär bestimmenden Markt so richtig gehört. Der mediale Aufschrei macht betroffen, doch ausser Gesetzen ändert sich nie irgendetwas. Auch nicht die zunehmende fehlende Selbstbestimmung der Beteiligten.

Ich betrachte es als ein Menschenrecht, seinen Körper zu verkaufen, ob Kopf, Hände oder Schwanz. Auch ein “Schutzalter” von 30 Jahren ändert nichts an den ökonomischen Gründen. Aber nur moralischer Schutz ist politisch durchsetzbar. Die ökonomischen Verhältnisse sind nicht zu ändern! So stiehlt sich bürgerlich/feministische Politik aus der politischen Verantwortung! (Zusatz 10.1.13)

Es gibt persische und türkische Sprichwörter, die besagen, wie vorteilhaft es ist, der Geliebte eines grossen Herrn zu sein. Eins, das in freier Übersetzung lautet:

“Es gibt persische und türkische Sprichwörter, die besagen, wie vorteilhaft es ist, der Geliebte
eines Grossen zu sein, eins, das in freier Übersetzung lautet: „Das meiste erreicht ein Mann mit seinem Gesäss, entweder indem er sich darauf setzt und arbeitet, oder indem er es einem grossen Herrn zur Verfügung stellt.“ (Hirschfeld, 1914)

Peter Thommen_62, und alt geworden ohne Stricher  5.12.2012

P.S. in eigener Sache: Seit längerer Zeit mache ich den Arbeits-Strich vor der Rente, wie so viele Andere auch. Also neben dem Laden eine “unselbständige Erwerbstätigkeit” mit Billiglohn…

Verbot der “Kinderprostitution” bis 18!

LanzParl13

Christopher oder Christina?

Montag, 02. Juli 2012

Darüber stritten sich die Schwulen mit den Lesben vor einem Jahr in München. Der gutgemeinte Vorschlag, mal einen Christina-Street-Day zu feiern, prallte an zum Teil „wütenden“ Schwulen ab. Nun, es feiert ja auch keine einen „Nikolaus-Innen“-Tag am 6. Dezember… (Diese Debatte – „Wenn Schwule frauen hassen“ – ist zusammengefasst und nachzulesen bei Jürgen Voss)

Ich meine, dass die „Emanzipation“ der Lesben in der „Homosexuellen-Bewegung“  weder mit „Adam und Steve“, noch mit „Ada und Eve“ zu erreichen ist. Regelmässig kocht die Diskussion um die „männliche Bedeutung“ des Wortes „homosexuell“ hoch. Lesben „verschwinden“ meistens hinter diesem Wort und fühlen sich nicht „abgebildet“ darin.

Diese Diskussion zeugt von der Ignoranz unserer Geschichte und Vergangenheit: In den meisten Ländern sind homosexuelle Frauen nicht explizit (namentlich nicht erwähnt in Strafgesetzen) verfolgt worden – ganz einfach, weil sie nicht als „strafrechtlich ernst“ genug genommen worden sind! Frauen haben ganz allgemein erst seit ca. 100 Jahren eine eigenständige Sexualität zugestanden bekommen! Das sollte vor allem in den Diskussionen um historische Dokumente berücksichtigt werden. Wir tun meistens alles in einen Topf und sehen alles mit unseren heutigen Augen. Das ist unwissenschaftlich und ungerecht!

Auch die Lesben sollten berücksichtigen, dass die Opferperspektive eigentlich eine sexistische ist! Alles was einen Schwanz trägt und sich nicht penetrieren lässt (lassen darf!), ist Täter. Sogar Schwule machen da keine Ausnahme – auch wenn sie sich schon mal penetrieren lassen. (In den Strafgesetz-Texten sind Frauen mit „Täter“ immer nur theoretisch mitgemeint.) Die Nationalsozialisten mussten sich mit der „halbherzigen“ Bezeichnung  „Asoziale“  für Lesben behelfen…

Gerade kürzlich hatte ich eine Cousine im Gespräch, die – als Mutter von einem Sohn – auch als jetzt letztlich lesbisch lebende Frau diese hetera Sichtweise vertritt. Daher ist es recht schwierig, Frauen und Lesben als „Verbündete“ von homosexuellen Männern zu betrachten, die ihre Söhne ja vor uns schützen wollen. Doch wer schützt ihre Töchter vor den Frauen??

Ein weiteres Beispiel – aus Joachim Braun: schwul und dann? (Beratungs-Interview mit einer Mutter)

„Wie geht es Ihnen denn mit schwuler Sexualität?“ – (nachdenklich) „Ich weiss, es ist absurd, aber bei Heterosexuellen stört mich der Analverkehr nicht – bei Homosexuellen stösst er mich ab.“ 

„Warum“? – „Weil der passive Teil irgendwie degradiert wird; aber ein Mann, der sich degradieren lässt (zögert) … ist in meinen Augen unmännlich.“ (Querverlag 2006, S. 38-39)

Diese Mutter wird nicht die einzige sein, die diesen Sexismus einfach an ihre Söhne weitergibt, egal ob hetero oder homo.

Historisch-biblisch gesehen macht sich nicht nur der Penetrierer eines Mannes, sondern auch der penetrierte Mann selber eines „Verbrechens“ schuldig. Ähnlich wie das als Vorurteil gegenüber Frauen auch verwendet wird.  Aber es heisst nirgendwo, dass eine Frau nicht wie eine Frau bei einer Frau liegen darf…

Während also durch den Penetrierakt ein Mann seine Männlichkeit verlieren kann, gibt es juristisch und kulturhistorisch beim Sex zwischen Frauen keinen „Verlust“ zu beklagen. Eine Frau bleibt eine Frau – egal mit welchem Geschlecht sie Sex hat.

Wir müssen also aufpassen, dass wir uns nicht in unserem eigenen kulturellen Sexismus verfangen. Und nach der Feststellung der eigenen Sexualität von Frauen, konnten sie wohl trotzdem nicht als Täterinnen klassifiziert werden. Während das Schutzalter unter den Männern noch heute ein hochemotionales Thema ist, war davon zwischen Frauen niemals die Rede. Entweder „gab es das einfach nicht“, oder die sexuellen Übergriffe wurden nicht sicht- und definierbar. Aber logischerweise kann die Frau, mit fortschreitender Emanzipation, nicht weiterhin als Täterin einfach „übersehen“ werden. (Das gilt nicht nur für eine „Rote Armee Fraktion“!)

Ich habe schon in den 80er Jahren die gesamtschweizerische Statistik für die Bestrafung von „homosexuellen Übergriffen“ beobachtet. Dabei fallen die Frauen kaum auf. Mir war immer irgendwie unklar, wie die Lesben erst als erwachsene Frauen quasi vom Himmel fallen konnten und dann erst gesellschaftlich auftraten. Der ehemalige Art. 194 StGB CH galt von 1942-1992 für beide Geschlechter und schützte beide bis 20. Wichtig aber war nur der Schutz der Jungs!

Die Sexualität und das Sexualleben einer Frau werden bis heute anders beurteilt als bei den Männern! Einer leiblichen Mutter kann man heute nur schwer ihr Kind wegnehmen, was bei einem Vater durchaus leichter fällt. Ich will mich aber hier nicht dem Vorwurf aussetzen, Lesben würden nicht diskriminiert.

Aber WIE werden sie denn diskriminiert und worunter unterscheidet sich das von den Männern? Dieses Genderthema scheint keineN so richtig zu interessieren. Die Diskriminierung von Lesben wird „politisch korrekt“ öfter als „doppelt“ bezeichnet – einmal als Frau und zum zweiten als Lesbe. Nun, ich fühlte mich schon VOR meinem schwulen Bewusstsein als „anderer“ Mann diskriminiert – und dann letztlich auch als Schwuler. Eine doppelte Diskriminierung ist historisch korrekt nirgends auszumachen.

Jede Diskriminierung ist unannehmbar. Das hängt nicht davon ab, ob sie doppelt oder dreifach erfolgt. Wichtig ist die Tatsache, dass in der gesellschaftlichen Diskussion klar wird, worüber und wie im Detail sie erfolgt. Wenn heute schon vom „Schwulen-Dreieck“ (unter Verlust seiner vergangenen Bedeutung) gefaselt wird und davon, dass Basel „anstatt des CSD“ eine traditionelle Schiffsparty habe, dann werden damit historische Fakten ignoriert.

Ich begrüsse die „Schiffsparty“ als eine wichtige Veranstaltung, an der auch beide Geschlechter teilnehmen. So wie auch an der anderen wichtigen Veranstaltung, des „Tuntenballs“, an der auch beide Geschlechter und auch viele Hetero/as teilnehmen.

Aber weder die eine, noch die andere Veranstaltung kann einen CSD ersetzen. So wie auch der Tuntenball Weihnachten nicht ersetzen kann – höchstens die besonders homophobe Stimmung an Weihnachten in heterosexuellen Familien. Womit auch hiermit auf die historische Wurzel hingewiesen sei!

An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass jüngere Schwulengenerationen sich das Wissen gar nicht mehr aneignen (können, wollen?), um die Hetero/as zu verstehen, die uns diskriminieren. Homosexualität sei für ihn „einfach interessant“, erklärte mir kürzlich ein Teenie, der noch in seinem Alter geschützt wird…

Es muss auch erwähnt werden, dass schwule und bisexuelle Männer sich für dieses Thema wenig interessieren. Auch von Seiten der Lesben ist das Interesse an Geschichte im Allgemeinen nicht besonders gross. Viele „spätere“ Lesben kommen aus heterosexuellen Beziehungen oder Ehen und haben damit ja bewiesen, dass sie „richtige Frauen“ sein können. Viele Lesben bestätigen dies mittels leiblichen Kindern – wenn auch als zwei Mütter! Sie geben also ein sehr „hetero-likes“ Bild in die Gesellschaft ab. Da bleiben die schwulen Väter und ihre heterosexuelle Vergangenheit sehr schnell ausser öffentlicher Wahrnehmung. Ja sie erweisen sich als „heterosexuelle Schlappschwänze“, die ihre Partnerinnen betrogen hätten…

Diese Andersheit ist es, die so schwer zu vermitteln ist: Einerseits zwischen den Geschlechtern der Homosexuellen und andererseits in die Gesellschaft hinaus.

Trotz allem haben die Frauen in den letzten Jahren immer mehr Plätze „zuvorderst“ belegt und beweisen, dass sie auch politisch und öffentlich aktiv sein können. Letztlich aber sollten wir uns bewusst bleiben, dass die Interessen zwischen Frauen und Männern, zwischen Schwulen und Lesben sich niemals vollständig decken können und werden.

Aber wer geht hin, um zu verstehen, „warum Schwule Frauen hassen“, wenn diese wiederum von hetero Männern für ihr „Frausein“ gehasst werden und heterosexuelle Mütter den Sexismus an ihre Söhne weitergeben ?

Und wer versteht letztlich, dass es Männer gibt, die einen voyeuristischen Blick auf „Lesben“ werfen und dabei nicht merken, dass sie da eigentlich gar nicht gefragt sein können!?  Mir sind keine Frauen bekannt, die beim Anblick zweier sich küssender Männer „heiss“ werden. Im Gegenteil! Wir stecken immer noch in der heterosexistischen Falle! Und mit drin sehr viele Lesben und Schwule.

Doch gibt es auch interessante Profile von hetero- oder bisexuellen Männern im Internet! Die einen suchen einen „hetero-liken“ Mann – und bitte nichts Tuntiges, Weibisches… Sie wollen diesen „richtigen“ Mann auch kennen- und sexen lernen. Dabei genügt ihnen das „Andere“ der Frauen vollauf, nämlich dann, wenn dieses „homo-like“ keinen Schwanz und dafür zwei Titten hat.

Die anderen suchen eine „Shemale“, ein „Schwanzmädchen“, eine Transe, eine DWT… ihnen sei gesagt, dass es gar keine Schwanzmädchen gibt, nur „Tittenbuben“. Aber diese Bezeichnung und die Attribute helfen ihnen, sozusagen den Graben des Sexismus zu überspringen – ohne sich einer Auseinandersetzung damit stellen zu müssen. Solange irgendwas von einer Frau dran ist, kann es einfach nicht schwul sein. Das muss genügen.

Für mich ist klar geworden, dass es als Mann eine Identität mit Müttern und Frauen nicht geben kann. Sie ist bei den anderen Männern zu holen. Und genau das verbietet die heterror Gesellschaft aufs schärfste und mit schärfsten Schutzaltern und der traditionellen Homophobie der Familie.

Andererseits sind die kompletten Bedürfnisse von Männern durch die Frauen niemals abzudecken, obwohl es noch immer öffentlich propagiert und individuell noch geglaubt wird!

Derweil erzählen uns doch „Emanzen“ schon seit Jahrzehnten das Gleiche über die Männer.

Aber was geht das nun die Hetero/a-Sexuellen an?

Ich glaube, dass die Gewalt gegen Schwule einen Teil der Gewalt gegen Frauen darstellt. Und sie entspringt der „falschen Identität“ von Jungs mit Müttern und Frauen, dieser letztlich gewalttätig abgewehrten „Teil-Identität“ mit Weiblichem bei Schwulen und der entsprechenden Homophobie der Väter gegenüber ihren Söhnen. Denn letztlich kann Weiblichkeit niemals voll akzeptiert werden, wenn sie von den Männern für sich selber abgelehnt werden muss!

Ich habe für mich dieses „heterosexuelle Spiel“ mit dem „Spass“ schon länger durchschaut und ich glaube viele Jungs und Männer merken das auch langsam, wenn sie sich das Problem auch noch nicht erklären können!

Peter Thommen_62, Buchhändler und Schwulenaktivist, Basel (Überarbeitete Fassung vom 11. Juli 2012)

Prof. Melanie C.  Steffens, (Jena) referiert eine Untersuchung über unbewusste Negativeinstellungen geg. Lesben und Schwulen (2006)

Lesben und Schwule alliierte Geschwister? Lambda Nachrichten 3’2012

Henn, Tino: Sind Lesben medial unterrepräsentiert? (2012)

Verhaltensregeln in der Schwulenkneipe (SüdtZ, 2005) für Männer und Frauen jeglicher Orientierung…

Was steht am Anfang eines aktuellen Buches über die Pubertät, das ich zufällig bestellt hatte?

„Für die Jungs, damit sie alles geben, und für die Mädels, damit sie ihren Spass dabei haben!“  (Jaromir Konecny: doktorspiele, cbt 2011)

Vielleicht musst Du diesen Satz mehrmals lesen, um den Zusammenhang mit meinem Text zu verstehen. Versuch es wenigstens!

P.S. Ein weiteres Jugendbuch titelt:  “Schlaue Mädchen – coole Jungs…”  (2011)

Erster Mai 2011 – die Schwulen bleiben unter sich

Sonntag, 01. Mai 2011

… oder verschwinden unter den Heteros

Wir hätten auch heute noch gute Gründe, an den 1. Mai-Demos teilzunehmen, denn auch heute noch sind wir auf eine soziale Schweiz angewiesen. Auch Schwule kommen als Arbeitskonkurrenten in die Schweiz – und Schwule verlieren nun mal die Arbeitsstelle schneller als Familienväter. Verpartnerte Schwule sind verpflichtet, ihrem „Ehemann“ in finanziellen Notlagen beizustehen, nicht nur die Ehefrauen.

Schwulsein „ist heute kein Problem mehr“, aber schwul leben schon noch! > „Bitte nicht auf meinem Sofa!“

„Es ist kein Zufall, dass sich die Schwulen der Arbeiterbewegung anschliessen. Wer könnte sich eine Homosexuellen-Delegation an einer Arbeitgeber-Konferenz vorstellen, obwohl es sicher viele schwule Unternehmer gibt? Nur die Arbeiterbewegung ist fähig und willens, die heutige Gesellschaft in Richtung Demokratie und Freiheit zu verändern. Nur die unten sind, ohne Zweitvilla und Aktienpaket, sind bereit, für die Veränderung einzustehen. Die Homosexuellen haben sich in die richtige Reihe eingefügt.“ (Martin Herter in der Basler AZ vom 15. Mai 1979, in der Titelkolumne)

Ich weiss wirklich nicht, was Martin Herter zu einer Gruppe wie der gay SVP gesagt haben könnte. Und „network.ch“ gab es damals noch nicht. Aber für diese Diskussion weise ich auf das historische Gespräch „zwar schwul – aber ein guter Freisinniger!“ (PDF) von 1973 hin!

Die Schwulen haben jeden Tag 1. Mai, wenn sie ins „öffentliche“ Internet gehen und mit Passwörtern und Nicknamen in eingegrenzten Portalen (wie diskret das auch immer sei!) für ihre sexuellen Bedürfnisse auftreten!

Worin besteht nun die Sexualität in Freiheit, die durchaus auch als Arbeitsleistung betrachtet werden kann? Arbeit an sich und an Anderen – zur Beförderung von Glück und Befriedigung – nicht nur in einem materiell geprägten Leben.

Es besteht für Schwule die Freiheit, an öffentlichen Orten – wenn auch nicht für Heteros sichtbar – geduldet, Sex-Kontakte haben zu können. Im Internet frei zu surfen und zu kontakten – solange alle Beteiligten 16 Jahre oder mehr alt sind. Die Freiheit, Fetische aller Art zu haben, Drogen konsumieren zu können und sich sexuelle Hilfsmittel, Darstellungen und kulturelle Werke kaufen zu können. Tom of Finland mit seinen Riesenschwänzen zum Beispiel. ABER, die Homosexualität und ihre Kultur findet nicht mitten in der heterosexuellen Gesellschaft – und als Teil von ihr statt!

Obwohl der grösste Teil „homo-sexueller“ Aktivitäten von Männern betrieben wird, die sich nicht als schwul verstehen, oder sonst völlig in hetero Lebensweisen aufgehen – ausser der „kleinen schwulen Abwechslung“, ist Schwulsein und schwule Kultur offiziell etwas „nur für diese Minderheit“.

Wenn ich jemandem grundlegende Zusammenhänge über Homosexualität erzähle, dann kann es vorkommen, dass der oder die Nachbarn schon mal bemerken: „Ich weiss nicht, ob das mich überhaupt interessiert“. Wenn ich natürlich einem 15jährigen Jungen einen Blowjob mache, dann aber interessiert das die Leute schon – bis ins Detail, was ich denn da gemacht habe! Vierzehnjährige Sexualpartnerinnen sind dagegen für sie völlig selbstverständlich!  ;)

Sexuelle Mitbestimmung und Selbstbestimmung war vor und während der Revision des Sexualstrafrechts das zentrale Thema unter Schwulen, die das Licht der Öffentlichkeit nicht scheuten. Wir sind nämlich alle „pädophil“ gewesen, solange unsere Partner nicht 20 Jahre alt waren! Das haben schon wieder viele vergessen. (1)

Doch davon ist heute nichts mehr übrig geblieben. Die Freiheit ist wohl im Internet – nicht in der Gesellschaft. Von einer umgekehrten Wirkung – wie in Nordafrika zB – ist mir nichts bekannt. Im Gegenteil: Das Internet muss zensiert und von der Polizei kontrolliert werden!

Seit 2003 haben wir die Möglichkeit, uns zu verpartnern. Zwar nicht gleich wie die Heteros, aber das kümmert viele Schwule nicht, denn sie (vor allem die Jungen) geben oft auf ihren Profilen an, sie seien „verlobt“ oder „verheiratet“ – manchmal auch nur „in einer Beziehung mit…“

Wenn wir mal ganz rosarot hinter dieses Pseudo-Eheinstitut für Homosexuelle blicken, dann erkennen wir die Absicht der Heteros – hinter der Freude der Homos: Um den Preis der bürgerlichen „Gleichheit“ – aber ohne Gleichwertigkeit sind die Schwulen als Konkurrenz für Heteros quasi „ausgeschieden“. Entweder ist Mann verheiratet, oder verpartnert. Konkurrenz (wie aus der wilden Zeit vorher!) entsteht dadurch niemanndem/niefraudem mehr. Mischformen sind undenkbar! (Da ständen Göttinnen von den Toten auf!)

Eine zusätzliche „Lebensform“ ist eigentlich nicht entstanden. Nicht mal im Hinblick auf mehrere Partner, die sich vertraglich ja auch binden könnten, um zusammen zu leben und zu wirtschaften, statt Kinder aufzuziehen

Die Kinder-Diskussion – nicht die Lebensformen von Kind an – wird durch die „Regenbogenfamilien“ erneut belebt. Damit auferstehen aber auch wieder alte Vorurteile gegenüber Schwulen aus dem letzten und sogar vorletzten Jahrhundert! (weniger gegenüber Lesben!) Nicht die Frage nach der Herkunft der Homosexualität seit frühester Jugend und Kindheit wird gestellt, sondern diejenige nach den Auswirkungen von Homosexualität (nicht Heterosexualität) auf Kinder und Jugendliche. (**)

Daneben läuft ganz separat eine Kampagne um die selbstmordgefährdeten homosexuellen SchülerInnen und jungen Männer – mitten unter den Heteros/as. Gegen Selbsttötung, Mobbing und Verzweiflung homosexueller Kinder und Jugendlicher  gibt es keinen „Marche rose“ und keine Unterschriftensammlung für ein Erziehungsverbot für heterosexuelle Eltern oder Pädagogen! (Zwangsheteronormalität) :P

Prostitution ist auch eine Form von Arbeit, denn Arbeit ist „Notwendiges zu tun“. Aber schon bei der Haus- und Familienarbeit gibt es Unterschiede in der Bezahlung, im Vergleich zur offiziellen Arbeit ausserhalb…

Es ist sinnvoll, sich daran zu erinnern, dass die Prostitution zwischen Männern (womit die meist Heterosexuellen und hetero lebenden Männer immer „abgedeckt“ waren, ab 1942 verboten wurde – mit moralischer Begründung. Aber schon damals war doch klar, dass junge Männer, die „Taschengeld“ (Theres Ollari, 1988) brauchten, sich dieses „damit“ viel leichter verdienen konnten. Der Kanton Basel-Stadt sah keine Strafen dafür vor. Seine Definition lautete klar – bei Jungs und Mädchen: „Abhalten von der Arbeit“.

Neuestens soll die Prostitution von Migrantinnen – wegen Ausbeutung durch Männer – zwischen 16 und 18 Jahren wieder verboten werden. Während 1942 die hetero Männer straflos geblieben sind, sollen sie heute kriminalisiert werden, denn die Bestrafung der Migrantinnen erscheint wohl allen unsinnig. Aber Strafe muss irgendwie sein. Es genügt nicht, wenn schweizerische Rechtspolitik die Migranten in die Nothilfe drängt, oder sogar in den Untergrund. Auch Angesichts der immer noch nicht verwirklichten Lohngleichzahlung bei Männern und Frauen, sind solche Anliegen einfach nur schwachsinnig, auch wenn sie von Politikerinnen kommen!

Natürlich werden auch junge Männer oder Migranten davon erfasst. Das Gesetz gilt ja für alle gleich! Damit rekriminalisiert man/frau erneut die männliche Homosexualität. Und allein unter Frauen „kommt so was ja nicht vor“!

Und ganz neu könnten wir Schwulen heute bei den Heten kompetent mitreden. Denn nach feministischer Sichtweise, „produziert die (männliche) Nachfrage das Angebot“. Also bei den Schwulen produziert auch die männliche Nachfrage ein Angebot – auch aus aller Welt. Allerdings wird jetzt auch bei den Schwulen sichtbar, dass die Einrichtung der „Schwulenehe“ wohl dazu beiträgt die „fehlende Befriedigung“ vermehrt durch diskrete Dienstleistung ausserhalb abzudecken.

Und für mich ist ganz klar: Diese weibliche Argumentation unterschlägt nun wirklich fassbodentief die Tatsache, dass die Ehe und die Verpartnerung eben längst nicht alle sexuellen Bedürfnisse in einer vertraglichen Beziehung befriedigen können. Es ist reine Selbstüberschätzung der weiblichen Partnerinnen und homosexuellen Partner. Mann und Frau blicke in andere Kulturen mit anderen Beziehungsformen und zu anderen Zeiten!

Der Sinn der Ehe soll darin bestehen, dass die Arbeit in dieser „Wirtschaftsgemeinschaft“ durch Lustbefriedigung „bezahlt“ werden soll. Während die „unlustige Arbeit“ ausserhalb und im Anstellungsverhältnis mit Geld bezahlt wird. Nun gibt es grosse Unterschiede in beider Bezahlung und der „freie Markt des Sex“ gleicht diese wieder aus. Und so wie es für die jungen Männer früher moralisch eine Schande war, sich für sexuelle Dienste an anderen Männern „herzugeben“, so trifft es heute wiederum Männer – aber umgekehrt – die die sexuellen Dienste von Migrantinnen (aus was für Gründen beide sich finden, bleibe mal dahin gestellt!) in Anspruch nehmen.

Ich möchte es nicht versäumen, ausdrücklich anzumerken, dass es immer Jungs gab, die auch ohne Bezahlung einen grossen Altersunterschied überbrücken konnten, aus Lust und aus Liebe. Das zeigt sich auch übers Internet. Aber das war und ist natürlich den Gesetzgebenden entweder völlig wurscht, oder naiverweise unbekannt. Ob das zwischen Heterosexuellen auch in dem Masse gilt, lasse ich auch mal dahingestellt!

Die Rekriminalisierung der Prostitution – eben auch bei Schwulen – ist ein weiterer Schritt im juristischen Zerbrechen der Einheit von Materie. Also ab 16 Jahre sexuelle Selbstbestimmung (damals von Elisabeth Kopp öffentlich ausgesprochen) in allem. Erneut werden sich Gerichte darüber beugen, den MigrantINNen Status definieren und moralisieren. Dabei sind die Gründe wirtschaftlicher Natur. Denn für „ehrliche“ Arbeit und Krieg sind Kinder immer noch nicht zu schade – weltweit!

Ich möchte den 1. Mai schliessen mit Wilhelm Reich. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Sexualität, auch für diesen Forscher, idealerweise im Begriff „Liebe“ mit eingeschlossen ist.

„Liebe, Arbeit und Wissen sind die Quellen unseres Lebens. Sie sollten es auch beherrschen.“ Wilhelm Reich, 1897-1957

 

Peter Thommen, Schwulenaktivist, Basel (61)

(ältere Thommens Senf zum 1. Mai hier , 1998-1996, auch Herter vollständig, 1979)

 

HABS am 1. Mai 1979, Rittergasse

** Michi Rüegg im Cruiser:  ”Schlimm, dass wir unsere gotteslästernen Partnerschaften registrieren dürfen, jetzt fällt es uns auch noch ein, Kinder adoptieren zu wollen. Da hört nun jeder Spass auf. Denn, wenn der Pullermann in den Popo flutscht, ist Satan nicht weit, das weiss jeder anständige Christenmensch. Und in einem solchen Umfeld soll kein Nachwuchs aufwachsen, und überhaupt, denken die, wir wollen ja bloss eigene Kinder, damit wir sie bequemer missbrauchen können.” (Zitat aus: Gottes freie Natur, eine Wanderung für Atheisten) Ein Essay über den Bibelwanderweg in Zürich (Cruiser Mai 2011, S. 36)

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(1) Schmutz Marcel und Peter Thommen: Die Unzuchtsparagraphen 191 und 194 im schweizerischen StGB (von 1942), ARCADOS Verlag 1980, 30 S.(ISBN 3-85522-001-8)

Schüle Hannes: Die Entstehung des HomosexualitätsArtikels im Schweizer Strafrecht 1894-1942 im zeitgenössischen Umfeld von Sitte, Moral und Gesellschaft, Selbstverlag 1983, 60 S.

(zwei äusserst spannend geschriebene historische Darstellungen, deren Argumente und politische Einschätzungen – schon wieder – sehr interessant und aktuell sind! PT – e-book-Ausgabe in Vorbereitung)

schwul – aber ein guter Linker? 1. Teil

Freitag, 29. April 2011

Selbstbestimmung statt Normen. Schwules „Positionspapier“ der Jungsozialisten/GaynossINNen zur sexuellen Orientierung und geschlechtlichen Identität. Das Papier wurde an der Delegiertenversammlung vom 13. November 2010 diskutiert.

Die Gaynossinnen stellen fest, dass viele Forderungen der Schwulenbewegung und der historischen bürgerlichen Homo-Organisationen umgesetzt wurden und schreiben:

„Die heutigen Diskriminierungen sind unterschwellig und versteckt: Lesbische Frauen werden oft doppelt diskriminiert.“

beim Nachdenken

Diese „doppelte“ Diskriminierung von Lesben ist gesellschaftspolitisch zumindest schräg, wenn nicht historisch falsch. Diese Formulierung postuliert einen diskriminatorischen „Mehrwert“ gegenüber den Homosexuellen, der nicht auszumachen ist, aber viele Homosexuelle offenbar beeindrucken kann. Damit wird wohl die Feststellung folgender Tatsache ausgebügelt:

„So reduzieren Medien die gesamte queere* Bewegung in der Berichterstattung regelmässig auf „Schwule“.

Aber eines nach dem anderen:

Erstmal ist historisch-kulturell belegt, dass homosexuelle Männer und Frauen schlicht anders diskriminiert wurden und werden. Damit wird schon die „doppelte Diskriminierung“ hinfällig, weil sie mit derjenigen der Männer nicht vergleichbar ist. Die soziale Diskriminierung beruht auf konkreten körperlichen Merkmalen und geschlechtlichen Handlungen, die ebenfalls nicht zwischen Männern und Frauen so einfach verglichen werden können.

Die Diskriminierung beruht auf dem Mann als Mass aller menschlichen Dinge. Diesem folgt politisch-logischerweise ein sozialer Minderwert der Frauen. Doch dieser Minderwert wird ihnen nicht durch Handlungen zugeschrieben, wie bei der männlichen Homosexualität, sondern schon von Geburt an. Und keine Frau kann durch irgendwelche Handlungen eine andere Frau in ihrem sozialen Wert als Geschlechtswesen noch mehr herabsetzen – zur „doppelten Frau“ machen. Dies ist wohl nur spekulativ möglich.

Geschlechtshistorisch kann ein Mann durchaus einen anderen Mann durch Analverkehr auf den sozialen Wert einer Frau „herabsetzen“. Und wohlgemerkt: Der aktive Penetrierer bleibt ein Mann, während der passive – logischerweise zur Frau wird. So etwas findet zwischen Frauen nicht statt.

„Linkspolitisch“ muss erkannt werden, dass die Urklassengesellschaft in Penetrierer und Penetrierte eingeteilt war. Dies unabhängig vom biologischen Geschlecht. Wobei nur den Männern ein Rollenwechsel möglich war, denn Frauen bleiben Frauen, auch wenn sie sexuelle Kontakte untereinander haben.

Und hier komme ich zur „doppelten“ Diskriminierung der Männer: Eine Frau, die penetriert wird, bleibt eine Frau und steigt höchstens durch die Fruchtbarkeit zur Mutter auf. Männer können also – auf der aktiven Seite – Männer bleiben. (Worauf viele Heteros und Bisexuelle auch Acht geben!) Nach der traditionellen Moral aber „werfen“ passive Männer in der Homosexualität „ihre Männlichkeit weg“, die sie ja eigentlich behalten könnten – mit anderen homosexueller Handlungen. Hier ist eine – wenigstens – moralisch verstärkte Diskriminierung gegenüber passiven Homosexuellen zu finden.

Ältestes Beispiel aus der Bibel: 3. Mose 18,22: Du sollst nicht beim Knaben liegen wie beim Weibe; denn es ist ein Greuel. (Weil damit der Passive zum Weib gemacht wird. Die Bibel bestraft übrigens auch den Aktiven! PT)

Diese „organisch-funktionelle Begründung von Diskriminierung“ findet sich auch in vielen Köpfen von Frauen! Wiederum ein Beispiel:

(Aus einem Interview mit einer Mutter)

„Wie geht es Ihnen denn mit schwuler Sexualität?

(nachdenklich) Ich weiss, es ist absurd, aber bei Heterosexuellen stört mich Analverkehr nicht – bei Homosexuellen stösst er mich ab.

Warum?

Weil der passive Teil der Beziehung irgendwie degradiert wird; aber ein Mann, der sich degradieren lässt (zögert) … ist in meinen Augen unmännlich.

Könnte es sein, dass Sie fürchten, dass Ihr Sohn unmännlich und dann für sie nicht mehr attraktiv ist?

Ist es schlimm, wenn ich Ja sage?“

(Braun, Joachim: Schwul und dann, Querverlag, 2006, S. 38-39)

(Historischer Hinweis: Bis in die 80er Jahre hinein galt ein gleichgeschlechtliches Schutzalter bis zum vollendeten 20. Altersjahr (für Heteros 16). Damals waren die Homosexuellen generell die „Pädophilen“, welche die Söhne ehrbarer Mütter zu entmännlichen drohten. Woraus folgt, dass es eben Mütter waren, die vor allem Angst um ihre Söhne hatten. Viele Väter stützten diese Moral, auch solche, die selber homosexuelle Erfahrungen in ihrer Jugend gemacht hatten. Solche Probleme** gab es bei Lesben nie – darum auch keine „Pädophilie“!)

Die diskutierte Diskriminierung ist schlicht „anders“ und kann niemals in ein Mengenverhältnis wie „doppelt“ gefasst werden. Dies zeigt auch das heutige Sexualverständnis vom „Lesbenporno“. Während die aktive Betätigung zweier Frauen miteinander von „heterosexuellen“ Männern weit herum als anregende Sexualphantasie konsumiert wird (wobei der Ausschluss des Mannes aus der Inszenierung vom Konsumenten ignoriert wird, weil es (übrigens meist heterosexuelle) „Frauen“ sind, die das „spielen“), sehen sich im Vergleich nur wenige Lesben und Frauen „Schwulenpornos“ an – aber es gibt immerhin welche.  ;)

Dass – wie im obigen Interview – Frauen selber die Penetrationsdiskriminierung an andere Männer und Söhne weitergeben, finde ich sexualpolitisch äusserst aufschlussreich.

Die Diskriminierung von Homosexualität läuft also primär über den Penis (und nicht über die Klitoris), der so schnell den sozialen Status verändern kann. Er ist es auch, der in den letzten paar hundert Jahren die speziellen Homo-Paragraphen bestimmte („Code Penale“), während die Sexualität unter Frauen durchaus als ein Teil ihrer „Frauenkultur“ von den Männern hingenommen, oder einfach „übersehen wurde“. Dies aber im Rahmen der allgemeinen Ignoranz gegenüber Frauensexualität! Zwar total, aber nicht doppelt! (***)

Der aktuelle „Täter“-Begriff klammert sich denn auch juristisch, kriminologisch und politisch-korrekt immer noch an diesen Penis, obwohl die Frauen als Täterinnen längst verschiedentlich aufgeholt haben. (Auch “Unterlassungen” können verantwortbar und strafbar werden!)

Ich habe in den Urteilsstatistiken von 1942 – in die 80er Jahre recherchiert und darin viele Männer gefunden, die sich strafbar gemacht haben. Während es nur einzelne Frauen gab, die damals so offensichtlich gegen die auch für sie geltenden Gesetze (Schutzalter 20, glg. Prostitutionsverbot) verstossen haben, dass sie verurteilt wurden. Es ist für mich hinfällig, darüber zu streiten, ob jetzt die absolute Aufmerksamkeit gegenüber den Männern, oder die Ignoranz gegenüber den Frauen als „doppelt“ zu gelten habe. Die Diskriminierung ist historisch-kulturell-organisch anders und qualitativ nicht vergleichbar – schon gar nicht quantitativ.

Ein letztes Beispiel soll die von mir postulierte Verschiedenheit illustrieren. Vor vielen Jahren meldete ich mich bei der Polizei in Basel wegen verschiedener Übergriffe im Schwulenpark. Meine Vis-à-vis für die Beschwerde war zufällig eine Frau. Sie nahm meine Informationen entgegen und bemerkte am Schluss: „Wieso haltet ihr Männer euch eigentlich in einem öffentlichen Park auf? Ich gehe ja mit meiner Freundin auch in den Isola-Club.“

Bis heute wurde dieser „öffentlichkeitswirksame“ Unterschied im Bewegungsraum zwischen uns Schwulen und Lesben nie politisch diskutiert. Es ist selbstverständlich, dass Frauen sich intimer berühren, küssen und miteinander umgehen können im öffentlichen Raum, als die Männer. Die bewegen sich zwar selbstverständlicher in der Öffentlichkeit, werden aber sämtlicher liebevollen Kontakte sofort wirksam beraubt. Und daher ist die kritisierte Fokussierung auf Männer in den Medien auch verständlich. Denn diese werden nicht von geschlechtslosen Wesen betrieben.

Und gerade weil die Diskussion und die gegenseitige Anerkennung von Verschiedenheit in Bewegung und Handlungen nie unter uns diskutiert und kommuniziert wurde, sind wir heute immer wieder mit Begriffstutzigkeiten und historischen Fehleinschätzungen in der politischen Auseinandersetzung konfrontiert. Ich denke, das Interesse fehlte und fehlt auch heute auf beiden Seiten. Man könnte diese Ignoranz auch  „homosexuellen Sexismus“ nennen.

Peter Thommen61, Schwulenaktivist, Basel

* Der Begriff queer soll neuestens alles enthalten, was als „nicht-ausschliesslich-heterosexuell“ definiert wird, letztlich auch die Schwulen. Siehe dazu auch meinen Aufsatz:  “Eine community frisst die Schwulen auf!”

** Den Begriff „Entfraulichung“ gab es nie!

***  “Um 1900 werden in den meisten Kantonen der deutschsprachigen Schweiz homosexuelle Handlungen bestraft, wobei grosse Unterschiede in der Intensität der Verfolgung und in der Strafbeimessung zu finden sind. Nur auf Antrag strafen die Kantone FR, GR und NE. Straffrei sind sexuelle Beziehungen zwischen Personen des gleichen Geschlechts in GE, TI, VD, VS und ab 1919 in Basel-Stadt. Nur homosexuelle Handlungen bei Männern strafen: BL, GL, SO, NE. (Schüle, Hannes: Die Entstehung des Homosexualitätsartikels… Selbstverlag 1983, S. 10)

(Der 2. Teil der Kritik wird sich mit den Positionen zur „Bisexualität“ befassen.)

Nachtrag: (Michel Foucault, Klammer-Ergänzungen von mir) „Der Körper des Mannes war dem (anderen) Mann auf viel drastischere Weise verboten. Wenn es stimmt, dass das Leben unter Männern nur in bestimmten Perioden und seit dem 19. Jahrhundert nicht allein toleriert, sondern (darüber auch) strengstens verfügt (worden ist), nämlich während der Kriege und in den Gefangenenlagern. Da waren Soldaten und junge Offiziere, die Monate und Jahre zusammen verbrachten. Während des Ersten Weltkrieges lebten die Männer vollständig zusammen, fast aufeinander; und das bedeutete für sie schon etwas, insofern der Tod gegenwärtig war, und die Bereitschaft sich füreinander zu opfern und Dienste zu erweisen, durch ein Spiel um Leben und Tod sanktioniert war. Was weiss man denn, abgesehen von ein paar Floskeln über Kameradschaft und Blutsbrüderschaft und von ein paar zersplitterten Zeugnissen, schon über jene Gefühlstornados und inneren Stürme, die es in manchen Augenblicken da vielleicht gegeben hat? Und man kann sich fragen, was die Leute diese absurden und grotesken Kriege, diese infernalischen Massaker trotz allem hat durchstehen lassen… ein Gewebe von Gefühlen, zweifellos. Ich möchte nicht behaupten, dass sie deshalb weiterkämpften, weil sie ineinander verliebt waren. Doch Ehre,  Mut, sein Gesicht nicht verlieren dürfen, sich opfern, mit und vor den Kameraden aus dem Schützengraben kommen – all das setzte ein Raster sehr intensiver Gefühle voraus. Es geht hier nicht darum, zu sagen: „Aha, da haben wir also die Homosexualität“. Diese Art von Geschwätz ist mir zuwider. Bestimmt liegt hier aber eine, wenngleich nicht die einzige Voraussetzung, die jenes infernalische Leben ermöglichte, in dem die Typen wochenlang in Morast, Kadavern und Scheisse herumwateten, fast vor Hunger starben und am Morgen des Angriffs völlig weggetreten waren.“ (Foucault, Von der Freundschaft als Lebensweise, in: Von der Freundschaft. Michel Foucault im Gespräch, Merve o.J. S. 85-93)

Siehe auch: “zwar schwul – aber ein guter Freisinniger! PDF  (Linke und Schwule 1973), “zwar schwul – aber ein guter SVP-ler” (Schwule bei den Rechten 2010)

Verbreitete Analsucht unter Männern

Dienstag, 29. März 2011

Der Text ist jetzt hier auf   swissgay.info zu finden!

mit dem “Pädophilie”-Vorwurf gegen Schwule politisieren!

Dienstag, 22. März 2011

Es geschieht in immer kürzeren Abständen, dass „Missbrauchsvorwürfe“ gegenüber Männern in den Medien erhoben werden. Seltsamerweise nicht gegen Frauen. Die Taktik hat also eine klare sexistische Strategie. Weder wird die katholische Kirche einstürzen, noch können wir je „alle bösen Männer“ – „für immer wegschliessen“ deswegen, wie dies vor allem Frauen wollen. Dass auch Frauen sehr wohl an Übergriffen und Verbrechen an Kindern respektabel beteiligt sind, wird politisch korrekt verschwiegen oder heruntergespielt.

Das belegt eine südafrikanische Studie (siehe irreführende Berichterstattung in „20min“!), deren Resultate vor allem in deutschsprachigen Medien „politisch korrekt“ verstümmelt wurden! (Hier der Originaltext im „International Journal of Equity in Health“ und die korrekte Berichterstattung in der Montreal Gazette) (Siehe auch den Buchhinweis am Schluss!)

Doch die „Pädophilen-Verfolgung“ hat auch eine historische und eine internationale Dimension. Nicht nur die „Pädophilen-Ringe“, wovon einer gerade kürzlich aufgeflogen sein soll. (Von den letztlich übrig gebliebenen tatsächlichen Straftätern, liest frau selten etwas!) Oder die internationale Verbreitung von „Kinderpornografie“, die nach neusten Bestrebungen bis zum dargestellten oder vermuteten 18. Lebensjahr erhöht werden soll. Es fällt auch auf, dass sich die „öffentliche“ Verfolgung von Übergriffen und Verbrechen an Kindern fast nur im sexuellen Bereich abspielt. Alle anderen Übergriffe (Körperliche Gewalt, sexuell motivierte Gewalt/Bestrafungen gegen homosexuelle Kinder, Kinderarbeit, Kindersoldaten) sind wohl schicksalshaft hinzunehmen. Aber damit sind wohl die grössten Emotionen der Abscheu und damit auch die Politik ganz allgemein zu mobilisieren. (Siehe „Marche Blanche“!) Etwa ähnlich wie es die SVP mit „den Ausländern“ treibt.

Dass die „Pädophilen-Diskussion“ immer auch eine Diskussion gegen die Öffentlichkeit der Homosexualität war und ist, sollte längst allen Schwulen klar geworden sein. Leider sind deren Exponenten und auch viele Homosexuelle selbst zu feige, sich dieser Auseinandersetzung zu stellen. Und daher ist es auch noch viel zu früh, über ein „Adoptionsrecht“ für gleichgeschlechtliche Paare öffentlich zu diskutieren. Dass dies vielen Betroffenen nicht passt – ja dass viele Betroffene ohne dieses Recht grosse Probleme haben, ist mir durchaus bewusst.

Aber die „Pädophilen-Frage“ wurde aus Rücksicht auf die heterosexuelle Öffentlichkeit nie geführt und das stellt sich jetzt als Stolperstein einer bewussten und konsequenten Gleichstellungspolitik für die Zukunft heraus. Und andersherum argumentiert: Die noch verfrühte Adoptionsdiskussion zieht – wegen ihrer Emotionalität – viele Frauen und Heteros dermassen in den Stress, dass sie lieber „hintenherum“ taktieren, als sich den Schwulen in der Diskussion zu stellen. Ich glaube, beide Seiten sind ziemlich feige in diesem Thema. Wobei die Homosexuellen wohl die Verletzlicheren sind – wie immer und vor allem gegenüber den Frauen.

An diesem Punkt sollten auch die Lesben politisch ins Visier genommen werden. Ein grosser Teil der bürgerlichen Lesben wollte genau aus obigen Gründen seit Jahren keine engeren Kontakte mit der Schwulenbewegung oder mit Homosexuellen, weil sie sich ihrerseits aus der öffentlichen Schusslinie von Verdächtigungen nehmen möchten. Und andererseits wollten sie nie mit den verdächtigten Schwulen paktieren – frau kann ja nie wissen…

Doch werden allgemein die lesbische Sexualität und der Umgang von Lesben oder lesbischen Müttern mit (ihren) Kindern als viel harmloser eingeschätzt, als derjenige der Männer. Das hat nichts mit einer doppelten Diskriminierung, aber sehr viel mit der doppelten Dämonisierung von Männern und Schwulen zu tun. Dies ist historisch belegbar. Und dies ist auch klar als sexistisch zu bezeichnen! Ich habe jedenfalls gelernt, dass Lesben auch nicht erst ab dem 16. Lebensjahr, ohne einschlägige Erfahrungen, oder als erwachsene Frauen vom Himmel fallen.

Dass die „Pädophilie-Vorwürfe“ vor allem aus der rechten SPV-Ecke kommen sollte uns nicht verwundern. Vor allem nicht, wenn ihre historische und internationale Dimension zum Vorschein kommt. Denn schon in den 70er Jahren missionierte die Orangensaft-Werberin Anita Bryant mit religiösen Hintergrund: „Töte einen Schwulen für Jesus“! Wohlverstanden, Orangensaft, den die Schwulen vor allem geniesserisch in ihren Bars schlürften…

In Uganda läuft eine ganz hässliche „heterophile Schmierenkomödie“. Motiviert durch religiöse Fundis und unterstützt mit Geld aus Amerika, bringen Religiöse und religiös motivierte Politiker ein Gesetz ins Parlament, das die Todesstrafe für homosexuelle Handlungen vorsieht. Das „schlagendste“ Argument dabei ist: „Schützet unsere Kinder” (Save our children!) In dieser Diskussion darf auch nicht die Iranische Politik übersehen werden, die sogar wiederum Jugendlichen unterschiebt, sie hätten Andere sexuell missbraucht. (Und dahin schickt noch unser Bundesverwaltungsgericht einen wegen Drogenhandels verurteilten Iraner in die Ausschaffung!)

In der ganzen Pädophilen-Diskussion kommt auch immer wieder ein Grundton in meinem „Gayradar“ zum brummen, der vermuten lässt, dass für viele – vor allem Frauen – Homosexualität (nämlich der Analverkehr darin) an sich schon ein gravierender sexueller Missbrauch bedeutet. Das kommt aus ganz tiefen vorgeschichtlichen Bildern wie zB in der Bibel, in welcher die anale Penetration für den Passiven eine Entmännlichung bedeutet, die nie wieder gutzumachen ist.

Ich fordere, dass der Sexismus in der Sexualdebatte endlich aufhören muss! Also die Täterinnen mit ihren Methoden neu in die Diskussion bringen. Die Debatte über Pädophilie (was auch immer jemand/jefrau darunter verstehen mag!) muss von der Debatte über strafbare Handlungen gemäss Gesetz getrennt werden. Dann muss auch klar werden, dass Frauen als Täterinnen nicht nur gleich bestraft, sondern auch als „gleich gefährlich“ eingestuft werden müssen! (Hetero-Leserbrief-Zitat: „Ich habe schon als kleiner Knabe davon geträumt, von einer erwachsenen Frau mal so richtig verführt zu werden.“)

Abschliessend möchte ich noch auf folgendes hinweisen: Die Expertenkommission für die Revision des schweizerischen Strafgesetzes im Sexualbereich forderte ein Alter von 14 Jahren für sexuelle Selbstbestimmung (eigentlich „Schutzalter“). Der Bundesrat als Regierung, legte sich damals auf 15 Jahre fest. Das Parlament schliesslich befand 16 Jahre. Weder die Experten, noch die damaligen Bundesräte waren meines Wissens pädophil. Als einzige Politikerin erwähnte damals Elisabeth Kopp die „sexuelle Selbstbestimmung“ statt das bis heute bemühte „Schutzalter“!

Das Sahnehäubchen auf diesem Thema: Von 1942-1992 war im StGB der Schweiz die Erlaubnis zu homosexuellen Handlungen erst ab 20 Jahren gewährt. Wir waren also damals fast alle „pädophil“. Allerdings sind fast nur Männer in den Verurteilten-Statistiken (die ich mir mal in den 80ern besorgt habe) aufgetaucht. Frauen waren entweder “harmloser”, oder nicht so wichtig…

Peter Thommen, Schwulenaktivist, 61, Basel

Lies auch mein persönliches Erlebnis in der Schwulenszene

 

Emil Grabherr, Präsident SVP Luzern Land im Kurier der SVP-LU: “Bei der Gruppe der Schwulen gibt es drei verschiedene Arten. Dazu gehören nebst den in ordentlicher Partnerschaft lebende auch die männlichen Huren und die unter keinem Titel akzeptierbaren Bubenschänder.”

Anlass für diese Äusserungen:  Sexualerziehung im Kindergarten (PDF)

Auf Intervention der gaynossinnen nahm Grabherr wie folgt Stellung (PDF)

Daniel Frey:  Rechtsradikale Rhetorik der SVP

Daniel Frey:  “Bubenschänder…”

Bericht im Tagesanzeiger vom 25. März 2011

Elmar Kraushaar in der taz vom 18.01.2011 in anderm Zusammenhang: “Um einen Schwulen ins falsche Licht zu setzen, reicht das Stichwort “Pädosexualität” allemal aus, auch wenn das eine mit dem anderen überhaupt nichts zu tun hat. Irgendwas wird schon hängen bleiben!”

Vor vielen Jahren wurde schon das schwule Reisebüro “Partner Travel” wegen “Pädophilie”-Anschuldigungen unmöglich gemacht. Selbst der Spartacus-Guide kam ins Visier deswegen. Hinterher war alles erstunken und erlogen…

Aktuelles Beispiel:  Pädophilie-Vorwürfe in Irland, 2011

Nachtrag

“Auch heterosexuelle Menschen leiden unter homophober Diskriminierung; sie sind im Vergleich zu homo- und bisexuellen Menschen sogar in der Mehrzahl, wie aus den Risikoverhaltensstudien an Jugendlichen bekannt ist (Reis & Saewyc, 1999). Jugendliche, die sich als heterosexuell bezeichneten, die aber von anderen homophob diskriminiert wurden, hatten gleich hohe Suizidversuchsraten wie homo- und bisexuelle Jugendliche.

Darüber hinaus sind die Konsequenzen einer homophoben Gesellschaft für die individuelle Entwicklung – unabhängig von der sexuellen Orientierung – möglicherweise fatal, wenn Intimität zwischen gleichgeschlechtlichen Menschen ausgeklammert werden muss.”

(in Plöderl: Sexuelle Orientierung, Suizidalität und psychische Gesundheit, S. 260, Beltz 2006)

Buchhinweis zum Thema „sexueller Missbrauch“: Homes, Alexander Markus: Von der Mutter missbraucht. Frauen und die sexuelle Lust am Kind. 460 S. Pabst Verlag 2005

Homes, Alexander Markus: Prügel vom lieben Gott, 141 S. Alibri erw.NA 2012